Die 101-jährige Gertrud Haase wird im Pflegeheim Agaplesion Bethanien Sophienhaus von Impfarzt Fatmir Dalladaku gegen das Coronavirus geimpft (Quelle: DPA/Kay Nietfeld)
Bild: DPA/Kay Nietfeld

Reihenfolge bei Corona-Impfung - Warum es sinnvoll ist, 101-Jährige zuerst zu impfen

Die Corona-Impfungen starten mit einer unangenehmen Nebenwirkung: Impfneid. Manche kritisieren die Priorisierung, weil sie schneller dran kommen wollen. Doch es gibt gute Gründe für die Reihenfolge – medizinische wie nicht-medizinische. Von Haluka Maier-Borst

Das Jahr 2020 hat uns viel Neues in den Wortschatz gespült. Social Distancing, Lockdown, AHA-Regeln und jetzt: den Impfneid. Der Umstand, dass manche Menschen gerne bei der Impfung früher dran wären und infrage stellen, wieso zum Beispiel in Berlin eine 101-Jährige als erstes geimpft wurde.

Tatsächlich ist die Impfstrategie eine komplexe Frage. Denn je nachdem, ob man die Zahl der Covid-19-bedingten Todesfälle, Klinikeinweisungen oder die Zahl der Corona-Infektionen senken will, müsste die Priorisierungsstrategie anders aussehen [medrxiv.org]. Darum hat die Ständige Impfkommission (Stiko) auf mehr als 50 Seiten ihre Überlegungen dargelegt [rki.de]. Aber es gibt gute Gründe für das Vorgehen in Deutschland, das sich grob so zusammenfassen lässt:

- erst nach Alter,

- dann nach hohem Jobrisiko und Vorerkrankungen,

- und dann alle anderen.

Alter ist der größte Risikofaktor – noch deutlich vor Vorerkrankungen

Das Risiko für einen schweren oder tödlichen Covid-19-Verlauf steigt geradezu exponentiell mit dem Alter. Das haben mehrere Studien wie zum Beispiel vom Imperial College in London [imperial.ac.uk] oder auch von Forscher/innen unter anderem aus Sydney [medrxiv.org] ergeben.

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Entsprechend hat es Sinn, die Altersgruppe Ü80 und die, die sie versorgen und sie also anstecken könnten, zu impfen.

Die Stiko hat zudem in einer groß angelegten Studienrecherche festgestellt, dass bei den meisten Erkrankungen das Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Krankheitsverlauf nur leicht erhöht ist.

Angegeben wurde dieses Risiko mit der Zahl des sogenannten Effektschätzers. Ein Effektschätzer von 1,3 bei Vorhofflimmern am Herzen bedeutet demnach, dass eine Person mit dieser Vorerkrankung ein um 30 Prozent erhöhtes Risiko hat, an Covid-19 zu versterben als eine Person im etwa gleichen Alter und mit demselbem Geschlecht ohne diese Vorerkrankung.

Diese 30 Prozent klingen erst einmal nach viel. Da aber glücklicherweise das Ausgangsrisiko für jüngere Menschen, an Covid-19 zu versterben, gering ist, ist auch für die meisten Menschen mit Vorerkankungen das effektive Risiko gering.

Die einzigen Ausnahmen: Menschen mit Trisomie 21 und Menschen, die eine Organtransplantation hinter sich haben. Darum hat es Sinn, dass Transplationspatienten und Menschen mit Trisomie 21, aber auch die Menschen, die sie behandeln, in der Prioritätsgruppe 2 eingestuft sind.

Indem man die Alten zuerst impft, rettet man auch die meisten Lebensjahre

Das klingt zunächst einmal eher unlogisch. Wieso sollte eine Impfstrategie, die zuerst die Ältesten mit einer Impfung versorgt, auch die meisten verbliebenen Lebensjahre retten? Hier kommt aber auch wieder die Überlegung ins Spiel, dass Corona für ältere Menschen viel häufiger tödlich ist als für jüngere.

Sprich: Natürlich hat eine 80-Jährige in der Regel weniger Jahre vor sich als eine 70-Jährige. Aber die Gefahr, dass sie ohne Impfung an Covid-19 sterben würde, ist eben ungleich höher. Rechnet man entsprechend über die ganze Bevölkerung, führt das dazu, dass laut Stiko-Berechnungen die aktuelle Strategie auch die höchste Zahl an Lebensjahren rettet.

Wieso das Abwägen von Impfstrategien basierend auf Lebensjahren aber schwierig ist

Es stellt sich aber sowieso die Frage, wie "gerecht" und "sinnvoll" die Metrik der verbleibenden Lebensjahre ist. Denn natürlich ist das bereits erreichte Alter nur ein Indikator dafür, wie viele Jahre jemand noch zu leben hat. Überspitzt gesagt: Hat ein 70-jähriger Kettenraucher mit Übergewicht wirklich mehr Jahre vor sich als eine 90-jährige, gesunde Pflegeheimbewohnerin?

Schnell ist man bei gleich mehreren organisatorischen und ethischen Problemen. Zum einen müsste dann entschieden werden, was in die Prognose einfließen darf und was nicht. Zum anderen könnte sich schnell die Frage stellen, ob man Vorerkrankungen unterschiedlich gewichtet. Führt das durch ungesunden Lebenswandel verursachte Übergewicht dazu, dass man in der Impfreihenfolge nach hinten rutscht? Heißt der vererbte Diabetes, dass man früher dran kommt?

Es ist also nachvollziehbar, dass die Stiko als erstes Impfziel die "Verhinderung schwerer Covid-19-Verläufe (Hospitalisierung) und Todesfälle" generell ausgibt und eben nicht je nach Alter dieses Ziel unterschiedlich wichtig einstuft. Jedes Leben zählt gleich viel. Das klingt simpel und vielleicht zunächst zu simpel. Aber es ist wohl die fairste Entscheidung.

Auch an die Ärzt/innen und Pfleger/innen ist gedacht

Wenngleich bei den ersten Bildern vom Impfstart vor allem ältere Heimbewohner/innen abgelichtet wurden, natürlich ist auch an diejenigen gedacht, die sie behandeln.

Der aktuelle Impfplan räumt Personal in medizinischen Einrichtungen generell eine hohe Priorität ein. Zum einen weil diese Menschen ein ungleich höheres Risiko haben, sich mit Corona anzustecken. Zum anderen weil es die Hoffnung gibt, dass die Impfstoffe nicht nur Erkrankungen vermeiden, sondern zumindest teilweise, dass ein/e Geimpfte/r andere ansteckt.

Für den aktuell verteilten Impfstoff von Biontech/Pfizer reicht für die letzere Annahme allerdings die Datenlage nicht, so dass die Stiko erstmal weiterhin die Entwicklung beobachtet. Für den aber schon im Zulassungsprozess befindlichen Impfstoff von Astrazeneca gibt es erste Daten, die darauf hindeuten, dass die Impfung die Weitergabe von Viren verhindert [thelancet.com]

Womöglich haben wir bald mehr Impfstoffe

Mit Moderna soll ein weiterer mRNA-Impfstoff-Hersteller im neuen Jahr seine Zulassung bekommen, wenn alles nach Plan läuft. Hinzu kommen außerdem die beiden Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson, die zumindest im Zulassungsverfahren der europäischen Arzneimittel-Agentur schon weit vorangeschritten sind und einfacher in der Lagerung sind. Von beiden Vektorimpfstoffen hat die EU deutlich mehr bestellt.

Sollten also diese beiden Impfstoffe auch noch zugelassen werden, gäbe es wohl genügend Impfstoff für alle. Und damit hoffentlich keinen Grund mehr für Impfneid.

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91 Kommentare

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  1. 91.

    Das haben wir ihm schon mehrfach erklärt, bei jedem Artikel kommt er wieder mit den "jungen gesunden Flüchtlingen"... Wird aber nicht wahrer durch ständige Wiederholungen ;-)

  2. 90.

    Jepp, damals war Herr Misfelder der Böse, der den Rentnern Ersatzteile absprach. Nicht wissend, dass er selber nicht mal 50 würde... So wird es wohl auch denen gehen, die den Senioren oder gesundheitlich vorbelasteten die Impfung nicht gönnen: Karma is a bitch...

  3. 89.

    Das Flüchtlinge prioritär geimpft werden können Sie nicht erkennen, weil es nicht so ist. Allerdings lässt sich entnehmen, dass Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind in Gruppe 2 sind (Obdachlose, Asylbewerber). Macht auch Sinn, denn wenn man sich mit vielen fremden Menschen Räume teilen muss, ist social distancing nur bedingt möglich und das Infektionsrisiko entsprechend hoch.

  4. 88.

    Jedes EU-Land bestimmt selbst, wer zuerst geimpft wird. Während Deutschland, Spanien und Frankreich ihre Priorität auf alte Menschen und Pflegeheimbewohner legen, werden Italien und Polen zuerst Ärztinnen, Ärzte und anderes Krankenhauspersonal impfen.

  5. 86.

    dass in einen Abstand von 3 Wochen eine zweite Impfung nötig.

    Spahn: Impfangebot
    Impfstoff: Diese Kandidaten gegen SARS-CoV-2 gibt es
    mRNA-Impfstoffe
    BNT162b2: BioNTech & Pfizer, Deutschland und USA
    mRNA-1273: Moderna, USA (Genauer Zulassungszeitpunkt noch unklar)
    CVnCoV: CureVac, Deutschland

  6. 85.

    Warum man die älteren Menschen zuerst impft? Das hat etwas mit Respekt vor dem Alter zu tun und weil sie ziemlich weit oben auf der Gefährdungsliste stehen. Es gab vor Jahren schon mal eine Diskussion, warum man denn 70-Jährigen Menschen noch ein künstliches Hüftgelenk einsetzen soll. Das war schon einmal so ein geschmacklosen Ansatz über die Wertigkeit von Menschen nachzudenken. Merke: Uns gibt es nur, weil die Alten da sind! Allen einen Guten Rutsch ins neue Jahr.

  7. 84.

    Sehr richtig. Aber ich habe auch Verständnis für die, die noch vorhandene Skepsis über z.B. Nebenwirkungen des Impfstoffs haben. Zudem habe ich gelesen, das in einen Abstand von 6 Wochen eine zweite Impfung nötig ist. Hier lese ich nichts davon. Erst dann soll die Impfung richtig abgeschlossen sein.

  8. 83.

    "von dem hier hergestelltem Impfstoff" "Die EU zahlt für eine Impfdosis etwa 18 US-Dollar. Israel zahlt laut Medienberichten 30 US-Dollar. Für Pfizer hat das eine große Bedeutung, dass ein Land mehr zahlt, um mehr zu bekommen."

    Corona-Impfungen: Vorbild Israel?
    https://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio-100071.html

  9. 82.

    Nicht so viel philosophieren, sondern abwarten, bis man an der Reihe ist, hingehen und sich impfen lassen.

  10. 81.

    Hallo Jennifer,
    Sie könnten auch nachlesen in der Begründung der Stiko (Wir können nicht die gesamten 50 Seiten hier abbilden).Dort steht zu Asylbewerberunterkünften: "Die durchschnittliche Anzahl an Fällen bei Ausbrüchen in solchen Unterkünften beträgt nach einer Auswertung des RKI zu COVID-19-Ausbrüchen in Deutschland 20,8 Fälle." und zu Obdachlosenunterkünften: "Aus den USA gibt es zahlreiche Berichte über Ausbrüche in diesen Unterkünften, bei denen sowohl BewohnerInnen als auch Personal mit teilweise sehr hohen Erkrankungsraten (bis 36 %) betroffen waren. All dies macht obdachlose Menschen zu einer für eine COVID-19- Infektion vulnerablen Population, für die Screening, Quarantäne, Isolierung und Behandlung eine Herausforderung darstellen."

    Insofern ist das auch in Ihrem und meinem Interesse, dass diese Menschen früh versorgt werden, weil sie potenziell superspreaden. Das man natürlich die Leute am besten von vornherein besser unterbringt, da wäre ich auch Ihrer Meinung.

  11. 80.

    Das stimmt so nicht:

    "Mitarbeiter/innen in nicht-medizinischen Einrichtungen in Obdachlosenunterkünften und Asylbewerberunterkünften" gelten ebenfalls als Teil der Prioirtätengruppe 2.

  12. 79.

    Impfungen gegen Coron in Brandenburg? Finden die wirklich statt?
    Per 29.12.2020 / 08:00 in Brandenburg 4 Geimpfte pro 100.000 Einwohner = absolut 107 Impfungen.
    Die Deutschlandkarte der Geimpften spricht Bände und ist eine Schande für Brandenburg! Rainald Grebe läßt grüßen.... mit seinem Brandenburg-Song.

  13. 78.

    Auf einmal soviel Presse in Seniorenheimen nur wegen einer Impfung... mal so am Rande. Da wollten wohl schon welche Hundert Jahre im vorraus geschützt werden und bekamen eine Überdosis Impfung. Nicht lustig, weil woanders fehlt, aber wiederum typisch... Übrigends, ich freu mich schon auf den Piekser!

  14. 77.

    Sorry, muss mich korrigieren, es waren 8 Pflegemitarbeiter, diese kamen ins Krankenhaus, hatten aber außer grippeähnlichen Symtomen keine Beschwerden.

  15. 76.

    So so, 101 Jahre alt? Da war Sie 96 Jahre alt. Na ja, 101 macht sich besser als Schlagzeile, als 99... Dann werfen wir doch mal einen Blick in den Tagesspiegel vom 9.8.2017. https://www.tagesspiegel.de/berlin/aerztin-im-pflegeheim-die-telemedizinerin/20153282.html - Das scheint in diesem Fall wohl eher die Quoten Omi zu sein... Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

  16. 75.

    Für mich steht es außer Frage, dass die Ältesten und die mit Vorerkrankungen geimpft werden, da gibt es überhaupt keine Diskussion.

    Jedoch: warum werden Menschen in den systemrelevanten Berufen, also die, die den Laden hier zusammenhalten und finanzieren, erst nach den Obdachlosen/Flüchtlingen geimpft?

    Das Argument „sie leben auf engstem Raum“ kann ich aus ethischen Gründen nicht gelten lassen, zumal etliche Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

    In meinen Augen wird hier nicht nach gesundheitlichem Risiko beurteilt, wie es zum Beispiel bei geistig und körperlich behinderten (korrekterweise!) getan wird.

    Wo finde ich zu der Frage eine Begründung?

    Dass man sich Gedanken gemacht hat und ein 50-seitiges Pamphlet erstellt hat, um die Begründungen darzulegen, ist ebenso kein Grund für mich, diese Regelung nicht zu hinterfragen - mal abgesehen davon, dass es deren Job ist!

    Und wenn in den Medien publikumswirksam die über 100-jährigen als Erstgeimpfte dargestellt werden, während die Politiker sich darin überbieten, in welchem Bundesland zuerst geimpft wurde, frage ich mich, ob der hier beschriebene „Impfneid“ nicht mal wieder von unserer Vorzeigeregierung einfach nur gepusht wird... erbärmlich sowas. Aber das gilt für unsere Regierung für 2020 sowieso.

  17. 74.

    Da haben Sie wohl nicht richtig hingeschaut, Asylbewerber, die in Sammelunterkünften leben sind Kategorie 2, noch vor Lehrern und Erziehern, das gilt nicht nur für die Menschen, die dort arbeiten.

  18. 73.

    Heute im Deutschlandfunk gehört :das kleine Israel will in einer Woche mit dem Impfen durch sein, die haben mehr Dosen bestellt und geliefert bekommen, als das gr0ße D. (von dem hier hergestelltem Impfstoff)
    Mir platzt früh am Morgen der Kragen, wenn ich unsere Verantwortlichen sehe und ihr Gewäsch höre !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  19. 72.

    ...oder noch in den letzten Kriegstagen kräftig mitgeholfen, es erst mal in Schutt und Asche zu legen...

    Nix für ungut, dürfen trotzdem gerne zuerst geimpft werden - kann nur diese Sprüche von den Trümmertralala nicht mehr hören.

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