Symbolbild: David Lolli, Medizinstudent, sitzt während einem Probelauf in einer Impfstation des Zentralen Impfzentrum an der Freiburger Messe und lässt sich von einem weiteren Studenten simuliert impfen. (Quelle: dpa/Philipp von Ditfurth)
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Corona-Impfung - So berechnen Berliner Forscher, wer zuerst drankommt

Am Anfang wird es nicht genug Impfstoff für alle geben. Wer zuerst die - womöglich lebensrettende - Impfung bekommen sollte, modellieren Berliner Wissenschaftler am Robert-Koch-Institut. Die Methode haben sie sich von Archäologen abgeguckt. Von Dominik Wurnig

"Frauen und Kinder zuerst" - mit dieser archaischen Formel wurde auf der sinkenden Titanic entschieden, wer in ein Rettungsboot darf. Auch jetzt in der Corona-Pandemie braucht es klare und ethische Regeln, wer zuerst gerettet werden soll.

Heute geht es statt um Rettungsboote um die womöglich rettende Impfung. Anfangs wird es nicht genug Impfdosen für alle geben, Forscher des Robert-Koch-Instituts (RKI) berechnen deshalb seit August, welche Impfstrategie die beste Auswirkung hat.

"Die Frage, wer zuerst geimpft werden soll, ist nicht berechenbar, sondern wird immer eine ethische beziehungsweise politische Entscheidung bleiben", sagt Stefan Scholz vom Fachgebiet Impfprävention im Robert-Koch-Insitut, "aber man kann berechnen, welche Konsequenzen mit der jeweiligen Entscheidung für die Krankheitslast (beispielsweise die Todesfälle), die Ausbreitung der Infektion oder die Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens beziehungsweise der öffentlichen Sicherheit entstehen." Der Modellierer forscht seit Jahren statistisch im Bereich Public Health, nun beschäftigt er sich eben statt mit Syphilis und Influenza mit dem Impfmodell gegen Sars-CoV-2.

Impfkommission macht Empfehlung für Landesregierungen

Wichtige Dimensionen für die Corona-Impfstrategie sind: Welchen Personengruppen droht ein schlechter Krankheitsverlauf, wer steckt potentiell andere an, wer hat ein hohes Risiko einer Infektion und wo wäre es kritisch, wenn Menschen krankheitsbedingt ausfallen würden.

Obwohl Männer öfters einen schwerwiegenden Verlauf haben, bleibt das Geschlecht unberücksichtigt in der Empfehlung, denn das würde dem grundrechtlichen Gleichheitsgrundsatz widersprechen.

Am Montag wurde der Entwurf [das "Ärzteblatt" hat die genauesten Informationen] einer Empfehlung der Ständigen Impf­kommissi­on (Stiko) bekannt, zu dem nun ein dreitägiges Stellungnahme-Verfahren läuft. Die Stiko [rki.de] ist ein unabhängiges Expertengremium, das vom Robert-Koch-Institut koordiniert und unterstützt wird.

Im nächsten Schritt wird diese Kommission eine Empfehlung aussprechen, letztlich entscheiden aber die Landesregierungen, ob und wie weit sie der Empfehlung folgen. So könnte es beispielsweise logistisch sinnvoller sein, ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus komplett durchzuimpfen statt bei jeder Person zu prüfen, welche Priorität diese hat. Die Impfung wird freiwillig sein. Eine Impfpflicht haben Bund und Länder ausgeschlossen.

Alte und Pflegekräfte haben Priorität

Neben Männern sind Alte stärker von Corona betroffen. Die Evakuierungsregel der Titanic wäre also als Impfstrategie nicht nur ethisch absurd, sondern würde auch im Modell von Scholz durchfallen.

"Wir versuchen in Was-wäre-wenn-Szenarien die Konsequenzen verschiedener Impfstrategien abzuschätzen", sagt Scholz. "Dabei versucht man für verschiedene Variablen die optimale Impfstrategie zu finden. Dazu gehören die Anzahl der Infektionen, die Anzahl der Krankenhausaufenthalte, die Anzahl der Todesfälle und die Anzahl der Lebensjahre, die durch eine Impfung gerettet werden."

Die richtige Mischung für diese Impfziele zu finden ist nicht einfach. So könnte man wohl die Todesfälle am effizientesten reduzieren, wenn alte Menschen besondere Priorität haben. Die Zahl der Infektionen könnte aber womöglich am besten reduziert werden, indem man besonders aktiven Menschen impft - vorausgesetzt die Impfung verhindert auch die Übertragung, was noch nicht ganz sicher ist.

Eine solche Gruppe wären beispielsweise Kita-Kinder oder Schüler, die sehr viele Kontakte haben. Allerdings haben Kinder nur in Ausnahmefällen einen schweren Verlauf. Die Stiko hat empfohlen, dass Pflegekräfte bei der Impfung Priorität haben sollen: Einerseits sind sie selbst gefährdet und andererseits könnten sie im schlimmsten Fall die Infektion von Risikopatient zu Risikopatient weiter übertragen.

Modellierer arbeiten wie Archäologen

Seit August arbeitet Scholz mit zwei Kollegen an dem perfekten Impfmodell. Dabei versuchen sie ein genaues Modell der Realität nachzubauen, das möglichst gut die gemeldeten Fälle, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle reproduziert. Entscheidend dafür ist die Qualität der Daten. Im Rechenmodell verbinden sie Daten zur Altersstruktur, Vorerkrankungen, dem Arbeitsmarkt, Sozialhilfe, Strafvollzug, Wohnungslosigkeit und Umfragen zu Kontakten, um überhaupt beziffern zu können, wie groß die einzelnen in Frage kommenden Gruppen sind.

Wenn Daten fehlen oder Variablen unbekannt sind - etwa zur Krankheitsdauer, der Anzahl der Kontakte oder auch zur Zulassung des Impfstoffes -, tasten sie sich vorwärts, ähnlich wie in der Archäologie. "Da findet man hier mal einen Dinosaurierschädel, da mal einen Fussknochen und aus diesen Einzelteilen versucht man dann einen ganzen Dinosaurier zusammenzusetzen. In der Modellierung von Infektionskrankheiten sehen wir auch nur einzelne Ausschnitte des gesamten Infektionsgeschehens", sagt Scholz.

"Wir versuchen dann alle diese Informationen in einem Modell zusammenzutragen und ein möglichst stimmiges Gesamtbild zu erhalten. Wenn einzelne Informationen fehlen, kann man meist aus anderen Daten abschätzen, in welchem Bereich die Werte der fehlenden Variablen liegen müssen."

Die Zulassung eines Corona-Impfstoffs in der EU wird in den nächsten Woche erwartet, dann soll es auch mit den Impfungen in Brandenburg und Berlin losgehen.

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Beitrag von Dominik Wurnig

52 Kommentare

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  1. 52.

    "Impfpflicht durch die Hintertür"
    Das sehe ich ganz genauso. Es wurden ja schon ganz konkrete Überlegungen (Nutzung der biometrische Datenerfassung z.B. an Flughäfen). Die Freiwilligkeit wird sich früher oder später im Selbstlauf erledigen.

  2. 51.

    Selbstverständlich müssen alle Menschen zuerst geimpft werden, die die meisten Kontakte zu sensiblen Personen haben und das Virus dort verbreiten könnten. Also sämtliches Pflegepersonal, Medizinisches Personal, Mitarbeiter in Sozialämtern, Polizisten...Dann Lehrer und Erzieher, Ordnungsamtmitarbeiter, Verkäufer, Angehörige von Risikogruppen...erst wenn diese Gruppen versorgt sind sollten die Risikopatienten selbst dran kommen, da sie an der Verbreitung des Virus den geringsten Anteil von allen haben.

  3. 50.

    @Wolfram Schulz, lt. Gesundheitsministerium ist keine Auswertung/Nachverfolgung von ggf. auftretenden Nebenwirkungen angedacht. Dazu hatten gestern eine Reihe von Epidemiologen eineStellungnahme verfasst. Sie möchten ein unabhängige Datenbasis zur quantitativen Untersuchung der Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung schaffen.

    @Herbert, es mehren sich jedoch schon die Stimmen, die Vorteile für Geimpfte heraufbeschwören. Wenn es dadurch zu einer "Impfpflicht durch die Hintertür" kommt, ist es mit der stetig bekundeten Freiwilligkeit vorbei. Siehe Quantas - ich bin mir sicher, da wird noch einiges kommen, auch im IfSG ist eine mögliche Impfpflicht für bestimmte Gruppen verankert.

  4. 49.

    Ist es nicht egal wer die Laborratten sind?
    Wichtiger ist eine genaue Nachverfolgung und Auswertung der Impfergenisse. Nicht nur Statistiken zaubern.

  5. 48.

    Ich sage mal Guten Morgen. Freue mich zu sehen, dass es ihnen (dir?) offensichtlich gut geht und die Gesundheit stimmt.
    Die Meinung "Kein Arzt wird ihnen sicher sagen, ob da nicht vll. doch ...." teile ich ebenfalls.
    Letztendlich ist diese Impfung vermutlich nicht grundlos freiwillig. Jeder sollte für sich eine individuelle Risikobeweertung durchführen und abschätzen was passieren könnte wenn. Wer weis, dass er als Risikopatient einen schweren Verlauf haben könnte, mit evtl. letalem Ausgang, wird seine Antwort sehr schnell finden, glaube ich.
    Alles Gute und immer schön aufpassen. Nur die mit einem grünen Punkt auf der Stirn sind 100pro frei von Viren. bei allen anderen besteht ein Restrisiko :)

  6. 47.

    "- Und wenn er sie empfiehlt, hat er dannn sicher sagen können, dass man nichts zu befürchten habe?"

    ... und wenn sie sich Kopfschmerztabletten aus der Apotheke holen ... da ist so ein "Waschzettel" bei .... zu Risiken und Nebenwirkungen essen sie die Packungsbeilage oder schlagen sie ihren Hausarzt oder Apotheker - oder so.

    Kein Arzt wird ihnen sicher sagen, ob da nicht vll. doch ...

  7. 46.

    Habe es jetzt auch gefunden. Danke und sorry. Dachte vorhin, dass es die übliche Vera,, e ist wie @Oh in 37.
    Alles Gute.

  8. 45.

    Danke für den Hinweis. Habe es jetzt in der "Pharmazeutischen Zeitung" auch gefunden.

  9. 44.

    Vielen Dank für die Info. Genau das waren meine Gedanken.

    Wie riskobehaftet ist dann das Durchschleusen von Menschen mit 80+ durch die Zentren oder bei Betreuung durch Impfteams?



  10. 41.

    Kein Autoverkäufer gibt ihnen schriftlich nie einen Unfall zu haben, keine Reparatur in den nächsten 10 Jahren, ja es gibt auch Montagautos. JA es gehört jetzt eine Portion Vertrauen dazu, wie bei einer großen OP, da wird der Chefarzt auch nicht unterschreiben, dass man sicher geheilt den OP-Tiach verläßt.

    Welche Alternative besteht denn zum Impfen. Lockdown for ever.
    100-400 Tote tgl. in Deutschland über Monate, sollen doch die Alten wegsterben, gut für die Renten- und Krankenkassen, kosten eh zuviel. Nein - dieser Darwinismus ist nicht der meinige.
    Aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Meine Arztpraxis ist kein Coronaopfer, um nur 20% Unsatzrückgang würden mich viele Brachen beneiden.

  11. 40.

    Liebe Mitleser und Mitleserinnen,
    KEIN IMpfarzt kann eine unfassende, wissenschaftlich korrekte, juristische sicher ausreichende Aufklärung über mögliche seltene Nebenwirkungen oder Interaktionen der Impfung bei Begleiterkrankungen vornehmen.
    Nochmal: Der Biontec-Impfstoff wurde 20000 an Impflinge in der Wirkform, an 20000 in der Plazeboform verimpft. Das ist eine kleine Zahl, wenn jetzt Millionen geimpft werden wollen/sollen/können.
    Es ist einfach unmöglich verschiedenste individuelle Faktoren eines Menschen mit der Interaktion mit dem neuen Impfstoff zu korrelieren.
    Und kein Impfarzt kann garantieren, der der Impfstoff nur beim Patienten XY sicher wirkt. Der Wirkstoff hatte ja auch ind er Studie nur 95% Wirkungsgrad. (WAs super ist, gei Grippe schwankt der saisonal von 20-60%).

  12. 39.

    - Ich habe nicht gesagt, dass ich mich impfen lassen muss.
    - Mich zu fragen, was ich "hier eiegentlich will", nehme ich mal als interessierte neutrale Frage.
    - Ich meine nicht, dass ich hier einen Mediziner bekomme. Ich wollte nur fragen, ob schon jemand Erfahrungen hat. Das ist alles.

  13. 38.

    ... ich denke nicht, dass in der angepeilten Beratungszeit von 15 min. ein Impfarzt alles - von Vorerkrankung bis Medikation - vollumfänglich abklären kann.

    Wer, wenn nicht der entsprechende Haus- oder Facharzt, kann mehr zu seinem Patienten sagen.
    Welches Fachgebiet hat der entsprechende Impfarzt?

    Es werden Ärzte aus den verschiedensten Fachrichtungen in den Zentren zu finden sein ... hat z.B. ein Kinderarzt die Möglichkeit eine Autoimmunkrankheit richtig abzuschätzen und ein Impfrisiko abzuwägen?

    Für gesunde Menschen ist das alles kein Problem, nur für ältere und/oder Menschen mit Vorerkrankungen sollte eine tiefergehende Beratung beim eigenen (Fach)Arzt erfolgen. Was aber bei den Impteams in den Altenheimen passiert, kann man nur vermuten. Für alle Impfschäden haftet der Steuerzahler ...

  14. 36.

    Niemand sagt, sie müssen sich impfen lassen... Was wollen Sie hier eigentlich? Reden Sie mit Ihrem Arzt. Meinen Sie, hier bekommen Sie einen Mediziner?

  15. 34.

    Ich beneide Sie um Ihr Vertrauen. Das meine ich ganz ernst. Ich wünschte, ich könnte dieses Vertrauen auch haben.
    Aber abseits des Vertrauens erlaube ich mir die Frage, welche denn die harten und sicheren Fakten sind die Sie so vertrauen lassen?
    Und werden Sie mir bei Impfung dann schriftlich geben, dass ich nun geschützt bin (möglichst dauerhaft) und auch keine Nebenwirkungen zu befürchten habe? - Wenn doch, zahlt das ggf. Ihre Arzthaftpflichversicherung?

  16. 33.

    @JuergenS.Der Hausarzt einer Bekannten-sie nimmt mehrere Medikamente-hat ihr gesagt,er könne ihr keinen Ratschlag geben und auch keine Verantwortung übernehmen.Dazu wisse er aktuell zu wenig über den Impfstoff.Sie solle sich ausführlich im Impfzentrum beraten lassen.Er gebe ihr den Medikamentenplan und eine Bescheinigung ihrer Vorerkrankungen mit.Dann soll der Impfarzt entscheiden.

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