Einschätzung von Berliner Intensivmediziner - Charité im Notbetrieb: "Andere Kliniken werden nachziehen"

Symbolbild: Ärzte und Pfleger untersuchen einen Patienten auf der Covid 19 Intensivstation. (Quelle: dpa/Bodo Schackow)
dpa/Bodo Schackow
Audio: Inforadio | 18.12.2020 | Jörg Weimann im Interview | Bild: dpa/Bodo Schackow

Nach der Charité werden wohl bald auch andere Krankenhäuser in Berlin in eine Art Notbetrieb wechseln. Das prognostiziert der Berliner Intensivmediziner Jörg Weimann im rbb. Die Lage auf den Berliner Intensivstationen sei ernst, aber noch beherrschbar, betont er.

Die Berliner Charité hat angekündigt, den Betrieb ab Montag deutlich auf ein "reines Notfallprogramm" zurückzufahren. Dem Beispiel werden weitere Berliner Krankenhäuser demnächst folgen, glaubt Jörg Weimann, Chefarzt der Intensivmedizin des Sankt Gertrauden-Krankenhauses in Berlin-Wilmersdorf. "Davon ist auszugehen", sagte er am Freitagmorgen im Inforadio des rbb. Weimann ist auch Landesvorsitzender des Bundes der Anästhesisten.

Am Donnerstag hatte die Charité angekündigt, ab Montag für vorerst zwei Wochen keine planbaren Operationen mehr durchzuführen und sich auf die Versorgung von Corona-Patienten und Notfälle zu konzentrieren. Zudem soll das Personal umverteilt werden, um diese Priorisierung auch ermöglichen zu können. "Covid-19-Patienten haben Vorfahrt, das ist ein Prozess, den wir ja schon seit einigen Wochen erleben. Natürlich werden auch andere Kliniken nachziehen, in einen Vorweihnachtsmodus gehen und bewusst sagen, wir brauchen auf den Intensivstationen mehr Personal, um auch die Notfallversorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten", sagte Weimann.

Aufnahme von Patienten aus Brandenburg unproblematisch

Grundsätzlich sei die Lage in den Berliner Intensivstationen zwar angespannt, aber noch beherrschbar, so Weimann. Auch die 51 Corona-Patienten, die aus Brandenburg in Berliner Krankenhäuser verlegt werden sollen, seien unproblematisch: "Das ist noch sehr gut zu schaffen. Mit 51 Intensivpatienten wäre es schwierig geworden, aber bei Normalpatienten können wir Brandenburg ganz gut helfen, ohne dafür ganz große Klimmzüge machen zu müssen", erklärte der Intensivmediziner.

In Ballungszentren könne man nicht die Tür zulassen, wenn der Nachbar um Hilfe bitte, so Weimann: "Wir werden das verkraften und unsere Arbeit machen."

Weimann: Erste Impf-Erfolge im März

Weimann rechnet damit, dass sich der seit Mittwoch geltende harte Lockdown in zwei Wochen auch an den Zahlen ablesen lässt. Noch liegen die auf sehr hohem Niveau - am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) knapp 34.000 neue Infektionen in Deutschland, ein neuer Höchstwert.

"Ich schaue nicht so sehr auf die Neuinfektionszahlen. Für uns entscheidend sind vielmehr die Zahlen der Patienten, die bei uns im Krankenhaus ankommen. Und auch diese Zahlen gehen weiter nach oben. Das wird sicherlich noch zwei oder drei Wochen so weitergehen", so der Chefarzt des Sankt Gertrauden-Krankenhauses.

Eine grundsätzlich neue Lage könnten derweil die bevorstehenden Impfungen einleiten, so der Chefarzt: "Die Impf-Methode könnte tatsächlich ein Game-Changer sein, wir müssen aber aufpassen, dass wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und glauben, dass wir dann auch gleich die Pandemie los sind", betont er.

Realistisch sei, dass bis in den Frühling hinein die Lage ernst bleibe. Weimann rechnet damit, dass sich erste Impf-Erfolge erst im März einstellen, sobald die höchste Prioritätengruppe geimpft sei. Dazu zählen Über-80-Jährige, Bewohner in Pflegeheimen sowie das dortige Personal und auch medizinisches Personal in besonders sensiblen Krankenhausbereichen.

Diese Priorisierung, die die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts vorgelegt hatte und die am Freitag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erlassen werden soll, befürwortet Weimann ausdrücklich: "Die vulnerable Gruppe als erste zu schützen, ist eine gesellschaftliche Entscheidung, die ich für richtig halte."

Eine grundsätzlich neue Lage könnten derweil die bevorstehenden Impfungen einleiten, so der Chefarzt: "Die Impf-Methode könnte tatsächlich ein Game-Changer sein, wir müssen aber aufpassen, dass wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und glauben, dass wir dann auch gleich die Pandemie los sind", betont er. Realistisch sei, dass bis in den Frühling hinein die Lage ernst bleibe. Weimann rechnet damit, dass sich erste Impferfolge erst im März einstellen, sobald die höchste Prioritätengruppe geimpft sei. Dazu zählen über 80-Jährige, Bewohner in Pflegeheimen sowie das dortige Personal und auch medizinisches Personal in besonders sensiblen Krankenhausbereichen.

Diese Priorisierung, die die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts vorgelegt hatte und die am Freitag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erlassen werden soll, befürwortet Weimann ausdrücklich: "Die vulnerable Gruppe als erste zu schützen, ist eine gesellschaftliche Entscheidung, die ich für richtig halte."

Sendung: Inforadio, 18.12.2020, 7:05 Uhr

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24 Kommentare

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  1. 24.

    Warum wird eigentlich nicht das Behelfskrankenhaus in der Messe eingesetzt um die Krankenhäuser zu entlasten?

  2. 22.

    " . Jeden Tag Meldungen von hohen Zahlen die völlig unerklärlich sind und auch nicht erklärt wird.....

    was unerklärlich ist kann auch nicht erklärt werden ; hätte man auch nur eine leise Ahnung warum die Zahlen so rasant steigen, dann könnte man gegensteuern

  3. 21.

    DA steht leider nix! Sie äußern sich hier von Anfang an nur süffisant, ohne eindeutig Stellung zu beziehen.

  4. 20.

    Richtig. Wenn man an der Front arbeitet weiß man Bescheid. KORREKT

  5. 19.

    Dann müssen Sie es richtig lesen ,steht doch alles da. Das kommt davon wenn man vor dem Mond lebt.


    Schönen Tag noch....

  6. 18.

    Und was wollen Sie mit ihrem "noch oberschlaueren" Einwand jetzt eigentlich sagen???

  7. 17.

    Sie sind ja ein ganz Schlauer.... Die Zahl der Infektionen ist wichtig für die das Risikomanagement. Wann wollen Sie denn mit Krankenhauskapazitäten anfangen zu rechnen? Erst wenn eine Erkrankung vorliegt? Dann ist es zu spät. Wie schnell die Entwicklung ist zeigt sich zB hier: https://www.rbb24.de/panorama/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/12/brandenburg-corona-covid-patienten-krankenhaus-kliniken-neuinfektionen.html

    Sie leben offenbar in einer Theorieblase

  8. 16.

    Auch ich komme aus der Pflege und sehe die Situation sehr ernst. Aber wir sind nicht dumm. Wir kennen unsere Ärzt*innen und wir sind es gewohnt Patient*innen mit unterschiedlichsten Diagnosen und Nebendiagnosen zu pflegen! Wir versuchen trotz Personalengpässen auf jeden einzugehen. Und auch das schon seit Jahren!

  9. 15.

    "Okay überspitzt gesagt sollen dann die geimpften und geretteten Alten, die jungen pflegen und danach noch das Geld erarbeiten für sämtliche Corona Hilfen und das normale Gesundheitswesen?"
    Verstehe den Zusammenhang in ihrem Kommentar sowie zu meinen Kommentaren nicht wirklich.
    Meine Interpretation ihres Kommentars suggeriert mir, dass sie anders vorgehen würden. Wie sieht ihre Wahrnehmung/Erklärung der aktuellen Situation in den aus und wir würden sie damit umgehen?

    Schade, dass sie andere gleich direkt beleidigen, ohne die einzelnen Personen und ihre Vita zu kennen.

  10. 14.

    Andere Berliner Krankenhäuser operieren schon nicht mehr. Meine Knieoperation wurde von heute auf FEBRUAR verschoben! 7 Wochen länger Schmerzen, finanzielle Einbußen (Krankengeld) und 7 Wochen länger, in denen meine Kolleginnen meine Arbeit (Pflege) noch mit stemmen müssen. Danke an Maskenverweigerer, Coronaleugner, Partypeople, Shopping Queensland ....

  11. 13.

    Okay überspitzt gesagt sollen dann die geimpften und geretteten Alten, die jungen pflegen und danach noch das Geld erarbeiten für sämtliche Corona Hilfen und das normale Gesundheitswesen?
    Immer wieder schön heuchlerisch viele Leute hier, die immer die Schuld bei anderen suchen und selbst wahrscheinlich ständig Autofahren und damit Millionen Feinstaub Kranke auf dem Gewissen haben.

  12. 12.

    Ich bin Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin, ich habe den Job schon vor Jahren an den Nagel gehängt und habe das noch keine Sekunde bereut.

  13. 11.

    "Ich schaue nicht so sehr auf die Neuinfektionszahlen. Für uns entscheidend sind vielmehr die Zahlen der Patienten, die bei uns im Krankenhaus ankommen. Und auch diese Zahlen gehen weiter nach oben".
    Richtig. Nicht die "Infektionszahlen" bedürfen einer Behandlung, sondern die Kranken. Leider reden wir bei dieser Pandemie nicht mehr viel über Krankheit, die über Symptome definiert wird, sondern ständig über "Neuinfektionszahlen", die mit der Erkrankung COVID-19 zwar korrelieren, aber nicht gleichgesetzt werden dürfen. Die Neuinfektionszahlen sind zum Fetisch der Epidemiologen und Gesundheitspolitiker geworden. An einer "Zahl" ist aber bisher kein Mensch erkrankt, eine "Zahl"l ist kein Grund für stationäre Aufnahme. Wir brauchen Kapazitäten für Kranke, nicht für Neuinfektionszahlen. Und nein, es ist keine Haarspalterei, sondern traurige Tatsache, dass wir aus lauter Aufregung über ein Laborbefund und Pandemieindikator die Kranken aus den Augen verloren haben.

  14. 10.

    Ich wusste ja gar nicht das sich so viele Experten hier zu Wort melden und es nun mal der @Toska so richtig erklären müssen warum, wieso, weshalb.
    Für was brauchen wir das RKI und Berichterstattung durch rbb24.
    Diese User*innen hier haben doch solch schöne Antworten und praxisnahe Erfahrungen das man doch direkt umsetzen könnte.
    Ihr hier seid so richtige Experten , Ihr wisst alles, Ihr könnt alles und seid überhaupt die Oberschlauen.
    Herzlichen Glückwunsch- Ihr habt eine Extramaske gewonnen.

  15. 9.

    50 Normalpatienten aufzunehmen, um Brdbgs. Corona-Situation zu entspannen, sollte selbstverständlich sein. Genau deswegen werden ja auch in B planbare OPs verschoben. Die Ignoranz der Gesellschaft spiegelt sich in den täglichen Fallzahlen - der Punkt, "glimpflich" aus dieser Situation herauszukommen, ist schon lange verschenkt und sich nun über "verpaßte Frisörtermine" oder "Böllerverbot" aufzuregen, in meinen Augen nur noch "kindlich naiv".

    Pflegepersonal hin- und herzuschieben kann während einer Pandemie nicht die Lösung sein - ganz im Gegenteil. Trotzdem müssen auch Ausfälle kompensiert werden, dabei aber überlegt und mit Ruhe vorgegangen werden.

    Für "aufgeregte Hühner" endet eine "Vogelgrippe" zumeist mit Keulung.
    Allein bei diesem Bild fällt mir das "Mensch bleiben" ausgesprochen leicht.

  16. 8.

    Danke für den Einblick!
    Schade nur, dass diejenigen, die es mit Covid19 nicht so ernst nehmen, auch nicht erhellen wird. Traurig, aber wahr.
    Ich finde, dass man an sich schon genug alarmierende Berichte aus den Krankenhäusern wahrnehmen kann, gibt ja auch genug Videos von diversen dt. Krankenhäusern. Dazu die dringenden Apelle hinsichtlich fehlenden Personals (selbst krank, Quarantäne etc) und der Überlastung und dem Wunsch an die Bevölkerung sich endlich wieder zusammenzureißen.
    Wenn man dann nur bei RBB die Kommentarleisten verfolgt und welche Beiträge es in Teilen gibt, dann wird sich die Lage scheinbar in absehbarer Zeit nicht ändern. Und die schuld liegt natürlich überall, nur nicht im/am eigenen Verhalten (beispielhaft für mich sind die Diskussionen über Weihnachten, Silvesterfeiern, Demos und der Weg dahin - stundenlanges Sitzen im Bus ohne Einhaltung der AHAL-Empfehlungen - usw)

  17. 7.

    Klar hat das was mit Solidarität zu tun. Nur sollte man auch mal aufzeigen, was es für das sowieso schon überbelastete Personal bedeutet.

    Fachspezifische Stationen werden geschlossen, um Personal freizuschaufeln. Hier kennt sich aber das ständige Pflegepersonal in 'ihrem Fach' aus.
    Nun werden die Betten mit cononaverdächtigen Patienten mit allen möglichen Krankheitsbildern auf den Stationen zusammengewürfelt. Das Pflegepersonal weiß oft nicht welche Fachärzte im Haus genau für diese Personen zuständig sind. Sie sind mehr am rumtelefonieren als die Patienten zu pflegen. Auch um herauszubekommen welche spezifische Pflege der eine oder andere Patient braucht, welche Medikamente. Patienten müssen zusätzlich beruhigt werden, weil sie Angst haben, nicht richtig behandelt zu werden!
    Es geht alles drunter und drüber. Da wundert es keinen, dass immer mehr Plfegepersonal auch ausfällt. Das hält keiner lange durch.

  18. 6.

    Erst informieren, dann nölen. Das UKBF ist eine alte Bezeichnung für das Benjamin Franklin. Gehört übrigens auch schon lange zur Charite, ist also immer mit gemeint. Das AVK ist eins von neun Häusern des landeseigenen Vivanteskonzerns. Wird in den Medien auch immer erwähnt. Die hohen Zahlen sind jederzeit und überall nachlesbar und tatsächlich katastrophal hoch. Das hat nichts aber auch gar nichts mit Angst machen zu tun. Die Arbeit ist kaum noch schaffbar und ich wünsche mir sehnlichst ein Coronaende herbei

  19. 5.

    Lebst Du hinter dem Mond?
    Die Krankenhäuser machen für verschiebbare OPs dicht, um die Corona-Fälle zu bewältigen. Das ist v.a. ein Personal-Problem und kein Platz-Problem. Dass jetzt aus Brandenburg hier aufgenommen wird, liegt evtl. daran, dass dort die Kapazitäten nie auf eine solche Schwemme ausgerichtet waren und jetzt ausgelastet.
    Andere Krankenhäuser als die Charite sind eh schon länger soweit, nur noch Notfälle außer Corona anzunehmen.
    Mein bester Freund war vor kurzem mit einer Blutvergiftung im Vivantes und allein im Doppelbettzimmer, während in einem distanzierten Teil des Krankenhauses die Corona-Fälle behandelt wurden.
    Was redest Du da von "Meldungen von hohen Zahlen, die unerklärlich sind" & "schlechtes Gewissen einreden"??

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