Ein Obdachloser sitzt vor dem Eingang zum Bahnhof Zoo in Berlin (Quelle: imago images/Jürgen Ritter)
Audio: Inforadio | 15.12.2020 | Interview mit Barbara Eschen | Bild: imago images/Jürgen Ritter

Interview | Lage von Obdachlosen - "Niemand ist mehr da, der ihnen einen Euro geben kann"

Viele Hilfsangebote für Wohnungslose sind derzeit eingeschränkt. Durch den Lockdown werde sich die Situation für sie verschlechtern, erläutert die Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz im Interview.

rbb: Frau Eschen, wie wichtig ist der Suppenbus für die Obdachlosen und was leistet er?

Barbara Eschen: In dieser Zeit des kommenden Lockdowns ist die Situation für wohnungslose Menschen schwierig, weil viele Angebote nur eingeschränkt geöffnet sein können. Die Tagesstätten sind beispielsweise nur für wenige Personen aufgrund der Platzbedingungen offen. Und da ist es wichtig, dass wir als Diakonie mit warmen Speisen zu den Menschen kommen.

Welche Bedeutung hat dieser Shutdown ab Mittwoch für Obdachlose?

Der Shutdown erschwert das Leben auf der Straße ganz erheblich. Er macht die Menschen noch ärmer. Niemand ist mehr da, der ihnen einen Euro geben kann. Sie können auch keine Flaschen sammeln, mit denen sie oft ihren Lebensunterhalt bestreiten, weil einfach kein Leergut mehr da ist. Das Leben auf der Straße ist endgültig einsam. Und deshalb ist es uns wichtig, dass wir beispielsweise mit dem Suppenbus, aber auch mit dem Foodtruck der Johannesstift-Diakonie unterwegs sein können.

Hinzu kommt noch, dass man sich keinen Kaffee kaufen kann, um sich im Cafe aufzuwärmen.

In der Zeit des Lockdowns fehlen uns insbesondere die Aufenthaltsmöglichkeiten in den Tagesstätten, in den Orten, wo sich Menschen mit Menschen ohne Obdach sonst versammeln, beraten und Kaffee bekommen. Deshalb machen wir jetzt die Foodtruck-Aktion, wo wir zu den Tagesaufenthalten, die mit geringeren Möglichkeiten jetzt arbeiten, hinfahren, um eine kleine Weihnachtsfreude und ein kleines Essen zu bieten.

Aber insgesamt ist es uns wichtig, dass die Tagesaufenthalte ersetzt oder ergänzt werden, zum Beispiel indem Mensen geöffnet werden oder andere Möglichkeiten geschaffen werden, wo sich Menschen auch aufhalten können.

Wie sieht es in der Nacht aus? Gibt es genügend Übernachtungsplätze?

Die Zahl der Übernachtungsplätze ist so hoch wie in den vorherigen Jahren. Das ist geschafft worden, indem einfach mehr Räume angemietet wurden. Wir haben als Diakonie die meisten Plätze in der Kältehilfe. Wir haben auch zwei Unterbringungsmöglichkeiten, wo die Menschen 24 Stunden sieben Tage die Woche bleiben können, also nicht raus müssen und insofern immer in dem gleichen Bereich bleiben. So kann auch keine Mischung stattfinden. Und wir wünschen uns dringend, dass diese Anzahl der Unterbringung, die ganztägig geöffnet sind und einen festen Platz bieten, ausgeweitet werden, wenn es jetzt richtig kalt wird.

Wie gehen Sie bei all diesen Angeboten mit der Ansteckungsgefahr um?

Bei den ganztägigen Unterkünften handelt es sich um Zwei-Bett-Räume, so dass dort eine gute Trennung stattfinden kann. Wir haben zum Teil auch für die Notübernachtungen Testmöglichkeiten. Wenn wir unterwegs sind, so wie jetzt mit dem Foodtruck, werden alle Personen mit FFP2-Masken und Schutzbrillen ausgestattet. Wir müssen natürlich auch dafür sorgen, dass immer Abstand eingehalten wird. Das ist nicht immer ganz so leicht, vor allem wenn man sich freut. Aber darauf achten wir natürlich.

Das produziert ja auch mehr Kosten. Wie finanzieren Sie das?

Die Finanzierung erfolgt durch den Berliner Senat beziehungsweise die Bezirke, die vom Senat Geld bekommen und natürlich auch mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement. Die Begleitung in den Unterkünften und in den Notübernachtungen findet sowohl durch hauptamtliche Profis, aber auch durch ehrenamtliche statt.

Jetzt ist der Dezember eigentlich ein klassischer Spendenmonat. Ist es in der Pandemie auch so oder spüren Sie eine Veränderung?

Wir brauchen unbedingt ganz viele Spenden, weil natürlich im Grunde alles viel teurer geworden ist als sonst. Man muss immer viel mehr Platz haben als sonst. Und ich hoffe sehr, dass die Bereitschaft und die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, uns mit unseren Aktionen zu unterstützen, noch wächst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Barbara Eschen führte Dörthe Nath, Inforadio.

Sendung: Inforadio, 15.12.2020, 9:25 Uhr

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8 Kommentare

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  1. 8.

    Politiker interessieren sich nicht für Armut. Hauptsache ihre Diäten werden erhöht. Alle Beamten sollten mal 10 € für die Armen spenden. Schätze mal, da wird nicht viel zusammen kommen.

  2. 7.

    Ja, an die Ärmsten denkt“ Oben „keiner so wirklich, da helfen sich die dafür zuständigen Hilfsorganisationen mal wieder selber untereinander, den für die Wirtschaft ist das ja nicht Systemrelevant ? Aber immer wieder die Aufmerksamkeit auf die Alten ... schon widersprüchlich

  3. 6.

    Ich wäre auch dabei. Die Idee ist gut und wäre ein würdiger Abschluss für dieses bescheuerte Jahr.

    Trotzdem braucht man die Idee deswegen nicht gleich zweimal in 60 Sekunden einzureichen :)
    Einfach den Zeigefinger nach dem ersten Schuss aus dem Abzug ziehen, dann passieren solche "Unfälle" nicht :)

  4. 5.

    Ach jetzt sind die Leute Schuld das die Obdachlosen kein Geld bekommen,liebe Politiker wie wäre es mal mit einem Spaziergang und dann mal janz tief in die Tasche greifen. Vielleicht mal ne fette Spende an die Unterkünfte und noch ein paar mehr Unterkünfte schaffen wäre ja auch mal ne echte Idee.

  5. 4.

    Menschen in großer Not und viel zu wenig Hilfen! Ich wünsche mir Politiker die hin.- und nicht weg gucken und viel mehr Lösungen und Hilfsangebote. Wie kann es sein, das wir pflegebedürftige schützen, Flüchtlinge unter bringen und Obdachlose so in stich lassen!?

  6. 3.

    Warum nicht ein Spendenkonto einrichten: "Spenden statt Böllern" - ich wäre dabei.

  7. 2.

    Warum nicht ein Spendenkonto einrichten: "Spenden statt Böllern" - ich wäre dabei.

  8. 1.

    Es trifft mal wieder besonders die Ärmsten der Armen Aber das ist ein Thema, dass die sogenannten Volksvertreter mit wenigen Ausnahmen überhaupt nicht interessiert. Da umgibt man sich doch lieber mit Lobbyisten und nicht mit Armen.

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