Corona-Maßnahmen - Warum Schweden in der Pandemie die Hände gebunden sind

Spaziergänger in Stockholm (Quelle: dpa/Sandberg)
Bild: dpa/Sandberg

Schweden setzte in der Pandemie auf Appelle statt Verbote, wollte Risikogruppen schützen und das Virus moderat zirkulieren lassen. Es hat nicht funktioniert. Die zweite Welle ist da. Nun greift die Regierung härter durch. Viele Möglichkeiten hat sie aber nicht. Von Anke Fink

Seit das Coronavirus über Europa kam, gilt Schweden als das schwarze Schaf in der europäischen Familie. Der Umgang in der Pandemie wurde alsbald als schwedischer Sonderweg bezeichnet: Kein Lockdown, keine Restriktionen, sondern ein Appell an die schwedischen Bürgerinnen und Bürger, freiwillig auf Abstand zu gehen und zu Hause zu arbeiten.

Mit einer zweiten Welle nicht gerechnet

Lange dachten die Schweden: Wir machen es richtig. Wir hören auf die Experten und zeigen dem Rest der Welt, wie es geht. Denn die schwedische Regierung arbeitet traditionell mit selbstständigen Behörden zusammen, die unabhängig von der Politik ihrem gesetzlichen Auftrag nachkommen. Das gilt besonders in der Gesundheitspolitik.

Die Volksgesundheitsbehörde wird von Wissenschaftlern geführt. An deren Spitze steht auch der inzwischen berühmt gewordene Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Dessen Strategie einer Art freiwilligen Selbstkontrolle wurde schon in der ersten Welle stark kritisiert, weil tausende Menschen vor allem in Pflegeheimen starben. Dennoch hatte Tegnell lange Unterstützung in weiten Teilen der Bevölkerung. Es hieß, dass man mit dieser Strategie einer zweiten Welle entgehen könne. Im Herbst würde zumindest in der Region Stockholm eine Art Herdenimmunität erreicht sein, die dann gleichzeitig die Risikogruppen schützt.

60 Tote pro 100.000 Einwohner – die meisten älter als 70 Jahre

Bis Ende September sah es tatsächlich danach aus, als ob das schwedische Modell funktionieren könnte. Die Todes- und Infektionszahlen waren in den Sommermonaten stark zurück gegangen. Aber es kam mit aller Gewalt zurück. Am Donnerstag vergangene Woche ist der Meilenstein von mehr als 7.000 Toten durch Covid-19 überschritten worden. Nach Angaben der schwedischen Volksgesundheitsbehörde starben fast 40 Prozent davon in der Region Stockholm. Neun von zehn Toten waren älter als 70 Jahre, viele von ihnen lebten in Pflegeheimen. Die schwedische Rate von 60 Todesfällen pro 100.000 Einwohner ist weit höher als in den anderen vier nordischen Ländern, Dänemark, Norwegen, Island und Finnland.

Verfassung kennt keinen Notstand außer Krieg

Erst jetzt, wo das Vertrauen in die Strategie der Volksgesundheitsbehörde und Anders Tegnell bröckelt, tauchen in der öffentlichen Debatte die Gründe dafür auf, warum die schwedische Zentralregierung nicht mehr Einschränkungen im Kampf gegen das Virus beschlossen hat. Die Antwort: Sie konnten offenbar nicht anders. Schweden kennt keinen zivilen Notstand. Deswegen kann die politische Führung weder in die persönlichen Freiheitsrechte des Einzelnen eingreifen, noch die Autonomie der Regionen einschränken, die für die Zustände in den Pflegeheimen und die Offenhaltung der Schulen verantwortlich sind. Die Regierung darf keine Kontaktverbote erlassen, weil es dafür keine gesetzliche Grundlage gibt.

Notstandsgesetz war ein zahnloser Tiger

Als die erste Welle im Frühjahr 2020 Schweden erreichte, ist ein Notstandsgesetz formuliert worden, das es dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Stefan Löven erlauben sollte, landesweit öffentliche Einrichtungen zu schließen und den Nahverkehr einzustellen. Dafür bekam die rot-grüne Minderheitskoalition die Unterstützung der Mehrheit des Parlaments – allerdings nur unter großen Zugeständnissen an die Opposition. Joakim Nergelius, Professor für Verfassungsrecht an der Universität Örebro, sagte dem Stockholmer Magazin "The Local", wegen der Änderungen, die die schwedische Opposition erzwang, sei es sehr umständlich gewesen, das Gesetz überhaupt anzuwenden. [thelocal.se] Potenzielle Einschränkungen für Zusammenkünfte, Schulen, Geschäfte oder den Nahverkehr hätte die Regierung dem Parlament vorlegen und sich der Zustimmung der gesamten Abgeordneten stellen müssen.

"Das war eine sehr seltsame Konstruktion“, so Nergelius. "Was würde passieren, wenn das Parlament 'Nein' sagt?" Das Gesetz sei ein von der Opposition erzwungener Kompromiss und völlig nutzlos gewesen. Da die Vorlage nur für drei Monate gültig war und die Infektionszahlen im Sommer sanken, wurde von ihr auch kein Gebrauch gemacht.

Regierung darf keinen Lockdown beschließen

Würde die schwedische Zentralregierung jetzt einen Teillockdown wie in Deutschland verhängen wollen, bräuchte sie eine neue Ermächtigungsgrundlage mit mehr Rechten. Deswegen arbeitet die Regierung inzwischen an einem umfassenderen Pandemiegesetz.

Nicht alle Juristen haben Verständnis für das Dilemma. Mark Klamberg, Professor für Völkerrecht an der Universität Stockholm, etwa argumentiert, dass jedes andere Land der Europäischen Union ähnliche verfassungsrechtlichen Barrieren in der Pandemie umschifft habe. Seiner Ansicht nach hätte das Gesetz vom April verlängert und erweitert werden können, um die Regierung handlungsfähig zu machen.

Zusammenkünfte eingeschränkt durch das Ordnungsrecht

Ende November hat die schwedische Regierung nun doch stärker in das öffentliche Leben eingegriffen als je zuvor und Zusammenkünfte von mehr als acht Personen landesweit verboten. Dabei bediente sie sich des Ordnungsrechts. Dies ist nach Meinung vieler Experten die einzige Möglichkeit, Kontaktbeschränkungen ohne eine Verfassungsänderung oder einen Verfassungszusatz zu erlassen.

Ansonsten bleibt es bei lokalen Empfehlungen, die je nach Region durchaus unterschiedlich ausfallen können, aber an die sich die allermeisten Schweden auch halten. In den großen Städten Stockholm, Göteborg und Malmö etwa ist die Bevölkerung dazu angehalten, Kontakte auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren und Menschenansammlungen zu meiden. Grundschulen und Kindergärten bleiben offen. Oberschulen ab Jahrgangsstufe 10 sind bis zum 6. Januar geschlossen, unterrichtet wird digital. Universitäten und Hochschulen können Vorlesungen und Seminare anbieten, allerdings wird empfohlen, dies online zu tun. Restaurants, Bars und Cafés sind geöffnet. Es dürfen maximal acht Gäste an einem Tisch sitzen. Der Ausschank von Alkohol ist zwischen 22 Uhr und 11 Uhr untersagt.

Masken gibt's am Süßigkeitenautomaten

Einzig beim Thema Masken bleibt die schwedische Regierung zurückhaltend. Auch wenn die Weltgesundheitsbehörde WHO und die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes empfiehlt, gibt es keinen Appell dies auch zu tun. Teile des wissenschaftlichen Personals in der mächtigen Gesundheitsbehörde zweifeln noch immer an deren Wirksamkeit. Viele Schweden setzen sich darüber allerdings hinweg. Immer mehr - vor allem ältere Menschen - tragen sie in den öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften. Inzwischen gibt es Masken auch in den Süßigkeitenautomaten an den U-Bahn-Stationen.

Trotzdem wäre aktuell ein Besuch in Stockholm für viele Europäer wie ein Bild aus einer längst vergangenen Zeit. Maskenlos shoppen die Hauptstädter ihre Weihnachtsgeschenke, wenn auch in nicht mehr ganz so vollen Läden, wie früher. Sie drehen ihre Runden auf den großen Freiluftschlittschuhbahnen, nehmen sich heiße Getränke mit, plaudern mit Bekannten (nicht mehr als acht) und erfreuen sich an der Weihnachtsmusik, die allerorten aus den Boxen plätschert. Schwer zu sagen, ob sie sich dabei Gedanken über Aerosole oder Infektionsketten machen. Sie sehen jedenfalls nicht so aus.

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Beitrag von Anke Fink

55 Kommentare

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  1. 55.

    Auf Euromomo kann ich bis zur KW49 keine Übersterblichkeit für Schweden erkennen.

  2. 54.

    Es gibt ziemlich große Unterschiede in der Intensivpflege in verschiedenen Ländern. Ich vermute, dass dies bedeutet, dass entweder auch weniger schwerkranke Patienten auf Intensivstationen in Deutschland behandelt werden oder Patienten, von denen wir in Schweden erwarten, dass sie zu geringe Überlebenschancen haben, auf deutschen Intensivstationen behandelt werden. Es kann mehr ethische Diskussionen und mehr Diskussionen über Sinnlosigkeit geben, bevor ein Patient auf die Intensivstation in Schweden aufgenommen wird.

  3. 52.

    Warum gibt es nur so viele Fans von Schweden, die so viele Tote im Vergleich zu ähnlichen Ländern haben. Wenn es darum geht dass man nicht ständig rumkommandiert werden will wie bei uns dann kann man doch Finnland wählen, da sind Maßnahmen oft freiwillig werden aber allgemein eingehalten. Zahlen vom 10.12.2020:
    NORWEGEN 6,79
    ISLAND 7,92
    FINNLAND 7,85
    ESTLAND 10,52
    LETTLAND 15,21
    DÄNEMARK 15,59
    LITAUEN 25,24 (zum Vergleich: Deutschland: 24,67)
    SCHWEDEN 71,65
    Tote auf 100 000 Einwohner.
    Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/COVID-19_pandemic_by_country_and_territory vom 10.12.2020, Tabelle 2 letzte Spalte.

  4. 51.

    @issoo: ich habe nicht geschrieben, dass der Einzelandel schließen soll.

  5. 50.

    Schweden zeigt vor allem eins,dass die meisten Maßnahmen ziemlich nutzlos sind.

    @Peter a
    Wieso soll der Einzelhandel dann wieder schließen,wenn alle dort Maske tragen?

  6. 49.

    Auch wenn die Schweden Fehler gemacht haben, eins haben sie ganz gewiss richtig gemacht. Sie haben die Wirtschaft nicht komplett an die Wand gefahren.
    Und das was wir am besten können, machen wir jetzt gerade wieder ganz wunderbar...mit dem Finger auf anderen Zeigen und so tun, als wenn wir alles richtig gemacht haben.
    Das ist ganz großes Kino.

  7. 48.

    Der Verstand von den Schweden,wurde noch nicht durch die Angst gekillt! Ich würde jetzt gerne nach Schweden auswandern!Ich halte die diese Panik mache in Deutschland nicht mehr aus !!

  8. 47.

    Wenn die Beurteilungsgröße die Covid-19 Todeszahlen sind, so ist Schweden im Vergleich mit ähnlichen Ländern nicht erfolgreich.

  9. 46.

    @No24: "Die Verantwortlichen in Schweden haben es kapiert: Masken filtern zwar Feinstaub, aber keine Viren im Nanometerbereich, außer es sind luftdichte ABC-Schutzmasken mit Filter."
    Man atmet keine Viren ein, sondern viel größere Aerosoltröpfchen. Aerosoltröpfchen breiten sich ähnlich wie Zigarettenrauch über mehrere Meter hinweg aus. Masken filtern die viel größeren Aoerosoltröpfchen weg in denen sich hunderttausendfache Virenpartikel befinden. Durch das Auffangen von Aerosoltröpfchen werden Masken feucht. Durch das Wegfiltern der Aoerosole wird die Übertragung unterbunden/verringert. Man braucht eine gehörige Menge Viren um sich überhaupt zu infizieren. Deshalb reicht es wenigstens einen Teil der Aerosole wegzufiltern bzw. zu lüften.

    Die Zweite Wirkung der Masken ist die Verhinderung von Tröpfchenübertragung im direkten Gesicht zu Gesichtkontakt unter 2 Meter.

  10. 45.

    Genauso wie es Herr Meier in seinem Kommentar geschrieben hat, ist es. Schweden hat die drittniedrigste Mortalität seit den letzten 10 Jahren. Aber Fakten interessieren die Medien nicht. Panikmache ist angesagt!

  11. 44.

    Die Berichterstattung ist irreführend. Schweden hat bisher eine der niedrigsten Übersterblichkeiten der letzten 10 Jahre.

    Das Land steht bei der zweiten Welle deutlich besser da als Deutschland.

    siehe https://www.heise.de/tp/features/Der-schwedische-Corona-Weg-Erfolg-oder-Misserfolg-4984494.html

    Die Journalisten in Deutschland scheinen unter einem Confirmation Bias zu leiden.

  12. 43.

    Wegen einem Todesfall je 1400 Leute braucht man ja nun wirklich keine Panik machen.
    Die Schweden haben sich eben entschieden, Wirtschaft, Wohlstand, seelische und soziale Gesundheit höher einzuschätzen als den Nutzen, hochbetagte grossenteils demente Langzeitpfegefälle im Palliativstadium ein paar Tage länger am Leben zu erhalten.
    Da könnten wir uns ein Beispiel nehmen!

  13. 42.

    Klar will keiner leichtfertig sterben. Der Punkt ist doch aber eine Abwägung von Risiko. Jedem Motorradfahrer ist kalt, dass seine Chancen bei einem Unfall drauf zu gehen deutlich höher sind als in einem Auto.
    Und ob die Schweden es mitgetragen hätten keiner mehr rein oder raus aus Schweden und dazu permanentes Maske tragen.... wird man nicht erfahren.

  14. 41.

    Nach der Staatsstatistik haben sich in S die Ansteckungen von Mittwoch zu Donnerstag um 7935 erhöht. Gemessen an der Einwohnerzahl wären es im Vergleich zu D so wie ca. 79 000 Infektionen in D. Sind in D aber nur ca23 000 täglich. Schweden steht momentan nicht gut da.

  15. 40.

    Es tut mir leid für Ihre selektive Wahrnehmung, Herr Hauptmann von Köpenick. Es gibt aber tatsächlich genügend Wissenschaftler, die die aktuelle Strategie der Regierung kritisieren und zwar zu Recht. Vielleicht erkundigen Sie sich mal, wie Oberbürgermeister Palmer das Problem in seiner Stadt seit Mai erfolgreich angeht, im Übrigen gegen den Rat des RKI.

  16. 39.

    Ich bin überzeugt das Ignoranz, Selbstüberschätzung, Egoismus und mangelnde Kenntnisse dazu führen die Maßnahmen zum Schutz der Menschen die Ursachen für den weiteren Anstieg der Infizierten sind. Einige Kommentare bestätigen mich in dieser Auffassung.

  17. 38.

    „...(weil ITS 9 v 10 rettet).“

    Wo haben Sie denn diese Zahlen her?
    Bitte solche Behauptungen mit Quellenangaben!

  18. 37.

    Die Verantwortlichen in Schweden haben es kapiert: Masken filtern zwar Feinstaub, aber keine Viren im Nanometerbereich, außer es sind luftdichte ABC-Schutzmasken mit Filter.

  19. 36.

    "In Schweden geht man aber noch ganz anders mit dem Leben bzw. Dem Tod um.Ob einem das nun gefällt oder nicht ... in der schwedischen Bevölkerung ist dies akzeptiert." Einen solchen Bericht habe ich auch gesehen. Ich glaube es aber nicht. Kein Mensch will leichtfertig sterben, auch die alten Schweden nicht. Wenn die Schweden die Wahl hätten, dass wie in Taiwan nur 7 Personen an Covid-19 sterben würden, würden sie dies ganz sicher präferieren. Hinzu kommt ja noch die viel größere Freiheit ohne Covid-19 und die gute wirtschaftliche Entwicklung ohne Covid-19. Alles eine Frage der Epidemiologie.

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