Ein zu früh geborenes Baby liegt in einem Inkubator. (Quelle: imago images)
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Datenauswertung - Weniger Frühgeburten während des ersten Corona-Lockdowns

Während des ersten Corona-Lockdowns sank die Zahl der Frühgeburten um rund sieben Prozent. Damit schafft der Lockdown, was jahrelang durch viele Bemühungen nicht gelingen wollte. Eine Gruppe von Schwangeren hat davon besonders profitiert. Von Dominik Wurnig

Nicht alles ist schlecht durch Corona: Während des ersten Lockdowns sank die Zahl der Frühgeburten. Das zeigt eine Auswertung der Daten von Millionen AOK-Krankenversicherten durch Wido, das Wissenschaftliche Institut der AOK.

Im März und April 2020 gab es demnach deutschlandweit rund sieben Prozent weniger Frühchen - also Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen - als durchschnittlich im gleichen Zeitraum 2017 bis 2019. Der deutlichste Rückgang mit minus zehn Prozent zeigte sich bei den späten Frühgeburten zwischen der 34. und der 36. Schwangerschaftswoche. Bei den ganz frühen Frühgeburten ist die Zahl dagegen gestiegen. Insgesamt ist dort die Fallzahl aber sehr gering, weshalb die Ergebnisse auch statistische Ausreißer sein könnten.

"Der Effekt ist vermutlich gut erklärbar, weil durch Corona das Bewusstsein gestiegen ist, dass Händewaschen und Hygiene besonders wichtig sind. So konnten viele Schwangeren Infektionen vorsorgen," sagt Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Frauenklinik am Berliner St.-Josephs-Krankenhaus. "Späte Frühgeburten werden vor allem durch Stress oder Infektionen verursacht. Auf beides hat sich der Lockdown sicher positiv ausgewirkt."

Lockdown schafft, was jahrelang nicht gelang

Frühgeburten sind eine der Hauptursachen für Kindersterblichkeit. Im langjährigen Schnitt kommt etwa jedes zehnt Kind zu früh - in den vergangenen Jahren ist deren Anteil sogar leicht angestiegen. Trotz großer Bemühungen - etwa durch Ultraschall-Feindiagnostik oder engmaschiger Überwachung der Schwangeren durch die Frauenärzte - gelang es zuletzt nicht, die Zahl der Frühgeburten zu reduzieren. Dass der Corona-Lockdown einen solch positiven Effekt auf Schwangere und Kinder hat, ist eine medizinische Sensation.

"Infolge von Corona sind auch zum Beispiel die Influenza-Zahlen implodiert. Auch wir in der Kinderklinik merken, dass seit Beginn der Pandemie die Zahl der häufigen Infekte gesunken ist", sagt Rainer Rossi, der am Klinikum Neukölln in der Kinderklinik eine der größten Neugeborenen-Stationen in Berlin leitet. "Dadurch gibt es wohl auch weniger Infekte bei Schwangeren, die zu einer Frühgeburt beitragen können."

"Manchmal ist weniger Medizin auch gut"

Es gibt auch eine ungewöhnliche Erklärung: Die Zahl der Arztbesuche sowie der Krankenhausaufenthalte sank während des ersten Lockdowns. "Man könnte auch spekulieren, ob der Rückgang der Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte gut für Schwangere war. Manchmal ist weniger Medizin auch gut: weniger Kontrollen und weniger Detailbefunde, die eine medizinische Maßnahme nahelegen, könnte zur Zurückhaltung beitragen. Wenngleich schwerwiegende Erkrankungen in der Schwangerschaft natürlich auf fortlaufend konsequent behandelt wurden", vermutet Rossi.

Konkrete Empfehlungen lassen sich bisher aus der Analyse nicht ableiten. Dafür fehlt in jedem Fall noch weitere Forschung. So wurde bisher etwa noch nicht ausgewertet, welchen Effekt Krankenstände oder ein etwaiger vorzeitiger Mutterschutzbeginn hatten.

Internationaler Trend

Die Zahl aus Deutschland stehen im Einklang mit Analysen aus Irland und Dänemark [nytimes.com] sowie einer umfassenden niederländischen Registerstudie, die auch in der renommierten Fachzeitschrift "The Lancet" erschienen ist. In der quasi-experimentellen Studie heißt es, dass die niederländischen Covid-19-Maßnahmen mit einem substantiellen Rückgang an Frühgeburten in den Folgemonaten zusammenfallen. Besonders signifikant sei der Rückgang - wie in Deutschland - bei späten Frühgeburten (hier definiert als Geburt in 32.-36. Schwangerschangerschaftswoche plus fünf Tage). "Vielleicht hat der Lockdown sogar dazu geführt, dass Schwangere entspannter schwanger sein konnten", spekuliert Rossi. Die niederländische Studie zeigt auch, dass der Effekt positiv ausgefallen ist bei Schwangeren mit einem höheren sozialen Status.

Rund 15 Prozent aller Deutschen sind bei der AOK versichert. Die Datenauswertung hat dementsprechend eine starke Aussagekraft für ganz Deutschland, sie ist jedoch nicht zu 100 Prozent repräsentativ. Regionale Zahlen, etwa für Berlin und Brandenburg, haben keine Aussagekraft, da die Fallzahlen hier zu niedrig sind. Noch sind für den zweiten Lockdown im Herbst 2020 keine Daten zu Frühgeburten bekannt.

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Beitrag von Dominik Wurmig

20 Kommentare

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  1. 20.

    Was für eine krude These. Werdende Mütter stehen 6 Wochen vor der Geburt unter Mutterschutz. Viele haben lange vorher Beschäftigungsverbot wegen Risiken.

  2. 19.

    Die Bäuerin war aber niemals allein auf dem Hof. Aufgabenteilung, viele Leute, das macht schon einen Unterschied. (Großmütter, unverheiratete Tanten, usw.) Heute sind wir ja alle einzeln eingesperrt, und auch vor Corona schon gewesen.

  3. 18.

    Also wenn Männer schwanger gewesen sein würden und die Kinder gebären hätte würden (Konj. 3...), dann würde der Mutterschutz mit dem GV beginnen oder spätestens nach positivem Test! Die erste Phase des so schön verharmlosten Unwohlseins, ugs. Kotzens, würde Männer schon versterben lassen. Dann wochenlang den PH Wert messen und ggf. im Betriebsklo eingefangene Pilze mit Milchsäurebakterien bekämpfen - da wäre die Ekelschwelle LÄNGST überschritten! Nicht zuletzt wochenlang mit einem plötzlich aufgepoppten Bauchballon vom Gewicht eines Kasten Sternis rumrennen, ohne 9,5 Monate ein ebensolches zu trinken - eine ZU-MU-TUNG!
    Die Menschheit würde binnen 50 Jahen aussterben. Irre, oder?
    Und wir fragen uns, warum Frauen ohne Lockdown (betrieblich, nicht persönlicher Knockdown)mehr FG erleiden?

    Alle gesundheitliche Misere ist der Wirtschaftlichkeit geschuldet.
    Auch Corona breitet sich besonders aus, weil die Schulen offen bleiben müssen, damit die Eltern schuften gehen.

  4. 17.

    Als Mann sag ick:
    Die letzten Vorbereitungen sind meine Angelegenheit, das "Füße hochlegen" die der werdenden Mutter.

  5. 16.

    Vielen Dank für diesen Kommentar, ich habe sehr herzlich lachen können.

    Ansonsten sehe ich es ähnlich wie andere hier auch.
    Auch wenn ein längerer Mutterschutz das Kollegium ggf. durch Mehrarbeit belastet (oder eine Vertretung wird eingestellt), scheint es besser zu sein, wenn werdende Mütter einfach etwas länger vor der Geburt zu Hause sein können. So hätten sie mehr Ruhe, die letzten Vorbereitungen zu erledigen oder einfach die (geschwollenen) Füße hochzulegen.

  6. 15.

    Sie haben ja ein super verklärtes Bild vom Leben der Frau als Hausfrau und Mutter. Die Bäuerinnen hatten keinen Mutterschutz und mussten schwer schleppen und arbeiten. Das Waschen der Wäsche in Zeiten ohne Waschmaschine war ein Knochenjob. Würde Ihnen das stundenlange Stehen in der Küche und das Zubereiten des Essens ohne Haushaltsgeräte die Mahlen und Schneiden locker von der Hand gehen? Ganz ehrlich, vielleicht das nächste Mal kurz nachdenken und dann erst einen Kommentar schreiben.

  7. 14.

    Mal so - als Mutti und Omi ...
    Hat das schonmal jemand aus Babysicht betrachtet?
    Dezember, kalt, feucht, früh dunkel - auf der einen Seite. Die Andere ... Vollpension, kuschelig und dieses ständige Gebrabbel (die da draussen, sagen wohl meckern dazu)macht müde. Da warteste eben bis der Rausschmiß kommt.
    Also ähnlich wie Studium und Hotel Mama.
    Schönen zweiten Advent!

  8. 13.

    Ich denke viele Arbeitgeber haben als erste Reaktion im Frühjahr alle schwangeren frühzeitig ins Homeoffice oder „Urlaub“ geschickt.
    Zumindest kenne ich einige Schwangere Frauen die schon im ersten Lockdown mehr geschützt wurden als andere Mitarbeiter.
    Frei nach dem Motto Du bist schwanger, geh nach Hause und kümmere dich um dich und deinen Bauch. Wir müssen dann eben ohne dich klar kommen. Wenn der Spuk vorbei ist kommst du wieder zurück.
    Wenn sich das bewahrheitet sollte man vielleicht über die Mutterschutzregelungen nachdenken. Eben nicht bis kurz vor Termin noch mit Arbeit belästigen.

  9. 12.

    Witzig - WO genau ist der Verkehr zurück gegangen? Hier garantiert nicht. Nur in den Osterferien war Ruhe, aber bald darauf setzte der Müßiggänger-Verkehr der Malls-Schlenderer ein, der Home-Office-Ausnutzer. Nicht zu vergessen die Vernünftigen, die sich ein Share-Car leihen, um nicht BVG zu fahren! Es ist definitiv voller als vor Corona. Die "Mobilitätsstatistiken" veröffentlich der rbb leider nicht mehr. Wäre interessant. Vor allem an Tagen mit Fußballspielen! Da fühlst Du Dich wie in Indien zur Rush Hour!

  10. 11.

    Echt jetzt? Ich liebe es, wenn Leute denken, dass Frauen aufgrund von Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung arbeiten gehen. Sicherlich gibt es sie. Aber, ganz ehrlich, ich kenne kaum eine Frau (und auch kaum einen Mann), der freiwillig 40 Std./pro Woche arbeiten geht. Es gibt viele wichtige Gründe, warum Frauen arbeiten gehen:

    1) Die Ehen halten heutzutage nicht mehr ewig. Da ist es schon sinnvoll, wenn eine Frau sich unabhängig von einem
    Mann selbst ernähren kann
    2) In ganz vielen Berufen braucht man 2 Gehälter, um den Lebensunterhalt als Familie (und auch evtl. Extras wie
    Urlaub usw.) zu finanzieren.
    3) Die Rente – da sollte man als Frau schon schauen, dass man sich eine eigene Rente erwirtschaftet
    4) Es gibt viele viele Gründe, warum Frauen heutzutage arbeiten gehen

    Mit Selbstverwirklichung hat das wenig zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand.
    Also bitte nicht zurück in die 50er/60er Jahre gehen wollen…oh Graus.

  11. 10.

    Gab es nicht die Überlegung, es könnte mit dem Rückgang des Verkehrs / der Luftschadstoffe zu tun haben?

  12. 9.

    Genau das sagte ich auch. Allerdings wurde mein Kommentar natürlich nicht frei gegeben. Schade. Arbeitsstätten sind halt nicht auf Schwangerschaften ausgerichtet. Stühle, Tische, WCs/Hygieneeinrichtungen. Etc.

  13. 8.

    Na heute sind das eher Erstlingsgeburten. Da ist es noch nichts mit zu Hause um die Kinder kümmern.
    Im übrigen haben Frauen immer und ziemlich hart gearbeitet. Erst seit den 30er Jahren, in D aus politischen Gründen propagiert, fing es damit an, dass die 3 K für alle Familien gelten sollten. In den Wirtschaftswunderjahren war es auch ein"Wir können uns das leisten, meine Frau muss nicht arbeiten".
    Mal davon abgesehen, dass ich auch eher auf Hygiene tippe, können es sich viele Menschen gar nicht leisten dass die Mutter nicht arbeiten geht. Wenn man die Kleinen in gute Hände gibt ist das auch in Ordnung. Und das sage ich obwohl ich mit meinen Kindern lange nicht arbeiten gegangen bin.

  14. 7.

    Vielleicht ist es für Kinder doch nicht so gut, wenn die Mutter im Zuge der Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung unbedingt Vollzeit arbeiten muss, anstatt sich in „Ruhe“ um ihre Kinder zu kümmern.

    Der Natur ist nunmal unser ideologisch geprägtes Gesellschaftsmodell ziemlich egal.

  15. 6.

    Zitat "... weil durch Corona das Bewusstsein gestiegen ist, dass Händewaschen und Hygiene besonders wichtig sind."
    Dieses Konzept ist gut 150 Jahre alt! Mama hatte eben doch recht mit "Hände waschen nicht vergessen!"

  16. 5.

    Kein Wunder. Späte Frühgeburten, also zu der Zeit, wo werdende Mütter sich mit unförmigen Ausmaßen noch durch den Bürostress kämpfen, nehmen ab. Rücksicht nimmt im Job keiner! Gleichberechtigung heißt gleichwenig Rücksicht wie bei Männern, die nicht schwanger werden können! Ebenso sind Arbeitsstätten nicht auf Schwangere und senken des Infektionsrisikos ausgelegt. Also wenn man die "gefährlichen" letzten Monate eher zu Hause wäre, längerer Mutterschutz also, würde man die Frühgeburtlichkeit deutlich senken können. Aber gut, die Gesellschaft will es nicht anders...

  17. 4.

    Es wird wohl auch geholfen haben, dass viele Schwangere nicht mehr so viel arbeiten mussten. Stress ist nämlich auch ein Grund für Frühgeburten. Der Druck auf Schwangere wird auch nicht abnehmen, solange Arbeitgeber zunehmend erwarten, dass Frauen Mutterschutz und dergleichen nicht mehr so ernst nehmen.

  18. 3.

    Ich sehe das eher als Effekt der ausbleibenden medizinischen Überversorgung. Ein profitorientiertes Gesundheitswesen, wie das unsrige, braucht Kranke zum Überleben, was zuweilen seltsame Blüten trägt.

  19. 2.

    Na das ist schon sehr interessant.
    Ich wusste es doch, ihr mit eurer Leistungsgesellschaft!
    Mal schauen, wie lange es braucht, bis diese Erkenntnisse Wirkung zeigen.

  20. 1.

    Ach wiedermal AOK ! - Im Sommer konnten die AOK noch auf 25 % der Krankenhäuser verzichten ! - Wird wieder versucht Geld zu stapeln ! ? - Ist eben die Gesundheitskasse. LOL

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