Symbolbid: Eine Person arbeitet mit Büchern, während sie am Laptop sitzt. (Quelle: dpa/Monique Wüstenhagen)
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#Wiegehtesuns? | Der Abiturient - "Man fühlt sich etwas verloren"

Julian Franz steckt mitten in den Vorbereitungen auf sein Abitur - aber angesichts der Corona-Krise fällt es dem 19-jährigen Berliner schwer, sich aufs Lernen zu konzentrieren. Protokoll einer ungewöhnlichen Abitursituation.  

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als jedes andere Ereignis zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Julian Franz ist 19 Jahre alt und lebt bei seinen Eltern in Berlin-Friedenau. Er besucht die Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg und wird dort nach den Osterferien seine Abiturprüfungen machen. So geht es Julian:

Ich bin gerade die meiste Zeit zuhause, versuche aber auch, ein bisschen rauszugehen. Meistens fahre ich alleine mit dem Fahrrad durch die Stadt. Zuhause mache ich Musik, ich spiele mehrere Instrumente: Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier. Abends skype ich mit meinen Freunden. Natürlich versuche ich zu lernen. Aber es ist gerade für uns alle schwer, sich darauf zu konzentrieren. Denn ich denke viel über die ganze Situation nach.

Sorgen um die Familie - und Menschen aus ärmeren Ländern

Ich mache mir auf jeden Fall Sorgen um meine Familie, meine Großeltern zum Beispiel. Und ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, wie das nächste Jahr wird. Wenn wir zum Beispiel nur auf Deutschland schauen, dann ist die Frage: Wann und wie kriegen wir eine Herdenimmunität, gibt es in einem Jahr einen Impfstoff, wie sieht die Situation bis dahin aus? Wie geht’s mit der Wirtschaft weiter? Wie lange werden die Kontaktbeschränkungen noch aufrechterhalten? Wie geht es Menschen in ärmeren Ländern, wenn die wohlhabenderen Länder nicht mehr die Ressourcen haben, ihnen zu helfen?

Kein Abschied möglich

Unsere Schule ist schon seit dem 12.März geschlossen, weil es schon da zwei bestätigte Corona-Fälle gab. Einen Tag davor hatten wir ganz normal Unterricht. Am Abend bekamen wir dann eine Mail, in der stand: Die Schule ist für die nächsten zwei Tage geschlossen. Nach diesen zwei Tagen wurde die ganze Schule dann unter Quarantäne gestellt. Das war so ein unvollendeter Abschluss, man konnte sich überhaupt nicht von seinen ganzen Freunden, von der Schule selbst verabschieden. Das fand ich sehr schade. Wir haben 124 Leute im Jahrgang. Es ist ein komisches Gefühl gerade. Man fühlt sich etwas verloren.

Dann kam auch die Frage auf: Wie geht’s jetzt weiter mit den Abiprüfungen? Wir hatten ein sehr kurzes Semester, und das wurde nochmal um eineinhalb Wochen gekürzt, wo eben leider noch relativ viel Prüfungsvorbereitung passiert wäre. Mein Englischkurs hatte mit unserem Lehrer zwei Videokonferenzen, mehr eine Art Zusammentreffen, gegenseitiger Support. Wir haben Grammatik geübt und über die Abiprüfungen gesprochen. Aber ansonsten wurde leider nicht viel Stoff nachgeholt. Ich habe von Mitschülern gehört, dass manche Lehrer überhaupt nicht antworten oder zumindest schwer erreichbar sind.

Würde ein Abi ohne Prüfungen vollwertig anerkannt?

Ohne Corona hätte ich meine erste Prüfung schon geschrieben. Das wäre Geographie gewesen, mein erster Leistungskurs. Mein zweiter ist Englisch, das hätte ich danach geschrieben. Deutsch ist mein drittes Fach, Mathe mein viertes, dann noch Musik und Physik. Jetzt ist es so, dass alle Prüfungen, die vor den Ferien gewesen wären, auf nach den Ferien verschoben sind. Die anderen Termine bleiben größtenteils bestehen. Der Zeitraum zwischen den Prüfungen rückt für mich also zusammen.

Ob man die Prüfungen in diesem Jahr absagen sollte? Ich finde, es gibt relevante Argumente dafür, aber auch dagegen. Auch innerhalb unseres Jahrgangs wird noch kontrovers diskutiert, was die beste Lösung ist. Was aus meiner Sicht dafür spricht, die Prüfungen zu schreiben: Es ist nicht klar, ob ein Abi ohne Prüfungen anerkannt wird, zum Beispiel für ein Auslandsstudium. Das andere ist, dass sich viele vorgestellt haben, dass sie durch die Prüfungen nochmal ihren Schnitt verbessern können. Das war auch bei mir der Fall, ich habe mal ausgerechnet: Es wäre ungefähr zwei Dezimalstellen über dem, was ich mir vorgestellt hätte.

Soziale Unterschiede werden durch die Corona-Krise verstärkt

Aber es sprechen für mich auch sehr viele Punkte dagegen. Ich finde beispielsweise einen sehr wichtigen Punkt, dass die momentane Situation soziale Unterschiede noch verstärkt. Schlecht funktionierende Familien sind jetzt gerade noch stärker strapaziert. Familien, die vorher vielleicht noch zusammengehalten wurden, weil man koordinieren konnte, dass nicht alle gleichzeitig zuhause sind. Da kenne ich mehrere Fälle.

Die sitzen jetzt alle zusammen, vielleicht in engen Wohnungen, ohne Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Ohne einen Rückzugsraum zum konzentrierten Lernen. Bibliotheken sind geschlossen, draußen darf man sich nicht hinsetzen. Draußen lernen ist aus meiner Sicht auch keine Alternative.

Archivfoto: Ein Jogger trainiert im Morgennebel im Tiergarten in Berlin, 17.05.2019 (Quelle: imago images / Florian Gaertner / phototek).Alleine durch die Parks und Straßen der Stadt streifen, Musik machen, lernen: So sieht Julians Alltag aus.

Die große Erleichterung wird ausbleiben

Die Unsicherheit setzt auch uns zu. Auch wir wissen, dass in zwei Wochen nicht alles besser wird. Wenn wir unser Abi geschafft haben, wird die große Erleichterung ausbleiben. Vielleicht bleibt es ja auch noch ein Jahr lang so angespannt.

Ich frage mich auch, wie man diese Prüfungen durchführt. Das mit dem Abstand kann man regeln, aber gibt es überhaupt genug Desinfektionsmittel? Ich habe gelesen, dass manche Schulen große Mengen an Alkohol gekauft haben und selbst Desinfektionsmittel herstellen, weil die Bezirke es nicht ausreichend zur Verfügung stellen können. Oder wie sieht es mit Schutzmasken oder Handschuhen aus? Wenn man die Schüler nur mit zeitlichem Abstand reinlässt, müssen dann die ersten zwei Stunden rumsitzen, bis die Prüfung beginnt? Prüfungsangst kann man dadurch nur schwer bekämpfen.

Freiwilliges soziales Jahr geplant

Nach dem Abi wollte ich erstmal reisen, mit meinen Freunden in den Sommerferien – einfach irgendwohin, feiern, dass die Schule vorbei ist. Aber das dürfte schwierig werden. Die Abifahrt, die wir uns organisiert haben, fällt vielleicht auch weg. Die wäre zwar nur innerhalb Deutschlands, aber man muss sich klar die Frage stellen, ob man das im Juni schon wieder darf.

Nach dem Abi will ich nicht direkt studieren, sondern zuerst ein freiwilliges soziales Jahr machen. Bisher sieht es so aus, als ob das stattfinden kann. Ich habe mich schon bei verschiedenen Organisationen in Berlin beworben. Was ich später studieren will, habe ich noch nicht entschieden.

Ich glaube, es ist gerade eine gute Zeit, um für sich Wege zu finden, wie man mit sozialer Isolation klarkommt."

Julian Franz, Abiturient

Neue Seiten an alten Freunden

Ich persönlich habe in dieser Krise auf jeden Fall gelernt, dass man nie unterschätzen sollte, wie wichtig ein Ereignis sein kann, das weit weg auf der Welt passiert. Ich habe auch an meinen Freunden ganz neue, überraschende Seiten entdeckt - bei Leuten, bei denen ich das nie gedacht hätte. Ich habe sehr interessante Unterhaltungen geführt, die vorher so vielleicht nicht möglich gewesen wären. Man rückt anders zusammen, trotz der Distanz.

Ich denke, dass es im Leben immer Zeiten geben wird, in denen man alleine ist. Ich glaube, es ist gerade eine gute Zeit, um für sich Wege zu finden, wie man mit sozialer Isolation klarkommt. Vielleicht hilft einem das später.

Gesprächsprotokoll: Sebastian Schneider

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8 Kommentare

  1. 8.

    Das mag vor 15+ Jahren noch funktioniert haben. Heutzutage ist der Andrang auf Bildungsinstitutionen, v. a. Universitäten so groß, dass es nicht mehr reicht "klug" oder "aufgeweckt" zu sein. Der Großteil der Bewerber wird nur aufgrund ihres Abiturdurchschnittes abgelehnt, ohne die Abiturienten überhaupt vorher gesehen geschweige denn persönlich beurteilt zu haben.
    Bei einem FSJ mag das vielleicht noch gehen, aber mit einem unvollständigem Abschluss entfällt für mich jede Chance auf ein Medizinstudium.

  2. 7.

    Hier mal ein Beispiel aus Bayern
    https://www.br.de/nachrichten/bayern/corona-auszeit-ehrenamt-statt-abi-stress,RvY3J14

  3. 6.

    Warum sollte es bundesweit anerkannt werden? Andere Länder haben schon die Prüfungen durchgezogen bzw., fest geplant? Warum für Berliner eine Extrawurst?

  4. 5.

    Ich denke die beste Wahl wäre den Schülern die Wahl zu geben ob diese die Prüfung schreiben möchten oder nicht.
    Nicht schreiben wird normal und Bundesweit anerkannt aber wer die Chance haben möchte sich zu verbessern hat diese dann.
    Zur Not könnte man die Prüfungen weniger Gewichten.
    Es gibt Schulen an denen noch 10 Vorklausuren geschrieben werden müssen und ein Paar Wochen später kommen die Abschlussprüfungen.

  5. 4.

    Ist doch völlig egal, ob die Prüfungen erst im Sommer geschrieben werden, WELCHE Fristen sind denn heute noch von Belang? Glaubt jemand, Semester oder Berufsausbildungen können zeitgerecht starten?

    Vornoten reichen eigentlich auch, sind sogar realitätsnäher als die Noten in Prüfungssituationen, denn der Berufsalltag besteht nicht aus Massenauftrieb zu Massentests, sondern aus ständiger Mitarbeit und "dran bleiben".

    Der Abiturient scheint sehr reflektiert mit der Situation umzugehen, verglichen mit den Feierkaspern, die man sonst so abhängen sieht. Die wird aber keiner interviewen ;-)

    Viel Erfolg wünsche ich jedenfalls, egal, wie das Schuljahr zu Ende geht.

  6. 3.

    Lieber Julian, vielen Dank für Ihren Beitrag. Sie sprechen wohl Millionen von Menschen aus der Seele. Viele haben die gleichen Sorgen und Gedanken. Junge Menschen wie Sie machen mir Mut, diese Krise zu überstehen. Ich wünsche Ihnen, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Sie werden Ihren Weg in die Zukunft finden, da bin ich mir sicher. Alles Gute !!!

  7. 2.

    Noten sind für manche Studiengänge extrem wichtig und da kommt es auf jede Dezimalstelle an.
    Ich bin immer ein Freund davon, zuerst mit den „Betroffenen“ zu sprechen.
    Sollen die Abiturienten zwischen 3 Varianten entscheiden:
    1. Es werden die Noten genommen, die bisher vorliegen.
    2. Die Prüfungen werden geschrieben oder 3. Die Prüfungen werden später geschrieben. Wobei 3. schwierig ist. Sollte man das Jahr wiederholen? Falls nicht, was ist mit Bewerbungsfristen? Usw.

  8. 1.

    Kluger nachdenklicher junger Mann. Er wird mit jeder Abinote seinen Weg machen. Allen Abiturienten/innen und Schulabgängern wünsche ich alles Gute für die Zukunft. Und: jeder FSJ-Träger wird sich freuen, ihn einzustellen.

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