#Wiegehtesuns? Lehrerin Anne Krautter an der Tafel (Quelle: Steffen Lasch)
Bild: Steffen Lasch

#Wiegehtesuns? | Die Lehrerin - "Diese Wertschätzung der Schüler ist wahnsinnig schön"

Anne Krautter ist mit Herz und Seele Lehrerin. Zu Corona-Zeiten verlangt ihr der Job einiges ab. Aber ihre Erfahrungen in dieser Zeit empfindet sie durchaus als positiv. Ein Gesprächsprotokoll

Corona stellt noch immer unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Anne Krautter, 42, unterrichtet am Hannah-Arendt-Gymnasium in Berlin-Neukölln die Fächer Deutsch und Spanisch - zurzeit in den Klassenstufen 7, 9, 10 und 11. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Neukölln. So geht es Anne:

Zurzeit können die meisten Kinder in der Schule sein, und darüber sind sie sehr froh. Auch ich freue mich über jeden Tag, an dem ich nach Stundenplan normal unterrichten kann. Normal bedeutet eine fast volle Klasse. Im Moment fehlen immer drei bis fünf Schüler oder Schülerinnen pro Klasse. Wir haben Corona-Fälle oder Kinder, deren Eltern positiv getestet wurden, und die deswegen in Quarantäne sind.

Aber wir haben bereits seit den Herbstferien Maskenpflicht in der kompletten Schule. Das hat uns Lehrkräfte sehr beruhigt. Die Schüler verhalten sich vorbildlich. Ich habe ihnen erklärt, dass wir uns alle maximal schützen müssen, damit die Schule offenbleiben kann und keine Hotspots entstehen. Das sehen alle ein. Sie wollen nicht, dass die Schule geschlossen wird, weil sie das Homeschooling vor den Sommerferien nicht als angenehm erlebt haben. In dem Punkt stehen auch die Eltern voll hinter uns. Da gibt es keine Beschwerden.

Bislang habe ich mich nicht angesteckt, und ich schütze mich auch sehr. Obwohl es mir manchmal schwerfällt, versuche ich viel Abstand zu halten. Vor ein paar Tagen habe ich mir FFP2-Masken gekauft, weil im Moment so viele erkrankt oder in Quarantäne sind.

Es ist ein Spagat. Einerseits wollen wir alle, dass die Schule unbedingt offenbleibt und verlässlichen Präsenzunterricht anbietet. Aber wenn ich Einzelne nach Hause schicken muss, und die Fälle sich häufen, dann frage ich mich schon: Kriege ich das jetzt oder nicht?

Im Moment ist die größte Herausforderung, zwischen Online- und Präsenzunterricht zu springen, wenn Kinder in Quarantäne sind. Engagement und Krisenmanagement laufen bei uns gut. Wir haben uns früh in AGs und kleinen Teams überlegt, wie wir das digitale Lernen so interessant wie möglich machen können.

Wir stellen den Kindern, die in Quarantäne sind, Aufgaben in eine Cloud. Aber ich bin natürlich schon 26 Stunden körperlich präsent in der Schule. Ich kann nicht zusätzlich für die quarantänisierten Schüler ein extra Homeschooling machen, wo ich sie so gut betreue, wie es ihnen mit ihrem Recht auf Bildung eigentlich zusteht. Denn es ist nicht damit getan, dass wir die Aufgaben einfach nur reinstellen. Wir müssen den Kindern auch Feedback geben.

Wenn man das richtig gut machen will, kann das mehrere Stunden pro Woche in Anspruch nehmen. Ich habe kürzlich mit zwei Jungs gesprochen, die zwei Wochen in Quarantäne waren, und sie haben gesagt: Ja, wir haben Aufgaben bekommen. Aber wir haben uns auch mit Mitschülern in Verbindung gesetzt, die uns Material geschickt haben. Wir Lehrkräfte sind darauf angewiesen, dass die Kinder sich auch selbstständig darum kümmern.

Die digitale Ausstattung ist ein Knackpunkt. Sie entspricht einem Standard von vor 20 Jahren, das ist das größte Problem. Wir können zum Beispiel das Internet an unserer Schule für den Online-Unterricht nicht nutzen, weil es zu langsam ist. Die Computer stürzen ab. Ich muss mit meinem privaten Equipment arbeiten.

Eine positive Erkenntnis aus der Zeit? Dass die Schülerinnen und Schüler uns rückmelden, wie wichtig ihnen die Schule und auch die Lehrkräfte sind. Dass sie ein großes Interesse daran haben, dass ihre Schule offen ist, dass sie jeden Tag in die Schule gehen und dort mit uns gemeinsam lernen können, weil sie uns brauchen, um zu erkennen, was wichtig und was weniger wichtig ist an einem Lernprozess. Diese Wertschätzung der Schüler ist wahnsinnig schön.

Vor den Ferien durfte ich zwei Klassenarbeiten in Spanisch und Deutsch in einem Pilotprojekt online schreiben lassen, weil meine Klasse plötzlich in Quarantäne musste. Aber sie hatten so gut gelernt und wochenlang gearbeitet, die mussten jetzt die Chance haben, ihr Wissen zu zeigen. Das hat super funktioniert.

Das ist eine tolle Erfahrung, einfach Vertrauen in Schülerinnen und Schüler zu haben, dass sie das dann schon machen, und zwar auch so, wie man das von ihnen erwartet und manchmal auch über sich hinauswachsen. Ich glaube, das sind besonders schöne Momente in den letzten Monaten gewesen. Dass wir einerseits Lösungen finden für alles und sowohl die Lehrkräfte wie auch die Schülerinnen und Schüler manchmal über sich hinauswachsen.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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Beitrag von Gunnar Krüger

16 Kommentare

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  1. 16.

    Das was Sie vorschlagen wäre Ihnen lieber, verständlich. Andere schlagen etwas andereres vor, weil es ihnen besser passt, auch verständlich. Dann gibt es noch die Grundschüler, für die ist ein digitaler Unterricht ein No Go. Übrigens, leiden diese seit der Pandemie am meisten. Kaum eingeschult und dann so was?
    Die Oberschüler und Berufsschüler, die kommen schon eher zu recht. Ich kann mich an diese Zeit noch ziemlich gut erinnern, wir waren sehr flexibel, auch was das Schulschwänzen betrifft. Wir haben unser Prüfung trotzdem bestanden.
    Als Eltern, bitte mehr gelassenheit..

  2. 15.

    #A.Mutter: Schön, wenn Sie regelmäßigen Präsenzunterricht und Homeschooling als erstrebenswert halten. Haben Sie auch mal an die LehrerInnen gedacht? Das würde nahezu doppelten Aufwand bedeuten. Aber das scheint nicht so wichtig zu sein.....

  3. 14.

    Ganz ehrlich ich bin für die Umstellung des Regelunterrichtes in Präsenz- und Homeschooling....viele Schulen führen dies durch. Und ich hoffe es wird mind in allen Oberschulen durchgesetzt. Das Problem Berufsverkehr wäre damit beseitigt da alle Kinder nur noch hälftig zur Schule kommen würden...auch die Ansteckungsgefahr der Kinder, Eltern und aich Lehrer wäre mit halben Klassen auf Abstand verringert. Ich verstehe nicht warum dieses ständige hin und her und diese Diskussionen überhaupt sein müssen. Unsere Schule ist von Orange wieder auf Gelb trotzdem massig Lehrer krank sind und viele Schüler in Quarantäne sind. Mal müssen die Kinder zuhause sein mal nicht und das alles ungeregelt. Ganz ehrlich mit wäre ein geregelter Ablauf zwischen Präsenz- und Homeschooling auch als berufstätige und alleinerziehende Mutter zweier Kinder viel lieber als das was in den Schulen zur Zeit passiert.

  4. 12.

    Danke für den "Sendung mit der Maus"-Kommentar - er ist witzig und TODernst. Denn genau darum geht es bei den Schulen - um nichts anderes: Unterbringung von Kindern, damit Eltern dem "Bonzen" Profit bringen! Dem, der vielleicht sogar staatliche Stütze einfordert oder Kurzarbeit widerrechtlich durchzieht, obwohl die Mitarbeiter mit Überstunden schuften. Genau diese Leute - Lobbiisten? - sollen befriedigt werden.
    Beim Offenhalten der Schulen geht es NIE um Bildung, nur um Betreuung der Kinder.

    Das ist leider alles unfassbar traurig, aber eben Kapitalismus. Marktwirtschaft ohne "soziale".

  5. 11.

    "Und ja, es gibt leider - wie in jedem Beruf-auch einzelne! Lehrer, die ihren Job nicht gut machen." Siehste, und genau über DIESE habe ich geschrieben, im unteren Absatz meiner ultimativen Lobhudelei. Über niemanden anderen als die Lauschepperpädagogen in Fächern, die nicht 80 % des Arbeitsaufwandes einnehmen dürfen! diese Arbeitsergebnisse führten NIE zu Feedback oder wurden für den Unterricht weiter verwendet - man hätte sie gleich an den Spam-Ordner senden können oder in den Schredder packen!
    Immer mehr Eltern und Schulen fordern, nur noch "Haupt"/Mint-Fächer im Homeschooling zu "unterrichten". Musik, Kunst, Handarbeiten und Religionsausübung kann jeder privat machen.
    Tatsächlich kenne ich nicht nur Aluhütchen wie Rüdiger Borrmann :-) sondern auch noch andere Lehrer und Rektoren, die mir brühwarm Senatens Schlingerkurs übermitteln. Ich war übrigens auf einer Klosterschule in NRW.

  6. 10.

    Leute, wie Sie wissen immer alles besser, aber machen nichts um es zu verbessern.

  7. 9.

    Ich würde mir wirklich wünschen, dass Lehrer und Erzieher in der ersten Welle der (freiwilligen) Impfungen berücksichtigt werden.

  8. 8.

    Anne gefärdet sich massiv weil sie sich auf dem Höhepunkt einer gefährlichen Pandemie mit ganz vielen Kindern in einem Raum aufhält. Das macht Anne um die Wirtschft am laufen zu halten und den Profit nicht zu gefärden. Wenn nämlich die Kinder nicht mehr in die Schule gehen wollen die erwachesnen auch nicht mehr in die Arbeit. Da das dann eine echte Kriese ist würden das Geld an Wert verlieren. Das finden die Leute die viel Geld haben halt doof. Und so geht Anne halt Tag für Tag in die Schule.

  9. 7.

    Sehr schön, dass eine Lehrerin zu Wort kommt, die mit Freude und Engagement arbeitet! Davon gibt es viele!

  10. 6.

    Schön und gut so! Ich bin aber sehr erstaunt über diesen relativ entspannten Artikel. In Grundschulen kann das so nicht laufen, hier gibt es bisher keine Maskenpflicht.
    Und ich empfinde das Unterrichten keineswegs mehr als herausfordernd. Es ist eher das Gefühl täglich an die Front zu ziehen.
    Man wächst über sich hinaus ja, aber mein persönlicher Preis bisher sind enorme psychosomatische Symptome.
    Ich kenne viele, die trotz sehr viel Angst um ihre Gesundheit und ihren Familienmitgliedern regelmäßig ihr Bestes geben.
    Dennoch, ein unterlassener Arbeitsschutz seitens der Regierung ist nicht schön zu reden und für Berlin verklagenswert. Bisher gibt es für Grundschulen keine Aussagen über weitere Schutzmaßnahmen.

  11. 5.

    Sie scheinen vom Fach zu sein, weil sie schon einmal in Old-Westberlin eine Schule besucht haben? Ich war auch schon mal in East-Old-Germany beim Arzt, maße mir aber kein Urteil über einen Großteil der Mediziner an!
    Die von ihnen als "Gedöns" bezeichneten Fächer tragen wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen bei (Kunst, Musik), helfen ihnen, aktuelle politische Entwicklungen historisch zu erklären (Geschichte, Politik), sich mit Werten auseinanderzusetzen (LER)...
    Im Normalfall hat ein Lehrer mit 26 Unterrichtsstunden pro Woche etwa 8-10 Klassen mit jeweils 25 Schülern.
    Das sind Minimum 200 Schüler, die pro Woche 1-2mal mit Unterrichtsmaterial zu versorgen sind und nach digitaler Abgabe in der Schulcloud ein Anrecht darauf haben, ein individuelles Feedback zu erhalten....
    Sie haben keine Ahnung vom Lehrerberuf, wollen sich aber hier mit ihrem Bashing billigen Applaus holen!! Und ja, es gibt leider - wie in jedem Beruf-auch einzelne! Lehrer, die ihren Job nicht gut machen.

  12. 4.

    Das sind Lehrer, die sich Mühe geben. Die wissen übrigens auch, dass in ihren Fächern wichtige Kompetenzen vermittelt werden. Viele Schüler schätzen sogar, dass sie nicht schmalspurgebildet werden.

  13. 3.

    Schönes Beispiel, wie Frau Krautter das Beste aus der Krise macht.

  14. 2.

    Ich hoffe die Frau Lehrerin und die Schulleitungen in Berlin wissen, dass es Tragepausen von Masken geben sollte!
    Finde das einfach furchtbar und die Zahlen sinken trotzdem nicht. https://www.dguv.de/corona-bildung/schulen/faq/index.jsp

  15. 1.

    Auch eine Heldin :-) toll, wie Sie das machen! Solche Lehrer werden von den Schülern geliebt. Menschen, die die Hürden überwinden (Ausstattung der Schulen, Zeit für Kontakt zu den Schülern)durch Eigeninitiative und Engagement. Danke dafür! Auch für die Rückmeldungen an die Schüler, die genau so von der Anerkennung der Lehrer Leben wie es umgekehrt der Fall ist.



    Es gibt natürlich auch die anderen, die die Kinder via Cloud in ihren Nebenfächern zumüllen mit unnützen Aufgaben, die letztlich die Eltern in der Nachtschicht lösen, die NIE ein Feedback zu den Aufgaben geben, nix, das ist für Schüler (und Eltern...) vertane Zeit. Gefühlt wurden 80 % der Zeit im Homeschooling für LER/Reli, Politische Bildung, Geschichte, WAT, Musik, Kunst und Gedöns verwendet und 20 % für Ma, De, Eng/Span..., Chem/Phys/Bio. Schon klar, was für diese Schüler dabei rauskommt - was sind das dann für Lehrer?

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