Johanna Hiebel und andere Studenten haben sich eine Gartenlaube in Frankfurt (Oder) während Corona gepachtet. (Quelle: Larissa Mass)
Bild: Larissa Mass

#Wiegehtesuns | Die Studenten-Kleingärtner - "Es ist eine Auszeit von der ständigen Bildschirmzeit"

Für einige Studenten aus Frankfurt (Oder) ist Kleingärtnern zur wichtigsten Veranstaltung dieses Sommers geworden - angesichts fehlender Präsenz-Kurse, Kulturveranstaltungen und geschlossener Clubs. Zeit für Kreativität im Garten - ein Protokoll.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als viele andere Ereignisse zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Johanna Hiebl, 25, studiert den Doppelmaster "Sprachen, Kommunikation und Kulturen in Europa" an der Viadrina in Frankfurt (Oder) und Universität Posen. Gemeinsam mit vier anderen hat sie sich vor zwei Wochen einen Kleingarten in Frankfurt (Oder) gepachtet. So geht es Johanna:

Persönlich ist meine Situation etwas durcheinander, aber mir geht es gut: Ich bin eigentlich Ende Februar für ein Auslandssemester nach Posen gegangen - und war da nicht ganz drei Wochen vor Ort. Für ein Projekt wollte ich in die Ukraine - aber durch die plötzlichen Grenzschließungen wegen Corona bin ich in der Slowakei stecken geblieben und konnte von dort aus nur nach Deutschland unproblematisch wieder einreisen. Ein Teil der Kurse ziehe ich noch am Bildschirm weiter durch.

Finanziell läuft mein Erasmus-Stipendium noch bis Ende Juni. Danach hoffe ich, dass ich wieder als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni arbeiten kann und auch meine freiberuflichen Aufträge als Multiplikatorin im Jugendaustausch wieder möglich sind. Wegen Corona fiel das ja alles flach.

Eine befreundete Studentengruppe hat schon im April einen Kleingarten gepachtet, und als ich von Mitbewohnerinnen in unserem Wohnprojekt hörte, dass in der Anlage noch eine Gartenparzelle frei wird, haben ich und vier Freunde nicht lange gezögert. Zu fünft haben wir vor zwei Wochen einfach losgelegt, ohne weiter groß darüber nachzudenken. Wir haben als erstes Unkraut entfernt, das war recht intuitiv. Wir bekommen von den Nachbarn viele Pflanzen geschenkt und im Haus waren noch alte Samen. Jetzt überlegen wir: Wo kommen die Pflanzen wie hin. Jetzt stimmen wir uns auch ab - wer gießt wann.

Worauf wir nicht vorbereitet waren, war, dass wir für den Kleingarten ein echtes kleines Casting mit dem Vorstand hatten. Es gab etwas Missmut am Anfang: Sind wir als Studenten eigentlich lange genug hier in Frankfurt? Denn sie würden den Garten eigentlich gern dauerhaft verpachten. Uns wurde auch sofort gesagt: Das ist kein Sommergrundstück - ein Garten ist dazu da, um etwas anzubauen,

Denn es gibt beim Kleingärtnern die goldene Regel: ein Drittel Haus, ein Drittel Anbau und der letzte Teil Ruhezone. Als direkte Konkurrenz hatten wir ein Berliner Pärchen, da in Berlin die Wartelisten für die Gärten sehr lang sind. Aber der Vorstand hat sich zu unserer Freude doch für uns entschieden. Sie haben gehofft, dass ortsansässige Studenten sich regelmäßiger um den Garten kümmern würden.

Für uns ist es 15 bis 20 Minuten mit dem Fahrrad zum Grundstück - es ist eine Ruheoase, ohne WLAN und den Alltagstrubel. Kopf abschalten während wir sonst vor dem Bildschirm sitzen müssen für die Online-Uni. Oder wie einer meiner Mitgärtner so schön sagt: Es ist die einzige Veranstaltung für uns in diesem Sommer.

Ein Garten bietet viele Möglichkeiten, sich körperlich und kreativ auszutoben. Ich bin schon mit Garten aufgewachsen, aber hatte nie ein Interesse daran. Und ich sehe das als eine Möglichkeit, zu entdecken, wie viel Liebe und Pflege sie brauchen, damit das was wird. Schließlich wollen wir vor den Nachbarn nicht dastehen wie die junge Hippie-Studi-Gruppe, die die Pflanzen vertrocknen lässt.

Es bringt auch eine schöne und gesunde Verantwortung mit sich - es ist quasi auch ein weiterer Schritt in das Erwachsenenleben.

Gesprächsprotokoll: Larissa Mass

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3 Kommentare

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  1. 3.

    Sehr gut! Hoffentlich hat das Sigalwirkung auf andere Studenten. Als Personaler schaue ich mittlerweile sehr stark auf den Interessenbereich, denn zu viele Bildschirmnomaden ohne Hobbys oder sozialen Kompentenzen haben sich in den letzten Jahren vorgestellt. Ausgegliche Personen mit vielfältigen Interessen sind auch ausgeglichene und leistungsfähige und kreative Mitarbeiter!

  2. 2.

    Was ist daran lächerlich? Ich finde es gut wenn "junge Menschen" kreativ sind und mit ihrer Hände Arbeit etwas schaffen. Mir gefällt der Artikel und die Spontaneität den Sommer sinnvoll zu gestalten. Und gleichzeitig gemeinsam Verantwortung für ein Stück Land übernehmen.

  3. 1.

    Lächerlich!

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