#Wiegehtesuns? - Symbolbild: Ärztin in Praxis (Quelle: imago/Jose Luis)
Bild: imago/Jose Luis

#Wiegehtesuns? | Die Allgemeinmedizinerin - "Meine Patienten sind oft hilflos und haben Angst"

Ansteckungsgefahr durch infizierte Patienten, Diskussionen über Maske und Abstandsregeln, Verunsicherungen und eher entspannte ältere Menschen - wie eine Berliner Allgemeinmedizinerin das Corona-Jahr erlebt.

Corona stellt noch immer unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Karin U., 56 Jahre, ist Allgemeinmedizinerin mit eigener Praxis in Berlin. So geht es ihr:

Dieses Jahr war anstrengend für uns in der Praxis wegen der ständigen Ansteckungsgefahr durch infizierte Patienten. Während unserer Infektionssprechstunde tragen wir immer Schutzkleidung, FFP2-Masken und Visiere. Nach jedem Patientenkontakt wird die Schutzausrüstung gewechselt. Zwischendurch desinfizieren und lüften wir ständig.

Viele Patienten berichten von persönlichen schwierigen Situationen. Die Stimmung ist oft geprägt von Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, auch Ängsten um die Gesundheit und um den Arbeitsplatz. Es gibt Anpassungsstörungen bei Eltern, die ihre Kinder versorgen müssen – trotz Arbeit. Kontrollverlust: Die Leute wollen irgendwo alles im Griff behalten. Und in dieser Zeit müssen viele liebe Gewohnheiten aufgegeben werden.

Die Bereitschaft sich und andere zu schützen, bleibt weiterhin ein ständiges Thema. Die alten Menschen sind eher unkompliziert. Sie haben mehr Angst um ihre Gesundheit und sind mit den Hygieneregeln meistens einverstanden.

Aber alltägliche Diskussionen über den Sinn der Maßnahmen finden weiterhin mit einigen Patienten statt. Das kann manchmal sehr anstrengend sein. Es geht darum, im öffentlichen Bereich die Regel zu beachten. Mein Eindruck ist, dass man diese Solidarität immer wieder einfordern und erkämpfen muss

Von den Corona-Demos halte ich persönlich nichts. Auch als Ärztin finde ich es furchtbar, sich in einer großen Masse zu bewegen, ohne sich zu schützen. Das ist sehr leichtsinnig. Ich habe nichts dagegen, dass jemand seine Meinung öffentlich äußert. Aber die Abstandsmaßregeln nicht einzuhalten, finde ich schon grob fahrlässig. Es haben sich auch einige Demonstranten infiziert. Ich kenne einige Patienten, die auf einer Gegendemo waren und grob beleidigt und fast tätlich angegriffen wurden.

Die Politik versucht natürlich, Regeln vorzugeben. Aber das fruchtet nicht so. Ich glaube, dass manche Appelle einfach zu allgemein und nicht konkret genug sind, um die Leute bei der Stange zu halten. Man könnte auch darauf verweisen, dass es schon immer Pandemien gab. Und anschauen, wie die dann am Ende abgelaufen sind, etwa die Spanische Grippe 1918. Es ist nicht das erste Mal, dass die Gesellschaft sowas erlebt. Vielleicht würde es helfen, dass man einfach mal schaut, wie die Vergangenheitsbewältigung war. Dass solche Pandemien eben schon öfter da waren, und dass sie dann auch überstanden wurden.

Ich werde ab Januar beim mobilen Impfen in Seniorenheimen teilnehmen. Die meisten Impfzentren werden vermutlich erst Mitte Januar starten. Es wird natürlich dauern, bis eine Herdenimmunität vorhanden ist. Wir werden uns also noch länger an die Hygiene- und Abstandsregeln halten müssen.

Ich freue mich jedenfalls auf den Frühling, wenn es wärmer wird, wenn mehr Leben draußen ist. Dann wird alles wieder ein bisschen unkomplizierter.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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9 Kommentare

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  1. 9.

    Ja, so ist es! vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Mutationen diesen neuen Virus aus Großbritannien. In Großbritannien sind zwei Fälle einer Corona-Mutante aus Südafrika entdeckt worden. Diese Variante soll noch ansteckender sein als die erste Mutation.

  2. 8.

    „Gleichwohl wurden laut einem Bericht in „Spektrum der Wissenschaft“ bis September bereits rund 12.000 einzelne Mutationen des Coronavirus katalogisiert. Ein Großteil davon blieb vermutlich ohne Folgen für die Infektiosität oder Gefährlichkeit des Virus.“

  3. 7.

    Chapeau! Ein schönes Beispiel zum Thema "Selbstlosigkeit": die gute Frau hat kaum auf die Frage #Wiegehtesuns geantwortet, sondern zumeist auf eine #wiegehtesdenen ! <3

    "Ich glaube, dass manche Appelle einfach zu allgemein und nicht konkret genug sind, um die Leute bei der Stange zu halten."
    Eine Stütze der Stange, AN der sich die Leute festhalten, in der Ambivalenz zwischen "mentaler Minimal-Invasion" und "maximaler Toleranz für Resistenzen". Ich beneide sie um ihren "Hypokratischen Eid". ;-)

    Solidarität kann per Definition nur freiwillig sein. Ansonsten kommt nur irgendein Wort mit der Endung -ismus heraus.

    Besonders traurig wird es, wenn eine geforderte "Solidarität für das eigene Volk" in der Corona-Situation praktisch "mit Füssen getreten" wird. Das sind dann die Momente, in denen ich sehr gut ohne o.g. Eid auskomme.

  4. 6.

    Ob der Impfstoff tatsächlich das Licht am Ende des Tunnels ist, muss sich erst noch herausstellen.

    Das Virus ist mutiert. Die Tests laufen noch, um festzustellen, ob der Impfstoff auch bei der mutierten Version des Virus wirksam ist.

    Welche Langzeitnebenwirkungen der Impfstoff hat, ist auch noch unbekannt, da gerade erst mit den Impfungen begonnen wurde.

  5. 5.

    "Es gibt Anpassungsstörungen bei Eltern," wow, wie man Kacke so gold ausdrücken kann... Nervenzusammenbruch wegen unprofessioneller Digitalisierung der Schulen Dank einer Senatorin mit, wie sag ich's nur... mit Anpassungsstörungen!
    Ansonsten zeigt Frau Ufermann, wie man WIRKLICH mit vielleicht Infizierten umgehen muss - Vollschutz nach jedem Patient gewechselt. Was machen Pflegeheime? Keine Maske und auch sonst nix tragen. Der Impfeinsatz wird ein Abenteuer, Frau Ufermann... Aber wirklich lieben Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz!

  6. 4.

    Ich finde keine andere Plattform hier für meinen Kommentar. Es geht um das Verzeihen, das einige Politiker äußern, auch der bundespräsident in seiner Ansprache. Ich denke nicht, dass es verzeihbar ist, seine Angehörigen nicht beim Sterben zu begleiten, sondern alleine sterben zu lassen, Das ist unverzeihbar, gerade in dieser Pandemie!!!

  7. 3.

    Und 100% Solidarität ist eine Wunschvorstellung, die nix mit der Realität zu tun hat.... auch das sollte jedem bewusst sein.

  8. 2.

    Die Sicht der Ärztin kann ich gut nachvollziehen. In einigen Punkten bin ich vielleicht anderer Auffassung, aber das ist ja normal, auch bedingt durch ein anderes berufliches und persönliches Umfeld mit entsprechenden Erfahrungen.
    Eines ist aber doch falsch: Solidariät kann per definitionem nur freiwillig sein. Man kann sie also weder einfordern noch erkämpfen - dann ist es gesellschaftlicher Zwang, keine Solidarität. Ob gesellschaftlicher Zwang dann positiv oder negativ gesehen wird, ist eine andere Sache.

  9. 1.

    Menschen sind ziemlich robust gebaut. Mit fast allen Problemen, denen wir begegnen, werden wir durch bewusste oder unterbewusste Verarbeitung fertig. Dabei hilft ein gut funktionierendes Umfeld sehr. Partner und Freunde finden für viele Fragen die besten Lösungen.

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