#Wiegehtesuns | Die Krankenschwester - "Dass man erwachsene Menschen erziehen muss, finde ich anstrengend"

Fr 28.08.20 | 08:58 Uhr
Krankenschwester Manuela Badura mit Mundschutz (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Bild: rbb/Oliver Noffke

Der Umgang mit Corona-Patienten ist für Krankenschwester Manuela Badura Teil des Alltags geworden. Zu sehen, welche Folgen diese Krankheit haben kann, erschreckt sie. Ebenso wie die Gedankenlosigkeit, die sie bei vielen Mitmenschen beobachtet. Ein Gesprächsprotokoll.

Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf. In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Manuela Badura ist Krankenschwester in einer Berliner Klinik. Täglich wird sie mit den Auswirkungen der Krankheit Covid-19 konfrontiert. So geht es Schwester Badura.

Die Eltern meines Partners sind beide über 80. Wir haben in den vergangenen Monaten große Anstrengungen unternommen, um ihnen Wege abzunehmen, damit sie seltener das Haus verlassen müssen und sicher sind. Wir haben sie auch seltener persönlich getroffen. Das ist uns allen nicht leicht gefallen.

In meiner Arbeit muss ich vielen Patienten sehr nah kommen. Anders geht das nicht. Einmal hatte ich den Fall, dass jemand mit Symptomen kam, die recht eindeutig auf eine andere Krankheit hingewiesen hatten. Dann stellte sich jedoch heraus, dass er doch mit Corona infiziert war. Meine Kollegen und ich mussten uns alle testen lassen. Was wir sowieso regelmäßig tun. Zum Glück war ich nicht infiziert.

Eine Oberärztin auf der Station hatte bereits Covid-19. Sie sagt, sie wusste zwei Wochen lang nicht wo hinten und vorne war. So lange hatte sie hohes Fieber.

Wenn ich einen ganz schlimm anstrengenden Arbeitstag hatte, in der S-Bahn sitze und beobachte, wie die Menschen trotz Durchsagen weder Mund noch Nase bedecken, wie sie ihre Masken so halb runterhängen lassen, dann macht mich das oft richtig wütend. Ich verstehe nicht, wie man so gedankenlos mit dem Leben anderer Menschen spielen kann. Etwas anderes ist das im Endeffekt nicht. Ich zumindest möchte nicht dazu beitragen, dass diese Krankheit an eine schwächere Person weitergereicht wird.

In der Bahn fixiere ich dann diese Leute und versuche, sie so zu einer Reaktion zu bewegen. Direkt ansprechen tue ich aber niemanden mehr. Ich musste auch schon übergriffige Situationen miterleben. Wie kann man dieser einfachen Verpflichtung nicht nachkommen, die zu unser aller Schutz da ist? Ich muss auch immer einen Führerschein dabei haben, wenn ich Auto fahre. Genauso sollte das mit der Mund-Nasen-Bedeckung bei den Leuten in Fleisch und Blut übergehen. Dass man stattdessen erwachsene Menschen erziehen muss, finde ich anstrengend.

Es würden helfen, wenn die Mitarbeiter der Bahn das stärker kontrollieren würden. Oder die Polizei. Ich habe mehrfach erlebt, wie Ordnungskräfte bei Verstößen untätig geblieben sind, wie ihnen das egal zu sein schien. Ich habe auch bei der Deutschen Bahn nachgefragt, wieso da nicht besser kontrolliert wird und auch bei der Bundespolizei. Aber die Antworten, die ich bekam, klangen wie leere Hülsen, wie Ausreden.

Einigen, der Corona-Patienten, die wir behandeln, geht es richtig schlecht. Die liegen wochenlang auf der Intensivstation. Ich bekomme Angst, wenn ich das sehe und weiß, nicht nur bei uns in Deutschland passiert das gerade; sondern dass wir eine Pandemie erleben, dass die Krankheit sich weltweit ausbreitet.

Ich habe jeden Tag mit infizierten Patienten zu tun. Dabei muss ich schauen, dass ich mich nicht selber infiziere, um Freunde und meine Familie nicht zu gefährden.

Wir haben im Krankenhaus auch fensterlose Räume, in denen es keine Frischluftzufuhr gibt, was wiederum heißt, dass ich den ganzen Tag einen Mundschutz trage. Meine Kollegen und ich achten noch mehr auf die Hygienevorschriften. Wir sind ständig dabei, unsere Hände zu desinfizieren und müssen stets Schutzkleidung tragen.

Die Zahl unserer stationären Patienten hat sich unterdessen nicht verändert. Hinzu kommen nun also noch diejenigen, die mit Corona infiziert sind. Der Arbeitsaufwand wird eher mehr als weniger.

Geändert hat sich auch, dass wir - die Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte - uns nicht mehr so frei im Krankenhaus bewegen können. In den vergangenen Monaten habe ich mich manchmal eine Spur weit überwacht gefühlt. Eine zeitlang war direkt am Eingang der Sicherheitsdienst positioniert. An sämtlichen Ausgängen stand jemand und hat uns kontrolliert. Das war vorher nicht notwendig gewesen.

Krankenschwester Manuela Badura (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Bild: rbb/Oliver Noffke

Hinzu kommen Schwierigkeiten, die ich seit dem Ende der DDR nicht mehr für möglich gehalten habe. Wir hatten oft Situationen, in denen uns Apotheken kein Desinfektionsmittel mehr liefern konnten und wir mit dem haushalten mussten, was wir hatten. Wenn wir welches geliefert bekamen, wussten wir nicht, wie lange es vorrätig sein würde, also haben wir zu bunkern angefangen. Oftmals haben wir tagelang den gleichen Mundschutz getragen, obwohl man den eigentlich täglich wechseln muss, weil wir da auch reinschwitzen.

Momentan haben wir wieder ein Level, das der Normalität nah kommt. Aber wird das lange anhalten? Wenn uns noch einmal das Material ausgeht, sind wir aufgeschmissen. Dann können wir keine Hygienevorschriften einhalten und neue Infektionen sind vorprogrammiert.

Gesprächsprotokoll: Oliver Noffke

Wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag gerade aus? Erzählen Sie rbb|24 Ihre Geschichte in Zeiten von Corona! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Was Sie jetzt wissen müssen

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Schülerinnen und Schüler sitzen während des Unterrichts in ihrem Klassenzimmer (Quelle: dpa/Philipp von Ditfurth).
dpa/Philipp von Ditfurth

Zweckentfremdet - Hunderte Lehrkräfte, die gar nicht unterrichten

Statt für Unterricht werden Lehrkräfte in Berlin für andere Zwecke eingesetzt - und fehlen dann an Schulen. Sie geben Seminare oder kümmern sich um Studierende. Während die einen diese Priorisierung kritisieren, sagen andere, dass sie notwenig sei. Von Franziska Hoppen