#wiegehtesuns | Der Oberstufenschüler - "Natürlich fühle ich mich ausgebremst"

Karl Herrmann ist 17 Jahre alt und besucht die 11 Klasse des evangelischen Johanniter Gymnasiums in Wriezen. (Quelle: rbb24/privat)
Bild: rbb24/privat

Eigentlich wäre Karl jetzt in Kanada, aber mit dem Auslandsjahr hat es für den Schüler aus Wriezen nicht geklappt - wegen Corona. Stattdessen saß er sechs Monate im Home-Schooling. Der Präsenzunterricht ist für ihn seit Langem ein Schritt nach vorn.

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Karl Herrmann ist 17 Jahre alt und besucht die 11. Klasse des evangelischen Johanniter Gymnasiums in Wriezen. In den letzten sechs Monaten fand der Unterricht vor allem in seinem Zimmer vor dem Laptop statt. Dabei wollte Karl eigentlich das Schuljahr an einer High-School in den kanadischen Rocky Mountains verbringen. So geht es Karl:

Da die Abiturienten weg sind, dürfen wir nun als Abschlussklasse endlich wieder in den Präsenzunterricht. Es fühlt sich gut an, die Freunde wiederzusehen, auch einfach mal wieder jemand anderen zu sehen außer den Laptop zu Hause.

Ich habe es auch wirklich satt, drin herumzusitzen und auf den Bildschirm zu starren. In der Schule, da pflegt man einen direkten Austausch. Alles ist einfach direkter und nichts so unpersönlich wie im Home-Schooling.

Mir fällt es teilweise auch schwer, dem Lehrer vor dem Laptop zuzuhören und über 80 Minuten eine erhöhte Konzentration und Mitarbeit im Unterricht abzuliefern. Oft ist die Kamera bei vielen Schülern nicht an und es ist mehr so ein anonymes Ding, man spricht im Prinzip wie gegen eine Wand. Auch die Internetverbindung ist nicht immer die Beste.

Ich mache mir schon Sorgen, den Anschluss zu verlieren. Ich habe Vieles im Home-Schooling noch nicht fertig gemacht. Man versteht auch einfach nicht alles so richtig. Nicht alle Schüler haben das Selbstvertrauen, online nachzufragen, zu sagen: 'Hab' ich nicht verstanden, bitte nochmal erklären!' Das ist immer so eine Sache.

Mein Abi sehe ich nicht in Gefahr, würde ich sagen. Aber viele meiner Freunde sagen auch, dass sie eventuell die Elfte wiederholen wollen beziehungsweise nach der Elften abgehen werden, mit dem Fach-Abi. Viele haben auch Angst, dass unser Abitur nicht so viel wert sein wird. Ich denke aber, wenn man ein Abi mit 1 hat, das zeigt doch, dass man fleißig war, auch während Corona.

Wenn Corona nicht wäre, dann würde ich Fußball spielen im Verein. Alleine Sport zu Hause machen oder laufen gehen, das ist einfach nicht das Gleiche für mich.

Dann würde ich mich mehr mit Freunden treffen und ins Kino gehen. Ich bin ja jemand, der viel Kontakt zu seinen Freunden braucht – das fehlt komplett.

Eigentlich war im letzten Sommer geplant, für ein Auslandsjahr nach Kanada zu gehen, nach Revelstoke in den Rocky Mountains. Ich hatte eine Zusage, meine Gastfamilie stand bereit, ich hatte meinen Koffer im Prinzip schon gepackt, habe selber Geld verdient und mir eine Ski-Ausrüstung gekauft. Zwei Tage vor der Abreise wurde das Ganze dann ausgesetzt, weil das Visum noch nicht gekommen war, und dann war uns schon klar, das könnte zu einer Absage führen. Dann haben sie uns noch sechs Wochen hingehalten, um es vielleicht doch noch möglich zu machen. Es wurde dann doch nichts. Das Auslandsjahr in British Columbia war plötzlich Geschichte.

Ich wollte nach Kanada, um mir ein Jahr Auszeit zu nehmen und auch mal etwas anderes zu sehen, außerhalb von Europa. Die Chance zu so einem High School Jahr mit Gastfamilie ist für mich nun nicht mehr da, das geht halt nur nach der 10. Klasse, und das ist jetzt einfach nicht mehr möglich.

Natürlich fühle ich mich ausgebremst, für mich war dieses Jahr ein Rückschritt in fast allen Bereichen.

Prinzipiell hoffe ich aber das Beste, dass es so weitergeht und wieder alles aufmacht mit der Zeit - aber bestimmen kann ich das halt nicht.

Gesprächsprotokoll: Cosima Jagow-Duda

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21 Kommentare

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  1. 20.

    Natürlich sind Entscheidungen, Emotionen, Gefühle mit dem Alter verbunden. Ich handle z.B. mit 35 Jahren anders als mit 16 Jahren und „nein“ die Teenagerzeit kann man nicht nachholen.
    Ich hab einfach Verständnis für die Situation dieser jungen Menschen.

  2. 19.

    "Vielleicht sollten die Menschen mal daran denken wem wirklich die Jugend geklaut wurde und noch heute geklaut wird."
    Jo ... hab ich gemacht und bin darauf gestossen:
    https://www.spiegel.de/familie/teenies-im-lockdown-ihr-seid-die-wucht-a-19b1ee25-bce9-4f3a-a120-bc2482b90b40

    Ihr Vergleich mit Kriegsgebieten trifft zwar auf den ersten Blick immer, andererseits ist er aber völlig daneben. Spätenstens dann, wenn man die jeweiligen Begleitumstände des jeweiligen Geschehens ins Spiel bringt, wird daraus ein billiges "Totschlagargument" - mehr nicht.

    ... und schämen müssen sich Menschen wie "Karl" für nichts.

  3. 18.

    Sie haben anscheinend den Artikel nicht bis zum Ende gelesen oder sind einfach gefühlskalt. Der Junge hat keine Chance dieses Auslandsjahr nachzuholen, für ihn ist es ein Einschnitt in seine Lebensplanung. Und es geht den Kindern und Jugendlichen in dieser Situation schlecht, fast allen Menschen geht es mit der Coronasituation schlechter als vorher. Und nur weil es keine Kriegserfahrung ist, darf man trotzdem darüber sprechen, wie sehr einen die Situation belastet. Wegen kalten, uneinfühlsamen Leuten wie Ihnen, die anderen sagen, die die Probleme anderer herunterspielen, ihnen sagen, dass sie aufhören sollen zu jammern, weil es anderen noch schlechter geht oder ging, haben viele junge Leute heutzutage Depressionen und Traumata, aber das werden sie wohl nicht verstehen. Sie sollten sich für ihren Ärger und ihre unüberlegte Aussage schämen.

  4. 17.

    Ich habe lange überlegt, aber ich muss es jetzt einmal loswerden. Jedesmal wenn ich lese " Corona klaut mir meine Jugend " könnte ich kotzen. Da jammert man weil man mal 1 Jahr nicht so feiern kann wie man möchte. Vielleicht sollten die Menschen mal daran denken wem wirklich die Jugend geklaut wurde und noch heute geklaut wird. Fragt mal die Jugend in den Kriegsgebieten, ich glaub die würden gerne mit Euch tauschen. Ihr solltet Euch schämen.

  5. 16.

    #1 Mirko und andere
    was für ein wirrer Kommentar. Was schreiben Sie da von "einem Luxus Problem" ? Dann hat die ganze Welt scheinbar derzeit ein "Luxus Problem" mit Corona, nach Ihren Worten ?!
    Ob dieser Jugendliche nun für F.f.F. ist, wird nirgends erwähnt und spielt in diesem Zusammenhang auch keinerlei Rolle, was Sie hier versuchen zu konstruieren.
    Demnach scheinen Sie ihr Leben bereits hinter sich zu haben und es sich in Corona Zeiten vor Ihrem Monitor schön kuschelig eingerichtet zu haben.

  6. 15.

    Ich stimme Ihnen zu! Meine Kinder sind auch „betroffen“. Sehen es aber weniger problematisch. Sie machen Hier das beste daraus. Später wird es nachgeholt. Ist halt so.

  7. 14.

    Das ist kein Luxusproblem. Die Jugendlichen haben Angst um ihre Zukunft, wem ist es zu verdenken?

    Ein Auslandsaufenthalt in einer Gastfamilie kann zu einer enormen Sprachentwicklung führen, was gerade heutzutage sehr wichtig ist. Ich bin froh, daß mein Kibd diese Möglichkeit noch vor Corona hatte.

    Ich finde es frech von ihnen, die Jugend so dermaßen im schlechten Licht darzustellen.

  8. 13.

    Es gab schon früher Generationen die ihrer Zukunft beraubt wurden und genau diese Generationen haben Deutschland zu dem gemacht was es ist. Für mich ist das Ganze ein bisschen Jammern auf hohem Niveau. Nicht selten werden solche Jahre im Ausland oder auch die freiwilligen sozialen Jahre zur Selbstfindung genutzt. Weil man gab einfach noch keine klaren Vorstellungen über Studium bzw. Beruf hat.

  9. 12.

    Und ich finde es sehr übertrieben, sich so unter Druck zu setzen, und so zu tun als sei nun alles verloren. Zunächst mal besteht die Jugend ja nicht nur aus ein paar Monaten, sondern aus mehreren Jahren. Und dann verläuft ja auch nicht jedes Leben gleich. Ist es nicht eher diese gesellschaftliche Erwartungshaltung, die einem immerzu suggeriert, dass man in dem und dem Alter unbedingt dieses und jenes getan / erlebt haben MUSS (sonst hat man ja sein Leben nicht gelebt!!), durch die nicht nur in der aktuellen Lage viele junge Leute regelrechte Torschlusspanik bekommen? Die meisten der beschriebenen Dinge lassen sich problemlos nachholen bzw. sind nicht an ein bestimmtes Alter gebunden.

  10. 11.

    Ich finde es schade, dass es mit dem Auslandsjahr durch Corona nicht klappt. Es wäre eine gute Erfahrung gewesen. Vielleicht kann man nach dem Abi ein Jahr ins Ausland gehen. Auch die Universitäten bieten Auslandsemester an. Für die Kinder und Jugendlichen ist es in dieser Zeit besonders schwer. Ihnen fehlen viele gemeinsame Erlebnisse, ob beim Sport in Vereinen, das gemeinsame Lernen mit ihren Mitschülern oder einfach mal ins Kino oder zur Disco gehen. Ich wünsche mir für alle das diese Zeit ein Ende hat.

  11. 10.

    Wie konnte aus mir mit einer 08/15-Schulzeit ohne Ausland bloß was werden?
    Mit der SCHULE muss soch nun wirklich keiner ins Ausland, das kann man in Ausbildung und Studium immer noch machen.
    (ERASMUS und Co., gibt's für Akademiker und Nicht-Akademiker.)
    Schulaufenthalte im Ausland sind meiner Meinung nach entbehrlich, DA man Auslands-Bildungsaufenthalte später eben auch noch machen kann.

  12. 9.

    Sie sind wohl etwas aus der Zeit gefallen ? Früher war alles anders, ja, aber besser bestimmt nicht. Und es ist ganz sicher kein Luxusproblem, ein Auslandssemester oder auch ein ganzes Auslandsjahr zu absolvieren, sondern es trägt ganz wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Nicht umsonst der alte Spruch " Reisen bildet "'

  13. 8.

    #soso, ich schliesse mich voll Ihrer Meinung an.Ein 17 Jähriger Schüler berichtet hier ohne Heulen und Dramatik von seinen Erfahrungen, die er mit Corona machen musste, und in all seinen Berichten steckt immer noch ein positiver Blick in die Zukunft. Max, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie ein Bombenabitur hinlegen, und dass nach dem Ausbremsen noch kräftig Gas gegeben werden kann.

  14. 7.

    Ich würde mir bei #wiegehtesuns auch mal positive Berichte wünschen. Es gibt nämlich mit Sicherheit auch Leute, denen der Lockdown ein paar Vorteile bringt, sei es durch Home Office oder dass bestimmte gesellschaftliche Zwänge entfallen.... Bestimmt gibt es auch Schüler, die sich im Homeschooling besser konzentrieren können als in der Klasse, die in der Schule zB Mobbing erfahren oder anderweitig Probleme haben, und nun umso besser lernen. Warum wird diese Seite so selten beleuchtet und immer nur der Fokus auf das "Leid" gesetzt?

    Man kann übrigens auch später noch nach Kanada reisen, jederzeit, sobald wieder möglich.

  15. 6.

    Das ist kein Luxusproblem! Mal eine zeitlang im Ausland leben, arbeiten und/oder lernen - nicht nur Urlaub machen oder "bereisen", ist nicht mit Geld nicht aufzuwiegen. Die Erfahrung, wie Menschen in anderen Länden "ticken" würde hier sehr vielen die Augen öffnen. Sicher es hört sich teuer an, aber es gibt auch Stipendien, Auslands-Bafög, für die USA bspw. das Parlamentarisches Patenschafts-Programm (PPP)https://www.bundestag.de/ppp, für Kanada gibt es hier was https://www.gls-sprachenzentrum.de/3767_auslandsjahr_kanada.html . Sicher wird es leider immer Familien geben, die dies trotz aller Hilfsangebote einfach nicht leisten können - hier wäre der Staat gefragt und könnte mal Steuergelder sinnvoll verwenden. Abgesehen davon sind Auslandsjahr und Austauschsemester zwei verschiedene Schuhe. Letztere gab es "früher" auch schon.
    Ich wünsche "Karl" das es doch irgendwie klappt.

  16. 5.

    Das find ich nicht, es ist einfach nur schlimm was die Jugend zur Zeit erfahren muss. In dem Alter will man ausgehen, Freunde treffen, in Clubs gehen, neue Leute kennenlernen, reisen, Erfahrungen sammeln, Abiturfeier, 18. Geburtstag feiern, ein/e Freund/Freundin finden, die Zukunft planen. Es ist die spannendste Zeit im Leben eines jungen Menschen.
    Alles verboten, ich find das so schlimm. Die Verlierer dieser Pandemie, für mich, genau diese Generation. Auch beim Impfen sind sie erst einmal die Letzten und müssen/stellen sich hinter an.

  17. 4.

    Ich wünsche allen jungen Leuten, trotz aller Schwierigkeiten, einen guten Start ins Arbeitsleben. Ihr seid die Zukunft, lasst sie euch nicht nehmen.

  18. 3.

    Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, der Schüler jammert nicht, sondert erzählt welche Einschränkungen er erlebt.

    Und Sie werden doch nicht allen ernstes einem 17-jährigen Schüler vorwerfen, das er ein gutes Abitur mit entsprechendem Unterricht erreichen möchte und stattdessen mäßigen Onlineunterricht und Arbeitsblätter bekommt. Sein Auslandsjahr wäre nicht nur zum Spaß, sondern die erworbenen Sprachkenntnisse ein klarer Vorteil fürs Berufsleben gewesen.

    Viel Erfolg für die Zukunft und ganz viel Spaß, wenn die ein oder andere Party nachgeholt wird.

  19. 2.

    Karl & Co - ihr meistert diese Zeit super und könnt stolz auf euch sein. So manch ein "Großer" hätte Probleme all das so wie ihr zu stemmen. Gestärkt werdet ihr aus dieser Krise in's Leben gehen und euren Weg finden. Haltet durch und viel Erfolg für's Abi !!!

  20. 1.

    Sorry, aber in Teilen sind das auch echte Luxusprobleme.

    Ich frage mich immer, wie die Menschen es früher gemacht haben - ohne Austauschsemester.

    Zumindest scheint er demnach nicht zu den Fridays For Future zugehören… Ski fahren… fliegen….

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