Allgemeinmedizinerin Karin Ufermann (Quelle: rbb/Ufermann)
Bild: Privat

#Wiegehtesuns? | Die Hausärztin - "Ich habe noch nie unter solchen Bedingungen gearbeitet"

Desinfektionsmittel und Schutzanzüge sind knapp, aber der Praxisbetrieb soll und muss trotzdem weitergehen. Karin Ufermann erlebt anstrengende Zeiten. Das Protokoll einer Allgemeinmedizinerin in Berlin-Rudow.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als jedes andere Ereignis zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Karin Ufermann,  56 Jahre, ist Allgemeinmedizinerin mit eigener Praxis in Berlin-Rudow. Mit ihren Ressourcen muss sie haushalten - in vielerlei Hinsicht. So geht es Karin Ufermann:

Im Moment ist alles sehr aufregend für mich. Ich bin seit 20 Jahren niedergelassene Allgemeinmedizinerin und habe noch nie unter solchen Bedingungen gearbeitet. Es gab vor einigen Jahren die Schweinegrippe und immer wieder Grippewellen, die auch Kräfte zehren. Aber ich habe noch nicht erlebt, dass die Gesundheit so vieler Menschen bedroht ist. Ich fühle mich auch selbst sehr unsicher, weil unsere Praxis mit Schutzausrüstungen nicht ausgestattet ist.

Wenn wir Patienten untersuchen, ist das eine recht nahe Situation. Wir müssen uns schützen. Das Tragen von Schutzkleidung ist dabei während dieser Pandemie sehr wichtig. Vor allem Flächen- und Handdesinfektionsmittel sowie hygienischer Mundschutz werden eben knapp. Ich muss mit den Dingen haushalten, die ich jetzt noch zur Verfügung habe. Deswegen haben wir unsere Sprechzeiten reduziert und bieten Telefonsprechzeiten an. Zudem werden wir Videosprechstunden einrichten.

Nicht notwendige Untersuchungen, sagen wir ab. Zurzeit rufen Patienten an von Praxen, die geschlossen haben. Da sage ich auch schon mal nein, das geht jetzt nicht, ich muss erstmal meine eigenen Patienten versorgen. Insgesamt fällt im Moment viel Bürokratie an: die Ausstellung der Arbeitsunfähigkeit und Bescheinigungen.

Wir machen regelmäßig Teamsitzungen und besprechen: Wie war der Tag? Was war gut? Was müssen wir anders machen? Über alles zu sprechen, hilft. Ich plane auch nicht mehr so weit voraus. Ich versuche halt, möglichst flexibel zu bleiben und zu gucken: Wie geht es meinen Mitarbeiterinnen und mir selbst.

Für Spenden von Nachbarn und Patienten in Form von Desinfektionsmitteln, sogar 5 Liter Isopropanol, bin ich sehr dankbar. Angebote von selbstgenähtem Mundschutz erreichen meine Mitarbeiterinnen.

Ich würde mir wünschen, dass der Handel oder andere Orte, wo sich viele Menschen aufhalten, Unterstützung für Hygienemaßnahmen erhalten. Das könnten die privaten Krankenversicherungen leisten. Öffentliche Gesundheit ist sehr wichtig. Jetzt ist ein Umbruch, wo man über diese Dinge mal nachdenken könnte. Der Politik scheint das Leben der Menschen am Herzen zu liegen. Wenn man davon ausgeht, dass wirklich um das Leben jedes Einzelnen gekämpft wird, dann sollte auch Öffentliche Gesundheit ein Thema werden. Das Thema Bürgerversicherung sollte diskutiert werden.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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Antwort auf [Mara] vom 03.04.2020 um 06:55
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6 Kommentare

  1. 6.

    Ja Marianne, das ist leider so. Liegt aber alles am System, an unserem Rentensystem. Vor 50 Jahren haben 10 Menschen für einen Rentner gearbeitet, heute bewegen wir auf 1:1 hin. Viele freuen sich vielleicht, besonders wenn es nicht gerade Oma oder Opa aus der eigenen Familie sind, die versterben. Da hat die Rentenkasse Geld gespart. Was aber wirklich in 30 - 50 Jahren mit der Rente los ist weiß kein Mensch, wenn diese Jüngeren mal so weit sind. Freu dich doch einfach dass es dich gibt, ich tu das auch.

  2. 5.

    Ich sehe da im letzten Absatz einen Widerspruch. Die Ärztin ist der Meinung, private Krankenversicherungen könnten das leisten (der Meinung bin ich auch) und will dann über die Bürgerversicherung diskutieren. - die gerade dafür sorgen würde, dass es keine privaten Krankenversicherungen mehr gibt.

  3. 4.

    Ihr Kommentar entspricht meiner Wahrnehmung auf die jüngste Generation. Ich arbeite halbtags in der ambulanten Pflege u. sehe mich aktuell auf einem festen finanziellen Standbein als meine Kolleg-inn-en im akademischen Feld der prekär Selbständigen. Bin 52 J. Gleichzeitig habe ich große Sorge angesichts meines aktuellen Pflegealltags: Wir verfügen nur noch über Handschuhe. Virustest des Pflegepersonals gibt es nicht. Viele meiner bettlägerigen Patienten wären dem Virus eines von uns Infizierten, der dies noch nicht bemerkt hat, ausgeliefert. Bettlägerige entwickeln sehr leicht eine Pneumonie aus einer viralen Atemwegserkrankung. Pflegende ohne geeigneten Mundschutz atmen im Nahkontakt den Husten direkt ein. Gegen Entfremdung der Jungen gegenüber den Alten hilft die Wiedereinführung einjährigenr soz. Dienst- o. Wehrpflicht optional wie in Zivildienstzeiten. Hier liegt ein Bruch zwischen Dienstleistungsehmernmentalität (Junge) u. Solidariät (Ältere) vor der gekitter werden kann.

  4. 3.

    Ich bin 73 Jahre alt und mache mir auch große Sorgen. Um den Zusammenhalt zwischen jung und alt. Gerade in letzter Zeit musste ich erleben, dass die jüngere Generation über uns alte sehr schlecht geredet hat.
    Es gab ein paar gemeine Videos über uns alte. Dabei freuen sich meine Enkelkinder jedesmal, wenn wir uns gemeinsam treffen können, was derzeit leider nicht möglich ist.
    Ich befürchte, dass wir alten zuerst die Konsequenzen tragen müssen und die junge Generation sich dann noch freuen würde, wenn wir zu erst sterben würden.

  5. 2.

    WER, WER BITTE SCHÜTZT UNS ENDLICH?????

  6. 1.

    Sehr geehrtes RBB-Team in Funk und Fernsehen & alle ambulanten regionalen Hausärzte, Danke für Ihre wertvolle Arbeit. Bitte berichten Sie noch deutlich sehr viel mehr über regionale, kreative, progressive, neue Entwicklungen, Möglichkeiten, Veränderungen: Darüber - Wie zBsp. Senioren - ohne Angehörigenkontakt, ohne "whats-up-gruppe", ohne Internet in ihrem Dorf, in ihrer Ortschaft an (selbstgenähte) Schutzmasken herankommen können? Danke

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