Unterricht in einer Grundschule (Quelle: dpa/Helmut Fohringer)
Bild: dpa/Helmut Fohringer

#Wiegehtesuns? | Die Schuldirektorin - "Schule bewegt sich teilweise in einer Grauzone"

400 Schülerinnen und Schüler, zu wenig Personal, eine Flut von Regeln, unzufriedene Eltern, Übergangslösungen und täglich andere Arbeitsbedingungen. Warum seit Corona jeder Tag eine einzige Herausforderung ist - Protokoll einer Grundschuldirektorin.

Corona betrifft uns alle –  nicht nur in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Karin M. [44, Name von der Redaktion geändert] ist Direktorin einer Berliner Grundschule mit 400 Kindern. Ihr Job hat mittlerweile mit Pädagogik wenig zu tun. So geht es Karin:

Der Kopf brummt, bloß nichts vergessen! Aber als Schulleitung tragen wir nun mal die Verantwortung. Leider ändern sich ständig die Bedingungen für unsere Arbeit: Stundenplan, Aufsichten, Klassenstärke und Betreuungszeiten. Das Personal ist viel zu knapp,und der Bedarf ist sehr hoch. Nur 70 Prozent der Lehrkräfte sind derzeit in der Schule, der Rest gehört zur Risikogruppe und arbeitet im Home Office.

Mit der Teilung der Klassen wegen der Abstandsregeln verdoppelt sich ganz einfach mal der Bedarf an Lehrern. Wir suchen nach Lösungen, verringern die Stundenzahl der Jahrgänge. Egal, welches Konzept wir entwickeln: Alles muss dokumentiert, statistisch erfasst werden. Und na klar: Personal, Senat, Schulträger, Schüler und Eltern müssen informiert werden, möglichst ausführlich und nachvollziehbar.

Was wird in den Sommerferien geschehen, wenn die Erzieherinnen und Erzieher der freien Träger in den Urlaub gehen, wir aber die Notbetreuung fortsetzen müssen? Springen dann Lehrer ein?

Eine Flut von Fragen und deren Lösungen sind Tag für Tag abzuarbeiten: Wie sieht der Stellenplan der Lehrer für das neue Schuljahr aus? Wie sind die Reinigungsintervalle auf den Toiletten zu garantieren? Was ist mit der Mensa: Reicht der Platz für das Gratisessen? Wieviele Lehrer sind krank, beim E-Mailverteiler für die Eltern fehlen Anschriften, wer darf welchen Eingang benutzen, welche Fächer können in welchem Umfang unterrichtet werden?

Möglichst rasch mussten der Hygieneplan, die Gefährdungsbeurteilung und die Hausordnung mit neuen Regelungen etwa hinsichtlich der Toilettennutzung auf den Weg gebracht werden. Doch viele Anforderungen widersprechen sich.

Ständig überlegen wir, wie denn eigentlich die Leistungen der Schüler beurteilt werden, die Hausaufgaben oder das Lernen zu Hause. Das alles ist aus fachlicher und pädagogischer Sicht unbefriedigend und frustrierend für die Schüler, die Lehrer und die Eltern – vor allem mit Blick auf die Zeugnisse und das kommende Schuljahr.

Für eine Pandemie ist unsere Schule technisch nicht ausgestattet. Lernplattformen und Kommunikationswege via Live-Chat und Videokonferenz sind wichtig für einen guten Kontakt zwischen Schule, Eltern und Schüler. Die technische Ausstattung oder die digitalen Möglichkeiten der Schule können aber nur mit ungeheurem Aufwand an die Corona-Situation angepasst werden. Aber die Mühen rechtfertigen den Nutzen zum jetzigen Zeitpunkt kaum.

Der Datenschutz setzt Grenzen, die auch nicht durch innovative Lösungen überwunden werden können. Vielmehr bewegt sich Schule teilweise in einer Grauzone, die uns angreifbar macht. Die Zeit, die die Klärung in Anspruch nimmt, wird uns als Faulheit ausgelegt, weil 'nichts passiert'. Dabei ist es so: Wir dürfen keine persönlichen Daten von unseren Schülern, keine Zeugnisse auf dem eigenen Laptop haben oder auf einen Stick ziehen.

In vielen Bereichen erreichen uns solch konträre Anfragen: Warum gibt es so wenig Unterrichtsmaterial? So viel Unterrichtsmaterial schaffen wir nicht zu Hause! Erklärungen und Klarstellungsversuche kosten Zeit und verursachen Unsicherheit. Die Verunsicherung ist schon intern kaum zu ertragen. Sie ist für Außenstehende, die von Schule Professionalität erwarten, noch weniger auszuhalten.

Menschlichkeit geht ein Stück weit verloren: Die hohe Belastung ohne den persönlichen Kontakt im Lehrerzimmer, in den Klassen, den Schulgremien und mit den Verantwortlichen, wird durch ständige Erreichbarkeit und die Erwartung einer zügigen Antwort oder Aussagen härtester Tonart immer weiter gesteigert. Wir nehmen die positiven Rückmeldungen wahr, freuen uns darüber und werden im nächsten Augenblick durch eine E-Mail, einen Anruf, in einem Gespräch durch Vorwürfe wieder runtergezogen.

Und wir organisieren das nächste Schuljahr ohne die fristgemäße Zuarbeit zum Beispiel aus dem Schulamt. Wir müssen die Eltern der Schulanfänger vertrösten, erzeugen damit selbst den Unmut, den wir zu spüren bekommen. Außerdem benötigen wir einen neuen Caterer für die Schulmensa. Also müssen Testverkostungen stattfinden. Alles muss korrekt sein, denn das Bewerbungsverfahren der Caterer ist an viel Geld gebunden – wir dürfen nichts falsch machen und keine Frist verpassen.

Immerhin: Baumaßnahmen werden durchgezogen und die Reinigung wurde verbessert. Für vier Stunden haben wir eine Putzkraft mehr pro Tag. Das war vor der Schulschließung nicht möglich und nicht finanzierbar. Wir freuen uns und wundern uns über diesen kleinen Fortschritt.

Gesprächsprotokoll: Ansgar Hocke

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Antwort auf [Stoll Karl-Heinz] vom 20.05.2020 um 08:30
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12 Kommentare

  1. 12.

    An rbb24. Vielen Dank, dass Sie die Quelle schützen! Es ist eine Gefahr für die Demokratie, dass vieles eben nicht ans Licht kommt, weil der Schutz der Quellen, die aus dem öffentlichen Diemst kommen, immer eine heikle Frage ist. Nun sind die Schülerzahl, das Geschlecht der Quelle und deren Alter genannt. Darüber könnte ggf. doch herausgefunden werden, wer die Quelle ist. Ich hoffe, dass es nicht geschieht. Wir brauchen Mutige, die die Missstände ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Die Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch darauf zu erfahren, was alles mit ihrem Steuergeld nicht zum Nutzen der freiheitlichen Grundordnung passieren darf. Hochachtung für die Quelle!

  2. 11.

    Ich bin Lehrerin an einem Berliner Gymnasium und beobachte täglich, wie sich weder Schüler noch Kollegen an die geltenden Abstandsregeln halten. Hygienekonzept hin oder her, wie immer klaffen die von den Berliner Bildungs"experten" erdachte Theorie und die Praxis in der Schule gaaaaanz weit auseinander.
    Da wir als Lehrer das ja schon kennen, sind wir, bis auf ein paar Ausnahmen, entspannt. Was sollen wir auch anderes machen, die Resignation hat sich bei den meisten schon weit vorher breitgemacht.

  3. 9.

    Nennt sich Arbeitsschutz und ist nicht optional.... Wenn sich ein Arbeitgeber nicht daran halt, sollen es alle? Dann können wir ja überall Zustände wie in der Fleischindustrie einfuhren.

  4. 8.

    Na das meinte doch Ede, das können sich Verkäuferin die Risikogruppe sind nunmal nicht aussuchen und schnell in Heimarbeit gehen, deswegen ist es schon ein Ungleichbehandlung.
    Und außerdem ungerecht da die Lehrerin ja bedeutend mehr verdienen, von daher halte ich nichts davon diese hier in besondere schutzhaft zu nehmen.

  5. 6.

    Beim Vergleich zwischen der Verkäuferin und der Lehrerin haben Sie folgendes übersehen: im Schuldienst gibt es gerade Bereiche, die vergleichsweise gut im Homeoffice erledigt werden können, was der Verkäuferin nicht möglich ist. So ist es schon sinnvoll, dass die Entwicklung/Bereitstellung von Aufgaben, der Kontakt zu den Kindern, die nach wie vor zuhause lernen müssen (da ja meist nicht genug Platz für alle ist in den Schulräumen) und weitere Arbeiten für den Heimunterricht vorzugsweise von Risikogruppen erledigt werden.

  6. 5.

    Hallo Ede, Sie schreiben, NIMAND hält die Regeln ein. Es ist schlimm, dass sie es in elf Jahren nicht geschafft haben, Ihrem Kind die wichtige Hygieneregel- Selbstverantwortung und Rücksicht gegenüber anderen beizubringen. Und es ist richtig doof, dass sich die Lehrer jetzt, da so viel anderes zu tun ist, auch noch darum kümmern müssen. Hoffentlich gehören Sie nicht zu den Eltern, die als erstes laut aufschreien, wenn in dieser Hinsicht in der Schule was schiefgeht. Ich wünsche mir, dass die materiellen Verbesserungen bei der Hygiene in den Schulen erhalten bleiben. Und dass mehr Familien ihre grundlegende Erziehungsaufgabe besser wahrnehmen.

  7. 4.

    Ich kann der Lehrkraft nur zustimmen.
    Mein Kind 5. Klasse geht zwei mal die Woche für je 2,5 Stundenkilometer in die Schule.
    Nachfrage was am 1. Schultag durchgenommen wurde. Antwort 2,5 stünden Hygiene Regeln.
    Nachfrage ob diese eingehalten werden.
    Keiner geht sich die Hände waschen. Keiner benutzt das WC. Verständlich.
    Also was soll das alles wenn von den Vorgaben doch nichts durchgesetzt wird.
    Und dann noch eins zu den Lehrern die als Risiko Gruppe eingestuft werden. Das zählt anscheinend nur für überbezahlte Beamte. Hat man je eine Verkäuferin zur Risikogruppe gezählt? Nein,denn sehen wir uns doch mal manch Verkäuferin an .
    Bei manchen weiss man echt nicht ob sie schon Rentner sind oder nicht. Deswegen Hut ab vor diesen Frauen die Tag täglich dafür sorgen das unsere Einkaufskörbe gefüllt sind.

  8. 3.

    Meine Freundin, auch Direx, gleiche Stadt, berichtet teils noch Schlimmeres... Schade ist es, dass so Maulkörbe wie Datenschutz alles ausbremsen. Meine Idee war, macht Filmchen. Die Schüler mussten selber einen Erklär-Film in Nawi drehen. Das geht auch zum Erklären von Mathe. Lehrer Schmidt kann das auch. Total unspektakulär, total gut. Die Schüler würden sich über 5min Einführung sehr freuen, die Home Office Eltern wären entlastet, Lehrer kriegen eine neue Perspektive auf ihren Unterricht.
    Meine chin. Teestuben-Bekanntschaft berichtet, dass in China so die schlimmste lockdown Zeit überbrückt werden konnte. Ist ja nun zu spät, aber für die nächste Welle...

  9. 2.

    Die Direktorin hat so Recht was in den letzten Jahren in der Bildung an den Schulen kaputt gespart wurde kann man nicht in kurzer Zeit wieder gut machen.

  10. 1.

    Seit Jahren verspricht Politik Änderungen in der Berliner Schullandschaft. Geschehen ist bisher wenig bis gar nichts.
    Ich kann much noch an Slogans wie Mäuse an die Schulen erinnern. Digital befindet sich Berlin jedoch immer noch in der Steinzeit. Das ist auch nicht zuletzt der Verwaltung geschuldet. Seit 11 Jahren bin ich Gesamtelternsprecher einer Grundschule und Vorsitzender des Schulfördervereins. Wir sind in der glücklichen Lage einen starken IT-Partner zu haben, allerdings nützt das auch nichts wenn die Verwaltung unter der Massgabe keine Insellösungen zu wollen alle Eigeninititiven ablehnt. Dafür wird die Betreuung der Schulserver einem Unternehmen überlassen, dass mit überteuerten Microsoftlizenzen arbeiten muss und die Schulen als letzte in der Serviceschleife aufruft.
    Selbst der Brandenbzrger Landtag hat schon vor 10 Jahren erkannt, dass Opensource nicht nur kostengünstiger und effizienter sondern auch schon lange nicht mehr eine Nischenlösung ist und Sicherheitsstandards mehr als nur erfüllt.
    Berlin ist hier weitaus rückschrittlicher und zumeist abgehängt, die derzeitige Situation beweist es.
    Aber die Senatsverwaltung wollte ja auch über Jahre hinweg von der prognostizierten Schülerzahlentwicklung nichts gewusst haben, während diese bereits in Schul- und Bezirksgremien heiß diskutiert wurden. Dafür wurden ganze Klassenstufen noch bis zum Shutdown durch die Bezirke kutschiert, weil die Einzugsschulen keine freien Räume mehr haben. Von der Lehrkräfteausstattung braucht man wohl kaum noch zu reden.
    Bildung ist in Berlin eben keine Priorität, aber es ist natürlich auch einfacher nach den Wahlen den Bürgerwillen als rechte ider linke Irritation abzustempeln anstatt über die eigene Politik nachzudenken.

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