#Wiegehtesuns? | Die Autorin - "Ich versuche, nur von einem Tag auf den nächsten zu denken"

Mi 22.04.20 | 19:42 Uhr
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Die Berliner Autorin Verena Güntner (Quelle: Stefan Klüter)
Bild: Stefan Klüter

Verena Güntners zweiter Roman erschien mitten in der Corona-Krise. Die Lesereise ist abgesagt, die Einnahmen sind futsch, das Schreiben im Kinder-Chaos zu Hause gestaltet sich anspruchsvoll. Protokoll einer Ausnahmesituation, die auch gute Seiten hat.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als viele andere Ereignisse zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Verena Güntner, 41, ist Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Berlin-Schöneberg. So geht es Verena:

Eigentlich wäre ich jetzt gerade auf Lesereise. Mein zweiter Roman "Power" ist vor kurzem erschienen. Mit diesem Buch und meinem Baby wäre ich in diesen Tagen in ganz Deutschland unterwegs gewesen. Wegen Corona sind nun alle Lesungen ausgefallen, es gab nicht mal eine Buchpremiere. Und mir sind sämtliche Einnahmen weggebrochen.

Stattdessen sieht mein Alltag gerade so aus, dass ich 24 Stunden am Tag mit unseren drei Kindern zusammen bin, genauso wie mein Mann. Natürlich wird da auch immer wieder gestritten, die Nerven liegen manchmal blank. Und nebenbei versuchen mein Mann und ich, noch irgendwie zu arbeiten.

Besonders schwer fällt mir gerade, die Konzentration und Zeit fürs Schreiben aufzubringen, ich muss ja immer wieder kleine Auftragstexte schreiben. Eigentlich bin ich daran gewöhnt, in eher stressigen Situationen zu schreiben, auch durchaus mit Kindern um mich herum. Zurzeit klappt das aber kaum. Ich denke mal, weil neben der Belastung durch die Kinderbetreuung auch die Aussicht fehlt, wann das Ganze vorbei ist. An den neuen Roman ist in dieser Situation noch gar nicht zu denken.

Ich genieße aber durchaus auch immer wieder die Zeit mit den Kindern in dieser Ausnahmesituation. Und ich hatte ehrlicherweise auch ein bisschen Respekt vor der Lesereise mit Baby, auch wenn ich natürlich sehr traurig darüber bin, dass sie ausfällt.

Ich habe relativ schnell abgehakt, dass die ganzen Dinge um mein Buch herum nun nicht stattfinden, habe versucht den inneren Widerstand aufzugeben und nicht besonders wütend zu sein. Aus Selbstschutz. Denn natürlich ist es ein Wahnsinn, jahrelang an einem Buch zu schreiben, und dann fallen alle Lesungen aus. Erstaunlicherweise hat diese Strategie aber ganz gut funktioniert. Das liegt bestimmt auch daran, dass ich mir zum Ziel gesetzt habe, nur von einem Tag auf den nächsten zu denken und nicht viel weiter.

Das gelingt aber nicht immer. Natürlich denke ich auch oft darüber nach, was werden wird. Und das schließt jetzt nicht nur mich und meine Familie mit ein, sondern auch alle anderen, die gerade in dieser Situation sind. Und die ist ja nicht für alle gleich! Viele Kleinunternehmer und Soloselbstständige sind seit der Kontaktsperre massiv in ihrer beruflichen Existenz bedroht. Vor allem aber die Situation der Geflüchteten in den Camps auf den griechischen Inseln ist schlicht unerträglich und macht mich fassungslos.

Ich habe mir selbst verboten, irgendwelche Prognosen zu stellen, wie es in den nächsten Monaten weitergeht. Und im Moment weiß ich nicht so recht, was ich mir wünschen soll. Die Lockerungen sehe ich durchaus skeptisch. Obwohl auch ich natürlich froh wäre, die Kinder könnten wieder zur Schule und in den Kindergarten gehen, ihre Freunde sehen. Aber ich habe den Eindruck, wir wissen immer noch zu wenig über das Virus, auch über mögliche Spätfolgen der Erkrankung. Ich versuche, auch hier meinem Prinzip zu folgen, nicht zu weit nach vorn zu denken: ein Schritt nach dem anderen, ein Tag nach dem anderen.

Gesprächsprotokoll: Sarah Mühlberger

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6 Kommentare

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  1. 6.

    Sie als Autorin können sich gut schriftlich ausdrücken.
    Schreiben Sie Ihre Mandatsträger in Ihrer Stadt an und fordern Sie Verbesserungen. Ich stimme ihnen zu. Was die Politik in diesem momentan durchzieht, ist vollkommen unverhältnismäßig und für mich am Rand des Wahnsinnigen.

  2. 5.

    Warum nutzt die Autorin nicht die Möglichkeiten, die sich auch heute noch bieten.
    Es gibt demokratische Institutionen und Parteien. Schreiben Sie Ihre Meinung dahin oder beteiligen Sie sich an genehmigten und rechtskonformen Protestformen.

    Dann können Sie Meinungsbildung positiv beeinflussen.

    Warum sagt Herr Müller auf einmal, dass die Kitas deutlich vor dem 1. August öffnen werden? Weil Eltern Ihre Meinung genau so laut und deutlich kund getan haben.

    Ich schließe mich an: Denkverbote über morgen hinaus oder jammern hilft Ihnen nicht.

  3. 4.

    Ich denke auch,
    wenn Sie sich in Ihrer unerträglichen Situation nicht wehren, wird sich Ihre Situation nicht ändern.

    Ihr Jammern ist verständlich, löst aber nichts.

    Schreiben Die Ihren Abgeordneten im Wahlkreis oder besser rufen Sie an und sagen Sie deutlich, wie es Ihnen geht.

    Oder gehen Sie zu den Protesten, von denen der RBB heute wieder berichtet hat.
    1000 waren heute schon da laut RBB?

    Egal was Sie tun aber tun Sie was!

  4. 3.

    Ich finde das Denken über die Krise sehr real. Niemand hat eine Glaskugel und kann in die Zukkunft sehen. Dementsprechend finde ich es gut von einen auf den anderen Tag die Situartion neu zu bewerten und von Woche zu Woche zu leben.

  5. 2.

    Man kann nur hoffen dass dieser Wahnsinn bald aufhört und wieder ein normales Leben stattfindet wie vorher, mit allen Viren und Geschichten die wir drum herum hatten.

  6. 1.

    Nur von einem Tag auf den anderen denken?

    Das ist schon reichlich naiv oder?
    Wie lange wollen Sie das machen in Ihrer Situation?
    Bis Sie zusammenbrechen?

    An den Schutzmaßnahmen gegen Corona zu Grunde gegangen...
    Wäre das nicht ein toller Titel für Ihr nächstes Buch?

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