Frauentag: Mütter und Stadtteilmütter in der Pandemie - "Zu wissen, dass es anderen Müttern auch so geht, hilft mir"

Das Projekt "Stadtteilmütter in Neukölln" (Quelle: rbb/Wiebke Keuneke)
Bild: rbb/Wiebke Keuneke

Corona fordert alle heraus. Doch wie geht es Müttern, deren Wirklichkeit wegen sprachlicher oder finanzieller Hürden noch ein bisschen schwieriger ist als die der "Durchschnittsmutter", in dieser Zeit? Sie treffen hoffentlich auf eine Stadtteilmutter. Von Wiebke Keuneke

Es riecht nach schwarzem, süßen Tee. Auf den hellen Holzmöbeln liegen Bastelbögen und im Kinderraum nebenan warten Trampolin, Turnmatten und Bücher auf ihre kleinen Besucher*innen. Das interkulturelle Familienzentrum "tam" in der Wilhelmstraße ist ein Ort der Kreuzberger Stadtteilmütter.

Doch offene Angebote wie zum Beispiel das Familiencafé dürfen seit der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Normalerweise sind die Stadtteilmütter auch mit festen Sprechzeiten in Kindergärten und Schulen präsent, doch wenn diese geschlossen sind, fällt natürlich auch diese Anlaufstelle für die Eltern weg. Trotzdem versuchen die Stadtteilmütter weiter alles, um für "ihre Familien" da zu sein.

Erster Lockdown – Informationen nur auf Deutsch

Ein großes Problem im ersten Lockdown war, dass viele Informationen nicht bei den Familien mit Migrationshintergrund ankamen. "Warum darf mein Kind nicht in die Kita, aber das meiner Nachbarin darf weiter hingehen? Es gab so viel Erklärungsbedarf", sagt Serap.

Sie ist seit 13 Jahren Stadtteilmutter in Kreuzberg und hat damals im Akkord übersetzt, telefoniert, übersetzt, vermittelt und weiter übersetzt. "Natürlich erleichtert es sehr vieles, wenn man diesen Familien in ihrer Muttersprache nochmal erklären kann, was es mit diesen ganzen Coronaregeln auf sich hat, welche Regeln sie beachten müssen. Und auch, dass die Schulen geschlossen sind und warum sie geschlossen sind, etcetera", sagt sie.

Stadtteilmütter unterstützen mit Tagesstruktur

Geschlossene Schulen bedeutet Home-Schooling. Die Stadtteilmutter Manal sagt, sie wisse, was das für viele ihrer arabisch-stämmigen Familien bedeute, denn sie hat selber fünf Kinder. Mehrere Kinder unterschiedlichen Alters, die alle gleichzeitig online in der kleinen Wohnung unterrichtet werden sollen. Es fehlen technische Geräte, keiner kann sich konzentrieren, die Kinder sind unruhig, die Mutter gestresst. "Wir erarbeiten mit den Familien dann eine Tagesstruktur", erklärt Manal. Ein Plakat auf das mit unterschiedlichen Bildern angeheftet wird, was am jeweiligen Tag stattfindet: wann ist Zeit zum Lernen, wann wird gegessen, wann gehen wir raus. So etwas kann helfen.

Doch die Spannbreite an Problemen, bei denen die Stadtteilmütter versuchen zu helfen, ist vielfältig. Viele Familien waren zum Anfang der Pandemie so verunsichert, dass sie wochenlang die Wohnungen nicht verlassen haben, erklärt Mona, auch eine Stadtteilmutter der ersten Stunde.

Oder es gab diejenigen, die die Regeln nicht ernst genommen haben. Nach und nach wurden viele Väter in Kurzarbeit geschickt, die finanziellen Sorgen wuchsen: "Wenn das Jobcenter jetzt geschlossen ist, wo bekomme ich dann die Bescheinigung her für den Berlinpass oder die BVG-Tickets?", sei ift gefragt worden. Für viele Familien zählt jeder Cent. Dazu kommt die Angst um die Angehörigen in den Herkunftsländern.

Helfen ohne Hausbesuche

Für die Betroffenen ist es eine Lawine von Problemen. Die Stadtmütter versuchen zu helfen, wo sie können. Und das, ohne während der Pandemie private Hausbesuche machen zu dürfen. Also läuft alles via Whatsapp, Zoom oder bei Spaziergängen. "Manchmal hilft es schon mit jemanden zu reden, zu hören, dass es anderen Müttern auch so geht", verrät Gülcan, die sich dankbar für den Kontakt mit ihrer Stadtteilmutter zeigt. "Ich habe das Gefühl, hier besteht wahres Interesse an meinen Problemen und das ist für mich sehr wertvoll und wichtig."

Das Projekt "Stadtteilmütter in Neukölln" (Quelle: rbb/Wiebke Keuneke)
Bild: rbb/Wiebke Keuneke

Der schlimmste Fall tritt ein, wenn es um häusliche Gewalt geht. Die Schamgrenze zuzugeben, dass das in der eigenen Familie vorkommt, ist hoch. Der allerschwierigste Schritt, der viel Mut braucht und daher oft lange auf sich warten lässt, ist, dass die Frau sich jemandem anvertraut – zum Beispiel bei einem Spaziergang mit einer Stadtteilmutter - die an die Schweigepflicht gebunden ist. Hier erfolgt eine sofortige Zusammenarbeit mit Jugendamt, Polizei, Frauenhäusern und Krisendienst.

Mit rotem Schal vor Supermärkten

Eine Frage, die sich die Stadtteilmütter ihren Worten zufolge immer wieder stellen, ist: Wie schaffen wir es, noch mehr Mütter auf unser Angebot aufmerksam zu machen? Die Lösung könnte praxisorientierter nicht sein. Was ist momentan noch erlaubt? Genau, einkaufen.

Das heißt: vor Supermärkten stehen auch im Lockdown Stadtteilmütter – zu erkennen an rotem Schal und roter Tasche – und sprechen Familien ganz aktiv an. "Wie geht es euch, wo können wir unterstützen, wollen wir uns mal verabreden?", fragen sie.

Das Deutsch geht verloren

Für die Stadtteilmütter ist es ein ständiges Abwägen zwischen dem, was geht und was nicht. Im zweiten Lockdown haben sie sich dafür stark gemacht, dass einige Kinder die Notbetreuung der Kitas in Anspruch nehmen dürfen. Denn ein riesiges Problem ist, dass die Kinder und Jugendlichen verlernen, Deutsch zu sprechen, wenn sie nicht mehr mit Gleichaltrigen in die Einrichtung gehen. Wie zum Beispiel bei Ghadirs Töchtern. Ghadir ist vor vier Jahren aus Damaskus (Syrien) alleine mit ihren zwei Töchtern nach Deutschland geflohen.

In einer Notunterkunft in Kreuzberg hat sie "ihre" Stadtteilmutter Mona kennengelernt. Die hat Ghadir bei allem geholfen: von den ersten deutschen Wörtern bis zur Schule für die Töchter – bis jetzt. Ghadir darf mitten in der Pandemie in ihre erste eigene Wohnung ziehen. Einerseits geht ein großer Traum in Erfüllung, anderseits ist die syrische Mutter jetzt ganz alleine für das Home-Schooling ihrer 16- und 14-jährigen Töchter verantwortlich. Beide sprechen besser Deutsch als sie, doch mit jedem Tag, den sie ihre Mitschülerinnen nicht sehen, werde es schlechter.

Das Projekt "Stadtteilmütter in Neukölln" (Quelle: rbb/Wiebke Keuneke)
Bild: rbb/Wiebke Keuneke

Kreativ die Zukunft gestalten

Kreativ überlegen die Stadtteilmütter jeden Tag, wie sie das Leben "ihrer" Familien verbessern können. Den Spielraum im Familienzentrum "tam" dürfen sie zwar noch immer nicht - wie sonst beim Familiencafe - alle zusammen nutzen, aber mittlerweile haben sie ein System ausgeklügelt, in dem sich eine Stadtteilmutter mit einer Familie dort verabredet.

Die Kinder kommen dann mal raus aus der kleinen Wohnung, es gibt anderes Spielzeug und eine andere Umgebung. Und die Mutter kann ein Gespräch führen mit der Stadtteilmutter. Nach ein paar Stunden darf die nächste Stadtteilmutter dann mit neuer Familie rein.

Natürlich nicht, ohne vorher Trampolin und andere Dinge desinfiziert zu haben. Doch er gewinnt gegen das Desinfektionsspray: der Duft von schwarzem, süßen Tee.

Sendung: Radioeins, 08.03.2021, 15:30 Uhr

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Beitrag von Wiebke Keuneke

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