Interview | Patricia Cammarata zu Kindern im Netz - "Mehr Mediennutzung muss nicht gleich problematisch sein"

Ein Jugendlicher sitzt vor einem Computer (Quelle: imago images/Cavan)
Bild: imago images/Cavan

In der Pandemie haben sich die Medien-Nutzungszeiten vieler Kinder und Jugendlichen deutlich erhöht. Das muss nicht gleich ein Problem sein, sagt die Bloggerin, Buch-Autorin und Mutter Patricia Cammarata. Solange die Eltern am Ball bleiben.

rbb24: Frau Cammarata, die Medien-Nutzungszeiten vieler Kinder und Jugendlichen sind seit Beginn der Pandemie deutlich angestiegen. Nicht zuletzt, weil ja auch Schule teils digital stattfindet. Doch es wird auch viel gechattet und gespielt. Welche Medien sind problematisch?

Patricia Cammarata: Ich würde das nicht von den Medien, sondern vom Grad der Aufgeklärtheit abhängig machen. Unaufgeklärte Mediennutzung ist problematisch - und nicht das, was man da tut. Wer weiß, welche Risiken bestehen, kann darauf reagieren.

Das hängt ja sicher von der persönlichen Reife und dem Entwicklungsstand des Kindes ab?

Auf jeden Fall. Aber Kinder richten sich ja auch erstmal danach, was Eltern an Angeboten machen. Für ein drei- oder vierjähriges Kind ist vielleicht Youtube nicht das richtige digitale Angebot ist - allein wegen der Werbeunterbrechungen und der Autoplay-Funktion. Aber das heißt ja nicht, dass sie gar nichts schauen dürfen. Da kann man als Eltern ja eine Streaming-Plattform auswählen.

Für viele Eltern ist die Betreuung ihrer Kinder zu Pandemie-Zeiten sowieso eine Herausforderung geworden. Daher lassen viele ihre Kinder deutlich mehr an die Medien als vorher. Wie merkt man als Eltern, dass es zu viel ist für das spezielle Kind? Oder dass es sogar in den Sucht-Bereich abdriftet?

Mit dem Suchtbegriff bin ich immer sehr vorsichtig. Aber schon bevor es um Sucht geht, gibt es Warnzeichen, wo man merkt, dass man als Eltern für einen Ausgleich sorgen muss. Nämlich wenn das Kind unausgeglichen wirkt und gar nichts anderes mehr im Kopf hat. Da würde ich schauen, welche Alternativen man anbieten kann. Um dem Kind zu ermöglichen, sich besser selbst zu regulieren.

Selbstregulierung klingt super. Oft ist es doch vielleicht eher so, dass um die Herausgabe der Geräte gestritten und gerungen wird. Wie kriegt man ein Kind zur Kooperation?

Man muss mit dem Kind einen Rahmen vereinbaren. Bei uns beispielsweise gibt es ganz einfache Regeln. Wie zum Beispiel: erst die Pflicht und dann das Vergnügen. Das heißt, erst wenn die ganzen Aufgaben im Home-Schooling erledigt sind, beginnt die Freizeit. Und in der Freizeit kann man darüber sprechen, was ein Kind gerne machen will.

Bei den Jüngeren ist es mit dem Thema Selbstregulation entwicklungsbedingt etwas schwieriger. Für sie gilt bei uns, dass es wichtig ist, dass sie eine Art Blumenstrauß unterschiedlicher Aktivitäten haben. Darunter sind eben auch digitale Freizeitgestaltungsmöglichkeiten - aber auch andere. Das Kind kann sich dann selbst aussuchen, was es macht. Wenn es dann komplett in einem Thema versackt, regulieren wir das im Anschluss. Wenn es da selbst kein Gefühl hat, wie schnell die Zeit vergeht, dann stoppt das Kind mal einen Tag lang seine Aktivitäten. So etwas hilft Kindern enorm, um sich selbst einzuschätzen.

Also versacken ist durchaus auch in den digitalen Medien mal erlaubt, wenn es nicht die Regel wird?

Ja. Aber auch da geht es ja nicht nur um das wie lange, sondern auch darum, in was man so versunken war. Eines meiner Kinder ist wahnsinnig naturwissenschaftlich interessiert. Das versackt dann in Naturdokumentationen und beschäftigt sich mit ganz speziellen Tieren, die in irgendwelchen Höhlen in Mexiko leben. Das Kind baut so irrsinniges Wissen auf. Da sehe ich nichts Schlechtes daran. Es sei denn, wenn das Kind an gar nichts anderes mehr denken könnte als an diese spezielle Fledermaus-Art. Aber das wäre ja weniger den digitalen Medien geschuldet.

Gibt es unter den Kindern und Jugendliche Typen, die mehr Medien gut wegstecken können, ohne Schaden zu nehmen? Gerade sehr aktive Kinder, die nicht gerne drin spielen, haben es jetzt in der Pandemie ziemlich schwer.

Ich glaube, dass es da tatsächlich unterschiedliche Dispositionen gibt - also, dass man in verschiedenen Dingen gut ist und für sie Leidenschaft und Interesse aufbringt. Manche diese Dinge sind leichter analog umsetzbar, manche lebt man eher digital aus. Mein Kind, das sich für die mexikanischen Höhlen-Fledermäuse interessiert, würde sicher liebend gerne hinfliegen und sie sich anschauen. Aber es bleibt ja in dem Fall nur das Digitale. Aber der Übergang vom Digitalen ins Analoge ist ja fließend. Gerade in der Pandemie wurde beispielsweise viel gebacken, auch bei uns. Da gab es bei uns bis zu zwei Torten in der Woche, die gegessen werden sollten. Initiiert war das aber durch Youtube.

Wenn man als Eltern zu Pandemie-Zeiten jetzt also froh ist, dass man überhaupt zum Arbeiten im Home-Office oder an der Supermarkt-Kasse kommt, weil das Kind vor den digitalen Medien sitzt: Wie hält man es da am besten mit der Kontrolle? Und kann die auch hinter dem Rücken des Kindes stattfinden?

Hinter dem Rücken würde ich aus vielen Gründen nie irgendwas machen. Man sollte aber einen kontrollierten Rahmen für das Kind schaffen. Da ist man als Eltern, je nach Alter des Kindes, auch in der Verantwortung. Das funktioniert über die Festlegung der Plattformen, die das Kind nutzen kann - unter der Berücksichtigung von entwicklungspsychologischen Aspekten. Gerade kleine Kinder sind beispielsweise total glücklich, immer wieder die gleiche Folge Biene Maja oder Paw Patrol anzuschauen. Oft sind es eher die Erwachsenen, die unterschiedliche Serien ins Spiel bringen, um Abwechslung zu schaffen. Man muss den Kindern da meist gar nicht so viel bieten.

Wie ist das mit größeren Kindern, die vorgeblich für die Schule recherchieren und heimlich zwei Stunden Youtube-Videos geschaut haben? Wie reagiert man darauf am besten? Mit Medien-Entzug?

Oft macht ein Entzug die Dinge nur attraktiver. Da ist es sicher besser zu argumentieren, warum das an der Stelle nicht so hätte sein sollen und warum das sicher nicht zielführend war. Man könnte auch selbst hinterfragen, ob man mit dem Kind vielleicht nicht die richtigen Grenzen vereinbart hat. Vielleicht hat es ja sogar gar nicht gedacht, dass es ein großes Problem ist, wenn es Baumarten recherchiert und dann bei den Faultieren hängenbleibt. Es hilft, da mit einem gewissen Wohlwollen heranzugehen und nochmal zu erklären, dass das nicht das war, was mit dem Kind vereinbart war. Und gleich auch zu erklärten, warum es nicht gut ist, zwei Stunden am Stück Youtube und immer das nächste Video zu schauen.

Ab einem gewissen Alter verstehen die Kinder das. Aber sie brauchen eben Alternativen. Das ist, jetzt gerade zu Pandemie-Zeiten, ganz schön viel Arbeit für die Eltern. Man kann sie ja nicht mehr so leicht rausschicken, dass sie mit den Freunden spielen. Vielen helfen - bevor das Kind versackt - alternative Rituale. Sie machen dann selbst Pausen und machen beispielsweise einen gemeinsamen Spaziergang.

Das setzt natürlich Eltern voraus, die sich diese Zeit nehmen können. Viele müssen ja ihren Job wuppen. Sie "parken" ihre Kinder eventuell dann richtiggehend vor den Medien. Haben Sie dafür Verständnis?

Ja. Ich glaube, man darf auch nicht nur schwarz malen. Den Kindern ist, obwohl die Pandemie jetzt schon ein Jahr dauert, durchaus bewusst, dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden - der aber auch wieder vorbei sein wird. Dann wird es wieder einen Alltag geben, in dem Schule einen großen Teil des Tages einnehmen wird. Da werden dann alle Kinder, die vorher daran Freude hatten, mit wehenden Fahnen zurück in ihre Sportvereine und ihre analogen sozialen Beziehungen zurückkehren.

Also mal ganz pragmatisch gesehen, ist ein bisschen mehr digitale Mediennutzung, die alle seelisch entspannt, ein total legitimes Mittel, um alle vor dem Durchdrehen zu bewahren. Natürlich muss man trotzdem weiter dranbleiben und bewusst Anteil an dieser digitalen Welt des Kindes nehmen. Beim Abendessen drüber sprechen, was das Kind gemacht und geschaut hat. Oder es auch bitten, lustige Memes an einen selbst zu schicken.

Sie meinen also nicht, dass nach der Pandemie ganze Jahrgänge von verhaltensgestörten Kindern und Jugendliche als Entzugsmaßnahme für mehrere Wochen in die kanadische Wildnis zum Paddeln verfrachtet werden müssen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht der Fall ist. Man darf sogar hoffen, dass die jetzige Situation viele Eltern dazu bringt, das Thema Mediennutzung in Zukunft differenzierter zu sehen. Wenn Kinder und Jugendliche sich da austauschen und einander am Alltag teilhaben lassen oder Hausaufgaben machen, kann man doch kaum etwas dagegen haben. Auch wenn das mehrere Stunden sind, muss Mediennutzung nicht gleich problematisch sein. Klar, passives Konsumieren macht eher mürrisch und unausgeglichen. Aber das soziale Netz kann über ganz viele Wege bereichernd stattfinden. Und auch mit Eltern und Großeltern stattfinden. Das unterscheidet sich dann vom normalen Brettspiel nur durch den Vorteil, dass wir es auch mit Menschen spielen können, die auch hunderte von Kilometern entfernt sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb24

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3 Kommentare

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  1. 3.

    Da kann ich mich nur anschließen. Finde es wirklich unglaublich von einer Autorin und Bloggerin wissenschaftliche Aussagen über das Verhalten von Kinder und Jugendlichen zu lesen. Oder hat die Frau etwas in der Richtung studiert das sie sich gut damit auskennt. Oder mit Kindern o. Jugendlichen zu tun die Problemit zu viel Internet haben?
    Mir fehlt da die Auswirkung von nicht Face to Face und Emotionen die fehlen den Kids bei zu viel Medienkonsum. Klar gibt es positive Seiten, aber das was hier ausgezeigt wird ist zu einseitig.
    Was soll auch die letzte Frage?? Nach welchen Kriterien wird die überzogene Frage gestellt? Auch zu viel Blocks oder was und dann die Antwort. Komischer Beitrag RBB. Hat Facebook Charakter, schlechter Artikel ist mir zu Oberflächlich und zu viel eigene Meinung, aber wissenschaftlich verkauft. Schade.

  2. 2.

    Reicht es aus, Mutter zweier Kinder, IT-Fachfrau und Bloggerin zu sein, um wissenschaftlich fundiert die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung auf die emotionale und soziale Psyche Jugendlicher zu prognostizieren??
    Auf jeden Fall!! Zumindest heutzutage, wo anscheinend fast jeder Experte für irgendetwas sein darf!!

  3. 1.

    Natürlich ist es problematisch wenn junge Menschen fast nur noch über Bildschirme kommunizieren, wobei sie ein Defizit in der Menschenkenntniss entwickeln, und dazu noch Ihr eigenes Leben mit den falschen Realitäten der sozialen Netzwerken vergleichen. Das fördert Frustration und Depressionen. Die Eltern müssen ein gesundes Mittelmaß finden und Ihren Kinder verdeutlichen das virtuelle Realitäten nicht in Relation gesetzt werden dürfen, zeitliche Einschränkungen der täglichen Nutzung helfen dabei. Ich durfte vor über 20 Jahren z.B. nur eine Stunde pro Tag im Internet surfen.

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