Corona-Pandemie - Mehr Berliner Polizisten melden sich wegen psychischer Belastung

Polizisten mit Masken sichern eine Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen am Breitscheidplatz ab. (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio l 06.05.2021 l Michael Ernst | Bild: dpa

Noch vor 20 Jahren galt es vielen als undenkbar, dass Polizisten psychische Probleme offenbaren und sich Hilfe holen. Inzwischen gebe es einen Wertewandel, sagt ein Experte der Polizei. In der Pandemie musste die Polizei ein besonders großes Einsatzpensum bewältigen.

In Zeiten der Corona-Pandemie suchen Berliner Polizisten angesichts psychischer Belastungen verstärkt Rat und Hilfe. Es gebe deutlich mehr Demonstrationen und Einsätze, "das macht auf Dauer mürbe", sagte der Leiter des Psychosozialen Dienstes der Berliner Polizei, Jan Hülsenbeck, der DPA.

2020 wandten sich demnach 412 Betroffene an die Sozialberatung der Polizei, die auch Feuerwehrleuten und dem Landesamt für Gesundheit und Soziales offen steht. In den Jahren davor waren stets um die 350 Erstgespräche registriert worden. "Kollegen, die bei uns ankommen, sind verunsichert, wie es weitergeht", sagte Hülsenbeck. "Wir unterliegen der Schweigepflicht, die Informationen, die bei uns laden, bleiben auch bei uns."

"Fülle der Einsätze nagt am Gemüt"

Seit März 2020 könnten Betroffene bei der internen Krisenhotline ihre Sorgen aussprechen. "Reden hilft", sagte Hülsenbeck. Mehr als 170 Einsatzkräfte haben sich demnach bislang telefonisch beraten lassen. Viele kämen mit Angriffen aber besser zurecht, als man von außen denken würde. Die Resilienz, also die Kraft, mit schwierigen Situationen fertig zu werden, sei in vielen Fällen stark, betonte der 44-Jährige.

Wenn Einsatzkräfte bespuckt, bepöbelt, angehustet oder angegriffen werden, steckten das zwar viele für den Moment weg. "Gerade in der Gruppe, da lächelt man, aber die Fülle der Einsätze nagt dann doch am Gemüt", sagte der Psychologe und Polizeihauptkommissar Hülsenbeck. Auch unter Polizisten gebe es Verunsicherung und Angst.

Häufige Meldungen wegen privater Probleme

Nach Angaben Hülsenbecks, der früher selbst einer Einsatzhundertschaft angehörte, kümmern sich derzeit 20 Mitarbeiter, zumeist Sozialarbeiter, um Betroffene, die sich an den internen Dienst wenden. Die Beratungsstelle werde derzeit weiter ausgebaut, drei weitere Fachkräfte sollen hinzukommen. Er kenne die Belastungen der Kollegen aus eigenem Erleben, betonte Hülsenbeck.

Am häufigsten meldeten sich Polizisten wegen privater Probleme - etwa bei Trennungen, bei Sorgerechtsstreitigkeiten oder in der Pandemie auch wegen schwieriger Kinderbetreuung oder des Schichtdienstes.

Auch Alkohol sei ein wiederkehrender Anlass, sich an die Sozialberatung zu wenden, so Hülsenbeck. Alkohol helfe manchmal nur kurz, um Belastungen auszugleichen und runterzukommen, "langfristig ist das aber ein großer Risikofaktor für Alkoholmissbrauch".

Neben der internen Beratungsstelle bietet die Polizei auch eine psychosoziale Notfallversorgung für Beamte nach schwierigen Einsätzen. "Begleitung kann gut tun, wenn Bilder extremer Gewalt nicht aus dem Kopf gehen - so bei getöteten Kindern", berichtete der Polizeipsychologe. Psychische Belastungen der Kollegen würden von der Behördenleitung sehr ernst genommen. Manche Polizisten brauchten Unterstützung bis zu einem halben Jahr. "Wir behandeln nicht, wir beraten, begleiten und bei schweren psychischen Erkrankungen vermitteln wir in Kliniken."

Vor 20 Jahren "nicht salonfähig"

Noch vor 20 Jahren sei es selten vorgekommen, dass Polizisten psychische Probleme offenbarten sich Hilfe holten, "das war nicht salonfähig", sagte Hülsenbeck. Es sei ein Wertewandel in diesem Bereich zu beobachten. "Es wird immer akzeptierter und sogar von der Behördenleitung gefördert, dass man sich an uns wendet und sich helfen lässt", betonte der Leiter des Psychosozialen Dienstes.

Wer allein zu Hause bleibe und vielleicht seinen Tagesrhythmus verliere, riskiere, dass die Probleme chronisch werden und der Weg zurück in den Dienst immer schwieriger. Die, die den ersten Schritt schaffen und Rat suchen, "die wollen etwas verändern, und wir kriegen es meist gut hin, dass sie zurück in den Dienst können".

Sendung: Inforadio, 06.05.2021, 10 Uhr

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23 Kommentare

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  1. 23.

    Wenn ich mir meine Antwort auf Kurt nochmal durchlese und dann dein Geschreibsel dazu, verstehe ich deine, ich sag' mal Einsicht, das _gute_ Polizisten gebraucht werden. Also keine flachlesenden Tiefflieger.

  2. 22.

    Polizisten setzen Recht und Gesetz um. Diese müssen von ihrem Dienstherren und uns allen, dem Volk, vor der Verrohung geschützt werden. Sollten wir andere Gesetze wollen, müssen wir auf die Gesetzgeber einwirken. Jeder einzelne ist gefragt, die Demokratie tagtäglich zu verteidigen.

  3. 21.

    Lieber Berliner, Ihre Gedanken sind geradezu peinlich! Was haben Sie nur für schlechte Erfahrungen gesammelt? Sicher kann man bessere Ausbildung der Polizei fordern, aber es werden eher mehr als weniger Polizisten benötigt.

  4. 20.

    Jeder weniger im Dienst macht die Strassen sicherer. Weniger rassistische Kontrollen, weniger ungeahndete Körperverletzungen, weniger Rumgemackere in Uniform. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung...

  5. 19.

    Wenn Sie so neidvoll sind, werden Sie doch Polizist, Sie können all das haben, was Sie gerade erwähnten. Nur zu, wir brauchen gute Polizisten.

  6. 18.

    Ist schon ein schwieriger Job! Auf Dauer ist es sicher schwer, das Vertrauen in die Menschen/Menschheit zu behalten und trotz den ständigen Anfeindungen, die Aufgabe, diese zu schützen, nicht aus den Augen zuverlieren.
    So wie die Gesellschaft sich ändert, muss sich auch die Polizei ändern. Leider fällt mir gegen die zunehmende Verrohung auch nur Betäubungspfeile auf THC-basis ein! Oder das verbieten von jeglichen Filmen, Serien, Spielen oder sonstigen Freizeitbeschäftigungen die mit Gewalt zusammen hängen. (Seht ihr, und schon hassen alle mich!)
    Für Polizisten vielleicht jeweils ein extra Jahr Ausbildung in Pädagogik und Pschychologie!?

  7. 17.

    Ja die armen Polizisten kriegen nur eine beamtenpension und sind auch sonst sehr gut abgesichert, aber haben so viel psychische Probleme.
    Gibt's ja bei anderen Arbeitnehmern überhaupt nicht und eigentlich nur bei den armen Polizisten.
    Dafür zahle ich gern 60% meines Gehaltes.

  8. 16.

    Der Gesundheitszustand unserer Polizei wundert mich nicht. Nahezu täglich müssen sie sich beleidigen und bespucken lassen. Greifen sie durch, hängt man ihnen Diskriminierung an. Dazu die bunte Palette der Coronaleugner und meine ganz besonderen Freunde von FFF. Da bekäme ich auch psychische Probleme.

  9. 15.

    Dem kann ich mich nur anschließen und ich bewundere die PolizistenInnen, dass sie bei diesen Coronaleugner Psychos und Aluhüten so ruhig bleiben. Ich könnte dass nicht.

  10. 14.

    Auch wenn das alles recht furchtbar ist, hält sich mein Mitleid in Grenzen. Polizisten sind verbeamtet und sind dementsprechend abgesichert.
    Löschen Müller von der ITS im Krankenhaus, oder Karl Gustav vom privaten Sicherheitsdienst, die haben es schon viel schwieriger mit psychologischen Problemen fertig zu werden. Da steht kein Staat (sprich Steuerzahler) hinter, der bei Berufsunfähigkeit für ein weiteres sorgenfreies Leben sorgt.
    Also immer schön die Kirche im Dorf lassen. Psychologische Probleme im Job haben viele!

  11. 13.

    Ich kann die psychischen Probleme der Polizisten/innen sehr gut nachvollziehen. Sie machen einen harten anstrengenden Dienst, um uns Bürger/innen zu schützen.
    Dabei riskieren sie ihre Gesundheit....teilweise auch ihr Leben. Hinzu kommen die Anfeindungen der vor allem linken Szene, das ständige diffamieren vieler Menschen aus dem linken Lager,aber auch der Medien. Teilweise fehlt sogar die Rückendeckung einiger Politiker.
    Mir tun die Beamten leid und ich erweise meinen höchsten Respekt und meine höchste Anerkennung. Danke für die tägliche Arbeit.

  12. 11.

    Auch Sie tun so, als würden Sie als Polizist täglich Ihren Dienst tun und wüssten, wovon Sie da reden. Klingt aber eher wie Hass, den man mal schnell unter die Leute würfelt. Hass geht immer, egal gegen wen, egal warum, Hauptsache Hass in den Medien verteilen. Wie wäre es mit richtig konstruktiven Gedanken und Lösungen? Bin gespannt.

  13. 10.

    Wahrscheinlich wissen und können Sie alles besser, deshalb beleidigen Sie ja auch jenen, der den Beitrag verfasst hat. Aber das Beleidigen beruht nun einmal nicht gerade auf einer bildungsnahen Ausgangsposition.

  14. 9.

    Ich will auch nicht auf der Arbeit mit Corona-Leugner-Psychos konfrontiert werden. Dafür sollte es eine Erschwerniszulage geben! Die armen Polizistinnen!

  15. 8.

    Die Mitarbeiter*innen im Gesundheits, Sozial und Bildungs- Erziehungsbereich sind schon lange an ihrer psychischen Belastungsgrenze angekommen!

  16. 7.

    Ich stehe der Polizei kritisch gegenüber, aber solch hahnebüchenden Blödsinn habe ich bisher nicht gelesen - und ganz ehrlich, tauschen möchte ich mit den Blauen nicht.

  17. 6.

    "Ich hätte da wahrscheinlich längst den Dienst quittiert."

    Nicht jeder eignet sich für den ÖD, aber das war schon immer so.

  18. 4.

    Völlig nachhollziehbar, man vergisst in der heutigen Zeit das der Polizeibeamten/in auch ein Mensch wie du und ich ist. Zudem der Respekt gegenüber den Polizeibeamten/in und dem Staat ziemlich fragwürdig geworden ist! Schade.

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