Interview | Betriebsrätin und Krankenschwester auf Intensivstation - "Ich sehe ja täglich die erschöpften Kollegen, die nicht mehr können"

Symbolbild: Erschöpfte Krankenpflegerin (Quelle: dpa/Lev Dolgachov)
Bild: dpa/Lev Dolgachov

Obwohl auf der Station von Intensivkrankenschwester Anja Voigt deutlich weniger Corona-Patienten liegen als in der dritten Welle, ist keine Entlastung in Sicht. Auf einen Streik würde sie gerne verzichten, aber er sei eventuell nötig, sagt sie.

Anja Voigt ist Betriebsrätin und Krankenschwester auf der Intensivstation des Vivantes-Klinikums in Berlin-Neukölln. Der rbb hat seit Beginn der Corona-Krise immer wieder mit ihr über ihre Arbeitssituation gesprochen. Nun kurz vor einem möglichen Arbeitskampf: Die Verdi-Gewerkschaftsmitglieder bei Charité und Vivantes sowie die Beschäftigten der Vivantes-Tochtergesellschaften stimmen derzeit darüber ab. Die Bekanntgabe des Ergebnisses soll am Montag erfolgen. Die Klinikbeschäftigten fordern einen Tarifvertrag mit deutlichen Entlastungen.

 

rbb|24: Hallo Frau Voigt, wie finden Sie es, dass die Lokführer – auch weil sie Corona mitgewuppt haben – mehr Geld wollen und dafür streiken?

Anja Voigt: Ich finde es in Ordnung, dass sie für ihre Forderungen streiken. Ich finde es allerdings schade, dass sie streiken müssen. Aber dass sie es tun, finde ich richtig.

Das heißt vermutlich, dass Sie dem Thema Streiken positiv gegenüberstehen. Das gilt dann wahrscheinlich auch für den jetzt eventuell anstehenden Streik des Pflegepersonals?

Ja, wenn es nicht anders geht. Wir würden aber lieber auf den Streik verzichten. Ich kenne niemanden, der gerne streikt. Das ist ein wirklich großer Aufwand. Insofern würden wir uns lieber gleich an den Verhandlungstisch setzen. Aber das ist ja im Moment leider nicht möglich. Daher müssen wir wahrscheinlich streiken. Wir sind stark genug, um das durchzuziehen.

Das Personal im Pflegebereich war schon vor Corona überbelastet und knapp. Warum läuft der Laden überhaupt noch?

Weil die meisten, wenn nicht sogar alle, meiner Kollegen ans Limit gehen. Sie springen immer wieder ein, wenn sie frei hätten. Sie verzichten auf Pausen. Sie kommen auch, wenn sie sonntags angerufen werden, weil Kollegen krank geworden sind. Sie springen dann auch spontan in Spätdienste. Es ist die Leistungsbereitschaft meiner Kollegen, die den Laden am Laufen hält. Das hat aber die Folge, dass viele jetzt krank sind oder einfach nicht mehr können.

Die Impfungen sollten Corona und somit auch die mehr als angespannte Situation in den Krankenhäusern beenden oder zumindest in den Griff bekommen, hieß es. Haben sie wirklich eine Wende gebracht?

Was Corona-Patienten in der Klinik angeht, ja. Wir haben deutlich weniger Corona-Patienten. Auch die jetzt ansteigenden Zahlen [der Infektionen; Anm. d. Red.] sehen wir nicht so. Wir haben leicht ansteigende Zahlen, aber das lässt sich überhaupt nicht mit den Zahlen in der dritten Welle im Dezember vergleichen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir noch all die anderen Patienten haben. Damit meine ich vor allem die mit den aufgeschobenen Operationen. Das ist wie ein Patienten-Stau, den wir jetzt abarbeiten. Insofern ist unsere Arbeitsbelastung nicht weniger geworden.

Wer liegt derzeit mit Corona bei Ihnen auf der Intensivstation?

Die Schwerkranken sind im Regelfall nicht geimpfte Menschen. Und die Patienten sind deutlich jünger als vorher: also unter 50 Jahren.

Es ist die Leistungsbereitschaft meiner Kollegen, die den Laden am Laufen hält. Das hat die Folge, dass viele jetzt krank sind oder einfach nicht mehr können.

Anja Voigt, Krankenschwester am Vivantes-Klinikum in Berlin-Neukölln

Was hat sich in den letzten anderthalb Jahren für Sie überhaupt verändert?

Zum Guten hat sich sehr wenig geändert. Das Einzige, was ganz gut ist, ist dass der Blick nun einmal auf die Krankenhäuser gerichtet ist. Da wird jetzt mal hingeschaut und es wird wahrgenommen, wie schlecht die Situation ist. Obwohl das ja seit Jahren von Pflegenden thematisiert wird. Jetzt hat man das mal täglich in den Nachrichten gesehen.

Ansonsten hat sich an der Situation in den Krankenhäusern selbst nichts verändert. Im Gegenteil. Es ist sogar noch schlimmer geworden. Denn viele haben durchgehalten während der Corona-Krise und haben geackert bis zum Umfallen. Jetzt, wo es ein wenig abflaut und wir weniger Corona-Patienten haben, können die einfach nicht mehr. Die sind K.o. Ich habe täglich Krankmeldungen von Kollegen. Es ist also im Alltag noch weniger Personal da als vor einem halben Jahr. Wir haben einen wahnsinnig hohen Krankenstand.

Was passiert, wenn weiter nichts passiert?

Darüber habe ich gerade kürzlich mit Kollegen gesprochen. Ich kann nur sagen, dass ich das Gefühl habe, dass gerade alles zusammenbricht. Nach außen hin geht es noch. Hier in Neukölln, wo ich arbeite, wird auch gerade ein Neubau gebaut – das hat eine gewisse Strahlkraft. Aber dahinter haben wir weniger Betten, weil zu wenig Personal da ist und meine Kollegen krauchen auf dem Zahnfleisch.

Ich mache mir wirklich Sorgen. Wenn sich nicht schnell was ändert, weiß ich gar nicht, wie man das noch machen will. Und ich höre das von überall. Es fehlt wirklich an allem.

Haben Sie selbst inzwischen mehr Sorge vor einem Burnout als vor Covid oder Long Covid?

Es ist beides eine große Gefahr. Vor Long Covid habe ich wirklich Angst. Damit wird zunehmend nachlässig umgegangen. Aber ich sehe ja auch zusätzlich täglich die erschöpften Kollegen, die nicht mehr können. Und warum sollte mich das nicht auch treffen können?

Was würden Sie sich wünschen?

Mehr Personal. Aber ich bin ja Realistin und weiß, dass das nicht vor der Tür steht. Ich wünsche mir so sehr, dass sich unsere Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. Vielleicht muss man das erst über die finanzielle Schiene machen, um schnell einen Anreiz zu schaffen, damit neues Personal kommt.

Aber tendenziell muss sich auch die tägliche Arbeitssituation verbessern. Ich muss in der Lage sein, meine Patienten gut zu betreuen. Das kann ich heute oft nicht. Wenn sich daran nicht schnell was ändert, dann verlassen noch Zehntausende diesen Beruf. Und dann müssen vielleicht irgendwann die Angehörigen ins Krankenhaus kommen und ihre Verwandten pflegen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

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53 Kommentare

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  1. 53.

    Wenn Sie so vollcool drauf sind, freuen Sie sich schon mal drauf, wenn Sie (auch jenseits von Corona) erwischt und Sie in der Notaufnahme im Bettenstau zappeln, weil das echt überlastete und bis zum Anschlag ausgepresste Personal nicht in der Lage ist, rechtzeitig Ihre Leben zu retten.

  2. 52.

    Sagt wer? Was hasz du daran nicht verstanden, Lando?

    "Eine geistlose Antwort, ehrlich. Schämen sie sich nicht selber?
    Ich hatte von vernünftiger Bezahlung gesprochen. Alleine durch das Verhindern von weiterer Abwanderung von ausgebildetem Peronal läßt sich viel machen. Aber dafür haben wir ja kein Geld. Das pumpen wir lieber zu Millionen in neue Überhangmandate des Bundestages (mein #5). Dazu haben sie sich gar nicht geäußert. Darüber berichtet aber auch nicht der rbb."

  3. 51.

    Leider gibt's zu den Fallpauschalen keine Alternative, wenn man den massiven Anstieg von Beiträgen vermeiden will.

    Vielleicht sollte mal über die Beitragsstruktur in der GKV nachdenken. Die Familienversicherung ist keine zeitgemäße Lösung mehr. Niemand stirbt dran, wenn für jedes mitversicherte Familienmitglied ein Zusatzbeitrag von 2% erhoben werden würde

    Ebenso muss über Leistungseinschränkungen nachgedacht werden. Man könnte, wie in Norwegen, die komplette Zahnmedizin aus der GKV herausnehmen

    Fakt ist, dass wir uns das aktuelle Gesundheitssystem nicht mehr länger leisten können

    Ideen, wie Beamten mit einzubinden, verschärft das Problem nur anstatt es zu entlasten

  4. 50.

    Wahrscheinlich brauchen wir erst eine große Kündigungswelle damit sich etwas an der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen verbessert. Ein Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps in einer reichen erste Welt Nation, unglaublich.

  5. 48.

    Sowas kann nur ein arroganter Sesselsitzer schreiben. Machen sie doch mal einen Tag lang den Job auf einer Kranken- oder gar Intensivstation mit, dann können Sie selbst auf hohem Niveau jammern!

  6. 47.

    Sie hsben vollkommen Recht, es ist eine Schande. Überall wird das Geld mit vollen Händen verteilt aber in der Krankenhausmedizin wird mit Fallpauschalen gearbeitet, auf dem Rücken des Personals.
    Wenn noch mehr abhauen wird man hoffentlich munter.

  7. 46.

    Mir tun die Beschäftigten der Kliniken sehr leid. Ein so wertvolles Arbeiten für die Gesellschaft. Gesundheit, das höchste gut. Mein Bruder, selbst Arzt, erklärt mir wie überfordert das System wirklich ist.

  8. 45.

    Deuschland hat EU-Weit eine der niedrigsten Lebenserwartungen, eine der höchsten Sterblichkeiten an Covid, und einen der schlechtesten Pflegeschlüssel. Es haben sich schon Diskutantinen hier die Mühe gemacht, das mit Quellen hier reinzuschreiben. Ihre Koketterie ist also völlig unangemessen.

  9. 44.

    Für die praktische Ausbildung mehr Zeit um einen Transfer Theorie/ Praxis Transfer zu ermöglichen. Ebenso würde ich es begrüßen, wenn die Auszubildenden auf den Beruf vorbereitet werden und nicht als günstige Arbeitskräfte ausgenutzt werden. Denn das bedeutet, dass sie nicht lange im Beruf verweilen.

    STIMMEN FÜR DIE PFLEGE.
    https://pflegestuferot.de/statements.html

    Es gibt einfach keine vernünftigen Leute mehr, die diesen Job machen wollen. Jeder, der was kann, was draufhat, versucht irgendwie weiter zu kommen. Weg aus der Pflege. Und wer leidet am Schluss am meisten unter der Situation? Unsere Patienten!

    Es muss sich dringend etwas ändern!!
    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97710/Mehrheit-der-Pfleger-leidet-unter-Arbeitsdruck

  10. 43.

    Darf ich fragen in welchen Ländern das Gesundheitssystem besser funktionierte und aktuell auch besser funktioniert als in Deutschland? Vielen Dank für eine baldige Antwort.

  11. 41.

    Eine geistlose Antwort, ehrlich. Schämen sie sich nicht selber?
    Ich hatte von vernünftiger Bezahlung gesprochen. Alleine durch das Verhindern von weiterer Abwanderung von ausgebildetem Peronal läßt sich viel machen. Aber dafür haben wir ja kein Geld. Das pumpen wir lieber zu Millionen in neue Überhangmandate des Bundestages (mein #5). Dazu haben sie sich gar nicht geäußert. Darüber berichtet aber auch nicht der rbb.

  12. 40.

    Eine geistlose Antwort, ehrlich. Schämen sie sich nicht selber.
    Ich hatte von vernünftiger Bezahlung gesprochen. Alleine durch das Abwandern von ausgebildetem Peronal läßt sich viel machen. Aber dafür haben wir ja kein Geld. Das pumpen wir lieber zu Millionen in neue Überhangmandate des Bundestages (mein #5). Dazu gaben sie sich garnicht geäußert.

  13. 39.

    In solchen Fällen bekommen alle alten Leute einfach eine "Pampers" an. So erging es vor vielen Jahren meiner Großmutter, damals 85 Jahre, die ansonsten fit und geistig voll auf der Höhe war und nur vorübergehend nach einer OP nicht aufstehen konnte. Sie hatte darunter sehr gelitten.

  14. 38.

    Es ist unwürdig, sich hier im Klein Klein aufzureiben.. Die Aktionäre mit ihren passiven Einkommen (ja, so heißen die Aktiengewinne sehr treffend im Jargon der Finanzberater) reiben sich die Hände und lachen die Menschen aus, wie sie sich um die Krümel streiten. Gesellschaftlich Erarbeitetes muss menschlich, gerecht und demokratisch verteilt werden. Klar, kann das kein Staat, der von den Konzernen abhängig ist. Klar, werden es die Konzerne selbst nicht tun.
    Es ist gut, dass sich jetzt eine Bewegung zeigt, in der Menschlichkeit und Gerechtigkeit Platz haben. Je stärker sie wird, je mehr Menschen sich beteiligen und ihre Gedanken einbringen, umso mehr wird sich ändern.

  15. 37.

    Es sind nicht nur die Preise.
    Das ganze Thema ist hoch komplex und nicht mal eben einfach mit mehr Geld zu lösen.
    Hier nur ein ganz kleiner Punkt der dies zeigt.
    https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/medizin-deutschland-verschwendet-blut

  16. 36.

    Und: Bewerber für Ausbildungsplätze nicht nur nach vorhandenem Abitur einstellen sondern nach Eignung!
    Schließlich will jawohl niemand behaupten das die Pfleger/Innen von damals alle zu doof gewesen wären für diesen Beruf. Da konnte man den noch mit nem erw. Hauptschulabschluss erlernen.
    Und das war richtig so!!! Denn was da zählt sind nicht nur Noten Intelligenz sondern auch Herz, Empathie, Zuverlässigkeit usw...das wird in keiner Schule geprüft. Es ist da oder eben nicht. Und es sind Grundvorraussetzungen für diese Arbeit. Manchem schlauen Abiturient fehlt das und er wird einem Realschüler trotzdem vorgezogen. Das ist in vielen Ausbildungsberufen eine Unsitte geworden.
    Was aber wollen Abiturienten sehr häufig? Richtig: studieren. Darum fehlen Bewerber...

  17. 34.

    Schon mal daran gedacht, wieviele Menschen hohe Gehälter haben, die sie gar nicht ausgeben können? Klar geht es anders!!! Fangen wir mal ganz oben bei den Politikern an. Diese völlig horrenden Bezüge derer, die hier mitentscheiden können sind wahrhaftig kürzbar und sollten Systemrelevanten Berufen zugute kommen. Das sind ja nicht nur Pflegeberufe sondern auch viele andere. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus als es im sogenannten Sozialstaat umgesetzt wird.
    Also bitte!!!!!

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