rbb|24-Experten-Vidcast l Folge 4 - "Wir müssen manchmal auch Grausamkeiten erzeugen"

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Impfstoffe gegen Covid-19 sind knapp und Impftermine begehrt. Martin Terhardt von der Ständigen Impfkommission erklärt, warum Kinder erst spät eine Chance auf eine Impfung haben, wie der Schutz von Härtefällen geregelt werden sollte, die in der Impfreihenfolge nicht vorkommen, und warum Deutschland schon jetzt Impfstoffe ins Ausland schicken sollte.

Der untenstehende Text ist das Gespräch mit Martin Terhardt im Wortlaut. Das Gespräch hören und sehen, können Sie im Video oben. Aufgenommen wurde das Gespräch am Dienstag, den 2. Februar 2021.

Warum gibt es unterschiedliche Regeln für Astrazeneca?

Laura Will (rbb|24): Es gab Diskussionen rund um den Impfstoff von Astrazeneca. Die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat gesagt: Der Impfstoff kann an Menschen jeden Alters verimpft werden. Die Ständige Impfkommission, der Sie angehören, sagt: Besser nur Menschen unter 65 damit impfen. Wie kommt es, dass Experten zu so einer unterschiedlichen Einschätzung kommen, wenn sie sich die gleichen Daten anschauen?

Martin Terhardt: Wir haben uns leider nicht exakt die gleichen Daten anschauen können wie die EMA. Die EMA hat Studiendaten bekommen, die einen Monat jünger sind als die, die die Stiko bekommen hat. Da sind ein bisschen mehr ältere Menschen eingeschlossen. Bei uns war es so, dass wir in der Altersgruppe über 65 Jahren insgesamt nur Daten für ungefähr 640 Menschen vorliegen hatten. Und der Unterschied in den beiden Gruppen, was die Anzahl der Erkrankungen angeht, war so klein, dass wir daraus keine sehr gute Wirksamkeit ableiten konnten.

Wenn wir jetzt die Daten, die die EMA bekommen hat und vielleicht auch noch weitere Daten bekommen, dann kann sich das durchaus noch ändern. Aber das liegt in der Natur der Sache, dass man sich nur entscheiden kann, wenn man die Datenlage dafür hat.

Könnte es dann also sein, dass Sie noch einmal umschwenken mit Ihrer Empfehlung, wenn Sie die Daten haben, die die EMA auch hatte?

Wir bezeichnen unsere Stiko-Empfehlungen zu Covid-19 als "Living Guideline", das heißt, wir haben schon jetzt eine zweite Aktualisierung und Veränderung vorgenommen. Und das werden wir auch weiter tun. Das werden wir bei neuen Impfstoffen tun müssen, und - wenn sich etwas Gravierendes bezüglich schon bestehender Impfstoffe ergibt - werden wir das auch wieder tun müssen.

Bundesgesundheitsminister Spahn hat ja angekündigt, dass er die Impfverordnung anpassen will. Zu dem Zeitpunkt, wo wir hier sprechen, liegt noch keine neue Impfverordnung vor, aber das könnte bedeuten, dass die mRNA-Impfstoffe von Biotech/Pfizer und Moderna reserviert werden für Menschen über 65. Macht das jetzt nicht alles noch viel komplizierter?

Ich glaube nicht, dass es das schwieriger macht, weil auch jetzt schon in der Priorisierungsstufe 1 und in der Priorisierungsstufe 2 - oder nach der spahnschen Rechtsverordnung jetzt in der Gruppe 1 - genügend Menschen sind, die die Kriterien des Astrazeneca-Impfstoffs, was das Alter angeht, erfüllen. Es gibt ja auch beruflich empfohlene Impfungen wie für das Pflegepersonal, auch in der zweiten Priorisierungsgruppe. Und dann geht es auch schon um chronisch Kranke, während gleichzeitig die Altersgruppe über 70 geimpft wird. Die Anzahl der Personengruppen, für die Astrazeneca geeignet ist, passt zu der Liefermenge, die wir bekommen werden.

Ist Astrazeneca ein Impfstoff zweiter Klasse?

Der Astrazeneca-Impfstoff soll im Schnitt eine Wirkung von etwa 70 Prozent haben, die mRNA-Impfstoffe liegen bei ungefähr 95 Prozent. Jetzt hat uns ein User geschrieben: "Wer will denn den Impfstoff von Astrazeneca, der nur bis zu 70 Prozent wirkt, wenn es bessere gibt, die bis zu 94 beziehungsweise 95 Prozent wirken?" Entsteht hier nicht der Eindruck von Zwei-Klassen-Impfstoffen?

Naja, wir haben auch in anderen Situationen unterschiedlich gut wirksame Impfstoffe, zum Beispiel auch bei Influenza. Bisher war das nie ein großer Diskussionsgegenstand. Und bisher war das auch in der Öffentlichkeit nicht immer so bekannt, wie das jetzt bekannt geworden ist. Wir wissen ja jetzt alle mehr über Impfstoffe, als wir jemals uns denken wollten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat festgelegt: Jeder Impfstoff gilt als gut, der mindestens 50 Prozent Wirksamkeit hat, ausgehend von dem, was wir von Influenza wissen. Weil: Jeder Impfstoff, der diese Wirksamkeit erfüllt, kann uns helfen, die Pandemie zu besiegen.

Wir wissen außerdem, dass die 70 Prozent Wirksamkeit in Bezug auf jegliche Form von Covid-Erkrankungen gemessen wurde. Es gibt eine deutlich höhere Sicherheit in den bisherigen Studien zu Astrazeneca, wenn es darum geht, gegen schwere Verläufe oder gegen Krankenhausaufenthalt oder gegen Tod zu schützen. Aber auch da waren die Zahlen relativ klein, doch die Studie läuft weiter und es werden auch weiter Daten gesammelt werden, und es werden noch weitere Fälle auftreten. Man kann die Wirksamkeit gegen schwere Erkrankungen, gegen Tod, gegen Krankenhausaufenthalt und gegen jegliche Form der Erkrankung sicherlich in einigen Monaten noch ein bisschen genauer spezifizieren. Aber dieser Impfstoff schützt.

Gibt es denn Personengruppen, für die der Astrazeneca-Impfstoff Vorteile hat?

Das sind wahrscheinlich eher die Personengruppen, die nicht in Europa leben. Weil dieser Impfstoff besser kontrollierbar, besser haltbar ist und die Lagerung und Logistik zuverlässiger durchgeführt werden kann, als das hier in Deutschland auch mit anderen Impfstoffen möglich ist. Da würde ich sagen, ist der allergrößte Vorteil dieses Impfstoffs.

Wie werden die nächsten Impfgruppen informiert?

Wenn wir noch mal bei der Impfreihenfolge bleiben: In den nächsten Impfgruppen sind ja auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Dazu bekommen wir immer wieder Fragen, zum Beispiel: "Woher weiß die Verwaltung, dass ich aufgrund einer Vorerkrankung zur nächsten Impfgruppe gehöre?"

Wenn es darum geht, die chronischen Erkrankungen zu definieren und zu identifizieren, ist das schon in der Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums festgelegt worden. Es werden Bescheinigungen nötig sein, die von den betreuenden Ärzten ausgestellt werden sollen. Da gibt es auch schon Regelungen, das ist mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung schon abgesprochen, wie das passieren soll. Und es ist sinnvoll, dass damit jetzt schon angefangen wird, damit das nicht einen großen Run gibt, wenn die Stufen 2 und 3 aufgerufen werden, zum Impfen zu kommen.

Die Verwaltung hat diese Daten nicht vorliegen. Diese Daten liegen zum Teil bei den Krankenkassen und auf jeden Fall bei den Ärzten, die diese Patienten betreuen. Insofern ist es sicherlich eine Überforderung der Verwaltung, da jetzt die Einladungen durchzuführen. Da braucht es Bescheinigungen durch die Hausärzte oder Systeme, die mit den Krankenkassendaten abgeglichen werden, die aber bisher noch nicht existieren.

Also vielleicht können Sie das nochmal praktisch erklären: Wenn ich jetzt eine Vorerkrankung hätte - was würde ich dann machen? Ich müsste zu meinem Hausarzt gehen, und dann? Wer kriegt dann meine Bescheinigung?

Wie das dann genau ablaufen wird, ist noch nicht klar. Für einen Buchungscode, wie sie hier in Berlin vergeben werden, müssen Sie wahrscheinlich eine Bescheinigung für die Einstufung in Paragraf 2, 3 oder 4 nach der Rechtsverordnung vorlegen. Paragraf 2 ist das, was jetzt geimpft wird. Paragraf 3 ist die nächste Stufe, hier unterschieden sich Stiko-Empfehlung und Impfverordnung.

Ich könnte mir vorstellen, dass es Formulierungen gibt, die auf diesen Bescheinigungen stehen müssen, wo der Arzt dann definieren muss: Ist das Paragraf 2, 3 oder 4. Und das müssen die Ärzte jetzt auch erst einmal lernen und akzeptieren und damit umgehen können. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das, wenn er sich einmal eingebürgert hat, auch funktionieren kann.

Sie haben die die Krankenkassen schon angesprochen: Die Barmer hat vorgeschlagen, die Daten von Versicherten zu nutzen, um Menschen schneller impfen zu lassen. Was halten Sie von so einem Vorgehen?

Wenn das nur eine Krankenkasse macht, wäre das sicherlich nicht gut. Das müssten wir im Prinzip dann von allen Krankenkassen haben, und dann fallen leider die Privatversicherten noch durchs Raster, weil es da solche Daten meistens nicht gibt.

Ich denke aber, dass der Datensatz, der der Barmer vorliegt, wahrscheinlich auch noch nicht hundertprozentig ausreichend ist, weil da sicherlich auch systembedingt Mängel bestehen. Und da weiß ich aber, dass es Vorhaben gibt - auch zusammen mit dem Robert Koch-Institut und anderen Krankenkassen - dieses System zu optimieren und zu gucken, wie man das nutzen kann. Das läuft aber gerade erst an.

Wie funktioniert die Härtefallregel?

In der aktualisierten Impfempfehlung der Impfkommission Stiko wird gesagt, dass nicht alle Krankheitsbilder und Impfindikationen explizit erfasst werden können. Ich zitiere mal: "Es obliegt daher den für die Priorisierung in den Bundesländern Verantwortlichen, in Einzelfällen Personen, die nicht ausdrücklich genannt sind, angemessen zu priorisieren." Das trifft zum Beispiel auch auf Menschen mit Vorerkrankungen und Menschen mit Behinderungen zu. Wer soll denn diese Priorisierung eigentlich vornehmen?

Das ist ein schwieriger Punkt, den ich mir auch noch nicht so ganz perfekt vorstellen kann. Ich weiß nur von den Ländern - wir haben ja in der Stiko auch Kontakt mit den Ländergesundheitsdiensten - dass man sich vorstellt, dass pro Land oder pro Bereich in den Ländern Kommissionen eingerichtet werden, wo solche Einzelfälle beantragt werden können. Ich kann mir im Moment auch noch kein anderes gutes Vorgehen vorstellen.

Warum gibt es so viele offene Fragen zur Organisation?

In unserem Gespräch habe ich den Eindruck, dass es wirklich noch sehr viele offene Fragen gibt. Ist das jetzt aus Ihrer Sicht normal, weil es alles so schnell ging? Oder ist es einfach chaotisch organisiert?

Sicherlich von beidem etwas. Ich denke schon, dass wir demütig sein müssen und uns freuen müssen, dass wir überhaupt schon so weit gekommen sind, dass wir in so kurzer Zeit einen Schlüssel haben, diese Pandemie zu besiegen. Allerdings glaube ich, dass wir auch besseres vorausschauendes Denken brauchen und ein paar Sachen früher entscheiden oder vorausdenken sollten. Man kann sich die Szenarien alle schon gut vorher ausdenken und auch bei der Verteilung des Impfstoffes gilt, dass man sich darauf vorbereiten muss, dass da ein Mangel entstehen, dass Knappheit die Regel sein kann. Das kann man vorausberechnen, da gibt es mathematische Modellierungen. Das ist jetzt geplant, aber das hätte man auch schon vorher planen können.

Aber ich denke, das ist auch in Deutschland dem Föderalismus geschuldet, dass wir eine Bundespolitik haben, die die Gesetze und Verordnungen dazu schreibt. Aber die Politik dazu wird in den Ländern gemacht und teilweise in den Kommunen. Und die machen das dann auch sehr autark und sehr unterschiedlich. Und da ist es sehr schwierig, in der Kürze der Zeit von Best-Practice-Beispielen zu profitieren. Das heißt, wenn das eine Land das gut macht, ist es noch nicht so einfach, dass das andere Land das sofort kopiert, weil sich bereits was anderes ausgedacht hat. Das ist, glaube ich, eine Schwäche unseres Systems, wie Covid-19 sowieso alle Schwächen unseres Systems aufdeckt.

Priorisierung für Krebspatienten?

In Berlin wurde gerade vor Gericht der Eilantrag von zwei krebskranken Menschen abgelehnt, die eine sofortige Corona-Impfung haben wollten. Was raten Sie Betroffenen? Wie kommt man schnell an eine Impfung, wenn man so eine akute Erkrankung hat?

Unsere Stiko-Empfehlung für die Priorisierungsreihenfolge ist in Studien begründet, die wir gefunden haben, weltweit große Reviews, das heißt auch Zusammenfassungen von Studien, die wir wiederum zusammengefasst haben. Diese haben die individuellen Risiken von bestimmten chronischen Erkrankungen, an Covid zu erkranken und schwer an Covid zu erkranken, ermittelt. Und da ist es so, dass das Alter eindeutig das aller-, allerhöchste Risiko hat, also die über 80-Jährigen, auch die über 70-jährigen, und es nur ganz wenige Krankheiten gibt, die dann in diese gleiche Risikostufe passen.

Und bei Krebserkrankungen oder onkologischen Erkrankung jedweder Art ist es so, dass man unterscheiden muss: Wenn jemand Krebs hat, die Diagnose schon lange gestellt ist, und er in keiner Behandlungsphase mehr ist, hat er kein sehr erhöhtes Risiko gegenüber dem, der das nicht hat. Wenn jemand jetzt gerade, innerhalb des letzten Jahres, die Diagnose bekommen hat, er noch in Behandlung steht, dann bekommt er auch ein Immunsuppressivum, also eine das Immunsystem unterdrückende Behandlung. Damit hat er wiederum ein höheres Risiko. Deswegen muss man das sehr differenziert sehen.

Genau das haben wir jetzt in die Empfehlung, die aktualisiert wurde, auch reingeschrieben, dass man Patienten, die in Remission sind - so nennt man das, die den Krebs besiegt haben, schon mehrere Jahre krebsfrei sind - die müssen jetzt nicht bevorzugt geimpft werden. Das ist für die einzelne Person dann schwer aushaltbar, weil sie denkt: Ich habe trotzdem noch ein höheres Risiko. Aber wir gehen nach wissenschaftlichen Kriterien vor, die gerecht sind und auch ethisch vertretbar sein müssen. Das ist aber sicher schwierig, das auf den Einzelfall dann runterzubrechen, weil jeder von sich selber denkt: Wieso? Ich hab doch ein größeres Risiko. Wir als wissenschaftliches Gremium müssen da manchmal halt auch Grausamkeiten erzeugen.

Wurden pflegende Angehörige vergessen?

Wenn wir nochmal bei dieser Priorisierung bleiben - das beschäftigt viele unserer User. Menschen, die in Pflegeeinrichtungen arbeiten, gehören ja zur Gruppe 1 mit höchster Priorität. Jetzt bekommen wir Zuschriften, da sagen Leute: "Ja, ich pflege aber meine kranke Oma oder pflegebedürftige Oma zu Hause. Ich habe doch auch die höchste Priorität - wurde ich vergessen?"

Nein. Sie wurde nicht vergessen, die ist in der Stufe zwei drin. Es ist nur so, dass die Menschen, die in den Pflegeheimen arbeiten, ein viel größeres Risiko haben, sich anzustecken und selbst andere anzustecken, weil da halt viele Menschen unter einem Dach leben, die alle ein extrem hohes Risiko der Erkrankung haben. Wenn man das vergleicht mit Menschen, wo eine Person eine andere Person pflegt und sich auch viel besser schützen kann, als die, die in einer Gemeinschaftseinrichtung leben oder arbeiten. Insofern finde ich diese Abstufung schon gerechtfertigt.

Was mich viel mehr besorgt ist, dass in diesen Pflegeeinrichtungen sich nicht alle Angestellten impfen lassen wollen. Dass es Menschen gibt, die da arbeiten und schon Ausbrüche erlebt haben und dann trotzdem noch besorgt sind, sich impfen zu lassen. Dagegen müssen wir viel mehr tun. Da müssen wir viel mehr Aufklärung gerade für diese Berufsgruppen betreiben.

Wie würde denn Ihrer Meinung nach diese Aufklärung aussehen?

Man müsste das, was man für Ärzte macht - da werden jetzt deutschlandweit regelmäßig Online-Fortbildungen angeboten, wo man auch Fragen stellen kann, wo es Chatrooms gibt, wo man diese Fragen kompetent beantwortet bekommt. So was müsste es aus meiner Sicht für Pflegeberufe auch geben.

Es gibt ja viele Öffentlichkeitsmaterialien, also sofort zur Verfügung gestellte Maßnahmen und Informationsmöglichkeiten vom Bundesgesundheitsministerium, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, vom Robert Koch-Institut. Die kann jeder, der sich dafür interessiert, sich anschauen. Aber ich denke, wir müssen die Berufe wahrscheinlich doch speziell da abholen, wo sie sind. Und da wären wahrscheinlich maßgeschneiderte Angebote sinnvoll.

Wann kommt ein Impfstoff für Kinder?

Sie sind ja auch Kinder- und Jugendarzt und uns hat per Mail die Nachricht einer Familie erreicht: Die haben einen zwölfjährigen Sohn mit Down-Syndrom und Vorerkrankungen. Die Eltern fragen: "Welcher Impfstoff ist denn für Kinder oder Jugendliche mit Down-Syndrom geeignet?"

Der einzige Impfstoff, der für Menschen unter 18 Jahren zugelassen ist, ist der von Biotech, und der ist nur ab 16 Jahren zugelassen. Studien für jüngere Kinder und Jugendliche laufen. Es gab auch schon einzelne kleine Studien bei Kindern ab zwölf Jahren bei Biontech, aber es hat bisher noch nicht zur Zulassung geführt. Wir wissen, dass Down-Syndrom eins der höchsten Krankheitsrisiken für Covid-19 darstellt, steht ja auch in unserer Priorisierung an der Stufe 2 mit den anderen schweren Erkrankungen, wie Organstransplantation und Demenz. Aber das gilt im Prinzip zurzeit nur für Menschen ab 16 mit Down-Syndrom.

Bei dieser Familie, die geschrieben hat, wäre eine Impfung mit dem Biontech-Impfstoff eine off-label-Impfung, völlig ohne Sicherheitsnetz, was die Familie auf ihr eigenes Risiko tragen müsste. Das ist natürlich keine gute Situation. Wir erwarten als Kinder- und Jugendärzte, dass da Dampf gemacht wird. Aber auch da müssen wir den wissenschaftlichen Standard einhalten. Und Sicherheit und Wirksamkeit muss bei Kindern jeglichen Alters separat sehr gut geprüft werden. Und das kann im schlimmsten Fall, für die ganz kleinen Kinder, noch zwei Jahre dauern. Und für die etwas größeren Kinder und Jugendlichen könnte ich mir vorstellen, dass wir im Laufe dieses Jahres schon erste Ergebnisse und vielleicht auch Zulassungsveränderungen der Impfstoffe erleben können.

Wenn man ein Kind oder einen Jugendlichen mit Down-Syndrom hat - da würde dann keine Härtefallregelung greifen? Dass man sagt: Man schaut sich das genauer an und wägt da ab?

Ich kann mir das nicht vorstellen im Moment - dass eine Kommission, die vom Staat eingerichtet ist, gegen die staatlichen Zulassungsbedingungen empfiehlt. Das ist auch etwas, was vielleicht noch einmal neu überlegt und entschieden werden muss.

Aber im Moment wäre es einfach nicht zulässig eine Empfehlung für dieses Alter auszusprechen, weil wir nicht wissen, ob das sicher genug ist. Wirksam wird es wahrscheinlich sein, aber ob es sicher genug ist, das wissen wir noch nicht.

Und Sie rechnen mit einem Impfstoff für Jugendliche unter 16 Jahren und Kinder in circa zwei Jahren?

Ich würde das abstufen. Die Firmen haben ja alle den Auftrag bekommen von den Zulassungsbehörden, jetzt sofort anzufangen mit Studien bei Kindern. Die fangen erst an mit der Altersgruppe zwölf bis 15 oder 16 und 17. Und dann werden sie in die Altersgruppe fünf bis elf gehen, dann zwei bis vier und dann unter zwei. Man muss Stück für Stück prüfen, ob man vielleicht was an der Dosis ändern muss und ob die Wirksamkeit auf das noch ungeschultere Immunsystem anders ist, als auf das erwachsene Immunsystem. Die Daten dazu müssen erst geschaffen werden.

Wir haben bei Erwachsenen bisher keine Erfahrungen mit mRNA-Impfstoffen gehabt und bei Kindern erst recht nicht. insofern ist man da einfach vorsichtig. Es spielt natürlich auch eine Rolle, dass von Beginn der Pandemie an sich gezeigt hat, dass Kinder weniger schwer erkranken, das hat natürlich auch die Entscheidung leichter gemacht, jetzt zu sagen: Wir können nicht sofort Kinder einschließen in die Studien. Das ist aber in anderen Fällen, bei anderen Medikamenten und auch bei anderen Impfstoffen, die nicht per se nur für Kinder entwickelt werden, immer so: Dass erst die Sicherheit und die Wirksamkeit an Erwachsenen geprüft wird und dann an Kindern.

Impfangebot für alle bis zum Ende des Sommers?

Bundeskanzlerin Merkel hat ja gesagt, dass bis Ende des Sommers jeder Deutsche ein Impfangebot erhalten soll. Für wie realistisch halten Sie diese Einschätzung?

Frau Merkel hat ja auch richtigerweise gesagt, wie lange der Sommer geht - nämlich bis zum 21. September. Ich halte das für realistisch. Die Zahlen, die jetzt veröffentlicht wurden, sprechen schon dafür, dass wir wahrscheinlich schon im Juni, sagen mal Dreiviertel der impffähigen Menschen mindestens die erste Impfung angeboten haben werden. Und dann wird es auch logischerweise so sein, dass wir das zweieinhalb Monate später auf alle ausgedehnt haben. Im zweiten Quartal bekommen wir deutlich mehr Impfstoff als im ersten und im dritten Quartal noch mehr. Und dann kommen auch noch andere Hersteller dazu.

Im Endeffekt, werden wir viel mehr Impfstoff haben, als wir für Deutschland brauchen. Ich finde viel wichtiger, dass man jetzt auch schon mal drüber spricht und drüber nachdenkt - das ist wieder vorausschauend - dass wir den Impfstoff nicht nur für Europa, nicht nur für Deutschland, nicht nur für Berlin und Brandenburg brauchen, sondern für die ganze Welt. Und auf der ganzen Welt gibt es zurzeit größere Dramen, als es sie in Deutschland gibt. Und wir sollten jetzt schon mal drüber nachdenken, wie es eigentlich aussehen könnte, dass wir auch jetzt schon anfangen, was abzugeben.

Impfstoffproduktion durch Dritte?

Das große Thema ist ja auch die Impfstoffknappheit. Da war in der Diskussion, dass Firmen wie Biontech/Pfizer zur Lizenzierung ihres Impfstoffes gezwungen werden, damit auch andere Unternehmen den Impfstoff produzieren könnten. Spricht da aus Ihrer Sicht was dagegen?

Ja! Dagegen spricht, dass das schon längst passiert, dass die Firma Biontech sich ja schon längst ganz viele Partner geholt hat und zusätzliche Fabriken gekauft hat und Verträge mit anderen Firmen, Zulieferfabriken oder Abfüllfabriken geschlossen hat, um ihre Produktionsmenge zu erhöhen. Man darf nicht vergessen: BioNTech ist ein StartUp, ist eine ganz kleine Firma, die in der Grundlagenforschung seit 20 Jahren aktiv ist und jetzt dabei war, Medikamente für die Tumorbehandlung einzuführen, die auf mRNA-Basis basieren.

Und diese Firma hat jetzt diesen Impfstoff sehr schnell erfunden und den marktfähig gemacht, hat sich eine große, globale Firma ´als Partner ausgesucht, um diese Studien durchzuführen und um den Impfstoff zu produzieren und zu vermarkten. Und hat sich viele andere Produktionsstätten schon vor vielen Monaten an Land gezogen, um diesen Bedarf zu decken.
Aber alleine die Produktionsstätte in Marburg, die sehr modern und sehr gut ausgerüstet ist, hat jetzt sechs Monate gebraucht, um so weit zu kommen, dass sie produzieren kann. Man kann ja nicht einfach sagen: Okay, wir brauchen mehr - und dann haben wir morgen mehr. Auch nicht in einem Monat.

Es ist ein sehr kompliziertes, völlig neues Verfahren, das sehr viel Know-How und sehr viele Menschen braucht, die dieses Know-how beherrschen, um überhaupt wieder gut produzieren und sicher produzieren zu können. Sie müssen ja sicher sein, dass das, was sie machen, dann auch hinterher gut rauskommt. Und dafür, glaube ich, sind die Firmen, die das entwickelt haben, und die Menschen, die damit verbunden sind, besser geeignet als irgendeine Firma, die vorher was ganz anderes gemacht hat.

Vielen Dank, Herr Dr. Terhardt, für Ihre Einschätzungen. Das war’s mit "Impfen gegen #Covid-19 – der Experten-Vidcast des rbb". Uns gibt‘s immer donnerstags auf rbb24.de und auf dem YouTube-Kanal des rbb, sowie auf den gängigen Podcast-Plattformen.
Wenn Sie eine Frage haben, dann schreiben Sie uns eine Mail an: meineImpffrage@rbb-online.de. Und wir schauen, welche Fragen wir hier aufnehmen können. Und wir nehmen auch immer wieder Fragen in den Fragenkatalog auf, die uns über Social Media und die Kommentare erreichen.

Vielen Dank, Herr Terhardt, machen Sie’s gut!

Über den Vidcast

Die Impfungen gegen Corona sind gestartet - und es gibt viele Fragen: Sind die Impfstoffe sicher? Bin ich trotz Impfung noch ansteckend? Wie lange bin ich immun?

Im wöchentlichen Vidcast Impfen gegen #Covid19 lässt sich rbb-Praxis-Reporterin Laura Will diese und andere Fragen von Experten beantworten. Impfstoff-Forscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité ist alle zwei Wochen zu Gast, dazwischen wechselnde Expertinnen und Experten rund um das Thema.

Haben Sie eine Frage, die Reporterin Laura Will stellen sollte? Dann schreiben Sie an: meineimpffrage@rbb-online.de

Alle Vidcast-Folgen

Das Cover des Vidcasts Impfen gegen Corona (Quelle: rbb)
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Vidcast | alle Folgen - Impfen gegen Covid-19 - der Experten-Vidcast

Die Impfungen gegen Corona sind gestartet - und es gibt viele Fragen: Sind die Impfstoffe sicher? Bin ich trotz Impfung noch ansteckend? Wie lange bin ich immun? Im wöchentlichen Vidcast Impfen gegen #Covid19 lässt sich Laura Will diese und andere Fragen von Experten beantworten. Impfstoff-Forscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité ist alle zwei Wochen zu Gast, dazwischen wechselnde Expertinnen und Experten rund um das Thema.

Beitrag von Laura Will

Kommentar

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Antwort auf [Reinhard] vom 04.02.2021 um 09:35
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4 Kommentare

  1. 4.

    ..für mich tut sich eine Frage auf, hält man den Menschen mit Impfen von allen Krankheiten fern und verhindert damit natürliche Immunität, liefert man sich dann nicht der Pharmaindustrie auf alle Ewigkeit aus?

  2. 3.

    kann nur empfehlen sich die EMA Studien zu AstraZenika mal genau anzuschauen (stehen auf der wirklich gute Web Site vom Paul Ehrlich Institut zum download bereit).

    Mein Fazit:
    - belastbare Daten liegen aktuell nur für die Altergruppe der Probanden von 18 bis 55 vor
    - In Italien und in Spanien setzt man das deshalb wohl auch so um (Impfung nur 18 bis 55)
    - Warum die Zulassung und Empfehlung der StIko in Deutschland trotzdem für die Altergruppe 18 bis 64 erfolgt ist konnte ich bislang nirgendwo seriös erfahren bzw. nachlesen - außer das man sich auf die Erfahrungswerte bei anderen Vakzinen beruft.
    - Wirksamkeit wird mit durchschnittlich 60 % angegeben (die oft genannten 70% konnte ich nicht verifizieren)

    Natürlich ist es schön einen deutlich günstigeren Impstoff zu haben, der zudem auch noch in den Praxen verimpft werden kann. Aber wie vermittelt man das den Menschen zwischen 56 und 64, die nun sicher noch mehr verunsichert sind ?!

  3. 2.

    außerdem gibt es noch keinen Impfstoff und damit vernundene Zulassungen für KInder und Jugendliche. Nachrichtenzufolge kann sich das noch bis ca. 2024 hinziehen, ob uns das passt oder hicht

  4. 1.

    Triage :bedeutet, dass diejenigen mit den besten Aussichten auf Genesung zuerst Hilfe bekamen, und nicht die Menschen, die sie am nötigsten brauchten.

    Das wäre doch auch bei der impf priorisierung der richtige Ansatz.
    Kurz : Kinder zuerst, denn die haben das Leben noch vor sich.

    Meine Meinung

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