rbb|24-Experten-Vidcast l Folge 2 - Was brauchen wir für eine sichere Impfentscheidung?

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Die einen sehnen sich nach der Impfung, die anderen fürchten versteckte Folgen. Psychologieprofessorin Cornelia Betsch forscht seit Jahren zum Thema Impfangst. In der zweiten Folge des rbb|24-Experten-Vidcasts spricht sich die Wissenschaftlerin gegen eine Impfplicht aus und erklärt, was wir für eine sichere Entscheidung wissen müssen.

Der untenstehende Text gibt das Gespräch mit der Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin Cornelia Betsch im Wortlaut wieder. Das Gespräch sehen und hören können Sie im Video oben.

Laura Will (rbb|24): Was passiert eigentlich in unserem Kopf, wenn wir uns fragen: Soll ich mich impfen lassen?

Cornelia Betsch: Vielleicht müssen wir ein bisschen unterscheiden zwischen den Impfungen, die wir alle schon kennen, die es jahrelang gibt, und der neuen Corona-Impfung. Bei den herkömmlichen Impfungen denken viele Leute gar nicht so viel nach. Wir gehen zum Arzt, der Arzt sagt: Es ist empfohlen, und die meisten Leute machen es einfach. Natürlich wollen sie sich auch informieren. Und da unterscheiden sich Leute auch, wie sehr sie sich informieren wollen. Aber in der Regel ist das, wir man so sagt, ein no-brainer.

Wir sehen das ja auch an den Impfquoten: Die liegen in den hohen 80er und 90er Prozentwerten. Das passiert einfach. Jetzt haben wir hier bei der Corona-Impfung eine neue Situation. Ein Impfstoff, der sehr schnell entwickelt wurde, den wir alle irgendwie herbeigesehnt haben, schon seit dem Frühjahr. Und jetzt gucken wir ganz besonders natürlich auf die Sicherheit dieses Impfstoffs, weil wir Risiken gegeneinander abwägen. Und das ist auch der wichtigste Aspekt für viele Leute - die Sicherheit der Impfung.

Wie kann man denn so ein Verhalten psychologisch erklären?

Naja, letztendlich haben wir einen gesunden Körper, und das, was da jetzt reinkommt, das soll uns ja nicht schlechter stellen, sondern es soll Schaden von uns abwenden. Und gerade, wenn es um Prävention geht, sind wir besonders darauf bedacht, dass wir keine großen Risiken eingehen.

Das ist ein bisschen anders, wenn wir eine Krankheit haben und ein Medikament einnehmen müssen, um diese Krankheit zu bekämpfen. Dazu sind wir dann vielleicht auch bereit, irgendwelche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, weil: Uns geht es ja schon schlecht, und wir haben die Aussicht, dass es uns danach besser geht. Aber weil es hier um Prävention geht, sind wir besonders darauf bedacht, die Risiken zu minimieren. Und wir wägen sozusagen die Risiken ab: Risiko der Impfung, Risiko der Erkrankung, und dann entscheiden wir.

In Bezug auf die Corona-Impfung haben Sie herausgefunden, dass sich zu Beginn der Pandemie 79 Prozent impfen lassen wollten. Jetzt sind es noch 56 Prozent. Warum ist das gesunken?

Ja, wir waren zwischenzeitlich - kurz vor der Zulassung - sogar schon mal bei 48 Prozent. Ich glaube, das liegt daran, dass die Dinge, die ganz weit weg in der Zukunft sind - und so erschien uns die Impfung noch, als wir im April mitten in der Pandemie saßen - sehen wir sehr abstrakt. Da schauen wir: Wie wünschenswert wäre das, wenn wir das hätten? Da saßen wir alle zum ersten Mal zu Hause in der Pandemie, wussten nicht, wie uns geschah, und da erschienen uns das sehr wünschenswert. Dann rückte das immer näher, und immer mehr Fragen kamen auf. Es wurde konkret. Es wurde mit den Händen greifbar, und die Fragen eben auch. Wie sicher ist das? Warum ist sie so schnell zugelassen worden? Was hat Bill Gates damit zu tun? Alle diese, auch Verschwörungsmythen, die aufkamen, türmten sich plötzlich auf. Und das macht dann natürlich auch Angst, Zweifel und so weiter.

Und das führte dazu, dass viele Leute gesagt haben: Ich warte erstmal ab. Wir haben aber gesehen, dass mit der Zulassung und mit der Verimpfung - in anderen Ländern wurde teilweise ja schon früher angefangen - dass damit dieses Vertrauen in die Impfung sehr gestiegen ist und auch die Bereitschaft, sich selber impfen zu lassen.

Kann man denn sagen, welche Gruppen der Bevölkerung die Corona-Impfung eher ablehnen?

Vor allem lehnen Menschen die Impfung ab, die von der Sicherheit nicht überzeugt sind. Ansonsten sehen wir, dass Männer und ältere Leute sie lieber haben wollen. Frauen sind vielleicht jetzt zunächst noch ein bisschen vorsichtig, zögerlich, schauen sich das erstmal an. Und jüngere Leute - also wir wissen natürlich auch, dass jüngere Leute erst später dran sind. Die haben natürlich auch noch Zeit, sich das länger anzuschauen. Aber die Sicherheit der Impfung ist für viele eben der wichtigste Aspekt.

Sie haben gerade gesagt: Sicherheit und Ängste spielen eine Rolle. Gibt es noch andere Gründe, warum die Impfung abgelehnt wird?

Es gibt relativ viele Gründe. Manche bewerten die Krankheit als gar nicht so schlimm. Dann gibt es noch die Idee, dass man sich vielleicht darauf verlassen kann, dass die anderen sich schon impfen lassen werden. Also das wird auch immer wieder irgendwie beobachtet. Und das spielt hier alles rein. Aber wir sehen das eindeutig, dass diese Sicherheitsbedenken der größte Punkt sind.

Und eine Sache kann ich vielleicht noch ergänzen: Das sehen wir jetzt gerade, wo es tatsächlich um die Umsetzung geht. Die ganze Zeit war es weit weg, und da war es nicht so relevant. Aber jetzt spielt die praktische Umsetzbarkeit ein Rolle: Weiß ich, wie ich an Termine komme? Wie komme ich dahin? Also: Hält mich irgendwie mein Leben davon ab, dass ich das schaffe, das zu organisieren. Das sind alles Gründe, die werden jetzt langsam wichtiger, wo es tatsächlich um die praktische Umsetzung geht.

Im Zusammenhang mit der Coronaimpfung wird ja auch immer über die sogenannte Herdenimmunität gesprochen. Damit wäre ja die Impfung eigentlich ein sozialer Akt. Müsste vor dem Hintergrund nicht die Impfbereitschaft besonders hoch sein?

Ja, das beobachten wir schon in vielen Studien, dass das Wissen um den Gemeinschaftsschutz - so nennen wir das eher - eine Rolle spielt. Herdenimmunität hat immer so ein bisschen Konnotation: Wer will schon Teil einer Herde sein - ein Schaf oder eine Kuh? Wir reden also eher von Gemeinschaftsschutz. Wenn Menschen darüber Bescheid wissen, sind sie auch eher impfbereit. Wir sehen auch, dass die Leute, die sagen: 'Die Impfung schützt auch andere' impfbereiter sind.

Wir wissen aber bei der Corona-Impfung noch nicht genau, inwiefern das auch die Übertragung von Mensch zu Mensch reduziert oder ob es nur den Geimpften selbst schützt, indem man nicht so schlimm krank wird oder gar nicht. Aber ob eben auch die Übertragung gestoppt wird, ist relefant dafür, ob es auch tatsächlich Gemeinschaftsschutz - Herdenimmunität - geben kann. Und deswegen ist das noch so ein kleiner Unsicherheitsfaktor, ob man damit in dem Sinne gut werben kann. Das ist für Menschen eine relevante Information. Aber letztlich hilft natürlich trotzdem jede Impfung: Weil jeder, der nicht krank wird bereits insgesamt die Krankheitslast in der Gesellschaft senkt.

Wir merken in der Redaktion die Verunsicherung unserer Userinnen und User - und dass sich Gerüchte auch hartnäckig halten. Zum Beispiel hat uns eine Frau von einer Bekannten berichtet, die Pflegerin ist. Deren Arbeitgeber habe gesagt: Ja, mit der Impfung - Vorsicht! Die könnte die Fruchtbarkeit einschränken. Warum halten sich solche Gerüchte?

Speziell zu dem Thema kann ich darauf hinweisen: Das Robert Koch-Institut hat einen YouTube Kanal. Und dort gibt es einen Myth Buster zu dem Thema, also einen Beitrag, der sich damit beschäftigt, diese Falschinformationen zu entkräften. Das ist ein sehr lohnenswertes Video und erklärt einfach sehr gut, warum diese Information falsch ist.

Zur der Frage, warum hält sich so etwas? Letztendlich wird da ein Zweifel gesät, wir sind uns dann nicht mehr so ganz sicher, wir können es nicht beweisen, wir können es nicht widerlegen. Aber irgendwie denken wir: Hm, es klingt plausibel. Und was wäre denn, wenn das so ist? Und da sind wir natürlich vorsichtig. Wir wollen ja nicht in irgendeine Falle tappen. Wenn die Spritze erst einmal drin ist, dann ist sie drin, dann kann man auch nicht mehr zurück. Man möchte nichts Falsches machen und sich schützen. Das ist natürlich unser aller Motivation. Die einen wollen sich schützen und sagen: Deswegen lasse ich mich impfen. Die anderen sagen: Ich will mich schützen, deswegen lasse ich mich nicht impfen.

Und das Problem mit diesen Falschinformationen ist: Sie sind sehr schwer zu korrigieren. Wenn dieser Zweifel erst mal in unserem Kopf sitzt, braucht es gute Erklärungen. Und im Prinzip ist eine sogenannte alternative Erklärung wie ein Puzzle: Wir haben ein Puzzle im Kopf - ein mentales Modell nennen Psychologen das. Und wenn ich jetzt sage: 'Das ist aber falsch!', dann nehme ich ein Puzzleteil raus. Vielleicht erinnert sich jeder noch daran, wie ärgerlich das war, als wir Kinder waren und gepuzzelt haben: Man ist fertig und uns fehlt ein Teil! Das geht nicht!

Und genauso ist es auch mental: Also wir haben irgendwie eine Idee von der Welt. Und dann nimmt uns jemand ein Puzzleteil raus und dann haben wir lieber was Falsches da drin, als nichts. Deswegen ist es ganz wichtig, so gute Erklärungen zu haben, wie zum Beispiel dieses eine Video. Was dann eben zeigt, warum das gar nicht sein kann, dass das die Fruchtbarkeit beeinflusst.

Ich frage mich dann immer: Ist das nicht auch total menschlich, dass in so einer unsicheren Situation sozusagen die Angst im Kopf das Ruder übernimmt?

Ja, wir sehen es ja mit ganz vielen Verschwörungstheorien. Also ein Grund, warum wir an solche Verschwörungserzählungen glauben, ist immer auch ein existenzieller. Wir wollen die Welt verstehen und in einer Situation von großer Unsicherheit - wie jetzt in der Pandemie, wo ganz viel unklar ist - hilft es uns natürlich, weil die Mythen meistens relativ einfach sind und definitive Antworten geben. Das hilft das auszuhalten, diese Unsicherheit, deswegen ist das eine sehr gute Zeit für Verschwörungserzählungen. Leider ja.

Wie schafft man es denn, dass Menschen eine rationale Impfentscheidung treffen?

Man muss einfach sehr ernst nehmen, welche Fragen die Menschen haben. Dem wird auch begegnet. Es gibt viele gute Informationen darüber. Und letztendlich ist es nur wichtig, dass die Leute die dann auch aufsuchen. Im Moment ist es so, dass sie sehr zentriert sind auf den Seiten der Bundesregierung. Die sammelt das von ihren Behörden ein, die den Impfstoff zulassen, die Sicherheit überprüfen, da sind sehr breite Antworten vorhanden.

Jetzt ist es natürlich noch wichtig, diese Antworten auch in der Breite der Bevölkerung verfügbar zu machen. Und da spielen auch Medien eine starke Rolle, aber auch Ärzte und Ärztinnen, die immer die Nummer eins sind eigentlich, wenn es darum geht, wen man fragen möchte.

Müsste es da vielleicht auch spezifische Informationsrunden geben, die auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind?

Das wird zum Teil auch schon gemacht. Die Pflegekammern sind da teilweise sehr aktiv. Auch weil man natürlich gemerkt hat, dass die Leute, die die Impfung zuerst kriegen sollen - also Pflegende in Krankenhäusern, Ärzte und so weiter - ein bisschen skeptischer sind. die sind, Das wissen wir auch von der Impfung gegen Grippe. Die haben vielleicht andere Fragen und diesen Fragen muss man begegnen.

Darauf wird jetzt geguckt und es ist wichtig, da dran zu bleiben, die Pflegenden, das medizinische Personal sehr gut zu informieren. Weil die für sich selber natürlich entscheiden müssen - und natürlich von jedem gefragt werden. Also jeder, der einen Pfleger im Freundeskreis hat oder eine Ärztin oder wen auch immer, würde immer sagen: Was denkst du denn zu der Impfung? Und da ist es wichtig, dass die gut informiert sind und auch über diese Falschinformationen gut Bescheid wissen.

Was können denn wir als Medien eigentlich tun?

Fernsehen und Radio zum Beispiel sind eigentlich traditionell - und das sehen wir auch jetzt aktuell in den Befragungen - die Medien, wo die Leute sagen: Ich möchte von denen informiert werden. Wir wollen uns auch nicht immer über alles aktiv selbst informieren, sondern es ist auch schön, wenn Informationen von alleine vorbeikommen. Bei Fernsehen und Radio ist das so. Das heißt: Hier gibt es eine große Verantwortung, gute Informationen zu transportieren und auch in gut verdaubaren Formaten. Von daher: Das ist wichtig.

Eine andere Verantwortung, die ich bei den Medien sehe ist, nicht die Impfgegnerschaft oder diese Bedenken hochzuschreiben. In der Cosmo-Befragung, die ich leite, schauen wir uns auch so was wie Verschwörungserzählungen oder Glaube an Verschwörungstheorien an. Und da gab es so im Spätsommer so einen unglaublichen Anstieg in den Medien , als der sogenannte Sturm auf den Reichstag war. Man dachte: Man ist nur noch umgeben von Leuten, die komische Sachen glauben. Und wir sehen aber in den Daten: Das hat überhaupt nicht zugenommen. Die Medien haben einfach stärker darüber berichtet. Und genau nach dem gleichen Strickmuster kann es einfach passieren, dass die Medien sich jetzt sehr stark auf die kritischen Stimmen fokussieren und diese Kritik sozusagen überbetont wird.

In einem Vortrag haben Sie gesagt, dass eine falsche Balance in der Medienberichterstattung dazu führen kann, dass sich weniger Menschen impfen lassen. Können Sie das mal kurz erklären, wie das funktioniert?

Falsche Balance kann man sich so vorstellen: Es gibt bei Medien häufig das Prinzip: Man möchte balanciert berichten. Bei politischer Meinungsbildung gilt dann: Einer ist dafür und einer ist dagegen und dann tauscht man Argumente aus. Bei wissenschaftlichen Themen ist das ein ganz gefährlicher Zugang, denn meistens gibt es einen wissenschaftlichen Konsens. Zum Beispiel: Die Impfung ist sicher. Und dann gibt es aber trotzdem abweichende Meinungen. Und da, wo es den Konsens gibt, sind ganz viele und da, wo es eine abweichende Meinung gibt, da sind es ganz wenige. Und wenn man jetzt aus jeder Gruppe einen rauszieht und in einer Talkshow miteinander reden lässt, dann kann es dazu führen, dass der Zuschauer - der nicht weiß, aus was für großen Gruppen die Leute sozusagen rekrutiert wurden - denkt: Aha, man kann dafür und dagegen sein und sieht sozusagen nicht die Gewichtung, den Konsens dahinter.

Und es gibt Studien, die zeigen, dass solche balancierten Diskussionen dazu führen können, dass die Zuschauer verunsichert werden und hinterher auch nicht mehr so richtig wissen, was die Wissenschaft jetzt eigentlich dazu sagt, weil: die streiten sich ja. Und wenn man Zweifel hat, dann macht man im Zweifelsfall eher nichts, bevor man was Falsches tut. Und wenn man nichts tut, dann impft man auch nicht.

Es wird ja oft behauptet, dass an einer niedrigen Impfquote die Impfgegner schuld seien. Jetzt sind das ja aber nur drei bis fünf Prozent der Bevölkerung schätzungsweise, die wirklich Impfgegner sind. Warum hat man das Gefühl, dass es immer mehr Impfgegner gibt?

In der Tat ist es eigentlich andersrum. Also bis jetzt vor der Pandemie - man muss jetzt natürlich mal schauen, wie sich das auswirkt, es kann sich in beide Richtungen auswirken - waren es in der Tat drei bis fünf Prozent und seit 2012 hat es abgenommen. Das sieht man immer wieder in den Befragungen, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht. Das kann auch ein Medienphänomen sein, dass es eben immer interessant ist zu sagen: Was sagt denn diese Gruppe jetzt gegen Impfungen? Was ist da dran? Und dann wird das auch unter der Idee der Aufklärung vielleicht betrachtet. Letztendlich kann man auch sagen: Es ist teilweise mit ein Medienphänomen, dass man den Eindruck hat, es werden immer mehr.

Wir haben natürlich auch das Internet, Social Media. Das sehen wir jetzt auch an den aktuellen Daten, auch bezogen noch einmal auf die Corona-Leugner oder die Ablehner, bei der Demonstrationsbereitschaft zum Beispiel. Das sind ganz wenige Leute, aber die sagen: Ich habe das schon mal in den sozialen Medien unterstützt. Also die Wenigen, die multiplizieren das sehr heftig in den sozialen Medien, sodass man gleich den Eindruck bekommt: Es ist ganz viel.

Haben Sie denn einen Tipp für jemanden, der jemanden im Bekanntenkreis hat, der argumentiert: Wir bekämen jetzt mit der Impfung alle noch einen Chip von Bill Gates eingepflanzt oder die Coronaimpfung sei ein großes Experiment an der Menschheit? Wie argumentiert man da am besten? Oder lässt man es bleiben?

Es kommt ein bisschen darauf an, wie viel Zeit und Lust man hat, sich möglicherweise auch damit auseinanderzusetzen oder auch zu streiten. Ich glaube, man sollte versuchen, von dem 'Nein! Doch! Nein! Doch!' wegzukommen, sondern wirklich zu hinterfragen. Zu sagen: Erklär mir doch mal deine Position. Wie kommt es dazu, dass du das denkst? Wo hast du das gelesen? Warum sollte es so sein?

Wenn man sich wirklich austauschen möchte, sollte man versuchen, die Position des anderen zu verstehen. Wenn man sozusagen immer noch einen Schritt weiter fragt, führt das oft dazu, dass dann die Leute, die diese Meinung haben, auch anfangen zu sagen: Ja, das kann ich jetzt auch nicht so genau sagen und am Ende: 'ich hab's irgendwo gelesen und ich glaube das'. Dadurch hat diese Spirale irgendwo ein Ende. Letztendlich ist es immer eine Frage, wieviel man sich wirklich damit auseinandersetzen möchte.

Eine Userin hat uns gefragt: Wäre es nicht besser oder sinnvoll, wenn sich erst einmal die Politiker*innen impfen lassen? Sozusagen dass man Vorbilder schafft. Wie ordnen Sie das ein?

Ich weiß von verschiedenen Politikern, dass das diskutiert und sehr stark abgewogen wird mit der Priorisierung. Die meisten Politiker sind ja nicht über 80. Und die eine Hälfte könnte sagen: Na toll, die drängeln sich vor, die sind ja noch gar nicht dran. Die andere Hälfte sagt: Die lassen sich nicht impfen, die haben ja selber Angst davor. Also ich glaube, die können das hier gar nicht richtig machen, ehrlich gesagt.

Was ich jetzt häufig gehört habe ist: Ich werde mich impfen lassen, wenn ich an der Reihe bin. Das ist jetzt wahrscheinlich in der aktuellen Situation das Richtige. Man hält sich selber an die Regeln, die man selber geschaffen hat.

Was ich gehört habe: Unter den Politikern ist die im Impfbereitschaft relativ hoch. Ich denke, es ist gut, wenn wir warten, bis wir alle warten, bis wir an der Reihe sind. Wir haben eine Impfstoffknappheit. Letztendlich wurde entschieden, dass erst die Schwächsten geimpft werden. Und ich hoffe sehr, dass es bald auch für uns alle verfügbar sein wird.

Es wurde in letzter Zeit auch eine Impfpflicht für bestimmte Personengruppen diskutiert. Wie reagieren Menschen aus psychologischer Sicht auf einen Zwang einer Impfung?

Ja, wir haben uns das schon im Kontext von der Masernimpfung sehr genau angeschaut. Die wurde ja ab März letzten Jahres verpflichtend. Und unsere größte Sorge ist, dass man quasi eine Impfung verpflichtend macht und ganz viele andere lässt man aber freiwillig. Wenn man Leute zu etwas zwingt, was sie vielleicht nicht wollen, ärgern sie sich.

Jetzt kann man sagen: Ja, dann sollen die Leute sich halt ärgern, aber sie sind wenigstens geimpft. Aber: Wir haben ja noch andere Impfungen. Und was wir da sehen ist, dass sie dann bei den anderen Impfung sagen: Die Freiheit, die ihr mir hier eingeschränkt habt, die hole ich mir jetzt wieder zurück - und sie lassen andere Impfungen eher weg.

Was jetzt hier bei der Corona-Impfung der Fall ist: Das ist eine sehr neue Impfung und ich denke, da verbietet es sich ohnehin.

Sind Sie im Fall der Coronaimpfung auch gegen eine Impfpflicht?

Ja, das kann ich sehr eindeutig sagen. Nicht nur aus meiner Meinung heraus, sondern auch aus dem, was ich wissenschaftlich weiß über menschliches Verhalten im Bezug auf die Impfung. Gerade die Diskussion um Impfpflicht bei den Pflegekräften fand ich besonders unglücklich. Weil man einfach vergessen hat auch zu fragen: Was habt Ihr eigentlich für Fragen? Und bevor man nicht alles getan hat, was man tun kann, nämlich Fragen beantworten, zuhören, Ängste ernst nehmen, verbietet es sich sowieso überhaupt über eine Impfpflicht nachzudenken.

Wenn es jetzt sozusagen eine Impfpflicht durch die Hintertür geben würde - also wenn wir uns vorstellen: Man darf jetzt nur noch fliegen, wenn man geimpft ist oder ich darf nur noch in einem Restaurant essen, wenn ich geimpft bin. Wie würde sich das auf das gesellschaftliche Miteinander auswirken?

Wir können das in Israel beobachten, wo solche Dinge eingeführt werden. Die haben allerdings sehr viel mehr Impfstoff. Bei der derzeitigen Impfstoffknappheit hier wäre das keine gute Idee. In den Befragungen wird das sehr breit abgelehnt. Wir haben auch abgefragt: Wenn wir Sie für die Impfung bezahlen, würden Sie sich eher impfen lassen? Oder soll man noch eine Lotterie aufmachen: Jetzt, wo der Impfstoff knapp ist, kann ich ein Los reinwerfen und dann werde ich vielleicht früher geimpft.

All das wollen die Leute nicht. Sie finden die Priorisierung sehr fair, sagen eigentlich noch: Die, die von Berufs wegen ein hohes Risiko haben, die sollen eigentlich noch früher geimpft werden, als die Alten in den Altenheim. Und letztendlich sagen die Leute: Das Einzige was ich will, um meine Impfbereitschaft zu verändern, ist mehr Informationen.

Was wir auch abfragen über die ganze Zeit ist: Sollen Menschen, die eine Immunität haben, Sonderrechte oder Pflichten haben. Also man kann ja auch sagen: Die, die schon immun sind, die sollen in der Gesellschaft irgendwas helfen. Es wird aber auch beides eigentlich er abgelehnt. Also diese Idee: Mehr reisen oder mehr Freiheiten oder mehr Pflichten - das kommt nicht besonders gut an.

Sie haben sich am Montag dieser ja auch mit der Kanzlerin und dem Corona-Kabinett beraten. Was war Ihr Hauptanliegen, das Sie eingebracht haben?

Also letztendlich kann man alles nachlesen auf der Corona-Monitor Webseite. Ich hab da besonders die aktuellen Daten gezeigt. Was wir sehen ist: Wie verhalten sich die Menschen jetzt? Wie haben sie sich im ersten Lockdown verhalten? Wir gucken uns an: Wie wollen die Leute eigenverantwortlich handeln? Oder sehen sie das nicht als so hilfreich an? Und letztendlich natürlich auch die Frage einer Perspektive: Wie kommen wir hier raus? Und da sehen wir, dass viele Leute einen Plan wollen, eine längerfristige Einigung, die kontrollierbar und vorhersehbar ist.

Vielen Dank Frau Betsch! Das war die zweite Folge des Vidcast "Impfen gegen #Covid-19", der Expertenvidcast des rbb. Uns gibt’s immer donnerstags auf rbb24.de, auf dem Youtube-Kanal des rbb und auf den gängigen Podcast-Plattformen.


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Nächste Woche spreche ich wieder mit Leif Erik Sander, er ist Arzt und Impfstoffforscher an der Berliner Charité. Frau Betsch: Vielen Dank, machen Sie’s gut!

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Die Impfungen gegen Corona sind gestartet - und es gibt viele Fragen: Sind die Impfstoffe sicher? Bin ich trotz Impfung noch ansteckend? Wie lange bin ich immun?

Im wöchentlichen Vidcast Impfen gegen #Covid19 lässt sich rbb-Praxis-Reporterin Laura Will diese und andere Fragen von Experten beantworten. Impfstoff-Forscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité ist alle zwei Wochen zu Gast, dazwischen wechselnde Expertinnen und Experten rund um das Thema.

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Die Impfungen gegen Corona sind gestartet - und es gibt viele Fragen: Sind die Impfstoffe sicher? Bin ich trotz Impfung noch ansteckend? Wie lange bin ich immun? Im wöchentlichen Vidcast Impfen gegen #Covid19 lässt sich Laura Will diese und andere Fragen von Experten beantworten. Impfstoff-Forscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité ist alle zwei Wochen zu Gast, dazwischen wechselnde Expertinnen und Experten rund um das Thema.

Beitrag von Laura Will

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14 Kommentare

  1. 14.

    Alles hier nachzulesen, übrigens auch die durchschnittliche Wirksamkeit (es ist nicht 75%)

    https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/summaries-opinion/covid-19-vaccine-astrazeneca#opinion-section

    "Most of the participants in these studies were between 18 and 55 years old. There were not enough results in older participants (over 55 years old) to provide a figure for how well the vaccine will work in this group. However, protection is expected, given that an immune response is seen in this age group and based on experience with other vaccines"

    Fazit:
    - belastbare Daten liegen nur für die Altergruppe der Probanden von 18-55 vor
    - Italien setzt das deshalb vorsichtshalber auch so um (Impfung 18 - 55)
    - In Deutschland trotzdem 18 - 64 - warum konnte ich bislang nirgendwo seriös erfahren bzw. nachlesen.
    Natürlich ist es schön einen günstigeren Impstoff zu haben der zudem auch noch in den Praxen verimpft werden kann, aber wie vermittelt man das den 55 und 64 jährigen ?!

  2. 13.

    Der neu zugelassene Impfstoff von Astra Zenica in Deuschland bis 65 zugelassen in Italien aber nur bis 55.dann heißt mal er hat nur 75 Prozent Schutz. Was den nun?? Impfstoff ist zwar billiger aber dafür auch wesentlich schlechter und wer kriegt den dann?? Die breite Masse oder kann man waehlen??

  3. 12.

    Aus https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/corona-impfung-kinder-100.html
    geht leider klar hervor, dass (bis auf 11.) Ihre Fragen mit NEIN zu beantworten sind.

    Zu 11.- Was ist der wahre Vorteil des Impfens?: Warscheinlich sind Sie nach der 2. Impfung eine Zeitlang (wie lange) gegen Corona geschützt. Wenn Sie unter 18 sind, haben Sie sowieso die A****-Karte (siehe Link)

  4. 11.

    Was ist eigentlich wenn man die Kinder die zur Schule gehen zuerst impft und die Lehrer gleich mit. Dann wären die Eltern entlasst. Und wir hätten ein Problem gelöst.

  5. 10.

    Dann lassen Sie sich halt nicht impfen. Aktuell gibt es keine Zwangsimpfung. Das ist aktuelle breite Konsens.
    Warum sollte eine unsichere Impfung verabreicht werden? Die Studien belegen, dass die Impfung für den Einzelnen in der Regel sicher ist. Natürlich können vereinzelt Impfreaktionen und Nebenwirkungen auftreten, aber wo passiert das nicht?
    Ichh gebe Ihnen Recht, es gibt keine Langzeitstudie zu möglichen Folgeschäden. Wie denn auch?
    Ich mache mir mehr Gedanken über Folgeschäden nach dem einatmen der Berliner Luft als über mögliche Folgeschäden durch das Impfen.

  6. 9.

    Ich habe jetzt schon viel über Covid und Impfen gelesen aber eines war bisher nicht dabei . Wie verhält sich das Impfmittel in Wechselwirkung mit anderen Arzneimitteln . Ich muß jetzt seit fast 20 Jahren Schmerzmittel nehmen damit ich mich einigermassen bewegen kann , dazu kommt ein Medikament als Ersatz für meine Schilddrüse die sich weigert weiter zu arbeiten , dann noch zwangsläufig ein Blutdruck Medikament und dann kommt Covid ? Ich weiß zum Beispiel das ich keine Schlaftabletten nehmen darf weil dann die Atmung aussetzen könnte und jedes Medikament hat irgendwelche Nebenwirkungen in Verbindung mit einem anderen und bevor ich nicht weiß wie es damit aussieht werde ich mich nicht Impfen lassen und das hat nichts mit irgendeiner Angst zu tun denn ich wurde schon mal von der Bundeswehr Tropenfest gemacht und da wusste ich aber was kommen kann und hier nicht .

  7. 8.

    Für mich ist eine Zwangsimpfung Körperverletzung, und zwar schon wenn die Nadel eingestochen wird. Unabhängig davon, ob weitere Impfschäden entstehen oder nicht. Ich finde den Beginn des Artikels gut, weil hier mal differenziert wird zwischen der Risikoabwägung bei Jüngeren und Älteren und auch der Aspekt angesprochen wird, dass es einen Unterschied macht, ob ich krank bin und ein Medikament nehme oder ich gesund bin und mich impfen lasse.
    Der zweite Teil vom Artikel ist mir zu pauschal. Ich sehe auch den wissenschaftlichen Konsens nicht. Und man muss auch fragen, wie viele sagen momentan ihre echte Meinung nicht, wenn man sieht, was mit denen dann passiert!? Und ist es Konsenz, dass die Impfung sicher ist? Wie kann man das bei der derzeitigen Informationslage so eindeutig sagen? Für mich ist das eine reine Behauptung.

  8. 7.

    Nochmal zum mitschreiben- sie lassen sich impfen,wenn sie dran sind. Völlig egal,wie sich diese Personengruppe entscheidet,sie wird immer kritisiert werden.
    Lassen sie sich vor allen anderen impfen,nutzen sie Privilegien aus und drängeln sich vor.
    Warten sie mit der Impfung,bis sie persönlich nach dem aktuellen Konzept dran sind,wird ihnen unterstellt,dass sie wohl dem Impfstoff nicht vertrauen.
    Sorr, aber das sind Stammtischdiskussionen die keinem weiterhelfen.

  9. 6.

    wenn ich mich impfen lasse:
    1.- Kann ich aufhören, die Maske zu tragen?
    2.- Können die Restaurants, Kneipen, Bars etc. wiedereröffnet werden und alle arbeiten normal?
    3.- Bin ich gegen Covid resistent?
    4.- Wenigstens bin ich nicht mehr ansteckend für andere?
    5.- Wenn wir alle Kinder impfen, geht die Schule normal weiter?
    6.- Wenn ich geimpft bin, kann ich dann die soziale Distanzierung beenden?
    7.- Wenn ich geimpft bin, kann ich aufhören, meine Hände zu desinfizieren?
    8.- Wenn ich mich und meinen Opa impfen lasse, können wir uns dann umarmen?
    9.- Werden Kinos, Theater und Stadien dank Impfstoffen wieder geöffnet?
    10.- Werden die Geimpften in der Lage sein, sich, zu versammeln?
    11.- Was ist der wahre Vorteil des Impfens?
    12.- Bist du sicher, dass es mich nicht umbringt?
    13.- Wenn statistisch gesehen mich das Virus sowieso nicht tötet... Warum sollte ich mich impfen lassen?"
    14.- wenn ich mich impfen lasse, sind die anderen sicher, dass ich sie nicht infiziere?

  10. 5.

    Naja, wenn die sich öffentlich impfen lassen, kommt jemand daher und meckert, dass die Impfpriorisierung nicht eingehalten wurde. Bestes Beispiel ist Österreich, wo sich wohl einige Lokalpolitiker vorgedrängelt haben.
    Man kann es nicht jedem Recht machen.

  11. 4.

    Einige Menschen brauchen Testimonials oder Vorturner für ihre Entscheidungen. Andere brauchen ein Zeichen Gottes. Ich meine, wenn die Impfung einen deftigen Preis in EUR hätte und jeder nur einen zeitlichen begrenzten Gutschein bekommen würde, dann wäre die Impfbereitschaft bestimmt etwas höher.

  12. 3.

    Dazu sagt die Frau ja auch was. Kurz: Wie du es machst, du machst es falsch.

    „Und die eine Hälfte könnte sagen: Na toll, die drängeln sich vor, die sind ja noch gar nicht dran. Die andere Hälfte sagt: Die lassen sich nicht impfen, die haben ja selber Angst davor. Also ich glaube, die können das hier gar nicht richtig machen, ehrlich gesagt.“

    Ich finde es auch okay, wenn sie es nicht machen. Die Alten und ihre Pfleger zuerst.

  13. 2.

    Was brauchen wir für eine sichere Impfentscheidung?

    1.) Einen Impftermin.
    2.) Impfstoff

    Sonst noch was...Nöö

  14. 1.

    Würde mich mal interessieren,ob die bundestagsmitglieder einschließlich Frau Merkel, Hr. müller und Co. sich schon impfen lassen haben. Soweit ich weiß nicht. Wäre als Vorbild ganz gut.

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