#Wiegehtesuns? | Antiziganismus - "Ich finde das Leben ziemlich anstrengend gerade"

Mi 04.05.22 | 11:45 Uhr
Estera (Quelle: rbb/Jana Kiesser)
Bild: rbb/Jana Kiesser

Eigentlich hat auch Estera Lust auf Partys in Berlin - doch dazu kommt die 19-jährige Romni nicht wirklich. Vielmehr opfert sie ihre Zeit, um Menschen über Antiziganismus aufzuklären. Rassismus begegnet ihr immer wieder im Alltag. Ein Gesprächsprotokoll

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, was sie gerade beschäftigt – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Estera ist 19 Jahre alt, eine Romni aus Rumänien und lebt seit 2010 in Berlin. Sie besucht derzeit die 12. Klasse und wird kommendes Jahr ihr Abitur machen.

Mir geht es nicht so besonders gut. Ich muss ziemlich viele Hausaufgaben machen und schreibe dauernd Klausuren. Nebenbei halte ich Workshops und muss mich auf diese vorbereiten. Das ist alles ziemlich stressig.

Ich bin ausgebildete Peer-Trainerin gegen Antiziganismus und gebe Gleichaltrigen Workshops zum Thema Roma und Sinti. Diese Workshops finden in Schulen, Jugendclubs und überall dort statt, wo wir angefragt werden. Ich kläre dort darüber auf, was Antiziganismus ist und wie man sich als Betroffener oder Zeuge dazu verhalten kann. Antiziganismus ist ja eine Art von Rassismus. Hier werden aber nicht nur die, die der Minderheit angehören, diskriminiert, sondern auch die Menschen, die als solche angesehen werden. Mir als Rom*nja ist Antiziganismus schon oft widerfahren. In der Schule und in meinem Alltag.

Neben meinem Engagement in Sachen Antiziganismus spiele ich noch Theater. Ich bin seit etwa sieben Jahren Schauspielerin. Ich setze mich zudem auch für Frauenrechte ein, besuche Demos. Und das ganz besonders, was Rom*nja-Frauen betrifft.

In den letzten Monaten hat meine Stimmung stark geschwankt. Ich meine, ich bin 19 Jahre alt. Natürlich habe ich Lust auf Party, will ausgehen und neue Menschen kennenlernen. Gleichzeitig will ich manchmal den ganzen Tag nur schlafen und Musik hören. Aber das geht kaum. Denn eigentlich bin ich die ganze Zeit damit beschäftigt, Leute aufzuklären. Immer, wenn irgendwas Rassistisches oder Schreckliches passiert, triggert mich das.

Auch als der Krieg in der Ukraine begann, ging mir das so. Ich und meine Freunde wollten am Hauptbahnhof helfen. Wir waren dort, haben Essen gespendet und wollten auch selbst mit anpacken. Aber da waren zeitweise so viele Helfer, dass wir wieder gehen mussten. Es hat mich sehr berührt, dass so viele Menschen geholfen haben.

Wenn ich mit der Schule fertig bin, möchte ich erst mal ein Auslandsjahr machen. Dafür würde ich gerne nach Spanien oder in ein ganz anderes Land gehen. Dann möchte ich zurückkommen und hier Lehramt studieren. Denn ich möchte gern Lehrerin werden. Ich will aber auf jeden Fall auch Schauspiel studieren und mich weiter um meine Schauspiel-Karriere kümmern.

Ich finde das Leben ziemlich anstrengend gerade. Auch, was den Krieg betrifft. Am meisten regt mich auf, dass das alles von Putin ausgeht. Ich hasse ihn. Es ist so typisch, dass er ein Mann ist. Die ganze Zeit entscheiden Männer, was wir alle zu machen und zu sagen haben. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass diese ganzen patriarchalischen Gesellschaften aufgelöst werden und dass Frauen mehr zugehört wird. Außerdem würde ich mir sehr wünschen, dass Rassismus in der Schule aufhört. Dass keiner mehr Stereotypen und Vorurteile in seinem Kopf hat.

Ich fände insgesamt einfach entspanntere Zeiten gut. Ich würde das Leben gern auch mal genießen können. Ohne darüber nachzudenken, was als nächstes Schlimmes passiert. Oder ohne, dass man andauernd gefragt wird, woher man kommt. Eigentlich bin ich nämlich eine fröhliche Person.

Für mich war Corona ein katastrophaler Dämpfer. Auch, weil wir Roma da krasse Rassismuserfahrungen in Berlin machen mussten. Wir wurden nämlich alle in unserem Haus in Neukölln eingesperrt. In den drei Wohnblöcken, die von vielen Roma-Familien bewohnt werden, gab es angeblich jemanden, der Corona-positiv war. Als das rauskam, wurden alle drei Wohnblöcke komplett für 14 Tage abgesperrt, keiner durfte mehr raus. Getestet hat uns aber auch niemand. Wir durften nicht mal Lebensmittel kaufen gehen. Die wurden uns mit Autos geschickt – ich weiß gar nicht, von wem. Krass war aber, dass viele der Lebensmittel abgelaufen waren. Dass sowas in Deutschland passieren kann, hätte ich vorher nie für möglich gehalten.

Das Gespräch führte Sabine Priess, rbb|24

Hinweis: "Rom*nja" ist eine gegenderte Form, die alle Angehörige der Roma sowohl im Singular als auch im Plural bezeichnen kann. "Rom" (Plural: "Roma") ist die männliche Form, "Romni" (Plural: "Romnja") die weibliche.

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