#Wiegehtesuns? | Ukrainischer Lehrer - "Berlin bedeutet einen sozialen Abstieg. Natürlich wollen wir nach Charkiw zurück"

So 10.04.22 | 15:36 Uhr
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Andrii Tsybukh, Lehrer einer Berliner Willkommensklasse, aus Charkiw (Quelle: rbb/Stephan Ozsváth)
Audio: rbb24 Inforadio | 08.04.2022 | Stephan Ozsváth | Bild: rbb/Stephan Ozsváth

Im ukrainischen Charkiw betrieb Andrii Tsybukh eine Sprachschule - wegen des Kriegs hat er alles aufgeben müssen. Zusammen mit seiner Frau und drei Kindern lebt er jetzt bei Bekannten in Berlin - geht aber schon wieder seiner Berufung als Lehrer nach.

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, was sie gerade beschäftigt – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Andrii Tsybukh ist nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine mit seiner Frau und drei Töchtern im Alter von zweieinhalb, zwölf und 15 Jahren nach Berlin geflüchtet. Der 40-Jährige ist Elektroingenieur und Deutschlehrer, auch seine Frau ist Deutschlehrerin. In Charkiw, woher Andrii Tsybukh stammt, hat er alles zurückgelassen: Wohnung, Sprachschule, Auto, Mutter, Freunde, Kolleg:innen.

In Berlin ist die Familie zunächst bei den Kindern von Freunden seiner Schwiegereltern in Rummelsburg untergekommen. Die deutsch-ukrainische Freundschaft besteht schon seit vielen Jahren. Der Ukrainer hat jetzt einen Job als Willkommenslehrer im Max-Planck-Gymnasium in Berlin-Mitte und bringt ukrainischen Schülern Deutsch bei, denn in Berlin wird nach deutschem Lehrplan unterrichtet.

Unterrichten, das war immer meine Berufung. Schon als Student half ich anderen Studenten mit Mathe und Englisch. Als ich die Uni abgeschlossen habe, dachte ich: Jetzt muss ich Deutsch lernen - denn das hat mir gut gefallen. Ich begann nach einem Deutschkurs als Aushilfslehrer. Das hat auch sehr gut geklappt, deswegen habe ich ein zweites Diplom als Deutschlehrer gemacht. Bis heute bin ich begeistert von dem Beruf, davon, dass ich soviel mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe.

In Charkiw habe ich zusammen mit meiner Frau eine Sprachschule gegründet. Wir haben Deutsch, Englisch und Französisch dort unterrichtet. Das sind die Sprachen, die in der Ukraine in der Schule gelehrt werden. Wir waren 14 Kollegen, einige sind jetzt in der Territorialverteidigung, andere sind über ganz Europa verstreut.

In Charkiw wird es immer schlimmer. Einige meiner Kollegen haben kein Wasser oder keinen Strom im Haus, kein Internet, manche haben auch kein Brot. Ganz schwierig ist es für die Rentnerinnen, denn ihre Männer verteidigen ihr Land - sie warten auf Freiwillige, die sie versorgen. Das ist nicht so einfach. Denn es wird weiter bombardiert, und es werden auch Menschen entführt, sie verschwinden.

Zuerst sind wir mit dem Auto zum Hauptbahnhof nach Charkiw gefahren, das Auto musste ich dort stehen lassen. Dann sind wir nach Kiew, dann nach Lemberg - da kam eine Bombe, der Zug blieb stehen, denn man wusste, wo die Bombe landet. Das war schrecklich. In Lwiw mussten wir die ganze Nacht auf dem Bahnhof bleiben, dann fuhren wir mit dem Bus über die Grenze nach Polen. Dort wurde uns geholfen. Wir waren einige Tage in Oswiecim, dann kamen wir nach Berlin. Hier sind wir sicher.

Wir leben bei den Kindern von Freunden meiner Schwiegereltern in Berlin-Rummelsburg, im Keller, in der Sauna, aber das ist immer noch besser als in einem Keller in Charkiw. Einmal haben wir 700 Euro vom Sozialamt bekommen. Ich habe für das Sozialamt ausgeholfen als Dolmetscher. Auch jetzt helfe ich Landsleuten, Formulare zu übersetzen, die sie mir per E-Mail schicken. Das mache ich nachmittags.

Vormittags bin ich Willkommenslehrer im Max-Planck-Gymnasium in Berlin-Mitte und unterrichte 14 Schüler aus der Ukraine in Deutsch. Ich bin angestellt als Lehrer, mein Vertrag geht bis Sommer 2023. Ich glaube, es sind Kinder, die - dank ihrer Eltern, auch dank der Hilfe aus Polen und Deutschland - nicht so ein großes Trauma erleben werden, weil sie die Schrecken in der Ukraine nicht erleben.

Mir fehlen die Worte angesichts der Gräuel von Butscha. Auch im Krieg gibt es Regeln. Aber in Butscha, das war einfach nur "wild".

Natürlich bedeutet Berlin einen sozialen Abstieg. In Charkiw hatten wir eine Wohnung, eine Sprachschule, ein Auto. Meine Mutter, Freunde, viele Kollegen sind dort geblieben. Und natürlich wollen wir dorthin zurück. Aber bis dahin können zwei, drei Jahre vergehen. Ich habe keine Pläne, nur die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende geht.

Gesprächsprotokoll: Stephan Ozsváth

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Sendung: rbb24 Inforadio, 08.04.2022, 16:00 Uhr

40 Kommentare

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  1. 40.

    @ Holger, zunächst einmal möchte ich Sie bitten, auf das 'Du' zu verzichten. Zum anderen erklären Sie mir bitte was mein Kommentar mit Ausländerrecht zu tun hat.
    Und dann noch: getroffene Hunde bellen.

  2. 39.

    Vielleicht wäre es angebracht, erstmal die Lage der deutschen Bevölkerung zu verbessern und die vielfältigen sozialen Probleme der deutschen Bevölkerung zu lösen? Erst wenn dies alles erledigt ist, kann man sich um Flüchtlinge kümmern.

    Sicher ist den ganzen Gutmenschen klar, dass Geld nicht auf Bäumen wächst? Wie sollen die immensen Kosten für Flüchtlinge gegenfinanziert werden? Aber bitte keine linken Vorschläge, die sind nämlich nicht real.

    So langsam wird der Helfer selbst hilfsbedürftig

  3. 38.

    Die Realität tut dir halt weh. Aber typisch Gutmensch. Du hast ja nicht mal Ahnung vom Ausländerrecht

  4. 37.

    Vielleicht ist der Versuch es wert, einfach ohne zu urteilen, zu verstehen oder zumindest nachzuvollziehen, was der Mann meint?! In der Ukraine ist seine Familie, Eltern, Geschwister Freunde. Er hatte vielleicht ein Häuschen….mit Garten….Haustiere…..nun lebt er in einer Sauna. Er kann arbeiten, hat seine Kinder , seine Frau. Ja, sicher. Ich möchte aber die Artikulation von so manchem Deutschen in der Situation mal hören! Wenn nichts mehr existiert vom alten Leben?

  5. 36.

    Ist doch schön, das z.B. @ GMA genau weiß, was ein Familienvater aus der Ukraine alles darf und auch nicht darf. Alle anderen unterirdischen Kommentatoren (ob sie nun aus Waidmannslust kommen oder Lothar o. a. heißen), die so genau wissen, wie sich ein Flüchtling zu fühlen hat sei nur so viel gesagt: Ihr seid einfach nur zum schämen.

  6. 35.

    Es herrscht Krieg ,dabist abfälliges geschreibe unangebracht.
    Pfui!

  7. 34.

    "Ukrainer dürfen max 3 Jahre bei uns bleiben. Eine Verlängerung darüber hinaus ist nicht möglich. Nur mal als Info..." Holger, das wäre effektiv das ERSTE Mal, dass etwas, was unsere Regierung beschließt, Bestand hätte. Vor einem Jahr wurde der Gründonnerstag "Feiertag", dann wieder nicht. Oder aber ab Inzidenz 50 totaler Lockdown. Hier: noch nicht mal die Quarantäne hat Bestand. Abwarten, wer in 3 Jahren was genau macht... und mir sind gepflegte UkrainerInnen 1000 mal lieber als andere (Wirtschaftsgauner...).

  8. 33.

    Mag ja zum Teil stimmen.
    Die Ukraine ,hat seit 2014 von den USA und Europa,mehr als 20 Mrd. US Dollar an Militär und Wirtschaftshilfe erhalten.
    Erfüllt auch nicht die Vorgaben für einen EU Betritt,

  9. 32.

    Ukrainer dürfen max 3 Jahre bei uns bleiben. Eine Verlängerung darüber hinaus ist nicht möglich. Nur mal als Info....

  10. 31.

    Dann haben Sie andere Kenntnisse als meine Kollegen und ich von der zuständigen Behörde. Wo haben Sie ihr Halbwissen aufgegabelt?

  11. 30.

    Hier staunt man in den Kommentaren offensichtlich, dass es den Menschen in der Ukraine "besser" ging. Feunde - hier sind nicht Menschen angekommen, die daheim ein Außen-Klo haben, die Ukraine ist nicht Burkina Faso! Ja, auch in der Ukraine konnte man vernünftige (und große) Autos auf befestigten Straßen fahren. Man ging ins Restaurant, in eine Bar, einen Club, und man ist dort wesentlich fortschrittlicher was Digitalisierung (Web-Schule!) angeht. Dieses ganze peinliche Papierbürokratiegedöns muss für viele Geflüchtete anmuten wie ein riesiger Rückschritt, ja, und das Gezerre um Wohnung und Jobs ist auch unwürdig.

    Wir reden hier von Kriegs-Opfern, die aus einem europäischen Land mit gleichwertigem Lebens- und Bildungsstandard kommen.

    Ich hoffe noch immer, dass nicht die ganze Ukraine komplett zerstört wird, die gesamte Infarstruktur. Dass es nicht noch mehr Tote gibt. Es ist nur so eine Hoffung...

  12. 29.

    Wo schön, dass das Neidverhalten verschwunden ist und alle dem ukrainischen Lehrer viel Glück und Sicherheit gönnen. Der Humanismus scheint wie ein Wunder auch in der Kommentarspalte Platz gefunden zu haben. Nur Menschen, die anderen von Herzen Frieden wünschen, völlig neidlos. Es geht doch.

  13. 28.

    OmG, lesen sie die Posts erstmal gründlich durch, bevor Sie loskeifen. Ich kann beim besten Willen keinen Neid entdecken, Ich glaube Ihnen geht es nur um Rechthaberei, ist mir schon häufig in Ihren Kommentaren aufgefallen. Na ja, ne Motte eben

  14. 27.

    Wie kann jemand, der sich auf Heinrich Mann beruft, einen so schwachen, fehlgeleiteten Begriff von Faschismus (und von Demokratie) haben? Wer ernsthaft glaubt, "der Russe" plane nun den Durchmarsch nach Waidmannslust, ist wohl eher Konsalik-Leser ...

  15. 26.

    1. beklagt er sich nicht, er nennt Tatsachen, natürlich steht er jetzt schlechter da, als vor dem Krieg und 2. durfte er als Vater von drei Kindern ausreisen.

  16. 25.

    Sie sind doch nicht ernsthaft neidisch auf Kriegsflüchtlinge, deren Heimat verbrannt wird, deren Existenzen zerstört werden, deren Erlebnisse sie für ihr Leben zeichnen. Geistige Armut. Hier jammert nur einer, Sie.

  17. 24.

    Es kann sich ja jeder andernorts um seinen sozialen Wiederaufstieg kümmern. Sie lassen keine Gelegenheit aus, Ihren Unmut wiederzukaufen - was hält Sie in Berlin?

  18. 23.

    Ihr Kommentar spiegelt Sie so schön. Kennen Sie den Diederich Heßling im „Untertan“ von Heinrich Mann? Sie erinnern mich an diese Figur.

  19. 22.

    Wenn die russischen Faschisten weiter vordringen, müssen Sie hier die Demokratie verteidigen. Was machen sie dann?

  20. 21.

    Weil der ukrainische Krawallbotschafter es gerne anders gehabt hätte und zwar die Unterrichtung nach Lehrplan der UA.

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