#Wiegehtesuns? | Suchtabhängigkeit - "Es ist ein starkes Gefühl, das Dir den Befehl gibt: Trinke!"

Do 22.12.22 | 06:07 Uhr
  27
Protagonistin Mia auf dem Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei. (Quelle: rbb)
Video: rbb24 Abendschau | 21.10.2022 | Anja Herr | Bild: rbb

Mia war alkoholabhängig. Die Weihnachtszeit ist für sie eine besondere Herausforderung, denn Alkohol ist dann überall präsent. Mia hat Strategien entwickelt. um die Versuchung auszutricksen – und ist seit über sechs Jahren trocken. Ein Gesprächsprotokoll

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht - persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Mia Gatow ist als Autorin, Illustratorin und Designerin in Berlin unterwegs. Bis vor sechs Jahren war sie alkoholabhängig. Mit ihrem Podcast "Sodaklub" will Mia Gatow Menschen helfen, trocken zu bleiben. Das ist Mias Geschichte:

Wenn ich auf dem Weihnachtsmarkt bin, nehme ich diesen Alkoholgeruch immer noch krass wahr. Mittlerweile löst er bei mir nicht mehr sofort den Wunsch aus, zu trinken – ich bin ja seit mehr als fünf Jahren nüchtern. Aber von früher kenne ich das schon. Diese Sehnsucht, speziell bei Wein. Ich war Rotwein-Trinkerin und habe beim Geruch von Rotwein wirklich gemerkt, wie mein ganzes System teilweise gesagt hat: Trink das!

Ich glaube, dass viele der Leute, die auf den Weihnachtsmarkt gehen, wegen des Glühweins dort hingehen. Es ist nun mal das Geschäftsmodell von Weihnachtsmärkten. Und die Lieblingsstrategie der Industrie an Weihnachten: dass man Romantik und Alkohol verbindet. Das Zusammenkommen von Menschen wird instrumentalisiert. Wenn dieses Community-Ding immer mit Alkohol verknüpft wird, dann hat man natürlich irgendwann Angst, dass es vorbei ist mit der Gemeinschaft, wenn man nicht mehr trinkt.

Diese Art und Weise, wie wir das Alkoholtrinken als Gesellschaft normalisieren, ist im Prinzip schockierend. Es muss mal gesagt werden: Alkohol ist eine Droge. Nicht nur ein Lebensmittel, sondern eine Droge, die stark abhängig macht, die viele Leute umbringt, die für ganz viele Krankheiten verantwortlich ist. Und dass viele Erwachsene im Alltag trinken, dass das einfach dazugehört – das finde ich mittlerweile völlig absurd.

2017 war ich bei den Anonymen Alkoholikern. Ich denke, ich war nicht körperlich abhängig. Aber es ist halt auch eine sehr schwammige Grenze mit dieser körperlichen und psychischen Abhängigkeit. Ich hatte keine zitternden Hände am Morgen. Ich habe nicht morgens Wodka getrunken, diese ganzen Sachen, die man sich unter einem Alkoholiker oder einer Alkoholikerin vorstellt, die habe ich noch nicht erfüllt.

Aber: Ich habe mir 24/7 Gedanken ums Trinken gemacht. Ich habe die ganze Zeit versucht, es zu kontrollieren und mir Regeln zu machen. Es war ein ständiges Gezerre an mir selbst. Und das ist Abhängigkeit.

Für Leute, die gerade erst aufgehört haben und vielleicht noch gar kein nüchternes Weihnachten hatten, für die ist diese Zeit natürlich ein riesiger Gefahrenpunkt. Nicht nur wegen dieser Atmosphäre und wegen dieser Trigger, sondern auch deswegen, weil es natürlich - wenn man mit Familie konfrontiert ist - ganz oft Konfliktpunkte gibt. Oder irgendwelche Sachen, die das ganze Jahr über geschwelt haben und dann ausbrechen, das ist ja auch emotional stressig.

Ich denke, es ist ganz wichtig, sich auf Situationen vorzubereiten. Was macht man, wenn man plötzlich getriggert ist oder wenn man gefragt wird: Warum trinkst du nicht? Was sagt man dann, das muss man ganz genau durchplanen. Denn wenn man unvorbereitet da rein geht, hat man keine Chance. Diese Wellen von Sehnsucht - die überraschen einen. Und wenn man sich nicht irgendwo anbindet vorher, dann schwemmen die einen weg.

Seit mehr als fünf Jahren habe ich keinen Alkohol mehr getrunken. Und ich habe einen Podcast gegründet mit meiner nüchternen Kollegin Mika, weil wir beide das Gefühl hatten: Nüchterne Leute werden nie gefragt. Wir reden über unsere eigene Geschichte und darüber, was man tun kann, wenn man aufhören will. Was sich verändert, wenn man so eine Abhängigkeit hinter sich lässt. Auch Anleitungen gibt es da - was man tun kann, wenn es schwierig ist, zum Beispiel in der Weihnachtszeit.

Ein beliebter Trick ist zum Beispiel, sich den Film sozusagen bis zum Ende anzukucken.

Wenn man jetzt den Wunsch hat, zu trinken, stellt man sich vor, was dann alles passiert: Man trinkt das erste Glas, dabei bleibt es nicht, denn man ist ja abhängig. Dann ist es irgendwann das fünfte, dann ist man irgendwann betrunken. Man vergisst Sachen. Man benimmt sich daneben. Man schreibt irgendeinem Typen peinliche Nachrichten und fühlt sich am nächsten Tag grauenhaft. Und sich das alles so einmal durchzuspielen, das hilft häufig schon, das dann einfach nicht zu machen.

Es stimmt natürlich: Es ist ein starkes Gefühl, das dir den Befehl gibt: Trinke! Ein großer, starker Imperativ. Aber es lässt sich ziemlich leicht austricksen, indem man einfach was anderes trinkt, oder einmal um den Block läuft oder irgendwas anderes tut, um den Gefühlszustand zu ändern. Das ist es nämlich: Man möchte einfach den Gefühlszustand, in dem man ist, ändern. Das kann man aber auch ohne Alkohol machen. Man kann auch einfach kalt duschen oder in ein Stück Zitrone beißen und diesen Schub sozusagen in andere Richtung lenken. Und wenn Leute einen zum Trinken drängen: Man muss nicht bleiben. Man kann auch einfach gehen. Und es ist auch egal, ob die Leute das nicht verstehen oder verletzt sind, weil: die Nüchternheit ist wichtiger. Das kann man auch für sich selbst so beschließen, dass das einfach die oberste Priorität hat. Alles andere muss sich dem unterordnen.

Und wenn’s mit der Familie knallt? Kann man Krisentelefone anrufen. Es gibt in Berlin generell sehr viele Angebote: Die Anonymen Alkoholiker, das Blaue Kreuz, Suchtgruppen für Frauen.

Mein Vater war Alkoholiker, der ist daran gestorben. Auf der väterlichen Seite meines Vaters hatten alle ein Alkoholproblem. Und das Schöne: Alle haben unabhängig voneinander in den letzten Jahren aufgehört zu trinken. Früher war Weihnachten ein sehr großes Saufgelage, und jetzt ist es das komplette Gegenteil. Die Kinder in der Familie erleben auch das komplette Gegenteil von dem, wie wir es damals erlebt haben.

Für uns Kinder war Weihnachten früher immer mit Trinken verbunden. Alkohol hat immer dazugehört. Es war immer fester Bestandteil des Rituals. Deshalb habe ich auch lange gebraucht, um überhaupt Abhängigkeit an mir selbst zu sehen, weil das für mich so normal war, dass alle einfach immer trinken. Und ich finde es so schön, dass die Kinder meiner Cousins es heute anders erleben.

Gesprächsprotokoll: Anja Herr

Wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag gerade aus? Erzählen Sie rbb|24 Ihre Geschichte in Zeiten von Corona! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 22.12.2022, 19:30 Uhr

27 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 26.

    Ich weiß nicht, wo Sie ihre Informationen herhollen aber in Wirklichkeit sind es gerade mal 5% die es schaffen Trocken zu bleiben, der Rest wird leider wieder rückfällig.

  2. 25.

    Warum so aggressiv? Woraus lesen Sie, ich hielte mich für gefeit gegen Süchte? Oder bin ich zu nahe an der schmerzhaften Wahrheit? - Ich hatte und habe teils schwer Alkohol- und Esssüchtige in Freundeskreis und Familie, und habe selbst auch diverse leichtere Suchttendenzen. Ich weiss also, wovon ich schreibe. Wenn Sie meine Ansichten nicht teilen, bringen Sie einfach Sachargumente.

  3. 24.

    Etymologie ist spekulativ: Wie soll man denn beweisen, woher Worte oder Namen kommen? Viel wichtiger aber ist Ihre dito unbewiesene These, Süchte seien nicht heilbar: Sie sind dann nicht heilbar, wenn man nur den Zugriff auf das jeweilige Suchtmittel verhindert, denn das ist nur Symptombekämpfung. Wenn man aber an die Ursachen geht und die Sehn-Sucht stillt, die ganz tief drin die äußerlich sichtbare Sucht getriggert hat, (nur) dann hat man eine Chance, Suchtverhalten vielleicht ganz zu heilen.

  4. 23.

    Sehr gute Frage. Die Statistik sagt, bei Abhängigen schafft es ein Drittel von der Sucht dauerhaft los zu kommen, ein Drittel schafft es nur mit äußerst vielen Anläufen und oftmaligem scheitern und ein Drittel schafft es überhaupt nicht und geht an seiner Sucht zu Grunde. Wer es schafft, zu den zwei Dritteln zu gehören, der hat etwas tolles geschafft.

  5. 22.

    Sie schreiben einen sagenhaften Stammtischstuss zusammen, haben null Ahnung von der Problematik. Trotzdem, oder besser deshalb, wünsche ich Ihnen, daß sie NIE in diese Situation kommen. Dazu kommt man schneller als zu einem neuen Auto. Aus jahrelangen Gruppengesprächen, Vorstellungen dieser in Kliniken, ehrenamtlicher Jugendarbeit versichere ich ihnen, das der "Ich-doch-nicht-" bzw. "Da-stehe-ich-drüber-Anteil" recht hoch und die gesellschaftliche Stellung völlig egal ist. Ihre Verlautbarungen vor dem Satz "Meine Solidarität mit stärker Alkoholsüchtigen ..." bringen die Sache eigentlich auf den Punkt.

  6. 21.

    Dieser Beitrag enthält einen gravierenden Fehler: die Alkoholabhängigkeit besteht das ganze Leben lang. Die Dame im Beitrag sprach davon, dass sie abhängig war. Das ist so nicht richtig.

    Abhängigkeitserkrankungen bestehen lebenslang. Die Kunst ist, mit Rückfällen leben zu lernen. Denn jeder wird früher oder später rückfällig. Hinfallen ist keine Schande - liegen bleiben schon.

  7. 20.

    Das Wort „Sucht“ ist nicht mit „Suche“ verwandt, sondern stammt von „Sieche“, einem alten Begriff für Krankheit. Das ist treffend, handelt es sich doch um eine chronische, unheilbare Krankheit. Von der Sucht loskommen kann man nie, von der Abhängigkeit indes sehr wohl: Der trockene Alkoholiker bleibt stets ein Süchtiger.

  8. 19.

    Ja, Mia, das ist es. Bleib bitte stark!

  9. 18.

    Das eine hat wenig mit dem anderen zu tun. Ein Rauchverbot ist sinnvoll, weil Rauchende mit ihrem Qualm in jedem Fall massiv auch alle Leute beeinträchtigen, die nicht rauchen wollen. Die Geruchs- und Gesundheitsbelastung für andere durch Alkohol ist im Vergleich dazu sehr gering. Es gibt nämlich auch Leute, die das Glück haben, Alkohol maßvoll konsumieren zu können. Ich z.B. möchte mir auf dem Weihnachtsmarkt durchaus mal einen anschickern, und alle paar Wochen ein bisschen berauscht sein. Meine Solidarität mit stärker Alkoholsüchtigen ist da dann leider genauso gering wie z.B. mit Nuss-, Laktose- oder Gluten-Allergikern: Obwohl ich deren Problem durchaus ernst nehme, möchte ich auf Weihnachtsmärkten dennoch Gebäck und Käse konsumieren können.

  10. 17.

    Statt das Rauchen überall zu verbieten, würde man das besser mit dem Alkohol machen. Aber da ist einerseits die Lobby zu stark und andererseits sind auch viele Politiker abhängig (hat schon der frühere Außenminister Fischer festgestellt)!

  11. 16.

    Wie leider üblich, erzählt auch diese Suchtgeschichte nur die halbe Wahrheit: Denn wer sich etwas im Übermaß zuführt, will damit irgendeinen vermeintlichen Mangel, z.B. an menschlicher Nähe oder Selbstwertgefühl, und/oder eine Angst kompensieren. Wer dieses Problem nicht bearbeitet, hat das Risiko, nie wirklich von der Sucht (wohl nicht zufällig ein sehr ähnliches Wort wie "Suche") loszukommen - und entweder rückfällig zu werden, oder eine alternative Sucht zu finden, von denen es ja sehr viele gibt. Diese psychische Komponente hat die Protagonistin selber unterstrichen durch ihre Vermutung, nicht körperlich abhängig zu sein.

  12. 15.

    Mach weiter so. Ich bin jetzt 35.5 Jahre trocken. Ohne Gruppe hätte ich es nie geschafft. Das ist kein blöder Spruch das ist so und zwar regelmäßig.

  13. 14.

    @Berliner Junge , wenn du nach 12 Jahren Abstinenz immer noch Schwierigkeiten hast, ohne Alkohol auszukommen, bzw. immer noch getrickert wirst, machst du irgendwas falsch.
    Ich seit 18 Jahren trocken, bin in eine " Selbsthilfegruppe" gegangen und habe mein Verhalten total geändert. Nur mit deren Hilfe, habe ich gelernt, mit schwierigen Situationen klar zu kommen. Klar bekomme ich heute noch "Saufdruck" , aber eher ganz selten, kann ich in einem Jahr an einer Hand abzählen. STRESSTEST

  14. 13.

    Eine starke Frau!!! Leider kenne ich in meinem Umfeld einige“Edelalkoholiker“ rot, teuer und Geschichten , so wird die Sucht verpackt. Es ist ein Trauerspiel , ich bezeichne es als akademisches Saufen.

  15. 12.

    Danke für diese Offenheit. Ich habe vor 9 Monaten aufgehört, auch ich war keine Alkoholikerin im klassischen Sinne. Aber ich habe mich ertappt bei dem Gedanken, dass ich die Tage ohne Alkohol planen muss. Das Trinken war normal, das Nicht-Trinken die Ausnahme.
    Ich habe mich seit dem Aufhören weder verändert noch sehe ich anders aus als vorher. Aber ich gehe mit einem klaren Kopf ins Bett, ich wache nicht mit einem Kater auf und dieses schlechte Gewissen, dass ich mir auf Dauer schade, ist weg.
    Ich kenne viele, die viel trinken und von sich sagen, dass sie das aus Genuss tun. Ich bin mir da nicht so sicher.
    Also: Danke für die Geschichte! Und viel Glück!

  16. 11.

    Ich finde es toll, dass Sie schon so weit gekommen sind und habe Respekt davor. Und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie Ihr Ziel erreichen. Alles Gute und frohe Weihnachten!

  17. 10.

    Und alle, die es schaffen davon weg zu kommen, haben mindestens Respekt verdient.

  18. 9.

    Meine Güte, legt doch nicht jedes eventuell aus einer Emotion heraus gesprochene Wort auf die Waagschale!

  19. 8.

    Woher haben sie denn diesen Unsinn? Genau so ein Quatsch wie betreutes trinken mit Alkoholikern. Diese Menschen sind krank und dürfen nie wieder einen Tropfen Alkohol trinken um nicht rückfällig zu werden. Manche werden rückfällig wenn sie zu viel Rasierwasser benutzen wegen dem Geruch.

Nächster Artikel