#Wiegehtesuns? | Der Busfahrer vom Balkan - "Ich kann gut nachvollziehen, wie sich die Flüchtlinge gerade fühlen"

So 13.03.22 | 07:43 Uhr
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Menschen, die aus dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, steigen am 08.03.2022 aus dem Bus. (Quelle: dpa/Moritz Frankenberg)
dpa/Moritz Frankenberg
Video: rbb spezial | 08.03.2022 | Bild: dpa/Moritz Frankenberg

Vor knapp 20 Jahren endeten die Jugoslawien-Kriege. Damir musste gleich zwei Mal vom Balkan fliehen und landete in Berlin. Nun hilft der 37-Jährige selbst Geflüchteten, als Busfahrer fährt er sie freiwillig an freien Tagen. Ein Gesprächsprotokoll.

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, was sie gerade beschäftigt – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Der Krieg in der Ukraine ist der erste große in Europa seit den Jugoslawien-Kriegen zwischen 1991 und 2001. Damir Barucic musste damals gleich zwei Mal fliehen. Nun fährt der 37-Jährige in Berlin aus der Ukraine Geflüchtete als Busfahrer freiwillig in Einrichtungen. Im Gespräch erinnert er sich an seine eigene Flucht und erzählt, wie es sich anfühlt, nur bedingt helfen zu können.

Damir Barucic (Quelle: privat)
| Bild: privat

Ich informiere mich zurzeit über den Krieg in der Ukraine ganz normal über Fernsehen, Radio, Zeitung. Wie ich das wahrnehme, was das mit mir macht? Es ist ganz schwierig, weil ich selber ein Flüchtlingskind bin. Und zwar habe ich das zwei Mal miterleben müssen, einmal bin ich Anfang der 1990er Jahre aus dem Bosnien-Krieg geflüchtet, da war ich gerade sechs, sieben Jahre alt. Und dann war ich noch mal dabei, als die Nato Ende der 1990er Jahre Serbien bombardiert hat.

Für mich ist es selbst an Silvester heute noch schwierig, wenn es knallt. Das ist für mich eher erschreckend, als dass es mir irgendwelche Freude bereitet. Und deshalb kann ich ganz gut nachvollziehen, wie sich die Flüchtlinge, die hierher kommen, gerade fühlen müssen.

Ich bin Busfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), und wir können uns zurzeit an unseren freien Tagen freiwillig melden, um Geflüchtete zu fahren. Die Leute werden von den Bahnhöfen in verschiedene Einrichtungen verteilt. Wir werden dann einen Tag vorher gefragt, ob wir Interesse hätten, auch frei zu arbeiten - wenn wir uns zur Verfügung gestellt haben. Und dann gibt es einen Dienstplan, und diese Adressen werden abgefahren.

Ich stehe immer zur Verfügung, und sollte ein Anruf kommen, werde ich selbstverständlich mithelfen. Zumal ich ganz gut nachvollziehen kann, wie sich die Menschen fühlen. Ich habe aber noch keinen Auftrag bekommen - und diese Woche war ich sechs Tage im normalen Dienst.

Es ist immer sehr schwierig einzuschätzen, ob Berlin genug tut, aber ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung erzählen: Damals wurde für uns sehr viel getan, uns wurden in den Heimen etwa Lehrkräfte zur Verfügung gestellt, um schnellstmöglich Deutsch zu lernen, und uns wurde bei den Behördengängen geholfen. Man hat uns wirklich viele freiwillige Leute zur Verfügung gestellt. Das war sehr angenehm. Und ich hoffe, dass es heute genauso sein wird.

Ich war, wie gesagt, noch klein, ein Kind, aber viele Spenden gab es auch damals. Das meiste waren Klamotten, da haben wir sehr viel bekommen. Da kamen Leute in die Heime, die das verteilt haben, in großen blauen Müllsäcken.

Wenn ich mich recht erinnere, war ich für eine ganz kurze Zeit in Stuttgart, weil wir dort Bekannte hatten, meine Mutter hatte da einen Kontakt zu einem Restaurantbetreiber. Dann sind wir alle zusammen, meine Mutter, mein Vater und ich, in ein Familienheim nach Berlin-Marzahn gekommen.

An die Flucht selber, wie das zustande gekommen ist, und die ganze Reise, kann ich mich kaum noch erinnern, sondern mehr an einzelne Momente. Ich bin eigentlich auch alleine gekommen. Mein Vater ist zuerst gegangen, dann hat er meine Mama nachgeholt und erst dann wurde ich rüber gefahren. Meine Schwester ist unten geblieben, sie hat sehr früh geheiratet. Ich weiß noch, dass ich irgendwo zwei, drei Tage auf einen Bus warten und mich unterm Sitz verstecken musste. An diese Momente kann ich mich erinnern, an den Rest leider - oder zum Glück - nicht mehr.

Ab dem Zeitpunkt im Familienheim kann ich mich an sehr viel erinnern, weil ich dann wieder zur Schule gegangen bin und sozusagen normal meine Kindheit verbracht habe.

Wenn ich jetzt selbst Flüchtlinge fahre, werde ich mich auf jeden Fall unwohl fühlen, weil ich diesen Leuten persönlich nicht ihre Angst nehmen kann. Im Prinzip kann ich nichts weiter für sie machen, als sie zu fahren. Aber ich kann ihnen ihre Angst nicht nehmen, weil ich weiß, wie es ist - und dass einem das alles immer irgendwo im Hinterkopf bleiben wird. Es tut mir furchtbar leid für alle, die betroffen sind. Ich hoffe, dass jedem, der Hilfe braucht, geholfen wird. Es ist nur schade, dass es viele gibt, die das ausnutzen, und nun auch schon wieder kriminelle Dinge passieren.

Für mich ist übrigens auch die Corona-Pandemie gar nicht so schlimm gewesen, weil ich diese Sachen hinter mir habe. Ich kann verstehen, dass Leute depressiv waren, während der Schließzeiten, wenn man zu Hause bleiben musste. Aber ich habe mir immer gedacht und auch meiner Familie gesagt, meiner Frau, meinen Kindern: So lange wir Frieden haben, schaffen wir irgendwie alles. Das war immer meine Hoffnung.

Gesprächsprotokoll: Kira Pieper & John Hennig

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Sendung: Abendschau, 07.03.2022, 19.30 Uhr

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2 Kommentare

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  1. 2.

    Es ist schön, von Betroffenen zu hören, die in ähnlicher Situation waren. Das ist immer sehr berührend. Jedem, der Hilfe braucht muss umfassend geholfen werden. Das gebietet die Menschlichkeit und zahlt sich am Ende für alle aus. So kann sich ein geflüchteter mit konkreter Hilfe besser auf Dauer in die Gesellschaft integrieren, wie man an diesem Beispiel sehen konnte. Ich freue mich für jeden, der es geschafft hat. Das geht natürlich nur mit unbürokratischer Hilfe von Anfang an.

  2. 1.

    Danke für Ihre Hilfsbereitschaft und dass Sie uns Einblicke in die seelischen Spätfolgen gegeben haben, die eine Flucht mit sich bringt. Es kann nicht oft genug erklärt werden!

    Wir lernen ja erst seit ein paar Jahren, dass die Generation der WKII Flüchtlinge und deren Kinder ein weitaus größeres Problem als die Unterkunft in Nissenhütten hatte. Dass uns, unsere gesamte Bevölkerung, diese (deren) psychischen Probleme als Fluchtfolgen geprägt haben.

    Vielleicht können wir hier jetzt etwas besser machen... bei der letzten Fluchtwelle ist es jedenfalls missglückt...

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