Engelbert Lütke Daldrup mit Ente (Quelle: dpa)
Bild: dpa/Collage: rbb|24

Faktencheck - Baumängel beim BER: Eine Ente, die keine ist!

Nach dem Bericht von Kontraste und rbb24-Recherche über schwerwiegende Baumängel beim neuen Großflughafen BER behauptete Flugenhafenchef Engelbert Lütke Daldrup, der rbb sei einer "Ente" aufgesessen. Hat er recht?

Das ARD-Politikmagazin KONTRASTE und rbb24-Recherche berichteten am 09. Mai über schwerwiegende Mängel auf der Baustelle des neuen Großflughafens BER. In einem Gespräch mit Inforadio am 10. Mai 2019 nahm Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB), dazu Stellung und wies die Berichte zurück, wonach gravierende Baumängel im Flughafen BER den Eröffnungstermin im Oktober 2020 gefährden. Der Manager behauptete, der rbb sei einer "Ente" aufgesessen. Hat er Recht? Unser Faktencheck kommt zu dem Ergebnis: Nein!

Auszug 1 aus dem Interview mit Engelbert Lütke Daldrup

Irina Grabowski, Inforadio: Herr Lütke Daldrup, der Medienkanal, also dieser Hauptkanal mit allen wichtigen Kabeln unter dem Terminal, den haben Sie jetzt auch gerade erwähnt, die Kabelgewerke, der muss umgebaut werden, da ist Kalksandstein verarbeitet worden. Wie aufwendig ist dieser Umbau? Also, wird das komplett passieren müssen und bis wann ist das zu schaffen? Könnte das nochmal zum Problem werden?

Antwort Engelbert Lütke Daldrup: Es tut mir ja leid für den rbb, dass Sie da ein bisschen einer Ente aufgesessen sind, ehrlich gesagt. Ich war gerade mit den Projektausschussmitgliedern im Medienkanal, vor einer halben Stunde. Der Medienkanal ist komplett aus Stahlbeton gebaut worden. Ich weiß nicht, wer die Geschichte in die Welt gesetzt hat, das sei aus Kalksandstein gebaut worden. Das ist erst mal sozusagen eine falsche Informationen, der Sie wohl aufgesessen sind, beim rbb.

🦆 FAKTENCHECK 1: Haben KONTRASTE und rbb24 Recherche behauptet, der "Medienkanal" sei aus Kalksandstein gebaut worden?

In der rbb-Berichterstattung wurde an keiner Stelle behauptet, dass der Medienkanal aus "Kalksandstein gebaut worden" sei. Es wurde lediglich festgestellt, dass im Medienkanal auch "Kalksandstein verbaut" wurde. Die "Ente", von der Engelbert Lütke Daldrup spricht, gibt es also gar nicht.

Aus dem "Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte" des TÜV-Rheinland vom 22.03.2019, der rbb24-Recherche und Kontraste vorliegt, geht klar hervor, dass im Medienkanal Kalksandstein verbaut wurde.

Unklar ist, was genau Engelbert Lütke Daldrup als "Medienkanal" bezeichnet, denn für die Bauten, in denen die Strom- und Steuerleitungen des BER verlaufen, gibt es unterschiedliche Bezeichnungen. In einer Pressemitteilung der Flughafengesellschaft von 2015 [berlin-airport.de] werden die Räume, in denen die wesentlichen Leitungen verlaufen, "Medienkanäle" genannt. Nach der Berichterstattung von rbb24-Recherche und KONTRASTE unterscheidet Engelbert Lütke Daldrup zwischen einem Medienkanal und Elektro-Kanälen. Hinzu kommen Schächte und abgehende Räume, die nun laut Begriffsbestimmung der Flughafengesellschaft nicht mehr unter den Begriff "Medienkanäle" fallen. rbb24-Recherche und KONTRASTE meinten mit "Medienkanal" alle Räumlichkeiten, in denen sich die "Hauptschlagader" des BER befindet.

Fotos aus dem TÜV-Bericht, die die Mängel in den Kanälen belegen:

Foto aus demBericht (Quelle: “Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte” vom 22.03.2019 )
Bild: TÜV Bericht
Foto aus dem Bericht (Quelle: “Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte” vom 22.03.2019 )
Bild: TÜV Bericht
Foto aus dem Bericht (Quelle: “Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte” vom 22.03.2019 )
Bild: TÜV Bericht

Hinzu kommen die Aussagen von Insidern. Darunter auch der Chef einer der Baufirmen, die damals in den Elektro- und Medienkanälen sowie den dazugehörigen Zwischenräumen und Schächten Wände mit Kalksandstein gezogen haben. Alle bestätigen die Verwendung von Kalksandstein in den Medienkanälen.

Auszug 2 aus dem Interview mit Engelbert Lütke Daldrup:

Engelbert Lütke Daldrup: Wenn wir auf das Thema Dübel zu sprechen kommen, haben die Dübel eigentlich kein technisches Problem, es sind im Übrigen grundsätzlich Metalldübel, die verwandt worden sind [...].

🦆 FAKTENCHECK 2: Ist die Aussage von KONTRASTE und rbb24-Recherche falsch, dass im BER Kunststoffdübel verbaut wurden, die den Brandschutzanforderungen nicht entsprechen?

In dem "Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte" des TÜV-Rheinland vom 22.03.2019 wird an mehreren Stellen dokumentiert, dass im Bereich des Medienkanals Kunststoffdübel verbaut wurden. Dies gilt als "wesentlicher Mangel", der eine Inbetriebnahme des BER verhindert. Der TÜV hat diese Mängel dokumentiert.

Foto aus dem Bericht (Quelle: “Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte” vom 22.03.2019 )
Bild: TÜV Bericht

Zudem bestätigen Insider, dass in brandschutzrelevanten Bereichen des BER umfangreich Dübel verwendet wurden, die einen Kunststoffanteil haben. Es handelt sich um sogenannte Injektionsdübel verschiedener Ausfertigung. Diese Dübel haben, wie alle anderen auch, keine Zulassung für die hier vorliegende Anwendung.

Foto aus dem Bericht (Quelle: “Bericht über die übergeordneten Prüfungen der Sicherheitsbeleuchtung / Sicherheitsstromversorgung des FGT, Bereich Mainpier Mitte” vom 22.03.2019 )
Bild: TÜV Bericht

Auszug 3 aus dem Interview mit Engelbert Lütke Daldrup

Frage Irina Grabowski, Inforadio: Das heißt also, alle Dübel im Hauptterminal bleiben drin und müssen nicht ausgewechselt werden oder ist die Entscheidung noch nicht gefällt?

Antwort Engelbert Lütke Daldrup: Wir gehen davon aus, dass die Dübel nicht ausgewechselt werden. Sie sind technisch in Ordnung. Sie halten das, was sie halten müssen [...].

🦆 FAKTENCHECK 3:  Ist es wirklich sicher, dass die Dübel nicht ausgewechselt werden müssen und ist bestätigt, dass sie halten, was sie halten müssen?

Kein Dübel, der bislang in brandschutz- und sicherheitsrelevanten Bereichen eingebaut wurde, ist für die Verwendung in "Kalksandstein im Brandschutzbereich unter Traglast" zugelassen. Das bestätigt das für Zulassungen zuständige Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt). Ob die verbauten Dübel "technisch in Ordnung" sind, muss also erst geprüft werden. Bis heute liegen keine entsprechenden Gutachten dazu vor.

Alle anderen Informationen von Kontraste und rbb24-Recherche zur Dübelproblematik im BER wurden von der Flughafengesellschaft bestätigt bzw. nicht bestritten.

Kunststoffdübel (Quelle: rbb)Injektionsdübel

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Keine Fischer-Dübel?

  2. 13.

    Einer Eröffnung wird immer wieder verhindert. Das ist doch kein Zufall.
    Da ich seit 40 Jahren als Polier auf dem Bau arbeite und Projekte wie das Helios Klinikum in Berlin Buch mit 2500 Betten betreute und viele andere Projekte dieser Größenordnung ,habe ich eine andere Sicht auf diese Dinge.
    Ergibt eine TÜV Abnahme , dort wird eine Mängelliste erstellt !
    Die Mängelliste wird abgearbeitet, nochmal geprüft, und fertig .
    Hier werden immer nach der Mangelabarbeitung ein neuer erfunden.
    Die Dübel sind schon vor dem ersten Eröffnungstermin verbaut und nach so vielen Jahren werden sie jetzt entdeckt.
    Was kommt als nächstes, falsche Lichtschalter, falsche Leuchtmittel ?
    Für alle Schönefeld Verhinderer , ich hoffe es brennt nicht mal in dem verrotteten Flughafen Tegel .
    Da wird man dann sagen wäre bloß schon der BER offen gewesen !






  3. 12.

    Das Eröffnungsszenario beruht auf der Hoffnung, dass durch politischen Druck, Behörden die Mängel durch winken. Man ist nicht in der Lage, nach all den Jahren, die Mängel zu beseitigen. Die Politik mischt sich wieder in einen Bereich ein, von der sie erwiesenermaßen keine Ahnung hat. Und sollte doch nach der Eröffnung tatsächlich etwas schwerwiegendes passieren,
    so haben wir gelernt, ist niemand verantwortlich. Diese ganzen Vertuschungsaktionen sind doch hoch kriminell. Da kann einem echt nur angst und bange werden.

  4. 11.

    Sagt der TÜV - Bericht auch etwas über die Zulässigkeit von Dünnbrettbohrern auf Flughafenbaustellen aus ???

  5. 10.

    Danke und Lob für die sorgfältige Recherche der Fakten.

  6. 9.

    Liebes rbb-Team,

    mich würde mal interessieren ob es an anderen Großprojekten versteckt ähnliche Mängel gibt, die nur nie aufgedeckt wurden.
    Kann mir nicht vorstellen, dass nun gerade die Firmen beim BER bewusst oder unbewusst gefuscht haben.

    Könnte es sein, dass beim BER so viel Pfusch zu finden ist, da hier gerade der Fokus der Öffentlichkeit drauf gerichtet ist?

    Wie z.B. sieht es bei anderen Flughafenneubauten aus? Da sind alle Dübel voll ok?

    Wäre interessant, wenn ihr da mal was zu recherchieren könntet.

  7. 8.

    Vielen Dank an das RBB Team für diese Recherchen. Gibt es eigentlich eine Aufstellung der Firmen, die an diesem Bau beteiligt sind und in der die Aufträge, tatsächlich erbrachten Leistungen, die später festgestellten Mängel und bezahlten Rechnungen enthalten sind? Das könnte sehr spannend werden.
    Auch im Hinblick auf mögliche Firmenverflechtungen, Zugehörigkeiten zu (diagonalen) Konzernen etc.
    Sicherlich gab es auch Besprechungen der beteiligten Firmen bei denen die jeweiligen Fachleute zusammengesessen haben. Interessant wäre, wie oft diese stattgefunden haben und ob die „Experten“ nicht auf die nun zu Tage getretenen Probleme aufmerksam wurden. Oder wurden diese absichtlich verschwiegen um sie hinterher teuer zu beseitigen.
    Es wäre schön, wenn ihr Team sich auch weiterhin nicht entmutigen oder einschüchtern lässt.

  8. 7.

    Was sagt die Firma dazu, die die Dübel verbaut hat?
    Hatte sie den Auftraggeber darauf hingewiesen, dass die Dübel nicht zugelassen sind und wurde trotzdem angewiesen es zu tun?
    Oder war der Auftrag nicht hinreichend bestimmt formuliert?

  9. 6.

    Prinzipiell sind die Vorschriften zum Bau von Flughäfen oder generell öffentlichen Gebäuden durchaus andere als bei Einfamilienhäusern. Die Vielzahl unterschiedlicher Ausführungen (Dübel, Baustoffe etc.) zeigt gleichzeitig die Vielzahl unterschiedlichster beteiligter Baufirmen, die z.T. für verschiedene Bauabschnitte einfach nicht geeignet waren. Der Schaden ist m.M. enorm und Lütke-Daldrup die nächste Marionette im Gesamtschauspiel BER. Von Anfang an ein Irrglaube, Politiker könnten einen Flughafen selbst bauen ohne Generalunternehmer. Der war damals einfach zu teuer. Über die Kosten, die jetzt zustandekommen, brauchen wir nicht reden, das steht in keinem Verhältnis mehr zu den Kosten für den Generalunternehmer. Aus meiner Sicht wird der Eröffnungstermin ein weiteres Mal aus den genannten und weiteren Unbekannten scheitern, Lütke-Daldrup wird gehen und ein neuer lässt sich davor spannen. Das wäre dann eine klassische Win-Win-Lose-Situation (VO-BER1, VO-BER2, Steuerzahler). Das dauert noch mindestens 2..3 Jahre!!!!

  10. 5.

    Der Engel, der keiner ist.

  11. 4.

    Vielen Dank für den Faktencheck!
    Bin gespannt was die BER-Verantwortlichen nun für abenteuerliche Erklärungen finden.

    Hoffe trotzdem, dass wir in Pankow ab nächstem Jahr Ruhe haben aber glauben kann ich es nicht.

  12. 3.

    Hallo RBB-Team,
    kann man mich den anderen nur anschließen, vielen Dank das sie bei der Sache dran geblieben sind.

  13. 2.

    Danke RBB für die detaillierte Information.

  14. 1.

    Hier werden wir doch wieder verarscht. Ich habe immer das Bild mit den drei Affen vor mir.

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