ARCHIV - 06.05.2020, Berlin: Blick auf den Flughafen Tegel. Die letzte Maschine am Flughafen Tegel soll am 8. November Richtung Paris abheben (Quelle: dpa / Tino Schöning).
Video: rbb|24 | 02.11.2020 | Material: Abendschau, Archiv | Bild: dpa

Flughafen Tegel schließt - Wunderbare Wabe

Kurze Wege, kühnes Design, bei seiner Eröffnung galt der Flughafen Tegel als einer der modernsten Europas. Obwohl er zuletzt kaum noch auf Stand gebracht wurde, funkioniert er verblüffend gut. Doch jetzt schickt ihn der BER tatsächlich in Rente. Von Sebastian Schneider

Der folgende Text wurde im Mai 2020 publiziert. Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir ihn nun in einer überarbeiteten Fassung erneut.

Mit dem Taxi vor das Gate rollen, 70 Schritte bis zur Maschine – und ab über die Wolken. Berlin-Tegel, der erste "Drive-in-Airport" der Welt: Am 23. Oktober 1974, wurde er eröffnet. Der "TXL" war seiner Zeit voraus. Nun hat sie ihn eingeholt.

"Fliegen ist das Scheußlichste, was es gibt", bemerkte ein Mitglied der Jury, die den Entwurf für den neuen West-Berliner Flughafen aus 68 eingereichten Modellen wählte. Der Gedanke: Wenn es schon so scheußlich ist, will man das ganze Bohei drumherum so kurz und vergnüglich halten wie möglich. Berlin brauche deshalb einen "modernen, auf bequemes Reisen zugeschnittenen Flughafen".

"Der tollste Flughafen der Welt"

Modern also, eine gewaltige Wabe aus Stahl, Beton und Glas, auf der Innenseite halten Autos und Busse, auf der Außenseite parken ringsum die Flugzeuge. Sechseckige Sitzgruppen, Check-in-Schalter aus gelbem Fiberglas, die Decke ein Stahlgerippe - ein Bau wie ein Raumschiff. Für den damals 31-jährigen Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan und seinen Partner Volkwin Marg war Tegel das erste Großprojekt ihrer Karriere. "Wir dachten, es wird ein weltweites Vorbild", hat von Gerkan einmal dem "Zeit-Magazin" gesagt. Für ihn war Tegel nur der Anfang, er plante auch Flughäfen in Moskau, Stuttgart, Hamburg, wurde einer der einflussreichsten Architekten seiner Zeit.

An seiner West-Berliner Wabe kann sich von Gerkan noch heute berauschen: "Das Gefühl zu haben, dass der Flughafen im Herzen der Stadt ist. Auch in seinem Ambiente, diesem geschlossenen Ring, übersichtlich, und wenn man ein bisschen Zeit hat, läuft man einmal rum und kommt wieder an der gleichen Stelle an", sagte von Gerkan dem rbb. Tegel habe seit seiner Eröffnung bewiesen, ein hochfunktionaler Flughafen zu sein. "Ich kenne keinen einzigen Fluggast, der nicht sagt, dass es der tollste Flughafen der Welt ist", verkündet er.

Aber vom BER ist ja noch kein Fluggast geflogen. Den hat von Gerkan auch entworfen.

Seinen ersten Berliner Flughafen lobpreist er bis heute - auf seinen zweiten, den BER, spricht man ihn besser nicht an: Tegel-Architekt Meinhard von Gerkan | Bild: dpa-Bildfunk

Raketentests und Rosinenbomber

Als Gerkan Mitte der 60er Jahre seinen ersten großen Coup plant, ist West-Berlin eine abgeschnittene Insel im Osten. Der Flughafen Tempelhof ist durch die steigenden Passagierzahlen überlastet. Für ihr neues Tor zur westlichen Welt wählen die Alliierten und die Berliner Regierung ein Gelände im Norden der Stadt - in Tegel haben sie bereits Erfahrung mit der Fliegerei.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts werden hier Luftschiffe getestet, 1930 eröffnet der erste Raketenflugplatz der Welt. Wernher von Braun startet mit seinen Versuchen in Tegel seine Karriere - später forscht er im Auftrag Hitlers an der Vernichtungswaffe V2 und für die Nasa.

Nach dem Kriegsende übernehmen die französischen Alliierten das Kommando in Tegel und bauen einen Militärflugplatz. Während der Blockade West-Berlins landen hier die ersten "Rosinenbomber", zehntausende Berliner haben die Start- und Landebahn in nur 90 Tagen zusammengezimmert.

Am 2. Januar 1960 kommt die erste zivile Maschine nach Tegel, kurz darauf schwebt Marlene Dietrich ein, in einer "Caravelle" der Air France - zum ersten Mal seit 30 Jahren besucht sie ihre Geburtsstadt. Tempelhof können viele der neu entwickelten Düsenmaschinen nicht mehr anfliegen, die Landebahn ist zu kurz. Der Flughafen inmitten Berlins kann nicht erweitert werden - also beginnen 1969 die Bauarbeiten auf dem 466 Hektar großen Gelände in Tegel.

Für sechs Millionen Gäste pro Jahr ausgelegt

Die meisten Flüge verlassen West-Berlin damals Richtung Bundesrepublik und sind entsprechend kurz. "So war eines der Hauptkriterien, einen Flughafen zu haben, wo die Wege am Boden so kurz wie möglich sind, damit nicht ein Missverhältnis entsteht zwischen der Reisezeit und der Zeit, die man am Boden zubringt", sagt der ehemalige Tegeler Flughafendirektor Robert Grosch dem rbb. Von den zwei Waben, die von Gerkan und Marg geplant haben, wird zunächst nur eine gebaut.

Trotzdem erscheint der Plan bei der Eröffnung 1974 mutig, hier sechs Millionen Fluggäste pro Jahr abzufertigen. Das Transitabkommen hat den Auto- und Zugverkehr zwischen der BRD und West-Berlin inzwischen vereinfacht. Nur die Air France ist bereit, nach Tegel umzuziehen - British Airways und Pan Am wollen in Tempelhof bleiben.

"Der Flughafen wurde völlig verbaut"

45 Jahre später meldete Tegel den x-ten Passagierrekord in Folge, mehr als 24 Millionen Reisende wurden hier 2019 abgefertigt. Die Hauptstadt und ihr ewig unfertiger Großflughafen BER sind der Wabe im Westen über den Kopf gewachsen. Die Gegenwart hat von Gerkans Konzept überholt, Tegel wirkt heute provinziell. Kurze Wege sind nicht mehr in Mode: Stattdessen sollen es Fluggäste möglichst weit haben und sich lange im Terminal herumdrücken - damit sie an vielen Geschäften vorbeikommen und dort Geld ausgeben. "Mir gefällt nicht, was mit Tegel geschehen ist", ätzte von Gerkan. Überall seien Läden und Schnellrestaurants eingerichtet worden. "Der Flughafen wurde völlig verbaut."

Auch das Sicherheitskonzept mit den Kontrollen an jedem einzelnen Gate ist heute veraltet: Als der Flughafen geplant wurde, gab es in Europa keine Flugzeugentführungen. Heute sind die Bestimmungen schärfer - es ist wesentlich einfacher, Passagiere durch einen Flaschenhals zu leiten, um sie gemeinsam zu kontrollieren.

Geplanter Schluss: Juni 2012

Seit der Entscheidung für den Großflughafen BER 1996 schienen die Tage Tegels gezählt, mit dem Ende vor Augen sparten die Gesellschafter an nötigen Investitionen. Eigentlich hätte hier am 2. Juni 2012 die letzte Maschine abheben sollen. Vom Lärm zermürbte Anwohner in der Pankower Einflugschneise hatten sich in Gedanken schon den Sekt kaltgestellt [morgenpost.de]. Es kam anders. Das Desaster in Schönefeld hielt Tegel noch mehr als acht Jahre am Leben. Bis dahin wurde hier jeden Tag improvisiert.

Noch 2019, vor Corona, starteten und landeten hier alle zwei Minuten Maschinen. Das Nachtflugverbot zwischen 23 und 6 Uhr wurde durch immer mehr Sondergenehmigungen gebrochen, zum Beispiel für Postflüge. Es gab in Tegel nie einen Bahnanschluss, die einzige Zufahrtsstraße war regelmäßig verstopft. Die Wege im Sechseck waren inzwischen nicht nur zu kurz für Warteschlangen, sondern auch viel zu eng. "Ob die Security zusammenbricht, weil es zu lange dauert, ob die Gäste ihren Flieger verpassen, obwohl sie zwei Stunden vorher da waren, wenn sie am Terminal C abfliegen - es ist hart", sagte Daniela Probst, die sich als Ramp-Agent für die Abfertigung der Flugzeuge am Boden kümmerte.

Draußen auf dem Feld, direkt neben den Kleingartenkolonien, drängten sich die Maschinen. "Wenn hier ein Flugzeug Verspätung hat, weil ein Passagier nicht beim Gate erschienen ist und der Koffer wieder ausgeladen wird, führt das häufig dazu, dass ein anderes Flugzeug warten muss hier am Flughafen. Weil es mittlerweile so wenig Parkpositionen gibt", sagte der Fluglotse Philipp Anders. Der Bienenstock aus Beton, er surrte fast ununterbrochen.

Geliebtes Betonmonster

Das Erstaunliche bei all dem aber war: Gemessen daran, dass der Flughafen technisch gesehen vollkommen überfordert war, funktionierte er in seinen letzten Jahren überraschend okay - was einzig und alleine an den Mitarbeitern lag. "Wenn hier nur die Lotsen gut arbeiten, wenn nur das Bodenpersonal sein Letztes geben würde, würde das nicht funktionieren. Es funktioniert, weil alle sich anstrengen, weil alle wissen, dass es von ihnen persönlich abhängt", sagte Philipp Anders.

Und schimpfen half ja nicht. Solange der BER nicht mehr als eine dystopische Ruine war (und ist), hängen die Berlinerinnen und Berliner buchstäblich an diesem eigenartigen Monster der Moderne. "Tegel steckt für die West-Berliner voller Emotionen und war von Anfang an positiv besetzt. Er sicherte während der Luftbrücke das Überleben der Stadt und war während der Teilung das Tor zur Freiheit", hat der wehmütige von Gerkan kürzlich der "FAS" gesagt. Inzwischen ist er 85 Jahre alt. Tegel ist denkmalgeschützte Nostalgie, vor allem Gefühl. Dagegen kommen keine Gerichtsurteile, Eigentümerverhältnisse und Lärmschutzgutachten an.

Die FDP um ihren Wortführer Sebastian Czaja wusste das und machte den Fortbestand des TXL zum Wahlkampfthema. Knapp gelang ihr damit die Rückkehr ins Abgeordnetenhaus. In dem von der Partei unterstützten Volksbegehren 2017 stimmten mehr als 56 Prozent der Teilnehmer dafür, dass der Senat die Absicht aufgeben solle, den Flughafen zu schließen. Und die Sache nochmal eingehend zu prüfen. Es war kein Gesetzesentwurf, konnte keiner sein, lediglich ein Appell. Alleine hätte der Gesellschafter Berlin das sowieso nicht entscheiden können. Das wiederum wusste der Senat genau - und weil auch die anderen beiden, Brandenburg und der Bund, kein Interesse an einem Weiterbetrieb hatten, war die Sache schnell vom Tisch.

Archiv: Der Flughafen Tegel in Berlin. (Quelle: rbb)
Nach 46 Jahren war ihm keine Pointe vergönnt: Als der TXL zum Ende hin nochmal hätte aufdrehen können, kam Corona. Und jetzt fliegt kaum noch jemand. | Bild: rbb

Sanfter Übergang in die Rente

Der BER sei viel zu klein, wenn er eröffne, argumentierten die Tegel-Fans und überhaupt: Andere Metropolen hätten doch auch mehr als einen Flughafen. Aber dann kam Corona.

98 Prozent der Flüge in Tegel fielen aus. Nur im dahingestellten Billigfliegerkasten Terminal C wurde überhaupt noch geflogen. Bundespolizisten patroullierten im leeren Sechseck und phantomhafte Lautsprecherdurchsagen warnten nicht vorhandene Passagiere, ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt herumstehen zu lassen. Es war eine gespenstische Szenerie. Der Flughafenchef Lütke Daldrup hatte von Woche zu Woche zunehmend Schwierigkeiten, die Contenance dabei zu wahren, wenn er erklärte, dass es keinen Sinn ergebe, einen kaum genutzten Flughafen offen zu halten. Die erhofften Passagierzahlen am BER wird man nun wohl auf Jahre nicht erreichen, die Flughafengesellschaft braucht nochmal viel mehr Steuergeld, als befürchtet.

Wenn die Sache nun tatsächlich so läuft wie geplant, sollen in Tegel 9.000 Wohnungen gebaut werden, auch für Mieter, die im irren Berliner Wohnungsmarkt nicht mehr zum Zug kommen. Dazu ein Forschungs- und Industriepark, Start-ups, die Beuth-Hochschule, Grünanlagen. Es fällt noch schwer, sich das wirklich vorzustellen. In Tempelhof fliegen Drachen. Aber Tegel ohne Taxis?

Die Besucherterrasse des Flughafen Berlin-Tegel am 21.10.20 (Quelle: dpa / Sebastian Gabsch/Geisler-Fotopress).
Von "#IloveTXL" zu "#DankeTXL": Am 8. November war Schluss, inzwischen steht die Wabe auf der Denkmalliste. | Bild: Geisler-Fotopress

Nur für den Fall

Die Fahrer hatten in den letzten Tagen so wenig zu tun, dass sie draußen Backgammon spielten und ratschten. Hobbyfotografen durchstreiften die grauen Gänge und spürten der vergehenden Zeit nach. Die meisten Geschäfte waren verrammelt, nackte Schaufensterpuppen glotzten einem entgegen. Berlin-Schlüsselanhänger gabs zum Sonderpreis. Alles muss raus.

In Pankow, Reinickendorf und Spandau werden viele Anwohner sich erstmal an die Ruhe gewöhnen müssen. Die Pandemie hat sie darauf wenigstens sanft vorbereitet. Aber auch gefiederte Freunde müssen den Phantomkrach verdrängen lernen. Zwischen den Start- und Landebahnen in Tegel brüten längst Feldlerchen und Braunkehlchen.

Im Rückblick ist es eine Schau, dass von Gerkan und Marg ihre Vision so ungestört von Bedenkenträgern und Verwässerern durchziehen konnten. Ihre Schöpfung wirkt wie das Hauptquartier eines Filmbösewichts und für welchen Flughafen lässt sich das schon sagen? Curd Jürgens sitzt im Tower und streichelt eine weiße Katze, Sean Connery schießt sich den Weg frei. Tegel mag funktional erdacht worden sein, aber kitzelt die Phantasie.

Inzwischen kann man seine Liebe zum Flughafen mit Hipster-kompatiblen T-Shirts, Tassen und Jutebeuteln ausdrücken. Aus dem vor wenigen Jahren angepriesenen Spruch "I love TXL" ist nun "Bye bye TXL"geworden. Statt eines Herzens prangt eine rote Wabe auf dem Logo. Das Zeug verkauft sich gut, sagen die Leute vom Laden in Mitte.

Am 8. November um 15 Uhr durfte sich ein Airbus A320 der Air France als letztes vom TXL verabschieden. Er hob ab Richtung Paris. Nur für den Fall, dass am BER noch etwas schiefgeht, wird Tegel eine Weile betriebsbereit gehalten, bis Mai 2021. Aber wer würde schon von so etwas ausgehen.

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24