Zwei Mitarbeiter gehen am 22.10.2020 während eines Pressetermins zum Thema Technik im Terminal 1 des Flughafens Berlin Brandenburg am Schriftzug BER vorbei. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Bild: dpa/Soeren Stache

Diese Fragen stellen sich nach der Eröffnung - Der BER ist bald offen - und dann?

Derzeit sieht tatsächlich alles danach aus: Der neue Flughafen BER wird am Samstag eröffnet. Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst. rbb-Flughafen-Experte Thomas Rautenberg beantwortet die entscheidenden Fragen, die sich nach der Eröffnung stellen.

Wer will derzeit überhaupt noch fliegen?

Die Corona-Pandemie hat die gesamte Luftverkehrswirtschaft in eine existenzgefährdende Krise gestürzt. Das betrifft natürlich auch die Berliner Flughäfen BER und Tegel. Insgesamt sind im Jahr 2019 in Berlin 37,5 Millionen Passagiere gestartet beziehungsweise gelandet. Das Wachstum der Fluggastzahlen war seit Jahren überdurchschnittlich im Vergleich zu den anderen deutschen Airports.

Mit dem Ausbruch der Corona-Krise in diesem Jahr rechnet die Flughafengesellschaft nur noch mit rund zehn Millionen Passagieren. 2021 gehen die Schätzungen von jährlich 16 Millionen Fluggästen in Berlin aus. Auf Basis dieser Zahlen benötigt die Flughafengesellschaft weitere Finanzhilfen in Höhe von insgesamt 800 Millionen Euro.

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup erwartet für Anfang November einen Luftfahrt-Gipfel mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), bei dem es auch um staatliche Unterstützungsleistungen für alle deutschen Flughäfen gehen soll. Die Gesamtverluste durch die Vorhaltekosten bezifferte Lütke Daldrup auf rund zwei Milliarden Euro.

Wann geht die Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH (FBB) pleite?

Die Flughafengesellschaft geht nicht pleite, da sie mit den Ländern Berlin und Brandenburg sowie dem Bund die sichersten Geldgeber in der Hinterhand hat. Entsprechend gut wurde die FBB von der internationalen Ratingagentur Moody's eingestuft.

Aber die sogenannten Folgekosten wie für den Schallschutz, für noch offene Rechnungen oder für Arbeiten am Terminal schlagen immer noch zu Buche: Der Kapitalbedarf bis 2024 wurde zuletzt von der FBB mit rund 795 Millionen Euro beziffert. Obendrauf kommen nun natürlich die geforderten Finanzhilfen angesichts der Corona-Pandemie von insgesamt 800 Millionen Euro, davon sind 300 Millionen für dieses Jahr veranschlagt und 500 Millionen Euro für kommendes Jahr.

Damit wird die Berliner Flughafengesellschaft noch viele Jahre am Steuertropf hängen.

Welche Baustellenmängel könnten zu erwarten sein?

Über mögliche Baustellenmängel ließe sich trefflich spekulieren. Der BER ist nach wie vor ein Projekt, bei dem aus der Erfahrung heraus vieles möglich erscheint. Aber: Die entscheidenden Bauabnahmen sind alle erfolgreich verlaufen, auch der Testbetrieb des Flughafens ist ohne große Pannen über die Bühne gegangen – insofern sollte man da nichts herbeireden.

Kann es noch Klagen gegen Flugrouten geben?

Zu unterscheiden ist hier zwischen den Lande- und Startrouten. Zuständig für die BER-Flugrouten ist das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. Da die Flugzeuge bei der Landung die jeweilige Landebahn über eine Strecke von zehn nautischen Meilen (13 Kilometer) im Geradeausflug ansteuern müssen, sind die Landerouten des BER praktisch vorgegeben - gegen sie konnte nicht geklagt werden.

Über die Startrouten gab es dagegen heftige Diskussionen: Die FBB hatte "nicht offen kommuniziert" - so der Vorwurf der Klagenden -, dass die parallelen Startrouten aus Sicherheitsgründen jeweils nach außen, sprich nach Norden beziehungsweise Süden abknicken müssen. Daraus folgte eine Lärmbelastung für Menschen, die sie nicht erwartet hatten.

Bis zuletzt umstritten war die sogenannte Nordumfliegung von Blankenfelde-Mahlow bei Starts von der Nordbahn in Richtung Westen. Als am stärksten vom Fluglärm betroffene Gemeinde hatte Blankenfelde-Mahlow die Nordumfliegung vor Gericht durchgesetzt. Nach den Plänen der deutschen Flugsicherung sollen die startenden Maschinen dennoch im Geradeausflug über die Gemeinde fliegen. Bislang hat die Gemeinde nicht erneut dagegen geklagt.

Wo wird es jetzt laut?

Laut wird es in Blankenfelde-Mahlow und auf der Ostseite des Flughafens, in Bohnsdorf, Schulzendorf, Schmöckwitz und Eichwalde.

Aber auch die Müggelsee-Region und das Gebiet im Lichtenrade werden sicher einiges vom Fluglärm abbekommen. Auf der Müggelsee-Route soll sogar stärker als geplant geflogen werden. Alle Flugzeuge, die am Terminal 5 abgefertigt werden, starten und landen auf der Nordbahn und fliegen bei Ostwind größtenteils über den Müggelsee/Friedrichshagen.

Wie stehen die Chancen, dass irgendwann noch irgendwer für das BER-Desaster zu Rechenschaft gezogen wird?

Der neue Flughafen BER geht nicht nur mit neun Jahren Verspätung an den Start, er ist mit 6,5 Milliarden Euro auch dreimal so teuer geworden wie ursprünglich geplant. Juristische Konsequenzen wird der Pleiten-, Pech- und Pannenbau dennoch nicht haben. Der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft hat die verantwortlichen Akteure immer im Sinne einer Haftung entlastet.

Für die politische Aufarbeitung läuft derzeit bereits der zweite BER-Untersuchungsausschuss. Es zeichnet sich aber nicht ab, dass dieser irgendwelche Konsequenzen für handelnde Akteure haben wird.

Check-in-Schalter am 19.10.2020 im Terminal 1 des neuen Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER).
Check-in-Schalter am Terminal 1Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Wann wird der BER seine Kapazitätsgrenze erreichen?

In Pandemie-Zeiten ist das derzeit eher eine rhetorische Frage und noch weiß keiner, wann sie wieder relevant wird. Von der Kapazitätsgrenze ist die absehbare Flughafenauslastung aktuell meilenweit entfernt. Denn Dienstreisen finden kaum noch statt und auch den Touristen ist das Fliegen in ferne Länder weitgehend vergangen.

Die Aufteilung auf die bestehenden Terminals sieht wie folgt aus: Das neue Hauptterminal T1 ist für circa 28 Millionen Passagiere jährlich ausgelegt. Terminal 2, das wegen fehlender Passagiere nun erst im Frühjahr genutzt werden soll, hat eine Kapazität von jährlich sechs Millionen Passagieren. Im BER-Terminal 5, dem früheren Altflughafen Schönefeld, können ohne weiteres noch einmal jährlich zwölf Millionen Fluggäste abgefertigt werden. Das ergibt zusammen rund 46 Millionen Passagiere.

In Vor-Corona-Zeiten hat die Flughafengesellschaft in Schönefeld und Tegel insgesamt rund 37,5 Millionen Passagiere begrüßt. Der BER mit seinen bestehenden Terminals hat also eine rechnerische Reserve von fast zehn Millionen Fluggästen.

Mit dem geplanten Neubau von Terminal T3 und T4 am Campus BER in Schönefeld könnte die Kapazitätsgrenze des Airports auf etwa 58 Millionen Passagiere erweitert werden.

Mit Ausbruch der Corona-Krise wurden jedoch alle Investitionen in neue Terminals am BER mangels Bedarf auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Flugrouten des BER in Grafiken

Beitrag von Thomas Rautenberg

13 Kommentare

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  1. 13.

    Als Anlieger der bisherigen Start- und Anflugschneise vom TXL, bin ich nun erst einmal froh nach bewusst erlebten 50 Jahren des Flughafens Tegel, dass hier in Spandau und Staaken Ruhe einkehrt.
    Sicher wird es für die Anwohner vom BER in den kommenden Jahren genau so ein Problem werden, mit dem Fluglärm zu leben.
    So schlimm die Corana-Krise auch ist, hat sie doch zwei Vorteile:
    - zum einen können sich die Anwohner des BER über einen längeren Zeitraum an die neue Unruhe gewöhnen
    - zum anderen entfällt nun auf längere bzw. lange Sicht das Thema - Der Flughafen BER ist viel zu klein

  2. 12.

    Juchhei, endlich ist er betriebsbereit, der Flughafen, den wohl keiner mehr braucht / brauchen wird.
    Nach aktuellen Zahlen / Hochrechnungen würde auch der jetzige Flughafen in Tegel wieder ausreichen, wenn nicht sogar nur der Airport in Tempelhof mit Schönefeld zusammen. Und mehr Charme hatte Tempelhof schon immer, aber das sahen die Anwohner sicher anders :-)

  3. 11.

    Der veranschlagte Preis bei Baubeginn 2006 für den BER betrug 2,0018 Milliarden Euro. Das ist nur das dreifache der veranschlagten Baukosten. Und für die Ausfälle durch die Corona Pandemie können Sie die Politik und die Bauplaner nicht verantwortlich machen. Ohne Corona wäre mit einer erheblichen Steigerung, insbesondere des Langstreckenverkehrs, zu rechnen gewesen. Aber Corona wird einmal vorbei sein. Wir werden es sehen.

  4. 10.

    „ Endlich ist es so weit, dass Berlin nach vielen Pleiten und Pannen einen internationalen Standard entsprechenden Flughafen bekommt„, der am ungeeignetestem Standort errichtet, sechsmal so teuer wie geplant wurde und auch erst in vielen, vielen Jahren - wenn überhaupt - wirtschaftlich betrieben werden kann. Ach ja ...

  5. 9.

    Nein, Sie haben völlig Recht. Es handelt sich um nautische Meilen und da entsprechen 10 ungefähr 18,5 km.

    In Fuß wird übrigens nur die (untere) Flughöhe gemessen. Darüber (oberhalb der Transition Altitude = Übergangshöhe) wird die "Einheit" Flugfläche verwendet, die die Flughöhe unter Normaldruckbedingungen angibt, damit nicht alle paar Minuten die Instrumente umgestellt werden müssen, wenn sich der Druck zu sehr verändert hat.

  6. 8.

    Das mit den zehn nautischen Meilen ist ungefähr richtig wenn man sich die Anflugkarten anschaut, dass müssten dann also 18,5 km sein.
    Wo die 13 km Umrechnung herkommt kann ich nicht nachvollziehen, da ich keine Meile gefunden habe die 1,3 km lang ist.

  7. 7.

    Endlich ist es so weit, dass Berlin nach vielen Pleiten und Pannen einen internationalen Standard entsprechenden Flughafen bekommt. Weder Tegel noch Schönefeld alt entsprachen diesen Anforderungen. Das im Moment der Flugverkehr wegen der Corona Krise wesentlich geringer ist wird auch einmal vorübergehen. Und dann ist mit dem BER der drittgrößte deutsche Flughafen für das Land wichtig und neben den bisherigen Langstrecken Verbindungen werden diese über das Maß der vor Corona Zeiten hinausgehen. Denn Berlin hat ein großes Einzugsgebiet welches bis in weite Teile Westpolens reicht. Daher ist das Schwarzsehen im Hinblick auf den BER völlig unangebracht.
    Dem BER kann man nur wünschen "Good Flight" und "Happy Landing" für alle Zeiten.

  8. 6.

    Es ist alles gesagt. Was jetzt passieren wird ist zigfach vorausgesagt worden. Corona kann in der Vorbereitung viele Bedenken überdecken, doch die Zukunft wird von hohen Kosten begleitet werden. Endlich wird zu sehen sein, was unter der Decke gehalten wurde.

  9. 5.

    Was machen die Heerscharen von Journalisten quer über alle lokalen Medien, die den Ausbauvdes Flughafens Schöndefeld begleitet haben? Kurzarbeit? Über Corona berichten? Tesla kam ja zu früh.

    MMUC und FRA haben gezeigt, dass es auch das Jobrisiko gehen kann. Allerdings hält dort sich die Politik auch raus, so dass die Medien weniger berichten. Hier hat nur Frau Pop angeblich wegen der Einsicht mangelnder Kompetenz verzichtet, sich als Grüne in die vorderste Front zu stellen und sich damit begnügt abzusegnen, dass die neuen BVG-Busse keinenAbbiege-Assistenten ab Werk bekommen haben.

  10. 4.

    Die wissenschaftlichen Forschungen zu den Auswirkungen von Fluglärm auf die menschliche Gesundheit schreiten voran; die Politik, deren Aufgabe es auch ist, solche Erkenntnisse in der Gesetzgebung zu berücksichtigen, kommt dagegen nicht nach. Diese Tatsache und dass Bürger betroffen sind, vergiß Herr R immer wieder

  11. 3.

    https://www.berlin-airport.de/de/unternehmen/aktuelles/news/2020/2020-01-09-neuer-passagierrekord-an-den-berliner-flughaefen/index.php

    Bisheriger Passagierrekord war in 2019 mit 35,65 Mio. Passagieren, nicht 37,5 Mio. wie es im Artikel steht. Das ist zumindest die offizielle Zahl der FBB. D.h. die Reserve liegt bei über 10 Mio. Passagieren im Vergleich zu den Zahlen vor Corona.

  12. 2.

    Bisherigere Passagierrekord in TXL + SXF war in 2019 mit 35,6 Millionen Passagiere und nicht 37,5 Millionen. Das ist die offizielle Zahl der FBB. Das heißt es gibt eine Reserve vom über 10 Mio.

  13. 1.

    Sorry, nautische Meilen: 10 nm sind 18 km und nicht 13 im Maßsystem eines großen Entwicklungslandes und von Myanmar... Aber die Flughöhen sind ja auch in Fuß, dann sind doch amerikanische Mi gemeint?

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