Menschenleer ist der Vorplatz am nächtlichen Terminal 1 vom Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg «Willy Brandt» (BER) am 25.10.2020. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: rbbKultur | 27.10.2020 | Jörg Magenau | Bild: dpa/Patrick Pleul

Kommentar | BER-Eröffnung - Flughafenscham wäre jetzt angesagt

Wohl nur wenige Menschen steigen zurzeit unbeschwert in ein Flugzeug. Es lauern Corona-Ansteckungsgefahren, und wegen des Klimawandels fliegt bei vielen auch das schlechte Gewissen mit. Kein guter Zeitpunkt, um einen Flughafen zu eröffnen, meint Jörg Magenau.

Leidet eigentlich noch irgendjemand an Flugscham? 2019 stand die "Flugscham" kurz davor, zum Wort des Jahres gekürt zu werden. Wer nach der Landung nicht versprach, zumindest ein Bäumchen zu pflanzen oder für den tropischen Regenwald zu spenden, durfte sich seines Seelenheils nicht ganz sicher sein. Fliegen war eine verbreitete, aber moralisch fragwürdige Sache. Denn: Moral kommt ja immer dann ins Spiel, wenn der Mensch Dinge tut, von denen er weiß, dass sie nicht so gut sind, dann aber doch nicht davon lassen kann.

Besser man lässt es

Ein Jahr später fliegen nur noch die, die unbedingt müssen und die, die sowieso keine Scham kennen. Maßgeblich fürs allgemeine Moralgefühl sind inzwischen weniger die Klimaforscher, als die Virologen. Sie begründen die neuen sozialen Standards mit Hygieneregeln, Mäßigung und Abstandhalten. Was das Fliegen betrifft, ist ihre Botschaft jedoch genau dieselbe: Besser man lässt es. Wer Infektionsketten unterbrechen möchte, bleibt zu Hause und tut damit nebenbei auch etwas fürs Weltklima. Es gibt nichts Heilsameres für die Erdatmosphäre, als einen möglichst flächendeckenden Lockdown.

Doch ausgerechnet jetzt eröffnet der unglückselige Großflughafen BER, als hätte er seit mehr als einem Jahrzehnt darauf gewartet, genau in dem Moment in Betrieb genommen zu werden, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob der Flugverkehr jemals wieder das Ausmaß der Zeit vor Corona erreichen wird. Easyjet meldet fast eine Milliarde Euro Verlust, selbst um die Lufthansa muss man sich Sorgen machen, und es ist nicht abzusehen, welche Fluggesellschaften die Krise überleben werden.

"Normal" war die Massenfliegerei sicher nicht

Die Luftfahrtbranche spricht davon, dass es mindestens drei Jahre dauern wird, bis sich die Lage normalisiert, also wieder das Niveau von 2019 erreichen wird. Doch das scheint eher Wunschdenken zu sein. "Normal" waren die Jahre der Massenfliegerei sicher nicht, als man, nur weil ein Ticket bloß zwölf Euro kostete, mal eben übers Wochenende nach Lissabon jettete, um dort Kaffee zu trinken. Gibt es ein allgemeines Menschenrecht auf Mobilität? Die Flugscham als ständiger Flugbegleiter brachte das epochale Grundgefühl zum Ausdruck, dass diese Normalität ziemlich irrsinnig gewesen ist. Eine Rückkehr in diesen Zustand sollte es deshalb auch nicht geben. Corona bietet die Chance, Flugabstinenz zu erproben und über die virologische Zwangslage hinaus beizubehalten.

Für den BER bedeutet das, dass nicht nur die geplante feierliche Eröffnung coronahalber ausfällt. Der Flughafen, von dem es vor einem Jahr noch hieß, er sei schon bei der Eröffnung zu klein, könnte neue Aufgaben übernehmen. Wie angenehm zum Beispiel ein Park mit Landebahn zum Skaten und Radfahren ist, zeigt das Beispiel Tempelhof. Dann müssten sich nur noch die schämen, die für das von Anfang an missratene Großprojekt BER rund sieben Milliarden Euro in den Sand gesetzt haben. Flughafenscham ist der große Bruder der Flugscham.

Beitrag von Jörg Magenau

50 Kommentare

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  1. 50.

    Welch ein aller Logik Hohn sprechenden Beitrag. Da beschweren Sie sich über die hohen Baukosten und warnen gleichzeitig die Leute davor von BER zu fliegen. Aber ein Flughafen kann nur Einnahmen bekommen und seine Schulden abbauen wenn so viele Menschen wie möglich fliegen. Was meinen Sie wie sonst Teile der Schulden getilgt werden können wenn nicht durch Fluggesellschaften und Passagiere?
    Was ist eigentlich so gefährlich vom BER zu fliegen, dass Sie davor warnen?
    Vorm schreiben sollte man doch mal nachdenken.

  2. 49.

    Danke! Reisefreiheit ist nicht auf das Inland begrenzt. Wenn's in die Ferne geht, werde ich mich keinesfalls schämen, zu fliegen. Und ich bin todtraurig über die Schließung von Tegel! Das war so lange unser Tor zur freien Welt! Wie sich BER machen wird, bleibt abzuwarten.

  3. 48.

    Dem Autor wäre schlicht zu raten, mal hinter die Preiskalkulation der Airlines zu blicken und sich nicht einzelne begrenzte Preisegmente herauszupicken . Dann wären Pauschalisierungen "12 Euro nach Portugal" nicht zu halten.
    Aber das Volk will Populismus....

  4. 47.

    Schade dass Sie so schlecht vom TXL denken...
    Er war jahrzente für Westberlin das Tor zur Welt, ohne Kontrolle durch die DDR! Und für viele der einzige Weg in den Westen! Die kurzen Wege waren grandios...

  5. 45.

    ... dass jede Norm bezüglich technischer Anlagen etwas Unabdingbares sind, damit es überhaupt funktioniert, freiwillige übernommene Denknormen - beispielsweise, dass es "Wohlstand" wäre, möglichst oft zu fliegen - hingegen eben jenes Mitläufertum verkörpert, von dem ich sprach.

    Eine Legitimation, weil es anscheinend alle machten, ist keine Legitimation. Da muss schon mehr kommen.

  6. 44.

    Ich freue mich sehr, dass der BER endlich geöffnet hat, nach den vielen Querelen.
    Wenn es die Choronalage wieder zu lässt, werde ich ihn schnellstmöglich gerne nutzen, und ich werde mich keinesfalls schämen. Aber vorher gehe ich mal hin zum angucken.
    Danke an den Flughafenchef und seine Mannschaft.

  7. 43.

    So ein Quatsch, man lese bitte den Spruch von ihm im Flughafen.

  8. 42.

    Ich hoffe sehr, dass meine Enkel in Zukunft noch Flugzeug, ICE oder Auto nutzen, klimafreundlich versteht sich, und nicht mit dem Fahrrad oder Karren mit Esel durch die Lande ziehen müssen.

  9. 41.

    Ich frage mich, ob dieser Artikel von Anfang bis Ende eine Art BER Ironie darstellen soll. Auf jeden Fall ist die Ironie nicht so recht offensichtlich und führt dazu, dass man einem bestimmten Teil unserer Gesellschaft vorgaukelt, dass es irgendwie in Ordnung wäre den einzigen Flughafen in der Region zu schließen, anstatt zu stärken. Um dann im nächsten Schritt vielleicht Autobahnen stillzulegen und die individuelle Mobilität zu verbieten. Was den Luftverkehr angeht, kann man ja glücklicherweise bald ans neue Drehkreuz nach Polen ausweichen.
    Aber macht nur weiter mit euren Extrempositionen. Bald werden wir sehen, was das mit der Gesellschaft macht (Vorbild USA).

  10. 40.

    Liebe Margarete Lück,
    einen ganz einen tollen Beitrag haben Sie da geschrieben. Passend in egoistischem Ton.

    Vielleicht würden sich ja die Menschen im Zentral- oder Südafrikanischen Bereich auch gern einmal in den von Ihnen so hoch gelobten Jahresurlaub fliegen lassen. Leider ist denen das nur meist nicht möglich - da sie gerade VERHUNGERN !
    Oder Menschen aus dem Pazifik - denen gerade ihr zu Hause ABSÄUFT, weil der Meeresspiegel steigt...

    Egal - Hauptsache ICH kann in den Urlaub fliegen, oder nach NY City zum shoppen...
    Kopfschüttelnde Grüße...

  11. 39.

    Ein für den Eröffnungstag unterirdisches Kommentar. Wie man es mit solchem Negativismus auf die Hauptseite des RBB schafft... traurig.

  12. 37.

    "Der erste Artikel unseres bedeutenden Gesetzes trieft nur so von Moral: Die Würde des Menschen ist unantastbar. "

    Sie wollen doch nicht etwa einem Vertreter der rechtsextremen AfD die "Würde des Menschen" erklären? Die "Partei", die ständig die Würde, nicht nur der Menschen, mit Füßen tritt?

    Die "Partei", die schon mit ihrer bloßen Anwesenheit die deutschen Parlamente entwürdigt? Nicht wirklich oder?

  13. 36.

    Das sehe ich genauso.
    Vielleicht ne neue Idee für die, die immer gegen alles sind, egal was / wen / wie. Tempelhofer Feld, auch so ein Thema und sooooo berlintypisch. Jeder gegen jeden, und alle machen mit.
    Ich habe den Eindruck, dieser "Kleinkrieg" nimmt immer mehr zu.
    Der BER ist fertig, wir haben uns als Berliner lange genug due "Witze" anhören müssen, obwohl keiner von uns dafür verantwortlich zu machen ist, JETZT IST ABER AUCH MAL GUT!

  14. 35.

    Ohne jeden umweltpolitischen Sachverstand hat man "endlich" aus reinem Prestigedenken mit dem Kopf durch die Wand den Flughafen als Schuldenpalast durchgedrückt. Ausgerechnet eine Kurzstreckenflug aus Mün soll den Anfang machen - dafür ist der ICE Sprinter da. Es ist Beleg für Wirtschaften ohne Einsicht an den Corona Regeln und am aktuellen geringen Bedarf vorbei. Man kann nur alle Reisenden warnen, den künftigen Chaosflughafen BER benutzen zu wollen... was für ein volkswirtschaftlicher Schaden für die Region BLN /BRDBG: alle Investitionen und Schuldenlasten auf viele Jahre eine große Bruchlandung. Ein unfertiger und insolventer Flughafen kann nicht ans internationale Netz gehen. Leute erspart uns die Peinlichkeiten der "Eröffnungsfeier": es gibt die Fehlentscheidungen und das Finanzdesaster und nichts zu "feiern". Es wird ein "Nationaler Tag der Trauer" werden zur Schande der Wirtschaftsnation Deutschland.

  15. 34.

    Offensichtlich muß man als Klimawandelleugner schon per se lügen aber ihre "Kommentare" sezten dem immer noch einen drauf. Ihre Lügen sind plump und deshalb dämlich. Wie es sich für einen Klimawandelleugner gehört.

  16. 33.

    Nur meckern,typisch deutsch.....

    Der Oculus in New York ,doppelt so teuer wie geplant ,statt 2 Mill. Dollar 4 Mill. Dollar und die Eröffnung hat sich um 7 Jahre verspätet.

  17. 32.

    Ihrem Kommentar schließe ich mich in ganzem Umfang an. Hinzufügen möchte ich, dass es an der Zeit ist, Kerosin endlich zu besteuern. Die staatliche Subventionierung des Fliegens ist absolut nicht mehr zeitgemäß, die zusätzlichen Steuereinnahmen wären in Hilfspaketen für z.B. pandemiegeschädigte Kleinunternehmen gut angelegt.

  18. 31.

    Echt zum Schämen ist doch, dass bei Schulen, Kitas, Senioren und bei Pfkegekräfte ständig gespart werden muss und hier für ein Genäude mit zwei Rollbahnen die Milliarden Euro ohne Skrupel nur so in ein ewig verkorkstes Projekt an einem falschen Standort fliessen. Dieses Jahr nochmal 300 Mio., nächstes Jahr 550 Mio., es wird ewig so weitergehen. In Deutschland schreibt nur Fraport schwarze Zahlen. Wieso sollte man annehmen, das der BER mit seiner riesigen Schuldenlast sich irgendwann mal bezahlt machen sollte. Eine ewige Lüge von Anbeginn und Grund zum Schämen genug.

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