Kredite und Corona-Krise - So groß ist die finanzielle Not der Flughafengesellschaft wirklich

Do 11.02.21 | 10:03 Uhr | Von René Althammer und Susanne Opalka
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Archivbild: Der Flughafen BER im Nebel. (Quelle: imago images/J. Eckel)
Bild: imago images/J. Eckel

1,8 Milliarden Euro Finanzhilfen aus Steuermitteln plus der Erlass von 1,1 Milliarden Euro Kreditschulden sind nötig, um die Flughafengesellschaft FBB finanziell am Leben zu halten. Mit Gewinnen wird erst 2034 gerechnet. Von René Althammer und Susanne Opalka

Noch im Dezember hoffte FBB-Chef Lütke Daldrup, dass die FBB 2025 die Gewinnschwelle erreichen könne. Allerdings nur, wenn es "gelingt, schrittweise die Betriebskosten zu senken, und (...) wenn wir mit den Eigentümern vernünftige Regelungen zur neuen Finanzierungsstruktur hinbekommen", wie das Unternehmen dem rbb damals mitteilte.

Was damit genau gemeint war, wird langsam deutlich: Teilentschuldung - das heißt, die Gesellschafter verzichten auf die Rückzahlung von Krediten in Höhe von gut 1,1 Milliarden Euro und es gibt 1,8 Milliarden Euro Kapitalbedarf.

Kreditzusage vor Parlamentszustimmung

Für die FBB kommt die Veröffentlichung dieser Zahlen durch den "Tagesspiegel" zur Unzeit, denn der letzte Kreditantrag ist noch nicht durch alle Parlamente. Der Berliner Finanzsenator Kollatz (SPD) hat zwar bereits den Vertrag über bis zu 204 Millionen Euro - den Anteil Berlins, um bis Ende 2021 über die Runden zu kommen - unterschrieben, aber: Geld gibt es nur, wenn das Parlament, genauer der Hauptausschuss, zustimmt, was bislang nicht geschehen ist.

Jetzt tun sich neue Fragen auf, nämlich beispielsweise: Wie will die FBB die Corona-Kredite eigentlich zurückzahlen? Das Unternehmen muss bis 2023 gut 450 Millionen Euro Zins und Tilgung allein für Altkredite aufbringen. Jetzt kommen noch die Corona-Kredite dazu. Wäre das Land Berlin eine Bank, dann wäre hier wohl Schluss für die FBB. Doch der Senat scheint in all dem kein Problem zu sehen, wie er dem grünen Abgeordneten Harald Moritz (Grüne) Anfang Februar mitteilte: "Der Senat geht davon aus, dass die FBB ihre vertraglichen Verpflichtungen jederzeit erfüllen kann." Eine mehr als fragwürdige Aussage zu diesem Zeitpunkt.

Denn selbst die FBB scheint sich da nicht mehr sicher zu sein. Dem rbb liegen Unterlagen vor, die auf den 25. Januar 2021 datiert sind. Dort ist zu lesen: "Corona-bedingt sind bis 2024 kumuliert 1,3 Milliarden Euro an Konzernverlusten (...) zu erwarten, so dass eine Stärkung des Eigenkapitals notwendig ist." Aus Kreisen, die mit dem Vorgang befasst sind, heißt es, dass es sich dabei um eine Vorlage an den Aufsichtsrat handele. Deren Echtheit wollte die FBB auf Anfrage nicht bestätigen. Heißt aber wohl, ohne neues Geld scheint die Gesellschaft nicht "jederzeit" in der Lage zu sein, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Das sollte die Gesellschafter nicht allzusehr verwundern. Die FBB schließt das Jahr 2020 bei zehn Millionen Passagieren voraussichtlich mit "Betriebserträgen" von gut 207 Millionen Euro ab. Dem stehen im laufenden Jahr Zins- und Tilgungszahlungen von mehr als 150 Millionen Euro gegenüber. Hinzu kommen Personal- und Unterhaltskosten. Im Dezember hatte das Unternehmen noch erklärt, dass die Gewinnschwelle im Jahr 2025 erreichbar sei, wenn es gelingt Kosten zu senken und "mit den Eigentümern vernünftige Regelungen zur neuen Finanzierungsstruktur hinzubekommen". Aktuell wird nach den vorliegenden Unterlagen vom Erreichen der "Konzerngewinnschwelle" im Jahr 2034 ausgegangen.

Kostendeckend ist nicht Kosten deckend

Fragwürdig ist auch eine Aussage von Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup vom 7. Januar, als die FBB eigentlich schon einigermaßen wissen musste, wie ernst die Situation ist. Da erklärte er im rbb-Nachrichtenmagazin Brandenburg aktuell, dass das Unternehmen mit 20 Millionen Passagieren jährlich seine Kosten wieder einspielen könne. Aufatmen beim Steuerzahler: das müsste doch zu schaffen sein, wenn die Corona-Impfkampagne erst an Fahrt gewinnt. Allerdings hatte der Flughafenchef eine sehr eigene Definition von "kostendeckend", wie die FBB rbb24 Recherche auf Nachfrage mitteilte. Dies stelle "(...)die rein operativen Kosten ohne Finanzaufwand", also ohne Zinsen und Tilgung dar. Für gewiefte Finanzanalysten war das wahrscheinlich leicht verständlich, der breiten Öffentlichkeit hingegen dürfte nicht klar gewesen sein, dass die FBB also auch dann noch weiter in den roten Zahlen steckt und Schwierigkeiten hat, die Kredite zurückzuzahlen.

Konsequenzen aus dem absehbaren Finanzdesaster

Dass die FBB im Jahr 2021 in finanzielle Turbulenzen gerät, hatten rbb und "Tagesspiegel" schon im vergangenen Jahr berichtet. Wirtschaftswissenschaftler hatten der FBB angesichts der Corona-Krise bis 2024 ein Defizit von 1,8 Milliarden Euro vorausgesagt. Der Flughafenchef tat das seinerzeit als "Milchmädchenrechnung" ab.

Für Hansrudi Lenz, Professor am vom Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfung- und Beratungswesen der Universität Würzburg, ist klar, dass "die zuvor schon vorhandenen Probleme, die von der Geschäftsführung durch zu optimistische Umsatzprognosen kaschiert wurden", nun durch Corona "schonungslos offen gelegt und dramatisch verschärft" werden. Das sei, meint Lenz, auch schon Ende 2020 für die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat absehbar gewesen.

"Schonungsloser Kassensturz" gefordert

Im Bundestag geht Sven-Christian Kindler, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen, jetzt in die Offensive und greift den Flughafenchef direkt an. "Monatelang hat Flughafen-Chef Lütke Daldrup abgestritten, dass die FBB in einer schwierigen finanzielle Lage sei und sein Unternehmen als solide und solvent dargestellt." Kindler fordert "einen schonungslosen Kassensturz und endlich volle Transparenz über die Kosten und die Einnahmen - und zwar jenseits der Märchenprognosen des Flughafen-Chefs." Und der Berliner Abgeordnete Christian Gräff fragt, seit wann der Finanzsenator und der Flughafenchef wussten, "dass der Finanzbedarf der FBB wesentlich höher sein wird" als bislang angegeben.

In der Senatsverwaltung für Finanzen setzt man derweil darauf, dass am Ende alles gut wird. Eine Teilentschuldung, die für den Steuerzahler einen Verlust von Hunderten Millionen Euro bedeutet, hält man dort weiterhin für möglich. Die Zeit drängt, denn die Wirtschaftsprüfer sitzen derzeit am Jahresabschluss für 2020. Nach rbb-Informationen sollen sie angesichts der aktuellen Lage in Frage stellen, ob die FBB eine "positive Fortführungsprognose" hat.

Beitrag von René Althammer und Susanne Opalka

27 Kommentare

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  1. 27.

    Eine Lösung wäre, Gebühren für die Flughafennutzung hochzusetzen. Dann zahlen die Nutznießer und nicht alle Steuerzahler. Z. B. nur 10,00 Euro mehr als Abgabe für die Inanspruchnahme des Flughafens als Flughafenbenuzungsgebühr berechnen. So kommen bei 40 Mio. Passagieren p. a. in Nachpandemiezeiten 400 Mio. Euro in die Kassen. Fliegen ist ohnehin zu günstig. Eine Taxifahrt v. BER  nach Berlin-Mitte u. zurück kostet in sehr vielen Fällen mehr als viele innereuropäische Flüge (hin u. zurück). Mit höheren Flugkosten könnte dem steigenden Fluggastaufkommen entgegengewirkt, Flugreisen auf die Schiene verlagert und somit mehr für den Umweltschutz getan werden,

  2. 26.

    Pleite gehen lassen und in staatlicher Hand dann klappt das auch, zudem weniger Flüge ja auch unser Klimaziel zugute kommt. Also ist der Verlust doch nicht so groß und es gibt ja noch die Bahn.

  3. 25.

    Wer hat ganz ehrlich was anderes erwartet? Gut das da auf die Finger geschaut wird.
    Ich bleibe dabei, Insolvenz und privatisieren.
    Weg von öffentlicher Hand und Steuergeldern. Mit dem Geld kann in der Infrastruktur und Tourismus in Brandenburg und Berlin echt was sinnvolles veranstaltet werden.
    Unglaublich, ind es wird immer wieder Grld hinein gepumpt.

  4. 24.

    Natürlich, weil niemand dagegen klagen und unabsehbare Folgekosten verursachen würde.
    Am Besten die Landesväter sanieren in Eigenregie, hat beim BER ja immer geflutscht!

  5. 23.

    Da scheinen die Jungs von FBB/BER ja echt nen coolen Businessplan zu haben und kennen wohl auch noch um paar Ecken jemanden, der mitm Bankenvorstand ab und an uffm Golfplatz Abschläe übt, Mann, Mann Mann. Sowas würde doch nicht mal'n Bankdirektorlehrling in Klingsiel durchwinken, oder?

  6. 22.

    Zum Glück stellt die Politik in Deutschland niemanden von Gericht.

    Schlichte Gemüter mögen sich deshalb der AfD zuwenden. Mündige Bürger nutzen die Möglichkeiten, die ihnen ein freiheitliches Rechtssystem gibt, um ev. den Rechtsweg zu beschreiten, eine Bürgerinitiative zu gründen, mit Spitzenkandidaten seines Wahlkreises zu sprechen, Mehrheiten zu organisieren, Kontrollorgane zu nutzen oder was auch immer.

    Lieber RBB, "Wäre das Land Berlin eine Bank, dann wäre hier wohl Schluss für die FBB." Diese Polemik bringt keinen Menschen weiter. Das Land Berlin und die anderen beiden Gesellschafter sind eben keine Bank(en). Die Autoren bedienen mit diesem Artikel in gewohnter Boulevard-Manier die eh schon verunsicherte Meckergemeinde. Ihre Meinung sei ihnen zugestanden, aber dann kennzeichnen Sie bitte derartige Artikel in Zukunft als solche.

  7. 21.

    "Die Milliarden 2,9 und mehr könnten für viele andere Maßnahmen eingesetzt werden"

    Mal davon abgesehen, dass ma von der Summe "nur" 1,8 Milliarden hat (die 1,1 Milliarden sind bereits im BER versickert); die Schließung des Flughafens aka Pleite der FBB-Gesellschaft dürfte weitere Folgekosten verursachen. Zumindest die Milliarden an Krediten dürften futsch sein.

  8. 20.

    Ich muss mir mal selbst antworten : Im Grunde genommen MÜSSEN sich Bund, Berlin und Brandenburg von ihren Flughafenanteilen trennen. Wenn man als Staat nämlich ernsthaft etwas für den Klimaschutz tun möchte und den Flugverkehr einschränken, steht die EIgner doch im Interessenskonflikt, da in diesem Falle Verluste an den Flughäfen geschrieben werden.
    Egal wie, wenn Berlin und Brandenburg noch ein paar Milliönchen reinbuttern, könnte man dem rbb nicht auch etwas Geld abgeben, damit die endlich mal die Bugs aus der Kommentarfunktion entfernen und eine ordentliche Nutzerregistrierung implmenetieren können ?

  9. 19.

    "Wer kann’s ihnen eigentlich noch ernsthaft verübeln"

    Jeder mit gesunden Menschenverstand. Warum sollten es ausgerechnet diese Politiker es besser machen bzw. sollte es durch diese besser werden? Sie haben es ja durch diverse Skandale und Pannen schon hinreichend bewiesen, dass sie es nicht können bzw. dass es nur um die eigenen Vorteile geht. Und dann ist da ja noch die Ideologie dieser Partei.

  10. 18.

    "Zusammen knapp 3 Mrd" ist nicht mal 'ne Milchmädchenrechnung. Wenn Sie schon die Teilentschuldung mit einberechnen, dann müssen Sie aber auch die "Komplettentschuldung" durch die Pleite mit einberechnen. Und wenn dann die Flughafengesellschaft pleite ist, stellt sich die Frage, wer dann Tegel und Schönefeld modernisiert und betreibt.

    PS: Die Kosten für den Lärmschutz beim BER belaufen sich auf eine 3/4 Milliarde. Sprich da kommt man nicht weit mit 2 Milliarden für Ausbau und Modernisierung.

  11. 17.

    Solche Skandale wie der BER in allen seinen Facetten sind ein Grund für die aktuelle Situation in diesem Land. Die beschämten und verärgerten Wähler wenden sich zahlreich der AfD zu. Wer kann’s ihnen eigentlich noch ernsthaft verübeln. Verbrecher sitzen in allen Parteien. Warum bis heute noch keiner der heimlichen Profiteure vor Gericht steht, ist ein Armutszeugnis für die Politik.

    Ready for take off Demokratie. Schade

  12. 15.

    Da hat aber der rbb24 sehr schnell reagiert und das Foto mit dem Namen von Willi Brand in ein Foto getauscht, wo man den Schriftzug nicht mehr erkennen kann. Ist auch besser so. Meine Daumen sind für den rbb24 nach oben!

  13. 14.

    Völliges Versagen auf allen Seiten. Auf eine Steuerprüfung, Kontrolle des Kurzarbeitergeldes oder jedwede Kontrolle werden wir hier lange warten könne. Und die, die politisch aufbegehren, tragen diese Vorgehen seit dem ersten Spatenstich mit.
    Aber es ist Wahljahr, da kommt das immer gut.

  14. 13.

    Das Dillemama wird sein : Eine Insolvenz der FBB bringt auch keine Punkte : Auch dann sind die Steuergelder wech. Dicht machen geht auch nicht, weil Balin dann gar keinen Flughafen mehr hat. Eigentlich hat man nur eine Chance : Engelberts Lampenladen in die Gewinnzone bringen und Anteile verkaufen... Natürlich wäre es ein Traum, wenn der BER Gewinn macht und die drei Eigentümer mehr Gewinne einstreichen, als sie investtiert haben. Ob allerdings der Staat so ein unternehmerisches Risiko tragen sollte, halte ich für mehr als fragwürdig ...

  15. 12.

    Zusammen knapp 3 Mrd !!! Pleite gehen lassen, für 2 Mrd Tegel und Schönefeld modernisieren, ausbauen. Dann hätte man 1 Mrd. gespart.

  16. 11.

    Teilentschuldung - klingt vernünftig / pragmatisch.

    Und an alle, die (hier) von "sofortiger Schließung", "Tegel" oder gar "Neubau" sprechen: Das verursacht weitere Kosten in Milliardenhöhe. Zu tragen durch den Steuerzahler.

  17. 10.

    Schließen dieses finanzfressende Monster!!! Die Verantwortlichen auch Ehemalige zur Verantwortung ziehen. Wie gehen diese Leute mit öffentlichen Geldern um? Ja klar, die Leute haben noch nie Werte geschaffen, immer nur genommen.

  18. 9.

    Ich habe den Eindruck, 1 Mrd. EURO für die Tegelsanierung wäre zielführender gewesen. Wahrscheinlich wussten das auch unsere Entscheidungsträger genau, aber die hatten wohl andere Interressen zu vertreten.

  19. 8.

    Es geht im Moment jedem Flughafen so. rbb|24 müßte mal über den Tellerand hinaus schauen.

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