Dr. Martin Luther King spricht in der Marienkirche (Quelle: Landesarchiv Berlin)

Marienkirche erinnert an legendären Besuch - Wie Martin Luther King per Kreditkarte nach Ostberlin reiste

Der US-Bürgerrechtler war bereits eine weltweite Legende, als er im September 1964 am Rande offizieller Termine in West-Berlin plötzlich in den Ostteil aufbrach. Was dann folgte, ist ohne Beispiel - und der Marienkirche auf dem Alexanderplatz jetzt eine ganze Gedenkwoche wert. Von Stefan Ruwoldt

Er hatte eine Einladung. Er war auf Staatsbesuch. Und er genoss weltweit große Anerkennung für seinen Einsatz gegen Rassentrennung. Aber als es drauf ankam, wollten Uniformierte plötzlich von ihm einen Pass: Der amerikanische Baptistenpastor Martin Luther King besuchte im September 1964 Berlin und erlebte dabei hautnah die Teilung.

Dabei war King am 12. September zunächst vom Regierenden Bürgermeister Berlins, Willy Brandt, empfangen worden, trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein und eröffnete später das Jazzfest - begleitet von Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet. Doch als er dann zu einem weiteren Termin aufbrach, stand er allein vor Uniformierten, die von ihm den Pass forderten und ihn dann erst einmal stehen ließen: King hatte eine Verabredung im Osten.

"Martin Luther King war eingeladen von Probst der Marienkirche, Heinrich Grüber. Der hatte ihn wenige Jahre zuvor angeschrieben", erklärt Roland Stolte, Theologischer Referent und heute auf den Spuren des damaligen Berlin-Besuchs Kings. Doch in der geteilten Stadt waren die Behörden nicht vorbereitet auf solch einen Doppelbesuch. Bevor also King dann auch im Osten sprechen konnte, musste er die damals größte Hürde der Stadt überwinden, die Mauer.

Schwarz-Weiß-Porträtfoto von Martin Luther King (Quelle: Marienkirche)

Über die Grenze mit der Kreditkarte

King war bei seinem Westberlin-Besuch zwar dem offiziellen Protokoll gefolgt, über seinen Abstecher in den Osten aber waren nur wenige damals informiert, auch nicht die Ostberliner Behörden. So wurde er dann verschiedenen Berichten zufolge, als er zu der in der Marienkirche verabredeten Rede fahren wollte, auch nicht erwartet. Kirchenhistoriker Stolte erzählt, dass King dann am frühen Abend des 13. September den Checkpoint Charlie lediglich passieren konnte, weil ein Grenzoffizier in dem Besucher vor ihm den auch von den DDR-Offiziellen hofierten Bürgerrechtler erkannte und ihn mit dem Segen seiner Vorgesetzten passieren ließ. Die Rechnung des State Departement der USA ging also nicht auf, denn die Beamten dort sollen King zuvor den Pass abgenommen haben, um so zu verhindern, dass er auch in den Osten kam. Den Ostbehörden reichte zur Identifizierung des Bürgerrechtlers die Kreditkarte.

Am Morgen von Kings Besuch am Alexanderplatz hatten DDR-Grenzsoldaten einen 21-jährigen Mauerflüchtling mit mehreren Schüssen schwer verletzt. Bei seinen beiden Predigten in der Marienkirche und in der Sophienkirche dann sprach King dann auch darüber: "Zu beiden Seiten der Mauer leben Kinder Gottes und keine von Menschen errichtete Grenze kann diese Tatsache auslöschen."

"King und seine Reden und Schriften waren auch Thema in der DDR, in der SED, bei Seminaren über den Kampf gegen die Unterdrückung und gegen den Kapitalismus", erklärt Stolte. Doch im September 1964 gelang es den Offiziellen dann nicht, King für sich einzuspannen. Sie hatten ihn verpasst.

Martin Luther King besucht Berlin

Beitrag von Von Stefan Ruwoldt

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Mehr zum Thema

1964 Abendschau Regierender Bürgermeister Willi Brandt (Quelle: rbb)

Abendschau vom 10.07.2008 - Das Jahr 1964

Die Mauer ist drei Jahre alt und wird immer unüberwindbarer. Deshalb suchen die Menschen neue Wege, um von Ost nach West zu fliehen. Die spektakulärste und größte Massenflucht findet unterirdisch statt.