Reisende am S-Bahnhof Südkreuz (Quelle: imago / Schöning)
Bild: imago stock&people

Pilotprojekt mit intelligenten Kameras soll noch 2017 starten - Südkreuz wird dieses Jahr zum Überwachungslabor

Am Bahnhof Südkreuz wollen Bahn und Bundespolizei neue Überwachungstechnik testen. So sollen Kameras zum Einsatz kommen, die zum Beispiel Personen erkennen können, die sich auffällig verhalten. Das Pilotprojekt wird scharf kritisiert. Von Sarah Mühlberger

Intelligente Kameras, die Taschendiebe oder Terroristen erkennen und rechtzeitig Alarm schlagen - was lange nach fernem Zukunftsszenario klang, wird in Berlin bald Realität. Am Bahnhof Südkreuz wird es noch in diesem Jahr ein Pilotprojekt mit sogenannter intelligenter Videotechnik geben.

Ein Sprecher der Bahn bestätigte gegenüber rbb|24 entsprechende Medienberichte. Momentan liefen Gespräche mit dem Bundesinnenministerium und mit der Bundespolizei, hieß es. Der Start des Pilotprojekts sei für die zweite Jahreshälfte 2017 geplant.

Die genauen Details stehen dem Bahnsprecher zufolge noch nicht fest, etwa wie viele Kameras und welche Technik zum Einsatz kommen sollen. Dazu werde es eine Ausschreibung geben. Auch über welche Funktionen die Software genau verfügen soll, wird derzeit diskutiert.

Im Fokus sind Taschendiebe, Graffiti-Sprayer, aber auch Terroristen

Bahn und Bundespolizei haben dabei ganz unterschiedliche Wünsche: So möchte die Bahn beispielsweise frühzeitig wissen, wenn ein Bahnsteig übermäßig voll ist oder wenn sich jemand den Gleisanlagen nähert. Auch ein Koffer, der längere Zeit unbewegt auf dem Bahnsteig steht, soll einen Alarm auslösen.

Ebenso könnte es Graffiti-Sprayern an den Kragen gehen: Die Kameras können etwa über Farben und Lichteinfall erkennen, wenn sich Oberflächen ändern.

Die Software soll in diesen Fällen den Mitarbeiter vor der Videowand informieren, der nicht alle Kameras gleichzeitig im Blick behalten kann. Die Algorithmen sollen auch wiederkehrende Muster entdecken: Wenn jemand fünf Mal dieselbe Rolltreppe hochfährt, kann das ein Hinweis auf einen Taschendieb sein. "Es geht uns um Situationen und Prozesse", sagt der Bahnsprecher.

Datenschützer wegen automatischer Gesichtserkennung besorgt

Der wohl aus datenschutzrechtlicher Sicht wohl heikelste Teil des Pilotprojekts ist die automatische Gesichtserkennung. Sie funktioniert nur zusammen mit dem Abgleich mit Datenbanken, die Informationen der Behörden zu der Person liefern, die von den Kameras aufgenommen wird. So könnte etwa ein Terrorverdächtiger schon beim Betreten des Bahnhofs erkannt und verhaftet werden. Dafür müssen zunächst jedoch alle Gesichter erfasst und mit polizeilichen Datenbanken abgeglichen werden, weswegen es immer wieder Kritik an dieser Technologie gibt.

Die Bundespolizei, deren Ermittler von der Gesichtserkennungstechnik profitieren würden, wollte das Pilotprojekt am Südkreuz gegenüber rbb|24 nicht kommentieren. Die Bahn selbst sagt, sie würde diese Softwarefunktion nicht nutzen. "Das können und das wollen wir gar nicht", so der Bahnsprecher.

Die Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk teilte am Donnerstag mit, der Einsatz von Videokameras mit Gesichtserkennung sei hochproblematisch. Diese Technik könne "die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit anonym zu bewegen, gänzlich zerstören".

Lux: "Neue Qualität der Überwachung"

Auch der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, kritisierte das Vorhaben scharf. "Ein Pilotprojekt mit Gesichtserkennung ist eine neue Qualität in der Überwachung", sagte Lux auf Anfrage rbb|24. "Wenn man das weiterdenkt und ausweitet, sind wir auf dem Weg in ein absolutes Überwachungsszenario." Zwar ist für Bahnhöfe grundsätzlich der Bund zuständig, man werde das Berliner Pilotprojekt aber "kritisch beobachten". Die automatische Gesichtserkennung dürfe nur bei schwersten Verbrechen zum Einsatz kommen.

Lux, der erst am Freitag vom Vorhaben von Bahn und Bundespolizei erfuhr, sagte, er ärgere sich insbesondere darüber, dass im Vorfeld keinerlei Kontakt zum Abgeordnetenhaus oder zur Datenschutzbeauftragten aufgenommen wurde.

Wie lange das Pilotprojekt laufen soll, steht noch nicht fest. "Wir werden uns bei der Erprobung die nötige Zeit lassen", so der Bahnsprecher.

Beitrag von Sarah Mühlberger

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5 Kommentare

  1. 5.

    Nein, eine Kamera kann nicht jede Straftat VERHINDERN, dafür aber wenigstens hinterher bei der AUFKLÄRUNG helfen.
    Warum sollten sich anständige Bürger davor fürchten?

  2. 4.

    Das wird keine große Veränderung geben. Siehe London. Die Stadt ist voll mit CCTV und es passieren trotzdem Straftaten.

  3. 3.

    Andersdenkende werden auch heute noch unterdrückt. Die Methoden sind heute nur etwas humaner, die Mechanismen sind immer noch die gleichen. Geschichte wiederholt sich.

  4. 2.

    Mir ist es recht, wenn die Gesichtserkennung genutzt wird, um Straftäter aus dem Verkehr zu ziehen. Mörder, Diebe, Vergewaltiger, Kinderschänder, Randalierer, Grafittisprüher müssen nicht frei herumlaufen. Auch Leute mit Hausverbot können so ausgesiebt werden. Das sind in dr Regel Schläger, Randalierer usw. Schlecht wird es nur, wenn die Nazis wieder an die Macht kommen und die Gesichtserkennung nutzen, um Andersdenkende zu unterdrücken. Aber da die Technik sowieso entwickelt ist, werden nach Machtergreifung die Kameras mit Gesichtserkennung sehr schnell eingebaut werden. Dann spielt es keine Rolle, ob wir jetzt auf diese Funktion verzichten. Deshalb sollten wir sie jetzt nutzen, um Verbrecher zu fangen.

  5. 1.

    Gut, dass für die Bahnhöfe der Bund und nicht R2G oder Herr Lux zuständig sind...außerdem handelt sich um ein Pilotprojekt, das man an seinen Ergebnissen messen wird. Diese Eregbnisse kann man dann gegen alle, auch datenschutzrechtliche Bedenken, abwägen.

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