Screenshot des Kita-Bedarfsatlases 2017 (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Bedarfsatlas für 2017 - Berlin bekommt den Kita-Mangel nicht in den Griff

Berlin wächst und wächst, die Geburtenrate steigt, Eltern brauchen Betreuungsplätze für ihre Kinder. Aber das Land kommt mit dem Bauen von Kitas nicht hinterher: Mittlerweile herrscht auch in bisher recht entspannten Kiezen Alarmstufe Rot.

Der neue Kitabedarfsatlas 2017 zeigt: In immer mehr Berliner Kiezen (Bezirksregionen) gibt es akuten Kita-Bedarf. In dem Bericht berechnet die Senatsverwaltung jedes Jahr an Hand der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung, wo dringend neue Kitas gebaut werden müssen.

Trotz aller Anstrengungen zur Schaffung neuer Kitaplätze gibt es nur drei von 138 vom Senat so bezeichneten Bezirksregionen, in denen sich laut Kitabedarfsatlas die Lage gegenüber 2014 deutlich verbessert hat. Dafür hat sich die Situation in 50 Regionen in den letzten vier Jahren verschlechtert.

Der Bedarf steigt

In 134 Bezirksregionen schätzt der Senat den zukünftigen Bedarf so ein, dass er aktuell den Ausbau von Kita-Plätzen fördert. Bis zu 20.000 Euro pro Platz lassen sich das Land und Bund kosten. In gerade einmal vier Kiezen meldet das Land Berlin keine Förderwürdigkeit: Einer davon ist der Forst Grunewald, wo laut Kitabedarfsatlas keine Kleinkinder wohnen.

Je dunkler eine Bezirksregion auf der rbb|24-Karte markiert ist, desto größer ist dort der Bedarf an neuen Kitas.

Wie sich die Situation verändert

Der Kita-Mangel ist seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema unter Berliner Jungeltern. Waren vor einigen Jahren aber in erster Linie die hippen Boomkieze wie Prenzlauer Berg oder Kreuzkölln betroffen, erfasst der Kita-Mangel inzwischen auch die Randgebiete der Stadt.

2014 konstatierte der Bedarfsatlas der Senatsverwaltung etwa für die Bezirksregionen Düsseldorfer Straße (Charlottenburg-Wilmersdorf), Lankwitz (Steglitz-Zehlendorf) und Friedrichsfelde Nord (Lichtenberg): Derzeit noch Platzreserven; prognostisch sinkender Bedarf. Im neuen Bedarfsatlas 2017 stellt sich die Situation in allen drei Kiezen deutlich kritischer dar: Derzeit gibt es keine Platzreserven in Kitas, und für die Zukunft wird ein steigender Bedarf vorhergesagt.

Insgesamt gibt es in 86 Bezirksregionen weiterhin hohen oder besonders hohen Bedarf an neuen Kita Plätzen. Ein Beispiel dafür ist Moabit West. Genauso wie 2014 heißt es auch 2017: Keine Platzreserven, steigender Bedarf.

Eine Verbesserung über drei beziehungsweise vier Stufen gab es nur in drei Kiezen: Märkisches Viertel 2/Rollberge in Reinickendorf, Bohnsdorf in Treptow-Köpenick und Prenzlauer Berg Südwest in Pankow.

Die Stadt wächst schneller als der Senat Kitas bauen kann

Berlin boomt: Die Hauptstadt wirkt nach wie vor wie ein Magnet auf Menschen, die Geburtenzahlen sind hoch, und der Zuzug vieler Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016 hat die Bevölkerungsprognose noch einmal durcheinandergewirbelt. Längst ist das nicht mehr nur in den hippen innerstädtischen Kiezen zu spüren, sondern auch in Randlagen der Stadt.

Angesichts der demographischen Entwicklung legt sich der Senat ins Zeug: Laut Auswertung von rbb|24 von Daten der Senatsverwaltung wurden von Anfang Januar 2012 bis zum 30.09.2016 (keine neueren Daten verfügbar) 15.865 neue Betreuungsplätze in 481 Kitas geschaffen. Jede einzelne Kita haben wir auf der Karte vermerkt: je dunkler der Punkt, desto mehr neue Kinderbetreuungsplätze gibt es vor Ort.

Alle seit 2012 neu geschaffenen Kita-Plätze

Momentan hat Berlin 160.250 angebotene Kita-Plätze - das sind fast so viele Betreuungsplätze wie Potsdam Bewohner hat. Anfang Februar standen sogar 6.250 Kita-Plätze frei. Damit sind die Kitas zu 96 Prozent ausgelastet. Doch die Erfahrung zeigt: Bis zum Ende des Kita-Jahres im Juli werden sich diese Plätze füllen. In den vergangenen Jahren besuchten im Juli stets rund 5.000 Kinder mehr eine Kita als im Februar.

Alle vorhandenen Kita-Plätze in Berlin

Wenn die Bevölkerung weiterhin so wächst wie vorhergesagt, werden in Zukunft aber deutlich mehr Plätze gebraucht. Außerdem möchte der Senat eine gewisse Reserve freier Kita-Plätze schaffen, um auf Schwankungen beim Bedarf reagieren zu können. Laut Kitaentwicklungsplan will der Senat bis 2020 ingesamt 193.161 Kita-Plätze im Land zur Verfügung haben.

Um das zu schaffen, nehme man jetzt erneut sehr viel Geld für den Kitaausbau in die Hand, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dem rbb. Fast 200 Millionen Euro würden investiert, um die Zielmarke von 30.000 zusätzlichen Kitaplätzen bis 2020 zu schaffen. Besonders in den Blick nehme der Senat sowohl neue Wohngebiete als auch soziale Brennpunkte, in denen Kinder nach dem Willen der Senatorin möglichst früh in Kitas gefördert werden sollen.

Um Planungszeiten zu verkürzen, sind bei der Schaffung zusätzlicher Kitaplätze auch standardisierte Neubauten geplant. Das Ausbautempo muss sich allerdings deutlich steigern, denn mit der bisherigen Geschwindigkeit ist die Zielmarke nicht zu schaffen. Um auf  30.000 neue Plätze zu kommen, müssten durchschnittlich 7.500 pro Jahr entstehen. Und in den vergangen Jahren ist es kein einziges Mal gelungen, sich dieser Anzahl auch nur anzunähern.

Beitrag von Michael Hörz, Arne Schlüter und Dominik Wurnig, mit Informationen von Kirsten Buchmann

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

10 Kommentare

  1. 10.

    Wir selbst haben zugesehen, wie aus Kindergärten Wohnhäuser wurden oder diese gänzlich Wohnungsvorhaben weichen mussten. Wir akzeptieren seit Jahren, unter welchen Bedingungen ErzieherInnen tätig sind. Fragen, warum die Krankheitsraten in diesem Arbeitsfeld enorm hoch sind, ( burn out und psychische Überforderung)wird unzureichend ernst genommen. Zumindest haben wir, die Politik samt Gewerkschaften meines Erachtens bisher versagt. Nun erleben ErzieherInnen wiederum einen enormen Druck, wenn es um die Vergabe von Kita-Plätzen geht. Da werden Eltern zu recht ungeduldig. Doch selbst zu Mitteln, wie Beschimpfungen und Bespucken wird gegriffen, was kaum länger zu ertragen ist. Wann begreift die Gesellschaft, dass es hier um die Zukunft aller geht, die der Kinder, der ArbeitnehmerInnen. Denn insbesondere möchten Frauen nicht länger benachteiligt werden und sich auf dem Arbeitsmarkt beweisen. Dafür bedarf es endlich eines adäquaten Bildungssystems. Kitaplätze mit hoher Qualität-ein Ansatz?

  2. 9.

    Seit März 2016 angemeldet im Bezierk Lichtenberg. Leider haben wir es auch nur auf die Warteliste geschafft. Mir wurde noch am Telefon gesagt im März als ich im 3. Monat schwanger war , dass ich sehr früh bin und das zu diesem Zeitpunkt ein Platz mit hoher Wahrscheinlichkeit für uns frei wäre . Nun ruf ich Monat für Monat in den Kitas an und darf immer wieder hören "wir haben kein Personal und können keine Kinder aufnehmen" Im September endet meine Elternzeit und ich habe keinen Kitaplatz ,keine Tagesmutter. Mir fehlen die Worte!

  3. 8.

    Genau das "überall anmelden" ist das Problem. Ich wurde noch vor der Geburt bzw. wenige Wochen nach dieser in allen Einrichtungen um die Ecke ausgelacht, weil ich ein Jahr später einen Platz wollte und die Wartelisten aber schon sehr voll sind... Jedes Kind steht auf etlichen Listen, der echte Überblick fehlt. Ich verstehe, warum wir Eltern das so machen. Ich verstehe aber nicht, warum wir das so tun müssen... Warum gibt es kein Vergabesystem ähnlich dem der Schulen? Drei Wunscheinrichtungen (in der Nähe) und davon wird versucht eine möglich zu machen. Wir sind froh, einen Platz für September gefunden zu haben, allerdings mit 35 Minuten Fußweg oder 20 Minuten mit der Bahn von Tür zu Tür... Ich wäre lieber gern mit dem kleinen Fratz zur Kita gegangen.

  4. 7.

    Wir wollten in Berlin eine Kita gründen, gleich mit Fachpersonal im Schlepptau, Kita-Leiterin und Dipl.-Psych., wir zogen von Bezirksamt zu Bezirksamt, alle frech wie rotz zu uns und "keinBedarf" trällerte man uns entgegen.

  5. 6.

    Das klingt ja alles sehr schön … nur leider kommt das Engagement viel zu spät! Es fehlen nicht nur seit Jahren Kita-Plätze, sondern eben auch Erzieher. Vor allem aber fehlt es an schnellen, pragmatischen Entscheidungen. Bei allem Eifer sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass diese kleinen Kinder auch eingeschult werden müssen! Also bitte, liebe Politiker, keine Schnellschüsse – sondern durchdachte, schnelle und realisierbare Lösungen sind gefragt. Leere Schulgebäude gammeln vor sich hin oder sollen erst in den kommenden Jahren saniert werden. Schon jetzt wissen manche Schulleiter nicht, wo sie die vielen Erstklässler unterbringen sollen. Hier sind Taten dringend erforderlich, keine Studien. Gehen Sie vor die Tür und sehen Sie sich die Dramatik selbst an!

  6. 5.

    Wenn ich auf der Karte schon sehe, dass hier im Umkreis nur 2-3 ETK Kitas mit max 10 Plätzen gefördert werden, und die Warteliste bei den Kitas bei denen wir uns beworben haben (8) jeweils über 200 Anmeldungen beträgt, Frage ich mich wie angesichts der oben präsentierten "Lösungen" eine Besserung eintreten soll.

    Wir haben uns bereits vor Geburt in allen 8 Kitas angemeldet und haben nirgendwo einen Platz gekriegt, nicht in der 2 Minuten entfernte Kita, nicht in der 20 Minuten entfernten Kita.. es ist alles voll, Tagesmütter sind nicht mal im Nachbarbezirk Marzahn-Hellersdorf zu bekommen.. wie soll das bitte die nächsten 2-3 Jahre funktionieren? Ist doch klar, dass in Berlin die Armut steigt, wenn man als Familie von einem Gehalt leben muss, einfach weil man keinen Kitaplatz bekommt.

    Wieso macht der Senat Kitaplätze kostenlos und stellt dann nur 60% der Kapazitäten zur Verfügung? Wenn man nur eine Nacht darüber nachdenken würde, wäre es logisch, Geld zu nehmen und Kitas auszubauen.

  7. 4.

    "Viel" Geld in den Ausbau stecken aber kein Wort darüber wer in den Häusern am Ende arbeiten muss und zu welchen Bedingungen. Und gerade Berlin, die Fachpersonal weniger Geld zahlt als andere Bundesländer. Na dann viel Spass.
    Einziger Wermutstropfen für mich... Ich muss mir um meine berufliche Zukunft wirklich keine Sorgen machen als Erzieher.
    Ich warte nur darauf, dass das Kartenhaus zusammenkracht, unter dem sich unser Berliner Senat befindet. Die Gewerkschaften sind schon fleißig dabei zu mobilisieren...

    Also.... Nicht nur einfach ausbauen sondern auch "aufbauen" mit besseren Bedingungen für uns Pädagogen. Mehr Geld, mehr Personal, bessere Gruppengrößen. Denn Kinder sind unsere Zukunft und Zukunft beginnt nicht erst im Schulalter!

  8. 3.

    Das ist leider die Realität! Ich arbeite selbst in einem Kinderheim und kann zuschauen wie Kollegen wechseln. Sie können den Stress, das arbeiten an Feiertagen, Wochenenden etc. nicht mehr aushalten. Junge Kollegen stellen sich dieser Belastung, der Auseinandersetzung mit den Kindern, Jugendlichen und Eltern nur ungern. Ich fühle mich manchmal wie der Depp der Nation, dabei möchte ich nur helfen und unterstützen!

  9. 2.

    Auf der einen Seite stehen die Kitaplätze, auf der anderen Seite die fehlenden Erzieherinnen und Erzieher. Ferner werden kleine Gruppen und Förderung der Kinder gefordert. Aber wir brauchen nicht nur gutes Personal im KITA-bereich, wir brauchen auch gutes Personal in den Flüchtlingsheimen, Schulen, Sozialstationen und im Heimbereich. Wo sollen diese Erzieher herkommen, wie wird diese Arbeit entlohnt bzw. was sollen ErzieherInnen noch alles leisten, bevor die Politik endlich reagiert?

  10. 1.

    Sie haben hier leider einen entscheidenden Umstand völlig außer Acht gelassen: Selbst wenn es den freien Trägern und einigen Eigenbetrieben gelingen sollte, weitere Kitaplätze zu schaffen, so wird dies an dem Mangel nichts ändern, da es derzeit keine pädagogischen Fachkräfte mehr gibt, die für die Betreuung der Kinder unerlässlich sind. So sind derzeit allein im Bezirk Pankow ca. 850 Kitaplätze unbelegt, da auf dem Stellenmarkt keine Fachkräfte mehr vorhanden sind!

Das könnte Sie auch interessieren

Pass wird auf Echtheit geprüft (Quelle: rbb/Brandenburg aktuell)
rbb/Brandenburg aktuell

Video | Brandenburg - Verbleib von 1.000 Flüchtlingen ungeklärt

Tausende Flüchtlinge wurden 2015 bei der Einreise in Brandenburg nur spärlich registriert. In den meisten Fällen konnte die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) inzwischen ihren Verbleib klären. Doch trotz Suche und Datenabgleich fehlt von etwa 1.000 Flüchtlingen weiterhin jede Spur.