Dale Carr, Inhaberin des Spezialitäten-Geschäfts "Broken English" in Berlin-Charlottenburg (Quelle: rbb/Sylvia Tiegs)
Audio: Inforadio | 29.03.2017 | Sylvia Tiegs | Bild: rbb

Immer mehr Briten beantragen deutschen Pass - "Ich möchte ein Teil der EU bleiben"

Großbritannien hat am Mittwoch offiziell den Austritt aus der EU erklärt. Viele Briten fürchten nun um ihre Freizügigkeit innerhalb der EU - und beantragen die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch in Berlin und Brandenburg wollen immer mehr Briten den deutschen Pass.

Der Countdown läuft: Nachdem die britische Regierung am Mittwoch offiziell die Verhandlungen über den Austritt aus der EU gestartet hat, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Briten spontan nur noch besuchsweise in die EU einreisen können. Denn nach dem Abschluss des Brexit-Verfahrens, für das zwei Jahre vorgesehen sind, ist es vorbei mit der Freizügigkeit, die die Briten als EU-Bürger derzeit noch genießen. Die freie, unbürokratische Wahl von Wohn- und Arbeitsort, wie sie im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (Artikel 45) geregelt ist, wird dann nicht mehr wie bisher möglich sein.

Zahl der Einbürgerungen hat sich fast vervierfacht

Briten, die sich trotz des Brexits weiterhin nach bisherigem Aufenthaltsrecht und mit freiem Zugang zum Arbeitsmarkt in der EU bewegen wollen, müssen wohl oder übel Staatsangehörige eines EU-Landes sein. So kommt es, dass die Zahl der Briten, die in Deutschland eingebürgert werden möchten, seit Monaten deutlich steigt, auch in Berlin und Brandenburg.

Wurden im Jahr 2015, also im Jahr vor dem Brexit-Referendum, in Berlin nur 45 Briten eingebürgert, waren es 2016 nach vorläufigen Angaben des Statistik-Amtes Berlin-Brandenburg bereits 174 (von rund 6.100 Einbürgerungen insgesamt). Und die Zahlen dürften weiter steigen: Allein im Januar und Februar gingen 68 neue Einbürgerungsanträge ein. Insgesamt leben derzeit übrigens rund 10.000 britische Staatsbürger in Berlin.

Auch in Brandenburg ist die Zahl der Briten, die Deutsche werden wollen, rasant gestiegen - wenn auch auf relativ niedrigem Niveau. Wurden im Jahr 2015 nur zwei Einbürgerungen vollzogen, waren es 2016 bereits 27, also fast vierzehnmal soviel (von rund 820 Einbürgerungen insgesamt).

Dabei kommt den Briten zu Gute, dass sie nach deutschem Recht ohne Einschränkungen Doppelstaatler sein können: Wenn gewünscht, dürfen sie neben der neuen deutschen Staatsangehörigkeit ihre bisherige britische behalten.

Auch Dale Carr will Deutsche werden

Zu denen, die einen deutschen Pass beantragt haben, gehört auch Dale Carr. Seit Jahrzehnten betreiben die Britin und ihr Mann das "Broken English" in Berlin, einen Laden für britische Spezialitäten mit jeweils einer Filiale in Charlottenburg und Kreuzberg - mit Queen-Postkarten, Union Jack, Keksen, englischem Tee und Bier.

Bereits am Tag des Brexit-Rerendums, am 23. Juni 2016, hatte Carr dem rbb gesagt, dass sie und ihre Familie, genau wie viele andere Briten auch, die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen würden. Heute, neun Monate später, setzt sie ihren Plan in die Tat um - auch wenn es für die Selbstständige nicht ganz so einfach ist wie für festangestellte Arbeitnehmer: "Man muss alles nachweisen: was man verdient, von was man leben kann und, und, und - und da bin ich mitten drin", sagte die Britin am Mittwoch dem rbb-Inforadio. Dabei erfüllen Dale, ihr Mann Robin und die beiden erwachsenen Kinder eigentlich alle Voraussetzungen: Sie leben schon lange in Berlin, die Kinder sind hier geboren, und ihren Lebensunterhalt bestreiten die Carrs eben mit dem Verkauf britischer Spezialitäten.

Der in Berlin lebende Waliser Jon Worth (Quelle: rbb/Sylvia Tiegs)
Jon Worth, in Berlin lebender Freiberufler aus WalesBild: rbb

Jon Worth muss noch bis 2019 warten

Auch der Waliser Jon Worth will einen deutschen Pass beantragen: Er lebt seit dreieinhalb Jahren in Berlin - und möchte das auch weiter tun. Außerdem reist er - beruflich bedingt - ständig durch Europa. Doch um die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen zu können, muss der Freiberufler noch etwas warten: Frühestens nach sechs Jahren Aufenthalt können EU-Bürger den deutschen Pass bekommen. Im Fall von Worth wäre das Ende 2019 - und wenn alles nach Plan läuft, dürfte  Großbritannien zu diesem Zeitpunkt schon aus der EU ausgetreten sein. Was das für Briten bedeutet, die schon länger in einem anderen EU-Staat leben, wird sich erst im Laufe der Verhandlungen herausstellen.

Jon Worth jedenfalls ist schon aus rein praktischen Gründen auf die deutsche Staatsangehörigkeit angewiesen. Zwar sei es traurig, dass die Briten die EU verlassen, sagt der Waliser, aber den deutschen Pass zu beantragen, sei "eine Frage des Gehirns - ich muss das tun, ich brauche ein Papier, um in Deutschland bleiben zu können." Für seine Landsfrau, die Spezialitäten-Händlerin Dale Carr, bedeutet die deutsche Staatsbürgerschaft sogar noch mehr: "Ich möchte ein Teil der EU bleiben, ich möchte das nicht alles so abgeben."

Mit Informationen von Sylvia Tiegs

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1 Kommentar

  1. 1.

    Nur aus Opportunitätsgründen braucht man keine Staatsbürgerschaften vergeben. Sie können ja gerne Deutsche und damit EU-Bürger werden, aber dann bitte auch den britischen abgeben.

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