Demonstranten nehmen am 04.04.2015 in Berlin am Ostermarsch unter dem Motto «Die Waffen nieder» teil, organisiert von der Friedenskoordination. Sie führen u.a. ein Banner mit der Aufschrift "Frieden durch Dialog mit Russland - Sicherheitszone Europa + Asien" mit sich. (Quelle: Maurizio Gambarini/dpa)
Bild: dpa

Interview | Protestforscher über Friedensbewegung - "Wer diese Linie verfolgt, ist nicht glaubwürdig"

Warum versuchen rechte und pro-russische Aktivsten, ausgerechnet in der Friedensbewegung nach neuen Anhängern zu fischen? Der Protestforscher Dieter Rucht über "Querfront"-Strategien und idelogische Überschneidungen zwischen Rechts und Links.

rbb|24: Am Oster-Friedensmarsch in Berlin nahmen im vergangenen Jahr knapp 1.500 Menschen teil. Rechnen Sie in diesem Jahr mit einer höheren Beteiligung – schließlich dürfte der US-Militärschlag gegen Syrien viele Menschen beunruhigen?

Dieter Rucht: Ich denke ja, es wird zunehmen, aber wir sind dann immer noch weit entfernt von den Zahlen früherer Jahre. Gegen Ende der Sechziger Jahre nahmen nach Angaben der Organisatoren bis zu 300.000 Menschen bundesweit an Ostermärschen teil, im vergangenen Jahr waren es nur 10.000 Teilnehmer. Das ist doch ein sehr drastischer Abstieg und Niedergang.

Vielleicht auch wegen dieses Bedeutungsverlustes sind die Organisatoren der Oster-Friedensmärsche im Jahr 2014 eine "Friedenswinter" genannte Kooperation mit den "Mahnwachen für den Weltfrieden eingegangen." Steckt hinter den Mahnwachen eine "neu-rechte Bewegung"?

In Teilen ja. Es sind Personen und Netzwerke, die auch aus dem rechten Lager kommen oder durch rechte Exponenten mit verkörpert werden. Die Friedenswinter-Kooperation hat die Anhänger der klassischen Friedensbewegung deshalb sehr irritiert. Auch die sehr verständnisvolle Haltung gegenüber Russland und der Annektion der Krim war sehr verstörend für die Leute, die ganz allgemein für Frieden und Abrüstung waren.

Sind der Antisemitismus, die Angst vor Überfremdung und die Russland-Nähe, die viele Redner bei den Mahnwachen artikulierten, nicht vielleicht doch anschlussfähig bei einem Teil der klassischen Friedensbewegung?

Es gab vielleicht vorübergehend eine gewisse Offenheit, weil man die Friedensbewegung von  rechts noch nicht gut einschätzen konnte und nicht eindeutig als rechts erkennen konnte. Als das immer deutlicher wurde, haben sich die herkömmlichen Gruppierungen von diesen rechten Annäherungen abgesetzt. Diese Annäherungen von rechts an soziale Bewegungen gibt es auch in anderen Feldern, etwa bei TTIP, wo man im Rahmen einer "Querfront"-Strategie von rechts aus meint, man hätte gemeinsame Ziele und müsse gemeinsam auf die Straße gehen. Inzwischen grenzen sich die linken Friedensgruppen aber sehr scharf davon ab.

Sind Sie sicher? Im offiziellen Aufruf zur Berliner Ostermarsch heißt es: "Mit Truppenaufmärschen, Manövern, Raketenabwehr und neuen Marschflugkörpern treibt die NATO die Konfrontation mit Russland auf die Spitze. Dabei ist Russland in der schwächeren Position." Wie bewerten Sie das?

Wenn da jetzt nur Russland da ins Visier genommen wird als der Unterlegene, finde ich das ein bisschen eigenartig, das würde ich persönlich so nicht unterschreiben. Es überrascht mich auch, dass da nicht dagegen gehalten wurde von den Unterzeichnern dieses Aufrufs. Warum das so ist, kann ich allerdings nicht beurteilen, dazu stecke ich zu wenig drin.

Aus der Mahnwachen-Bewegung ging im Jahr 2015 die "Friedenbewegung bundesweite Koordination" hervor. Diese Gruppe demonstrierte zuletzt mehrmals in Berlin mit Flaggen mit weißer Friedenstaube, die Forderungen klingen ähnlich wie bei klassischen Friedensdemos – aber sie sollen durchsetzt sein von Pediga-Sympathisanten und Reichsbürgern. Erwarten Sie dieses Spektrum auch am Ostersonntag in Berlin auf der Straße?

Das kann sein. Es ist ja auch eine Strategie von denen, ihre rechte Gesinnung ein bisschen unkenntlich zu machen und damit auch Leute anzuziehen, die eigentlich um diese Interna nicht wissen. Wenn Sie die Friedenstaube sehen, sagen sie: Klar, bin ich auch dafür. Dieses Unkenntlichmachen ist aus der Not geboren, weil man über die eigenen und sehr bescheidenen Kreise nicht hinaus kommt. Es mag sein, dass sich dabei auch ein paar Teilnehmer verirren und nicht mal merken, wem sie da applaudieren, aber eine große Verlagerung nach rechts findet da nicht statt.

Die "Pulse of Europe"-Demonstrationen sind ja im Gegensatz zu den Ostermärschen sehr erfolgreich, in Berlin zuletzt beteiligten sich alleine 5.000 Menschen. Die Organisatoren lehnen eine Kooperation mit der Friedensbewegung ab, in Berlin pausiert die Pulse of Europe-Demo, während der Ostermarsch stattfindet. Können Sie das verstehen?

Speziell wenn man den Friedenswinter im Auge hat, kann ich das verstehen. Die Pulse of Europe-Organisatoren wollen nicht im Entferntesten in den Verdacht kommen, von rechts oder links außen unterwandert oder gesteuert zu werden. Das hängt auch mit der Ausrichtung von "Pulse of Europe" zusammen, die sich als neutral und parteipolitisch unabhängig bezeichnen. Diese Linie werden die Organisatoren aber nicht durchhalten können, wenn sie spezifischere Forderungen erheben als ein schlichtes "Wir sind für Europa".

Was können die Organisatoren  der Oster-Friedensdemos tun, um wieder glaubwürdig zu werden nach der Friedenswinter-Kooperation?

Die einzige Möglichkeit ist, nochmal Klartext zu sprechen und zu sagen, bestimmte Dinge wollen wir nicht. Vor allem operieren wir nicht mit zweierlei Maßstäben. Ich habe das selber erlebt bei der Anti-Atomkraftbewegung. Die Leute, die aus der DDR kamen oder DKP-nah waren, sagten: Atomkraftwerke im Sozialismus sind gut, denn da herrscht ja nicht das Gewinnprinzip, aber im Westen kann die Atomkraft keinen hohen Rang genießen.

Das geht nicht, und da sehe ich eine Parallele zur Friedensbewegung. Das betrifft die Position: Russland sei eigentlich eine Friedensmacht und betreibe Deeskalation - die Strategie der Eskalation werde allein vom Westen betrieben. Wenn man diese Linie verfolgt, ist man nicht glaubwürdig - zumindest aus Basis der bisherigen Philosophie der etablierten Friedensbewegung.

Das Interview führte rbb|24-Redakteur Robin Avram

Beitrag von Robin Avram

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6 Kommentare

  1. 5.

    Bewaffneter Friede

    Wilhelm Busch

    Ganz unverhofft an einem Hügel
    sind sich begegnet Fuchs und Igel.
    Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht!
    Kennst du des Königs Ordre nicht?
    Ist nicht der Friede längst verkündigt,
    und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
    der immer noch gerüstet geht?
    Im Namen seiner Majestät,
    geh her und übergib dein Fell,
    Der Igel sprach: Nur nicht so schnell.
    Laß dir erst deine Zähne brechen,
    dann wollen wir uns weiter sprechen!
    Und allsogleich macht er sich rund,
    schließt seinen dichten Stachelbund
    und trotzt getrost der ganzen Welt,
    bewaffnet, doch als Friedensheld.

  2. 4.

    "Nichts zu tun, ist bei weitem der größere Fehler."

    Ich würde es umgekehrt sehen:
    In einer Gesellschaft des unaufhörlichen Tuns der einen Seite und der anderen erklärten Seite ist das immerfortwährende Tun der größte denkbare Fehler.

    Das heißt freilich nicht, die Hände in den Schoß zu legen, sondern weniger zu tun und das mit Bedacht. In einer zeitlich eng gewordenen Gesellschaft geradezu hysterischer Zeitabläufe ist das allerdings ungewöhnlich.

  3. 3.

    Auch hier werden wieder alle Begriffe und Stichworte zur Diskreditierung in den Fragen untergebracht. Was der Interviewte dann antwortet,ist fast schon egal. Er durchschaut scheinbar auch nicht die Intention des Fragestellers. Da kann sich der Robin auf die Schulter klopfen.

    Ich hätt gern mal ein Beispiel,wo es Antisemitismus bei Reden gab.
    Warum dürfen Rechte eigentlich nicht für Frieden sein?

  4. 2.

    Es ist zumindest immer so, dass man Verbündete suchen sollte. Ich habe kein Problem damit, wenn AfD usw. für den Frieden eintreten oder unter der Friedenstaube auftreten. Der Wettbewerb der politischen Ideen setzt die Auseinandersetzung mit allen politischen Kräften und nicht deren Ausschluss geradezu voraus. Diese Auseinandersetzung wird auch geführt, wenn für eine Sache auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners gestritten wird. Das vom Autor geforderte "mit denen nicht" führt im Kern dazu, lieber gar nichts zu machen, denn unterwandert werden kann jede Bewegung. Doch: Wer agiert, kann Fehler machen. Nichts zu tun, ist bei weitem der größere Fehler.
    Das Gebot der Stunde heißt immer Kompromisse finden und aushalten. Wer dabei unter die Räder kommt, der hat nicht gut genug aufgepasst...

  5. 1.

    Herr Rucht verstehe ich nicht!
    Kooperation,Zusammenarbeit, Entspannung
    und friedliche Konfliktloesung-auch mit Russland-
    ist das Anliegen des diesjaehrigen Ostermarsches.
    Und: Die Einnahme der Krim durch Russland
    war ein voelkerrechtswidriger Akt! Die Bombadierung von Herrn Trump in Syrien auch.
    Friedensbewegung tritt fuer die UNO-Charta ein.
    Dies ist auch beim Ostermarsch so.
    Durch viele Gespraeche in den letzten Wochen
    habe ich erfahren, dass der irrationale
    US-Praesident doch sehr beunruhigt.
    Die Europaer sollten das Gemeinsame Friedenshaus Europa auch mit Russland bauen.
    Zur Entspannungspolitik gibt es keine Alternative!

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