Tiergarten (Quelle: rbb/Abendschau)
Video: Abendschau | 10.04.2017 | Susanne Papawassiliu | Bild: rbb/Abendschau

Laut Menschenrechtlern auch Minderjährige - Junge Flüchtlinge prostituieren sich im Tiergarten

Immer mehr junge Flüchtlinge in Berlin verdienen sich Geld, indem sie Sex mit älteren Männern haben. Im Tiergarten soll sich laut Menschenrechtsorganisationen eine regelrechte Szene entwickelt haben - auch mit Minderjährigen. Von Oliver Soos und Dena Kelishadi

Es ist früher Abend. Wir stehen an der Straße des 17. Juni, wenige hundert Meter westlich der Siegessäule. Ein junger Mann kommt aus dem Park auf uns zugelaufen. Er trägt einen Kapuzenpulli, darunter eine Kappe. Seine Augen sind glasig, sein Gesicht jugendlich, er torkelt ein wenig. Wir nennen in Nawid, denn er soll nicht erkannt werden.

Nawid kommt aus Afghanistan und spricht persisch. Mit monotoner Stimme erzählt er uns seine Geschichte, dass er mit seinem Vater in einem Flüchtlingsheim in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) untergebracht war und sich mit ihm zerstritten habe. Der Grund: Nawid wollte zum Christentum übertreten. Mit dem Rest der Familie habe er schon lange keinen Kontakt mehr.

"Es gibt hier Jungs, die mit älteren Männern Sex haben"

Im schummrigen Licht der Straßenlaterne zeigt er uns seine Papiere: ein Einreisedokument aus Slowenien von Januar 2016 und einen Ausweis eines Verkehrsverbunds in Sachsen-Anhalt, auf dem sein Geburtsdatum steht. Nawid ist 18 Jahre alt.

Er hat außerdem eine Duldung bei sich, die rot durchgestrichen ist. Nawid glaubt, dass er abgeschoben werden soll. Als er davon erfahren hatte, sei er abgehauen, erzählt Nawid. Jetzt will er sich in Berlin durchschlagen: "Ich habe kein Geld und kann nirgends hin, weil sie mich sonst festnehmen", sagt Nawid. "Mir bleibt nichts anderes übrig, als hier zu schlafen, auf einer Parkbank."  

Als wir Nawid fragen, wovon er lebt, ob er sich prostituiert, grinst er kurz, schnalzt mit der Zunge und schüttelt dann energisch den Kopf: "Nein, ich mache das nicht, aber es gibt hier Jungs, die mit älteren Männern Sex haben, zum Beispiel ein Freund von mir. Das bereitet mir große Sorgen." Nawid erzählt, dass er bald weg will, vielleicht in einen Zug steigen, vielleicht nach Frankreich fahren, versteckt in der Bordtoilette. Die Pläne sind noch sehr unkonkret.

Der Tiergarten ist nicht der einzige Treffpunkt in Berlin

Es ist dunkel geworden. Drei Autos halten am Straßenrand. Ein älterer Mann, korpulent, mit Glatze, steigt aus, trinkt eilig eine Dose Red Bull und läuft in den Park, direkt auf eine Gruppe von fünf Flüchtlingen zu. Er reicht einem von ihnen Zigaretten, dann laufen die beiden tiefer in den Park hinein. Zwei weitere ältere Männer nehmen Kontakt mit den jungen Flüchtlingen auf.

Ein paar Meter weiter hocken drei junge Flüchtlinge vor einer Park-Toilette. Sie tragen zerrissene Kleidung, haben fettige Haare. Ein 22-Jähriger erzählt, er komme aus Pakistan und zeigt uns ein Dokument: Er hat Hausverbot in seinem Flüchtlingsheim in Berlin-Westend. Er erzählt, dass er dort Ärger mit einem anderen Flüchtling hatte. In zehn Tagen hat er einen Termin beim Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten.

Keiner der Flüchtlinge scheint minderjährig zu sein. Diana Henniges vom Verein "Moabit hilft" hat aber schon mehrfach 16- und 17-jährige Afghanen betreut, die sich an verschiedenen Orten in Berlin prostituiert haben. Henniges nennt den Tiergarten, den Kleinen Tiergarten und den Fritz-Schloß-Park in Moabit.

Tiergarten in Berlin (Quelle: rbb / O. Soos)
Im Gebüsch im Berliner Tiergarten finden sich an mehreren Stellen Taschentücher und Kondome. | Bild: rbb

Der Bezirk Mitte hat im März ein Projekt für die obdachlosen Flüchtlinge im Tiergarten gestartet. Sie sollen rechtlich beraten und untergebracht werden. Doch es gibt auch Flüchtlinge, die bereits bei Freiern eingezogen sind, erzählt Henniges. Freie Kost und Logis gegen Sex.

Streetworker klären Flüchtlinge über HIV auf

Die Jungen tauchen meist plötzlich bei den Mitarbeitern von "Moabit hilft" auf und fragen nach Kleidung oder nach einer Fahrkarte, erzählt Henniges. Erst wenn sich ein langfristiger Kontakt aufbaut, dann öffnen sich die Flüchtlinge und erzählen, was sie erlebt haben. "Viele wirken hilflos, wie kleine Kinder. Wenn man sie in den Arm nimmt, brechen sie oft in Tränen aus", sagt Henniges.

Ralf Rötten ist Vorsitzender des Vereins "Hilfe für Jungs e.V.". Der Verein schickt Streetworker in den Tiergarten, um die Flüchtlinge über HIV aufzuklären und ihnen Unterstützung anzubieten. Doch sie aus dem Park herauszuholen, funktioniere meist nicht so einfach. "Sie dürfen zum großen Teil keinen Deutschkurs machen, nicht zur Schule gehen und erst recht keiner Arbeit nachgehen. Was sollen wir einem solchen jungen Mann als Alternative anbieten?", fragt Rötten. 

Die wenigsten Flüchtlinge werden gezwungen, im Tiergarten anschaffen zu gehen, sagt Rötten. Aber der Park sei eine der wenigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Von einer Berliner Unterkunft weiß er, dass sich die Flüchtlinge dort untereinander den Tiergarten empfehlen.

Beitrag von Oliver Soos und Dena Kelishadi

Kommentar

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52 Kommentare

  1. 52.

    Entschuldigung, Korrektur: Mit "Hetze" meinte ich den Beitrag von Sebastian T. War in der Zeile verrutscht. sorry

  2. 51.

    Leider ist Armutsprostitution ein Problem in Großstädten. Homo- wie heterosexuell. Menschenhandel und Zuhälterei sind überwiegend bei Mädchen und Frauen im Spiel. Vor allem muss Aufklärung geleistet werden. Texte wie vom Baerliner zeigen wie viel unaufgeklärte Menschen es gibt. Außerdem sehe ich bei dem Aufruf zur Wiedereinführung des §175 "Hetze" gegeben.

  3. 50.

    Meine These ist, dass Männe, die sich dermaßen negativ/homophob äußern, dies aber ständig und dauernd thematisieren müssen, selbst etwas verdrängen oder von sich wegschieben wollen.

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-schwul-und-homophob-1.1329883

  4. 48.

    Und wie wollen Sie Zwangs- von gewöhnlicher Prostitution unterscheiden, wenn Sie die Strukturen nicht auf einen Blick erkennen können und die betreffenden Personen nicht so gut deutsch sprechen, dass sie sich dazu glaubwürdig äußern können?

    Ich frage mich, ob es Zufall ist, dass in den vergangenen zwei Jahren in Berlin genau die Läden (z.B. Café Pssst oder Chateau-Bar) zugemacht haben oder zumachen mussten, wo die Selbstbestimmtheit im Vordergrund stand und daran auch kein Zweifel bestand, während es das Artemis immer noch gibt und ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass dort alles mit rechten Dingen zugeht.

    Offensichtlich verfehlt also das entsprechende Gesetz seinen Regelungszweck.

  5. 47.

    So ganz kann ich die Geschichte auch nicht verstehen. Allerdings setzt sich das Forum offenbar lieber mit den kruden Thesen eines Sebastian T. auseinander. Schlimm an Prostitution ist Zwangsprostitution (welcher Zwang das auch immer sei), und das unter den Migranten/Flüchtlingen auch ein Prozentsatz ist, der der Prostitution nachgeht/nachgehen muß, liegt auch nahe.

  6. 46.

    Werter Wolfgang B.! Danke für diesen vortrefflichen Kommentar. Wenn diese galanteren Zeiten noch wären, hätten Sie aber dabei unbedingt darauf achten sollen, die Hand aus Ihrem Handschuh vorher NICHT zu entfernen, wie es sonst allgemein üblich gewesen wäre! Ich mag solche dümmlichen Kommentare echt nicht mehr sehen und Ihre Antwort erspart es mir, den von Ihnen niedergerungenen Schwachsinn selbst kommentieren zu müssen. Beste Grüße aus einem zum Glück in weiten Teilen toleranten Berlin!

  7. 45.

    Letztendlich ist die Akzeptanz von Homosexualität doch auch nur eine Frage des jeweiligen Zeitgeistes. Derzeit scheint bei uns die Tendenz in Richtung Akzeptanz zu gehen, aber das kann in einigen Jahren auch wieder anders aussehen. Wenn sich dafür Mehrheiten finden, werden die entsprechenden Artikel im Grundgesetzt eben geändert und entsprechende Strafrechts-Paragrafen wieder eingeführt.

    Oder alles wird noch "toleranter" und dann werden plötzlich Leute rehabilitiert, die heute noch wegen Kindesmissbrauches einsitzen. Alles eine Frage des Zeitgeistes.

    Das ist so ähnlich wie bei den Autos: Bis vor wenigen Jahren wurde der Diesel hochgelobt, weil man durch niedrigen Verbrauch was zur CO2-Reduzierung beitragen kann, und heute ist der Diesel "bäh" und es kommt das Elektroauto. Alles eine Frage des Zeitgeistes.

  8. 44.

    Was soll dieser Kommentar. Bei fast 100.000 Flüchtlingen in Berlin gibt es natürlich auch unter diesen Prostitution. Genauso wie es unter 1,5 Millionen Frauen in der Stadt genauso Prostitution gibt.

  9. 43.

    Das ist einer der Forschungsansätze, der verstärkt verfolgt wird. Und natürlich sollte die Anerkennung nach dem Tolerieren das Ziel sein. Dazu müsste es aber zunächst einmal das Interesse an jedem, der anders als man selbst ist, vorhanden sein.

  10. 42.

    Rot-Rot-Grün ist gegen Abschiebungen, es gibt obdachlose Flüchtlinge ohne Status, die sich prostituieren - und das machen sie nicht, weil ein Zuhälter ihnen droht und sie zwingt, sie müssen nicht um ihr Leben bangen!!!! - sondern aus freien Stücken... Thematisiert mal jemand die Situation von Zwangsprostituierten jungen Mädchen bzw. Frauen??? Da interessiert niemanden...

    Berlin ist ein Sammelbecken an Chaos und ganz großer Scheiße geworden ... Die Politik von Links - Grün ist sogesehen die Belegkirsche "vons janze"!

  11. 41.

    Sorry, aber das ist so nicht richtig. Was Sie hier als wissenschaftliche Tatsache verkaufen, ist lediglich eine Hypothese - ein epigenetischer Erklärungsversuch. Das würde ich nicht unbedingt als Beweis anführen.

    "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen."


  12. 40.

    was für eine perfide verquaste Moral! Man echauffiert sich weil junge Flüchtlinge auf den Strich gehen.
    Aber tausende Frauen gehen auch anschaffen, jeden Tag, überall in Deutschland. Weil auch sie meinen anders kein Geld verdienen zu können. Gibt es darüber Beiträge, regt sich darüber jemand auf, bietet etwa jemand diesen Frauen Alternativen, sucht für sie nach möglichen finanziellen Ansprüchen um der Prostitution zu entgehen? Sind die Schicksale der Freuen nicht wert Entsetzen zu erregen?
    Nix da. Freuen mögen so was, Frauen müssen das gar nicht, und außerdem war das ja schon immer so??
    Oder entfacht sich die Aufregung über Flüchtlinge als Stricher nur, weil es gerade die Empörungsmode ist, und öffentlich rechtlich gefordert wird?

  13. 39.

    An alle homophoben Kommentare-Schreiber: Homosexualität sucht man/frau sich nicht aus. Sie entsteht während des Anfangsstadiums der Schwangerschaft und ist hormonell bedingt. Soweit zur Forschung. Die Kommentare sind für mich allerdings nicht nur ein Zeichen für Unwissenheit und Ignoranz, sondern auch von der Intoleranz, die immer mehr um sich greift. Ich wünsche allen intoleranten Menschen, dass man ihnen mit Toleranz begegnet. Vielleicht merken sie dann ja, wie schön das Leben sein kann, wenn man es mit einem offenen Herzen lebt.

  14. 38.

    Das, lieber Georg Friedrich, ist so ungefähr der dümmste und am weitesten am Thema vorbeiführende Beitrag, den man zu diesem Thema machen kann. Zu Ihrer Information: Es gibt etwa 37 Millionen Menschen auf der Erde, die mit HIV infiziert sind. Davon sind 55% Frauen. Es gibt auch in Deutschland heterosexuelle Menschen, die sich mit HIV, Syphilis oder Hepatitis infizieren oder infiziert haben. Und es gibt seit Menschengedenken Prostitution, egal in welchem »Zweig« …

  15. 37.

    Herr, Allerwertester,
    in galanteren Zeiten hätte ich Ihnen meinen Handschuh durchs Gesicht gewischt und Sie morgens um fünf hinter der Friedhofsmauer mit meinen Sekundanten erwartet. Aber da das, was Sie schreiben, geistig nicht mal sekundär ist, lohnt sich das nicht. Es ist nur bösartig. falsch und verlogen! Was Ihre reaktionäre Einstellung angeht, nehmen Sie dies - Touché: https://diekolumnisten.de/2016/10/28/tod-und-tabu/

  16. 36.

    Natürlich war die Abschaffung des §175 ein grosser Fehler: denn die Kriminalisierung diente als Bremse - als die fiel, war Explodierung von Problemen wie riesige HIV-, Syphilis- und Hepatitisinfizierungen nicht nur in Berlin nicht mehr zu stoppen. Und so auch gewisser "Zweig" der Prostitution. Insofern, ein klassisches Beispiel, wenn man mit guten Vorhaben, das Leben der einzelnen Individuen zu verbesern, letzendlich Schaden für Gesellschaft als Ganzes zugefügt werden.

  17. 35.

    Einige Situationen zeigen auf, dass keine entsprechenden Hilfen eingeleitet wurden! Ehrenamt ist gut und unverzichtbar- allerdings muss endlich viel mehr professionelles Personal (Dipl./BA Sozialarbeiter_Innen) eingesetzt werden. Die Hilfsmöglichkeiten sind eigentlich ausreichend -wenn es denn eingeleitet werden kann bzw. wenn es auch angenommen wird!
    Was benötigt wird ist eine angemessen Hilfe für junge Erwachsene oder für alleinstehende Männer- hier gibt es viel weniger Angebote, obwohl es den Großteil betrifft. Auch das Jugendamt und andere Vereine müssen endlich noch mehr mit Personal ausgestattet werden (wenn genug gezahlt wird- gibt es auch ausreichendes und qualifiziertes Personal!)

  18. 34.

    Die Thematik hatte der Tagesspiegel oder die Zeit (bin mir nicht mehr sicher) schon vor etwa einem Jahr. Krasse Geschichte, aber eben auch nicht mehr ganz unbekannt

  19. 33.

    Es war eigentlich zu erwarten, dass die Flüchtlinge sich prostituieren. Das passiert überall auf der Welt, wo Menschen in Notsituationen sind.
    Bleibt die Frage, ob die älteren Herren, die sich mit ihnen im Tiergarten verlustieren, auch am nächsten CSD auf die Straße gehen, um für Toleranz, Weltoffenheit und sexuelle Selbstbestimmung zu demonstrieren.

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