Der neue Parkmanager im Görlitzer Park Cengiz Demirci (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Parkrat gewählt - Jetzt sollen die Anwohner den Görlitzer Park retten

Kaum ein Park Berlins hat ein schlechteres Image als der Görlitzer Park in Kreuzberg. Die Null-Toleranz-Politik von Ex-Innensenator Henkel ist gescheitert. Nun setzt der Bezirk auf Rückeroberung durch die Anwohner – ohne die Dealer auszuschließen. Von Ute Zauft

"Wichtig ist, dass alle, die jetzt den Park nutzen, auch da bleiben", sagt Katja Frenz, kurz bevor sie am Montagabend in den Gründungsrat des Görlitzer Parks gewählt wird – und spricht damit eines der Hauptthemen dieser ungewöhnlichen Wahlveranstaltung in der Emmauskirche in Berlin-Kreuzberg an. Mit 'allen' meint Frenz Mütter mit Kindern wie sich selbst, aber auch die Männer in der Grünanlage, die ihr Geld damit verdienen, Drogen zu verkaufen.

Der Görlitzer Park, um den es an diesem Wahlabend geht, ist nur wenige Meter von der Emmauskirche entfernt. In Verruf geraten ist das überschaubare Grün mitten in Kreuzberg vor allem wegen des Drogenhandels, aber auch wegen zu viel Müll, lauter Musik und Touristengruppen, die hier im Sommer gern nächtliche Partys feiern – oder einfach Drogen kaufen. Im Kampf gegen den Drogenhandel, hatte Berlins damaliger Innensenator Frank Henkel (CDU) den Park vor zwei Jahren zur Null-Toleranzzone erklärt, doch diesen Ansatz hat die rot-rot-grüne Regierungskoalition auf Berlin-Ebene im März dieses Jahres endgültig für gescheitert erklärt.

Alle Park-Nutzer sollen Verantwortung tragen

Stattdessen liegt - zumindest hier im mehrheitlich grün geführten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg - schon seit vergangenem Sommer das sogenannte Handlungskonzept Görlitzer Park auf dem Tisch, und wird nun Stück für Stück umgesetzt. Erarbeitet wurde der Masterplan von einer Arbeitsgruppe aus Anwohnern, Sozialarbeitern und Mitarbeitern des Bezirksamtes. Darin heißt es: "Wir setzen uns für einen Park für alle ein." Aber auch: "Jeder Mensch muss den Park so nutzen, dass ihn auch andere nutzen können." Nun muss das Konzept in der Umsetzung beweisen, dass es diese Gratwanderung tatsächlich schafft.

Alle Park-Nutzer sollen Verantwortung tragen

Teil des Plans ist der Parkrat, der zwischen Bürgern und Verwaltung vermitteln soll, aber auch Parkmanager Cengiz Demirci, der bereits seit November im Amt ist und zu dem Wahlabend geladen hat. Der studierte Sozialpsychologe ist mehr Macher als verkopfter Stratege. Aber wenn er das Konzept für den Görlitzer Park erklärt, spricht er gern von der sogenannten Allmende. "So nannte man früher eine Wiese, die Bauern gemeinsam nutzten, um dort ihre Kühe grasen zu lassen", erklärt er, während er sich schnell eine Zigarette dreht. "Hier bestand die Regel: Nicht alle gleichzeitig, und jeder muss auch Verantwortung tragen."

Die Wahl des Gründungsrats Görlitzer Park am 24.04.2017 (Quelle: rbb/Ute Zauft)
Stimmzettelabgabe bei der Wahl zum Gründungsrat für den Görlitzer Park.Bild: rbb/Ute Zauft

110 Menschen stimmen über Gründungsrat ab

Demirci hat sich vor dem Wahlabend bei rund 90 Vereinen und Initiativen in der Umgebung rund um den Görli persönlich vorgestellt und dazu aufgerufen, sich für die Wahl des Gründungsrates aufstellen zu lassen. Am Ende sind 17 Kandidatinnen und Kandidaten auf der Liste. Abstimmen konnten alle ab 14 Jahren, egal ob sie im Kiez wohnen oder nicht. Immerhin 110 Menschen haben diese Gelegenheit genutzt. Vorab war in sozialen Netzwerken allerdings kritisiert worden, dass die Wahl zu wenig publik gemacht worden sei, und auch der genaue Ablauf unklar gewesen sei.

Der Job des am Montagabend gewählten elf-köpfigen Gründungsrates wird es nun erst einmal sein, sich selbst eine Satzung zu geben und darüber zu entscheiden, welche Rechte der Rat in Zukunft haben soll. In einem Jahr soll dann der eigentliche Parkrat gewählt werden, doch bis dahin soll auch schon der Gründungsrat die Interessen der Bürger gegenüber der Verwaltung vertreten.

Souleymane Sow, Mitglied des Gründungsrats Görlitzer Parks lacht am 24.04.2017 in die Kamera (Quelle: rbb/UteZauft)
Souleymane Sow ist Mitglied des Gründungsrates. | Bild: rbb/Ute Zauft

Den Jungs bei der Integration helfen

Einer von denen, der am Montag diese Verantwortung übernommen hat, ist Souleymane Sow. Er stammt ursprünglich aus Guinea, arbeitet bei einer Sicherheitsfirma und ist der einzige in dem Gremium mit einem offensichtlichen Migrationshintergrund. Sow lebt seit 30 Jahren in Berlin, genauso lange sei er auch schon ein Besucher des Parks, betont er und schiebt seine Baseballmütze in den Nacken.

"Ich möchte den Jungs im Park bei der Integration helfen", erklärt er seine Motivation. Mit 'den Jungs' meint Sow die meist ebenfalls aus Afrika stammenden Männer, von denen viele im Park auf Abnehmer für ihre Drogen warten. "Sie brauchen eine Perspektive", fordert Sow, der mehrere westafrikanische Sprachen spricht und bereits jetzt versucht, bei Problemen zu helfen. Da viele der Männer nach Angaben des Unterstützervereins Bantabaa bereits in einem anderen Land wie Portugal, Spanien oder Italien Asyl beantragt haben, ist ihr Status hier unklar und sie haben keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis. "Kaum jemand will Drogen verkaufen", so formuliert es auch Parkmanager Demirci. "Wenn sie eine Alternative haben, dann werden sie damit aufhören."

Der Eingang des Kinderbauernhofs im Görlizer Park ist mit bunten Buchstaben geschmückt (Quelle: rbb/Ute Zauft)
Den Kinderbauernhof gibt es auch im Görlitzer Park. | Bild: rbb/Ute Zauft

Die Probleme der Welt landen im Görli

Die Probleme in dem Park mit gerade mal 14 Hektar Fläche sind groß, um nicht zu sagen global. "Die Weltkonflikte werden zu uns getragen", so formuliert es eine der Kandidatinnen an diesem Abend. Gleichzeitig drängt die Zeit. Die Finanzierung für den Job des Parkmanagers ist auf zwei Jahre angelegt. Vorgesehen sind außerdem für zunächst ein Jahr – mit Verlängerungsoption um ein weiteres - die sogenannten Parkläufer. Sie sollen Parknutzer ansprechen, falls sie Müll liegen lassen oder andere belästigen, und am 1. Mai ihre Arbeit aufnehmen.

Doch was bisher gänzlich fehlt, ist die Finanzierung von Sozialarbeitern, wie sie das Handlungskonzept vorsieht. "Wir wollen keine Vertreibung von Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen, sondern kümmern uns um sie", heißt es im Konzept. Genau diese Aufgabe sollen die Sozialarbeiter übernehmen, indem sie Gruppen wie den Drogendealern Zugang zu Beratung und Hilfen verschaffen - und im Idealfall Alternativen aufweisen.

Die Wahl des Gründungsrats Görlitzer Park am 24.04.2017 (Quelle: rbb/Ute Zauft)
Bild: rbb/Ute Zauft

Geld für soziale Unterstützung fehlt

Das Problem: Die Finanzierung müsste die Senatsverwaltung für Gesundheit übernehmen. Der im Bezirk zuständige Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Die Linke) erklärt auf Anfrage von rbb|24, dass er schon die ersten Gespräche mit der Senatsverwaltung geführt und durchaus positive Signale erhalten habe, aber noch stehe alles unter dem Vorbehalt der Haushaltsverhandlungen.

Von einer Verdrängung der Dealer spricht an diesem Abend in der Emmauskirche niemand. Allein die CDU im Bezirk hatte das Konzept im vergangenen Jahr lautstark abgelehnt und im Wahlkampf vor der Abgeordnetenhauswahl mehr Razzien bei gleichzeitiger dauerhafter Polizeipräsenz gefordert.

Abgrenzung als kurzfristige Lösung?

Auch er wolle die Dealer nicht vertreiben, betont Benedikt Stockmayer, der für die Anwohnerinitiative Görlitzer Park in den Gründungsrat gewählt wurde. "Vielleicht kann man es regeln, indem man definiertere Räume schafft, damit die Mutter mit Kind weiß, wo sie nicht unbedingt langgehen sollte. Die Dealer haben ihren Ort - das klingt jetzt erst einmal blöd, aber vielleicht ist das eine Lösung."

Karte des Görlitzer Parks mit Verortung der Einrichtungen (Quelle: rbb|24/Mitya)
Bild: rbb|24/Mitya

Sendung: radioBerlin 88,8, 25.04.2017, 6:30 Uhr

Beitrag von Ute Zauft

Kommentar

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21 Kommentare

  1. 21.

    Gefühlsmäßig dominieren im Görlitzer Park Dealer. An jedem Ort im Park sind sie anzutreffen. Bei jedem Wetter und zu jeder Zeit.
    Da sie nur als Geschäftsleute dort sind, ist meine Zuneigung erheblich gesunken. Der Park wird nur verwertet.

  2. 20.

    Wie heißt es in dem Artikel beinahe schon lyrisch: 'Die Probleme in dem Park mit gerade mal 14 Hektar Fläche sind groß, um nicht zu sagen global. "Die Weltkonflikte werden zu uns getragen", so formuliert es eine der Kandidatinnen an diesem Abend.' Tja: Ist wohl doch nicht so toll, mit Multikulti und Co. Selbst in Kreuzberg 36 scheint man dieses jetzt zu bemerken. Es wird auch Zeit.

  3. 18.

    Da täuschen sie sich gewaltig: Alkohol, Nikotin und vieles andere ist im Lebensmittelhandel bzw. frei verkäuflich - mal in einer DROGErie vorbeischauen oder bei Apotheken ;)

  4. 16.

    Ich dachte immer, wer mit Drogen dealt erfüllt einen Straftatbestand.... !? Aber vielleicht ist das ja besser als sich im Tiergarten zu prostituieren ... da schaut der Senat ja auch weg... und fördert somit die Zuhälterei ...

  5. 15.

    Wir drehen uns nicht im Kreis, dafür hätten wir erstmal vom gleichen Punkt aus starten müssen. Sie schrieben "Nach lesen dieses Artikels, schoss mir - natürlich gegen meinen willen - der Gedanke durch
    den Kopf --> Der Trump hat gar nicht so unrecht, mit seiner Mexiko-Mauer." Ich habe Sie gefragt, was das Ihrer Meinung nach mit den Problemen im Görlitzer Park zu tun hat und wie eine Mauer diese Probleme lösen könnte. Das haben Sie bis jetzt noch immer nicht beantwortet, stattdessen entziehen Sie sich. Ein "Im-Kreis-Drehen" kann ich da nicht erkennen.

  6. 14.

    EIN FETTES DANKE AN DIE BSR, die mit ihrem Team den Park zu einem der saubersten Kreuzbergs macht oder gar Berlins. Sonst überall Scherben, Kippen, Hundekot, ... kleine Kinder können hier wieder spielen.

  7. 13.

    @Steffi 10:22 Uhr ... Zwei Gedanken habe ich bzgl. "unserem" Diskurs:
    1) Inhaltlich "drehen wir Zwei uns im Kreis";
    2) Ich denke, wir Zwei werden in diesem Leben kein Liebespaar.
    --> Meine Meinung deshalb: Ende mit diesem Diskurs. "Auf Wiedersehen" bei anderen Themen.

  8. 11.

    Was ist denn eine - realistische - Lösung? Der Görlitzer Park ist einer von vielen (öffentlichen Plätzen) in Berlin. Die Nachfrage nach illegalen Drogen ist groß. Polizei und Justiz überlastet, ausreichend neues Personal ist nicht in Aussicht.

  9. 10.

    Am Helmholzplatz hat das mit langjähriger Beteiligung ALLER Nutzergruppen ganz gut geklappt: räumliche Trennung von den saufenden Alkoholikern auf "ihren" Bänken, den Hundebesitzern in "ihrem" Bereich und den Eltern mit Kindern auf Spielplätzen und einem selbstverwaltetem Platzcafe für alle.

    Doch vielerorts klappt das leider nicht so gut. Nicht mal die BVG als Wirtschaftsunternehmen mit erheblichen Ressourcen schafft es den gesundheitlichen Schaden für die Nutzer und den wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen (Erhalt & Reinigung) durch Raucher, saufende Alkoholiker und Drogendealer zu reduzieren. Unter Umständen könnten überdachte ausgewiesene Bereiche ausserhalb der belasteten Bahnhöfe in einiger Entfernung zu den Eingängen helfen, das Rauchen und Saufen auf den Bahnhöfen zu reduzieren - auch im Sinne der Prävention besonders für Kinder und Jugendliche.

  10. 9.

    @Steffi 08:37 Uhr
    1) Nein, ich war noch nicht dort. Meine Info beschränkt sich ausschließlich auf den Artikel.
    2) Das Vorhaben - café edelweiss / Jugendzentrum "Kreuzer" - finde ich geradezu genial.
    ... Hier soll wohl die holländische Coffeeshop-Idee Realität werden ?!
    3) Eine neue Idee von mir: Indem man kriminelle Taten / Täter (Görlitzer Park?)formal zu
    "staatlich gefördertem Milieu" erklärt... verbessert sich automatisch die Kriminalstatistik.

  11. 8.

    Wir erleben hier die klassische Kapitulation vor Kriminellen und Dealern. Wie naiv kann man sein ?

  12. 7.

    Es ist die Mauer, die zuallererst geistig und dann nachfolgend auch materiell gezogen wird. So war´s Ende der 1950er Jahre und dann materiell nach 1961.

    So, als wenn auch nur ein einziges Problem rein technisch zu lösen wäre.

    Natürlich kann ein Mensch hingehen und die Wirkungen skeptisch sehen. Dann sehen allerdings die vorgebrachten Argumente anders aus als so.

  13. 6.

    Waren Sie schon einmal im Görlitzer Park oder haben Sie alle Ihre Informationen von den Problemen dort (als Grundlage für Ideen, wie man sie lösen kann) nur vom Hörensagen?

    Und was genau würde eine Mauer nochmal daran ändern?

  14. 5.

    Also einen festen Ort für Drogendealer schaffen, damit Mütter wissen, wo sie nicht hingehen sollten. Sind das dann "amtlich" geschaffene No-Go-Areas? Ich dachte sowas gibt es nicht in Berlin.... Dann wollen wir mal hoffen, dass sich nicht versehentlich Kinder dahin verlaufen.

  15. 4.

    Nach lesen dieses Artikels, schoss mir - natürlich gegen meinen willen - der Gedanke durch
    den Kopf --> Der Trump hat gar nicht so unrecht, mit seiner Mexiko-Mauer.

  16. 3.

    Die Dealer haben Ihren Ort, das klingt wirklich blöd, weil es blöd ist !

    Wenn man einen Ort für Süchtige schafft, um Sie zu unterstützen von den Drogen wegzukommen, damit Sie nicht einfach an den Drogen verrecken, ja bin ich voll dafür! Aber einen Ort für Dealer zu schaffen, da man nicht in der Lage ist die Personalstäre aufrechtzuerhalten, um wirklich eine Abschreckung zu bewirken, ist meiner Meinung nicht der richtige Weg.
    Ich erinnere mich an Diskussionen zum Thema rechtsfreie Räume in Berlin. Wie soll man den anders einen Raum deferieren, im dem das Dealen mit Drogen akzeptiert wird und wenn auch nur für kurz. . .

  17. 2.

    Was genau hat denn dagegen die tolle "Null-Toleranz"-Linie des CDU-Innensenators im Görlitzer Park verbessert? Ich bin gespannt.

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