Fassade eines Wohnhaus in der Weserstraße (Quelle: imago/Jens Jeske)
Audio: Inforadio | 28.04.2017 | Jenny Barke | Bild: imago/Jens Jeske

Streit um Hostel in Berlin-Neukölln - Gegen die "Ver-Simon-Dach-isierung" des Weserkiezes

Vor einem Monat hat ein Hostel im Hinterhof eines Wohnhauses in der Neuköllner Weserstraße eröffnet. Kritik kommt von den Anwohnern, die eine zunehmende soziale Verdrängung befürchten. Aber auch das Bezirksamt ist verärgert. Von Jenny Barke

Das Gebäude der Weserstraße 207 sticht heraus. Die Fassade ist leuchtend gelb und rot bemalt, bunte, ineinander verwobene Schlangen auf schwarzem Untergrund zieren den unteren Geschäftsbereich. Und seit Donnerstagnacht: grüne Farbkleckse. Die sind nicht gewollt.

Hauseigentümer Alexander Skora vermutet hinter dem Angriff Gegner des neu eröffneten Fantastic Foxhole Hostels in seinem Hinterhof. "Die meisten Leute, die jetzt anfangen Hostels zu verdammen, die wohnen bestimmt selbst in Hostels, wenn sie reisen", sagt er. "Aber bei sich in der eigenen Straße wollen sie bitte kein Hostel." 

Hostel in der Weserstraße wurde mit Farbbeuteln beworfen (Quelle: rbb/Barke)
Wo früher die Szenebar Fuchs und Elster war, hat seit einem Monat ein Hostel eröffnet | Bild: rbb/Barke

Buchbare Betten trotz untersagter Nutzung

Aus amtlicher Sicht ist das Hostel in der Weserstraße eigentlich gar nicht existent. Denn der Betreiber Hagen Wittenborn nutzt die Wohnfläche im Erdgeschoss, ohne sie jemals als Hostel angemeldet zu haben. Deshalb hat das Bezirksamt Neukölln dem Betreiber Wittenborn die Nutzung untersagt – ohne Erfolg: Die Betten bleiben im Internet weiterhin buchbar.

Der Neuköllner Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Jochen Biedermann, hätte sich vom Betreiber gewünscht, dass dieser selbstständig nachbarschaftsverträgliche Konzepte vorstellt. "Anstatt sich an uns zu wenden, hat er Pressemitteilungen herausgegeben", sagt Biedermann. Von "Behördenwahnsinn" sei darin die Rede gewesen. "Er hat eine Reihe von Falschbehauptungen aufgestellt, unter anderem hat Wittenborn die Bürgerinitiative als Bürgerwehr bezeichnet", so Biedermann weiter.

"Im Simon-Dach-Kiez wurde zu spät reagiert"

Die Bürgerinitiative Weserkiez kämpft bereits seit Jahren gegen steigende Mieten und soziale Verdrängung im Kiez - der Partytourismus trage dazu bei. Er habe mit den Vorbesitzern der Szenebar "Fuchs und Elster" angefangen und könnte mit Wittenborns Geschäftsmodell zunehmen: Partybar und 12-Bett-Zimmer zu 20 Euro pro Person. Das sei eine weitere Abwärtsspirale, meint Katharina Wolff von der Bürgerinitiative. "Auch von der Preislage her geht es genau um das Abgreifen einer Partystruktur, die es hier schon gibt", sagt Wolff. "Schaut man in den Simon-Dach-Kiez, dann muss man sagen: Da wurde zu spät reagiert."

Die "Ver-Simon-Dach-isierung": Eine Wortschöpfung, mit der die Anwohner auf ein berlinweites Problem aufmerksam machen wollen. Entwicklungen wie in Friedrichshain und Kreuzberg will auch Stadtrat Biedermann verhindern. Eine große Herausforderung für das kleinste Stadtentwicklungsamt Berlins. Nicht weggucken, keinen "Wildwuchs" zulassen, sollte die Strategie sein, sagt Biedermann. Also das, was in anderen Bezirken in der Vergangenheit der Fall gewesen sei.

Hostel-Besitzer will Kameras installieren

Hauseigentümer Skora hingegen sieht in der kommerziellen Nutzung keine Probleme. Er betreibt bereits in Charlottenburg ein Hostel mit Zimmern zu zehn Euro. "Vorher war Neukölln eine der schlimmsten Ecken", sagt Skora. "Aber gerade die Weserstraße ist so eine kleine Oase geworden."

Wegen des Farbbeutel-Angriffs will Hauseigentümer Skora nun Kameras installieren. Die Anwohner fürchten einen Eingriff in ihre Privatsphäre. Laut Polizei gibt es noch keine neuen Erkenntnisse über den Täter. Doch schon jetzt ist klar: Mit dem Angriff hat ein seit Wochen schwelender Konflikt eine neue Dynamik bekommen.

Beitrag von Jenny Barke

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