Benno Ohnesorg (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Zum Tod von Benno Ohnesorg - "Wir haben mit Polizisten geredet, die bisher schwiegen"

Freitag wird an Tod von Benno Ohnesorg vor 50 Jahren erinnert: Erschossen von einem Polizisten, während einer friedlichen Demonstration. Die Tat gilt als Schlüsselereignis für die Radikalisierung der Studentenbewegung - und gibt bis heute Rätsel auf. Autorin Margot Overath hat 50 Jahre später Neues herausgefunden.

rbb: Frau Overath, wie sind Sie dieses Thema angegangen, so viele Jahre nach dem tödlichen Schuss des Polizisten Karl-Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg. Will überhaupt noch irgendjemand etwas dazu sagen?

Margot Overath: Ja! Das war auch eine große Überraschung für mich. Ich habe zum ersten Mal Lukas Ohnesorg, Benno Ohnesorgs Sohn, dafür gewonnen, vor die Kamera zu kommen. Er war bei den Dreharbeiten dabei und hat sich auch eingemischt. Damals am 2. Juni 1967 war seine Mutter mit ihm schwanger, sie war aber nach Hause gegangen, als sie die Polizeiketten gesehen hat. Benno ist geblieben, er wollte gucken. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Sie recherchieren nicht zum ersten Mal zum Thema. Was haben Sie in Ihren Recherchen Neues erfahren?

Wir haben sehr viel Neues erfahren, haben mit Augenzeugen gesprochen, die sich noch nie geäußert hatten. Es war sogar einer dabei, der die ganze Zeit nicht mehr daran gedacht hatte, weil das Ereignis psychisch so belastend für ihn war, dass er es verdrängt hatte. Der war so präsent und engagiert. Ich hatte das Gefühl, es könnte gestern oder vor einer Woche gewesen sein, so lebendig und bewegend hat er erzählt. Und wir haben mit Polizeibeamten gesprochen, die bisher noch nie ein Wort gesagt hatten.

Was haben Sie über die Vertuschung herausbekommen?

Wir haben gefragt, wann die Vertuschung begann. Das muss schon direkt nach dem Schuss angefangen haben. Da haben Polizisten – man muss sagen – dafür gesorgt, dass der Krankenwagen nicht direkt zum Krankenhaus fuhr, sondern eine große Runde durch die Stadt machte, der Polizeiwagen fuhr voraus. Ohnesorg kam also viel zu spät an im Krankenhaus. Dann haben wir die Krankenschwester gefunden, die damals Dienst hatte und einen Pfleger. Die haben uns erzählt, was mit ihm gemacht wurde, als er eingeliefert wurde. Es wurde zum ersten Mal deutlich, dass bereits direkt nach der Einlieferung klar war, dass er eine Schussverletzung hatte - er ist nämlich geröntgt worden. Aber die Polizei war dabei, es kamen auch immer mehr Polizisten in die Klinik – die müssen die Ärzte dort unter Druck gesetzt haben, denn auf dem offiziellen Leichenschein ist vom Arzt gesagt worden, er sei durch stumpfe Schläge gestorben. Das war eindeutig eine Lüge.

Sie haben sehr viel herausgefunden zu diesem Fall – nach 50 Jahren. Warum hat das vorher niemand geschafft? Muss man vielleicht auch soviel Zeit vergehen lassen, damit Leute sich öffnen und darüber reden wollen?

Das kann sein. Ich habe 2002 zum ersten Mal ein großes Radiofeature über den Fall gemacht, und da habe ich auch nicht daran gedacht, die Krankenschwestern zu fragen. Man muss sich erst einarbeiten. Dann kam natürlich der große Schub 2009, als Karl-Heinz Kurras als Stasi-Spion enttarnt wurde. Wo sich die Öffentlichkeit gefragt hat – und heute noch fragt –, ob er im Auftrag der Stasi gehandelt hat. Das hat die Leute mehr bewegt, als das was wirklich geschah. Wir stellen Kurras als jemanden vor, der diese Tat kaltblütig begangen hat. Er wurde auch von seinem IM-Führer als kaltblütig und Mensch ohne Empathie beschrieben. Wir haben herausgefunden, dass Kurras schon einmal jemanden umbringen wollte, das steckte offenbar schon in ihm. Das sind alles neue Erkenntnisse, die sehr spannend sind.

Mit Margot Overath sprach Nancy Fischer, Radioeins.

Hintergrund

  • Vor dem 2. Juni 1967

  • Am Mittag des 2. Juni 1967

  • Am Abend des 2. Juni 1967

  • Christi Himmelfahrt 2009

Sendung: Inforadio, 02.06.2017, 06:20 Uhr

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Antwort auf [andrae] vom 29.05.2017 um 18:25
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17 Kommentare

  1. 17.

    Es geht hier um mehr als Geschichte. Menschenfeindliche Gesinnung bei, Gewalttaten durch, und krasses Fehlverhalten von Polizisten, das dann vom Korpsgeist gedeckt wird - das gibt es auch heute noch: Amri, Jalloh, NSU.... Dieser Ungeist ist so lebendig wie 1968. Neuester Akt in der Schmierenkomödie um Kurras: die Verantwortung für den Fall Ohnesorg auf die DDR abzuwälzen. Gewisse Kreise müssen gejubelt haben als die Stasikontakte von Kurras ans Licht kamen, wenn sie denn so stattgefunden haben. Alles ist willkommen was die Polizei aus der Verantwortung für ihr Handeln nimmt. Staatsgewalt ohne Verantwortung ist aber kein Merkmal einer Demokratie, sondern eines Diktatur. Der Polizei immer mehr Befugnisse geben, sie gegen Kritik abschirmen, Untersuchungen von Fehlverhalten blockieren - so macht man die Demokratie kaputt.

  2. 16.

    Teil 2
    Die DDR gedachte seiner mit Straßen. Betrieben und Schulen.
    Doch nach der Wende wurden die Straßen umbenannt (mit wenigen Ausnahmen) Das gleiche Schicksal war den Betrieben und Schulen beschieden.
    Der Grund: Philipp Müller wurde 1948 Mitglied der damals noch nicht verbotenen FDJ und 1950 Mitglied der KPD. Solch eine Person passt natürlich nicht in die Ideologie der kapitalistische Bundesrepublik.

    Hätte zur Wendezeit, welche nunmehr 28 Jahre zurück liegt, ein Volkspolizist auf friedlich demonstrierende junge Menschen geschossen, wäre der Aufschrei um ein vielfaches höher gewesen und dieser Volkspolizist wäre mit Sicherheit verurteilt worden,

    Während Benno Ohnesorg seinen Sohn nie kennengelernt hat, durfte Philipp Müller seinen Sohn zum Glück noch kennenlernen und für wenige Monate in den Arm nehmen. Philipp Müller wurde nur 21 Jahre alt.
    PS: Was ist aus seinem Sohn wohl geworden ?

  3. 15.

    Teil 1
    Woran wollen wir uns erinnern oder woran soll erinnert werden.
    Und dennoch: Wie sich die Fälle gleichen. Wenn Polizei auf unbewaffnete Demonstranten schießt.
    Vor 50 Jahren starb Benno Ohnesorg durch die Kugel eines Polizisten. Sein Sohn fordert, einen Platz nach seinem Vater zu benennen.
    Vor 65 Jahren, am 11. Mai 1952, starb der junge Philipp Müller in Essen. Dieser junge Mann demonstrierte mit etwa 30 000 Gleichgesinnten gegen die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik. Auch ihn traf eine Polizeikugel. Er starb durch eine in den Rücken eingedrungene Kugel.

  4. 14.

    Das ist doch alles nur eine Verschwörungstheorie...ach nee,Moment mal,das ist ja wirklich passiert. Aber das war ja früher,heutzutage würde so etwas nie wieder vorkommen..
    Aus Geschichte kann man halt vieles für die Gegenwart und Zukunft lernen.

  5. 13.

    Ich für mich denke mal, dass es immer besser wäre, nicht in Ausschließlichkeiten zu denken, sondern möglichst alles einzubeziehen. Die Fragestellung "War es so ODER so?" kann ja immer nur die Streithähne auf den Plan rufen, die Fragestellungen hingegen "Welcher Anteil hatte die Kameraderie bei der Polizei? Welcher Anteil lag allein an den Waffen offenbar ergebenden K.H. Kurras?" "Bis zu welchem Maß wusste und stützte die Stasi Kurras, ab welchem Zeitpunkt dann nicht mehr?", dies wäre in meinen Augen weiterführender.

    Ursula von der Leyen hat ja in diesem Punkt sehr wohl recht, dass da, wo Uniformen sind, auch bestimmte Menschen angezogen werden. Da ist nicht pauschal gemeint, sondern eben im Sinne eines höheren Anteils von Menschen, der so denkt und mit dem dann zurechtgekommen werden muss. Da fühlen sich manche als edlerer Mensch und könnten dann im Falle eines Bankraubes doch glatt mit Gesichtsmaske auf der anderen Seiten stehen.

    Einzig vorbehaltlose Aufklärung hilft da m. E.

  6. 12.

    Offenbar haben Sie die Dokumentation nicht aufmerksam oder nicht vollständig gesehen. Die Rolle der Stasi in Bezug auf Kurras ist deutlich beschrieben worden. Vielleicht war Ihnen das aber auch nur nicht sensationsheischend genug und Sie hätten gerne eine Ohnesorg-Doku gehabt, die zu 70% über die Stasi berichtet, weil Sie es offenbar nicht anders gewohnt sind.

  7. 11.

    In der Reportage fehlt komplett die Rolle der Stasi. Kurras war bezahlt aus Ostberlin. Hier wäre interessant gewesen, ob es aus Ostberlin Einfluß auf die Studentenbewegung im Westteil gegeben hat. Stattdessen nur die alten Geschichten von der Naziprügelpolizei im Westen. Schade um die schönen Rundfunkgebühren

  8. 9.

    Dass damals die Berliner Polizei versagt hat und durch diese Berliner Polizei bewusst gefälscht und vertuscht wurde ist sehr schändlich,gerade im Hinblick auf die schwangere, junge Witwe Ohnesorgs. Dass die Berliner Polizei das heute aber augenscheinlich immer noch tut wie im Fall Amri ist ein ebenso großer Skandal.

  9. 8.

    Ach ja? Was hat denn der Teufelsberg mit Ohnesorg zu tun? Oder ein Hotelbetreiber am Tempelhofer Damm? Teilen Sie doch schnellstens ihr Wissen der Redaktion des Rbb und uns allen mit. Das wäre schon sehr interessant. Alternativ können Sie natürlich auch Ihre einseitigen Darstellungen unterlassen.

  10. 7.

    Das ist nicht "mein" Wissen, sondern das ist Allgemeinwissen. Daß Sie das noch nicht mitbekommen haben, dafür kann hier niemand was. Und inwiefern das ein Grund sein kann, derart plump vom Thema abzulenken, wissen nur Sie allein.

  11. 6.

    "Die Stasi hat den Mord nicht beauftragt" Teilen Sie doch schnellstens ihr Wissen der Redaktion des Rbb und uns allen mit. Ds wäre schon sehr interessant. Und warum dieses alles erst viel später ans Tageslicht kam, da müsste man mit den damals politisch und sicherheitsrelevanten Leuten sprechen,

  12. 4.

    Bitte nicht vom Thema ablenken. Die Stasi hat den Mord nicht beauftragt. Die Stasi hat den Mord auch nicht vertuscht - das tat nach Kräften die Westberliner Polizei.

  13. 3.

    Glauben Sie allen Ernstes, die westlichen Dienste haben nicht im Osten spioniert? Glauben Sie, der Kalte Krieg war ein einseitiges Unterfangen? DAS ist naiv. Fangen Sie mal an, sich zu informieren! Allein das Material, das ohne Öffnung der Archive der Dienste bislang zugänglich ist, reicht völlig aus. Für den Einstieg können Sie mit der us-finanzierten KgU beginnen.

  14. 2.

    Es war die Zeit des Kalten Krieges. In West-Berlin wimmelte es nur so von Spionen. Ziel der Stasi ua. war es, die Stadt zu destabilisieren. Wir haben uns oft gewundert bei Fahrten ins Bundesgebiet woher die Grenzer wussten das eine Beförderung eventuell anstand. Kurras hatte eine Zeitlang Zugriff auf Personalakten der Berliner Polizei, ebenso wie ein anderer Beamten, der rechtskräftig verurteilt wurde. Kurras kannte keinerlei Skrupel, rühmte sich der beste Schütze in der Polizei zu sein. Habe viel später über einen Bekannten gegen diesen Typen Strafantrag wegen Geheimnisverrats gestellt. Unsere westlichen Dienste waren leider damals auch teilweise naiv. Z.b. ein Zivilangestellter auf der Station am Teufelsberg arbeitete für die Stasi. Ein Hotelbetreiber am Tempelhofer Damm, in dem US Ofiziere nächtigten, war Stasimitarbeiter. Ein Schlosser hatte Nachschlüssel für sicherheitsrelevante Räume, war für die Stasi quasi ein Heimspiel. Aus und vorbei diese Zeiten, hoffentlich für immer

  15. 1.

    Warum wird die Doku erst zu so später Stunde ausgestrahlt?

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