Ein Mann hält vor einer türkischen Flagge ein Schild von Amnesty International hoch, auf dem steht "Türkei: Freie Meinungsäußerung ist ein Menschenrecht!" (Quelle: Nicolas Armer/dpa)
Audio: 26.07.2017 | Inforadio | Sylvia Tiegs | Bild: Nicolas Armer/dpa

Inhaftierter Menschenrechtsaktivist - Amnesty fordert Druck der Bundesregierung im Fall Steudtner

Die Bundesregierung nennt die Haftgründe gegen den Berliner Peter Steudtner "haltlos" - Amnesty International und seine Lebensgefährtin ebenso. Außenminister Gabriel droht eine härtere Gangart gegen die Türkei an. Aber Ankara gibt bislang nicht nach. Von Sylvia Tiegs

Magdalena Freudenschuss hat einen fröhlich klingenden Nachnamen, aber zur Freude in diesen Tagen wenig Anlass. Ihr Leben ist vollkommen aus den Fugen geraten, seid ihr Lebensgefährte, der Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner gemeinsam mit anderen Aktivisten, festgenommen wurde. Ein einziges Mal hat sie persönlich mit ihm sprechen können - das war vor drei Wochen. Dass er gemeinsam mit einem Kollegen die Zelle teile, würde sie sehr beruhigen, weil sie sich gegenseitig unterstützen können, sagt sie. "Wir hören, dass es soweit gute Haftbedingungen sind, dass es den beiden gut geht."

Diese Informationen hat Magdalena Freudenschuss von der Botschaft und vom Auswärtigen Amt. Von beiden fühlt sie sich sehr gut betreut. Sie glaubt ihnen, dass sie alles tun, um ihren Mann freizubekommen. Sie selbst stellt keine Forderungen an die türkische Regierung, denn sie weiß, auf welch dünnem diplomatischen Eis sich im Moment alle bewegen. Für sie und die Familie sei es am wichtigsten, dass die inhaftierten Menschenrechtler freikommen.

Es müssen internationale Interventionen folgen

Amnesty International will das auch – und kann im Gegensatz zur persönlich betroffenen Magdalena Freudenschuss auch Forderungen aufstellen. Markus Beeko, Deutschlandchef von Amnesty, will dass die internationale Gemeinschaft mehr Druck auf die Türkei ausübt. "Wir haben in der letzten Woche von vielen Regierungen klare Worte gehört. Wichtig ist jetzt, dass auf allen Ebenen und im Austausch mit der türkischen Regierung auch Taten folgen."

Dabei denkt der Generalsekretär von Amnesty daran, dass Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD)ankündigte, Kredite, Investitionshilfen und EU-Gelder für die Türkei zu "überdenken", sprich: zu kürzen oder gar zu streichen.

Markus Beeko hält das für nötig. "Wenn jetzt nicht schnell internationale Intervention erfolgt, dann sendet es das Signal an viele Regierungen, dass hier auch die Vertreter von internationalen Organisationen und friedliche Menschenrechtsaktivisten zu Freiwild werden", sagt er.

"Irgendwie werden wir das auch durchstehen"

Magdalena Freudenschuss sitzt still und kerzengerade daneben und erträgt auch die Frage, wie sie mit der Inhaftierung ihres Mannes klarkommt: "Es fehlt natürlich jemand, und es gibt eine große Sorge und Ungewissheit - gerade weil es nicht klar ist, wie es weitergeht. Es gibt keinen festen Termin, zu dem irgendwann etwas weiter entschieden wird."

Sie versuche von Tag zu Tag damit umzugehen, was komme und was getan werden müsse. Woher sie die Kraft nehme, wisse sie selbst nicht ganz genau, lächelt sie. Vielleicht aus dem, was ihr Mann anderen Menschenrechtlern beibringe, wie man mit Stress fertig werde. "Irgendwie werden wir das auch durchstehen", sagt sie leise zum Schluss.

Beitrag von Sylvia Tiegs

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Recht vielen Dank für die eingestellte Erklärung. Ich sehe jedes Wort genauso.

    Eines will ich zusätzlich noch anfügen:
    Ich würde mich freuen, wenn es neben der postulierten und pratkzierten Freiheit eine innere Bindung gäbe, sorgsam vorzugehen und gerade nicht vordergründig an der schnellen Schlagzeile interessiert zu sein. Das "Infotainment", eigentlich ja die kluge Verbindung zwischen Facetten des Entertainments und der Information, damit diese nicht all zu trocken daherkomme, droht oft ins Gegenteil abzukuppen - genau dort, wo die Information bloßes Mittel des Entertainments wird.

    Diese "innere Bindung" der Redakteure war vorher bei seriösen Zeitungen und beim öff.-rechtl. Rundfunk nahezu selbstverständlich, heute, pardon, nicht immer. Ein Grund für Presseeinschränkungen kann das aber keinesfalls abgeben.

  2. 3.

    NEW YORK, 3. Mai 1999 -- Zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai hat UNO-Generalsekretär Kofi Annan, folgende Erklärung abgegeben: "Die Pressefreiheit ist ein Grundstein der Menschenrechte. Sie macht die Regierungen für ihre Taten verantwortlich und ist eine Warnung an alle, daß Straflosigkeit eine Illusion ist. Sie fördert Wissen und Verständnis innerhalb der Staaten und zwischen diesen.Die Pressefreiheit trägt dazu bei, daß die Völker in aller Welt besser verstehen, was uns vereint und nicht nur was uns trennt. Dennoch gibt es immer noch einige, die den Wert der Redefreiheit für die Gesellschaft in Frage stellen. Es gibt einige, die meinen, sie bedrohe die Stabilität und gefährde den Fortschritt. Ja manche sehen in der Redefreiheit etwas, das Ihnen vom Ausland aufgezwungen wird und nicht etwas, das dem ureigensten Wunsch der Menschen nach Freiheit entspricht..." http://www.unric.org/de/pressemitteilungen/4828

  3. 2.

    Ich weiß gar nicht, ob Racip Erdogan soweit denkt. Dieser Mensch scheint mir durchtrieben und durchtobt von Gefühlen. Nicht solche, die frei und weit werden lassen, sondern solchen, die aufgeladen und eng machend sind. Dann erst fühlen sich solche Menschen wie Erdogan, Kaczynski, Putin und Erdogan wohl. Übrigens auch Trump. Der kann allerdings glücklicherweise nicht schalten und walten wie er will, auch wenn er dies immer wieder missversteht.

    Das einzige wirklich akzeptierte Gegenüber scheint Erdogan außerhalb seines Landes zu finden, weniger aber im "eigenen" Land. Denn da sind es potenzielle und aktuelle Terroristen und Verbrecher, die was anderes wollen als er will. Weil die eben nicht den Beweis des Gegenteils erbracht haben.

    Zu früheren Zeiten wurde das Inquisiton genannt. In Zeiten, in denen Medien oftmals Vorboten einer inquisotorischen Denkhaltung sind, scheint diese Unterscheidung abhanden gekommen zu sein, pardon.

  4. 1.

    Irgendwie stink die Angelegenheit gewaltig nach politischer Geiselhaft, vergleichbar mit festgehaltenen ukrainischen Staatsbürgern in Russland, an deren persönliche Integrität aus vernünftiger Sicht keine Zweifel bestehen.

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