Eine Karte des Vereins Mother Hood e.V. warnt Schwangere vor Reisen in Regionen der BRD, in denen die Schwangerschaftsvesorgung und Geburtshilfe nicht gewährleistet ist. (Quelle: Mother Hood e.V.)
Video: 11.7.2017, rbb aktuell, Katrin Hampel | Bild: Mother Hood e.V.

"Reisewarnung" wegen Hebammenmangel - Schwangere sollten Bayern, Berlin und die Küsten meiden

Gebären in den Sommerferien könnte eine einsame Angelegenheit werden. Denn Schwangere sollten lieber zu Hause bleiben, oder zumindest bestimmte Ferienregionen meiden, rät der Elternverein Mother Hood: Fast überall fehlen Hebammen. Von Anke Fink  

Steigende Geburtenzahlen in Deutschland stehen einer immer kleiner werdenden Zahl von Hebammen gegenüber. In den Sommermonaten wird das Problem noch einmal verschärft, weil die wenigen Hebammen selbst im Urlaub und die Geburtsstationen noch überlasteter sind als sonst. Deshalb hat die Berliner Elterninitiative Mother Hood e.V. zu Wochenbeginn eine "Reisewarnung" für werdende Familien veröffentlicht. Sprecherin Katharina Desery sagte: "Schwangere Frauen sollten sich gut überlegen, welche Gebiete innerhalb Deutschlands sie für ihren Urlaub wählen."

Risiko einer Geburt im Autozug

In einer Mitteilung des Vereins heißt es, in Großstädten wie Berlin und München würden viele Kliniken Geburten ohne vorherige Anmeldung nicht mehr annehmen. Demnach werden mitunter sogar Frauen unter Wehen vor Kreißsälen abgewiesen. Sollten sie in einem Krankenhaus aufgenommen werden, müssten sie sich eine Hebamme mit mehreren anderen Müttern teilen.

In vielen anderen Orten Deutschlands gebe es schlicht keine Kreißsäle mehr, wie etwa im bayerischen Alpenvorland. Dort fahre man bis zur nächsten Geburtsstation schon bei normalem Verkehr mehr als 45 Minuten. In Urlaubsregionen wie auf der Insel Sylt gebe es gar kein Personal für Geburtshilfe. Einheimische schwangere Frauen würden gebeten, bereits Wochen vor der Geburt in ein Boarding-House auf dem Festland zu gehen. "Wer hochschwanger nach Sylt fährt, riskiert, sein Kind im Autozug Richtung Festland zu bekommen", so Desery.

Mother Hood appelliert an Hebammen und Kassen

Um den Hebammenmangel zu verdeutlichen, hat die Elterninitiative zur Reisewarnung eine Karte veröffentlicht, die besonders für die deutsche Nord- und Ostsee-Küste, Bayern, Hessen und Berlin tiefrote Kreise anzeigt. Diese sollen andeuten, dort besser nicht hochschwanger Urlaub zu machen. Denn laut Mother Hood e.V. sind das die Regionen mit den größten Engpässen.  

Der Mangel betrifft vor allem Beleghebammen, die freiberuflich tätig sind und von Krankenhäusern engagiert werden. Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbands (DHV) arbeiten in Deutschland rund 1.800 Hebammen als Beleghebammen (Destatis, Grunddaten der Krankenhäuser 2015). Sie führten im Jahr 2015 demnach 140.000 Geburten durch. Insgesamt gab es im Jahr 2016 deutschlandweit bis zu 20.000 freiberufliche Hebammen, die auch die Vor- und Nachsorge der Frauen zu Hause übernehmen.  

Mother Hood-Sprecherin Desery sagte rbb|24, dass sie mit ihrer bewusst sarkastischen Reisewarnung nicht nur auf den Mangel an Hebammen in ganz Deutschland aufmerksam machen wollen. Vielmehr appellieren sie damit auch an die Krankenkassen und Hebammen, eine Lösung in ihrer Auseinandersetzung um neue Verträge zu erzielen.

Nur noch zwei Schwangere gleichzeitig betreuen

Hintergrund ist ein festgefahrener Streit zwischen den Hebammen und Krankenkassen, der seit dem 19. Mai 2017 bei einem Berliner Schiedsgericht liegt. Die Schiedsstelle hat dazu am vergangenen Dienstag getagt, konnte jedoch zum wiederholten Male keinen Entschluss fassen, wie die Sprecherin des Hebammenverband, Nina Martin, rbb|24 schriftlich mitteilte. Derzeit werde an Anträgen gearbeitet. Einen Zeitplan für einen nächsten Termin oder eine Entscheidung seien "aktuell noch nicht absehbar", so Martin weiter.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) will die Vertragsinhalte zwischen den Kassen und freiberuflichen Hebammen ändern. Das betrifft sowohl die Organisation ihrer Arbeit als auch ihre Bezahlung. So sollen die Geburtshelferinnen nicht mehr als zwei Frauen gleichzeitig betreuen. Für jede weitere Schwangere gibt es kein Geld mehr, zumindest nicht von den Kassen. 

Die Forderung der GKV führt den Hebammen zufolge dazu, dass es deutschlandweit über das ganze Jahr hinweg zu wenig Geburtshelferinnen geben wird und damit eine flächendeckende Unterversorgung entsteht.  

Hebammen geben ihre Kontakte nicht weiter

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) ließ in der vergangenen Woche mitteilen, man fürchte, dass freiberufliche Hebammen auch künftig nicht angemessen von den Kassen bezahlt werden. DHV-Präsidentin Martina Klenk erklärte, wenn die fast 20.000 freiberuflich arbeitenden Hebammen in Deutschland angemessen bezahlt würden und ordentliche Arbeitsbedingungen hätten, würde es auch wieder genügend Geburtshelferinnen geben, die im Beruf blieben.

Zumindest reden Kassen und Hebammen miteinander

Die stellvertretende GKV-Sprecherin Ann Marini sagte rbb|24, bei der noch ausstehenden Entscheidung der Schiedsstelle, gehe es um die Anpassung der Einkünfte aller freiberuflichen Hebammen, als Teilgruppe davon gehe es auch um die Situation der Beleghebammen. Es sei nicht so, dass niemand miteinander sprechen würde, so Marini. Die letzte Schiedsstellensitzung sei konstruktiv gewesen. Sie hofft, dass es bald eine Lösung gebe.

Besonders sauer aufgestoßen ist den Hebammen jedoch, dass die Kassen argumentieren, am Mangel hätten die Geburtshelferinnen selbst schuld. Wie es in einer Mitteilung des Spitzenverbandes heißt, sorgen die Freiberuflerinnen angeblich selbst dafür, dass Schwangere sie nicht finden können. Denn ein gutes Fünftel aller Hebammen hat sich demnach gegen eine Weitergabe ihrer Kontaktdaten durch die Kassen an ihre Versicherten ausgesprochen. Die Kassen gehen von etwa 18.000 Hebammen in ganz Deutschland aus. So viele seien zumindest beim GKV registriert, weil sie ihre Leistungen über die gesetzlichen Kassen abrechnen. Ganze 20 Prozent würden sich weigern, ihre Daten weiterzugeben. Das will der GKV-Spitzenverband ebenfalls mit den neuen Verträgen ändern.

Die freiberuflichen Hebammen verteidigen sich damit, dass sie jetzt schon keine Kapazitäten mehr hätten und mit einer Veröffentlichung ihrer Kontaktdaten nur noch mehr Eltern absagen müssten, wie es etwa im Berliner Blog "Von guten Eltern" heißt.

Weniger Beleghebammen in ländlichen Gebieten

Der ausstehende Schiedsspruch könnte für Krankenhäuser, die in ihren Geburtsabteilungen keine fest angestellten Hebammen beschäftigen, sondern mit Beleghebammen arbeiten, einiges ändern. Da auch Landkreise Träger von Kliniken sind, mischen etwa in Bayern nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" die Landräte beim Streit um Hebammen mit. Demnach befürchten sie, durch die Pläne der Kassen würden sich immer weniger Beleghebammen finden, die sich noch im ländlichen Raum niederlassen. Dem Bericht zufolge arbeiten 17,2 Prozent der deutschen Kliniken mit frei beruflichen Geburtshelferinnen.

Beitrag von Anke Fink

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

5 Kommentare

  1. 4.

    Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun.
    Jede Kassenpatientin K-Ö-N-N-T-E eine Hebamme bezahlt bekommen, wenn es diese ausreichend gäbe.

    Nur: wer tut sich das noch an? Wer möchte mit Impfgegner-Eltern, die alles besser wissen und wegen jeder Lapalie klagen zu tun haben? WER?
    Ist doch klar, dass der Beruf unattraktiv ist, alleine wegen der Aussicht, seinen persönlichen Kinderwunsch oder die privaten Interessen ganz hinten anzustellen, weil die Arbeitszeiten (jeder weiß wie lange eine Geburt dauern kann) so lang sind?

  2. 3.

    Ich verstehe die Problematik und sehe sie auch als solche, aber in dem konkreten Fall ist doch alles gut gegangen?! Hat die Dame nichts besseres zu tun mit ihrem neuen Kind als sich durch die Welt zu klagen?

  3. 2.

    Mein Respekt gilt jeder Hebamme, die vor dem Hintergrund der deutschen Gesetzeshebung und den damit verbundenen Haftungsfragen und Versicherungsproblematiken überhaupt noch so wahnwitzig ist, ihren Beruf auszuführen!

  4. 1.

    Seit ewigen Jahren gibt es Hebammen! Warum wird diesem Berufsstand so viel Steine in den Weg gelegt? Hauptsache die völlig unnütze IGEL - Liste wird aktualisiert und am Leben erhalten, damit die Ärzte ihr Zubrot haben! Lieber bezahlen die Krankenkassen Operationen und Rehas, als in vernünftige Vorsorge zu investieren. Soviel zum Thema Sozialstaat, nur noch studierte "Fachidioten", die praktisch keine Erfahrung haben...

Das könnte Sie auch interessieren