Freitagsgebet unter Leitung von Imam und Vorsitzender der Neuköllner Begegnungsstätte NBS Mohamed Taha Sabri Gesellschaft (Quelle: imago/ Christian Schroth)
Video: Abendschau | 18.07.2017 | S. Adamek / J. Goll | Bild: Christian Schroth/imago

Neue Erkenntnisse - Neuköllner Begegnungsstätte steht im Verfassungsschutzbericht

Imam Mohammed Taha Sabri trägt den Berliner Landesverdienstorden. Seine Neuköllner Begegnungsstätte mietet die Moschee-Immobilie von einem Verein, deren Besitzer offenbar Verbindungen zur verfassungsschutzbekannten "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland" hat. Von Sascha Adamek und Jo Goll

Blickt man in die Datensätze der Berliner Behörden, könnte man glauben, dass es zwei Neuköllner Begegnungsstätten gibt: Eine wird von Politikern besucht, ihr Imam wird sogar mit dem Landesverdienstorden Berlins geehrt. Die andere steht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Auch im am Dienstag vorgestellten neuen Verfassungsschutzbericht wird sie erwähnt. Hintergrund seien seine Verbindungen zur "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland" (IGD), die die "mitgliederstärkste Organisation" von Anhängern der Muslimbruderschaft sei.

Einer exklusiven Recherche des rbb zufolge gibt es finanzielle Verbindungen der Neuköllner Begegnungsstätte in das Umfeld der IGD. Offenbar gibt es beim Vermieter der NBS personelle Überschneidungen zur Gemeinschaft - einer Vereinigung, die ebenfalls vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet wird. Sie gilt in Deutschland als die mitgliederstärkste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft.

Grundstückskauf mit Hilfe einer hochrangigen IGD-Funktionärin

Das Grundstück in der Flughafenstraße 43 wurde kurz vor der Vereinsgründung der NBS im Jahr 2007 vom "Verband Interkultureller Zentren" (VIZ) für 550.000 Euro erworben. Den Kaufvertrag schloss auf Käuferseite eine Frau namens Houaida Taraji aus Neuss ab, die vor dem Notar angab, als Bevollmächtigte im Auftrag des "Verbands Interkultureller Zentren zu handeln." Gleichzeitig war Houaida Taraji damals Vizepräsidentin der IGD – jener Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Die Begegnungsstätte mietete die Immobilie auf dem 1.000 Quadratmeter großen Grundstück vom VIZ - für eine unterdurchschnittliche  Monatsmiete von 700 Euro, wie sich aus einem Jahresabschluss von 2014 ergibt, den das Zentrum dem rbb zur Einsicht überlassen hat.

Vorsitzender beim Vermieter VIZ ist Samir Falah, gleichzeitig Präsident der IGD. Er bestätigte dem rbb die geringe Miete auf Anfrage. Häufig nehme man "symbolische Mieten", für den Unterhalt kämen dann Vereine auf, sagt er zur Begründung.

Mohamed Taha Sabri im Gespräch (Quelle: rbb)
Imam Mohammed Taha Sabri | Bild: rbb

Mohamed Sabri sagt zu den möglichen Verbindungen zur muslimbrudernahen IGD: "Unser Verein hat damit nichts zu tun!" Er zieht den Vergleich zu jemandem, der in einer Immobilie wohne, die der CDU oder SPD gehöre: Der müsse auch nicht automatisch Parteianhänger sein.

Die IGD jedenfalls scheint den Berliner Imam sehr wertzuschätzen, denn 2015 sprach sie ihm ausdrücklich während ihres Jahrestreffens Glückwünsche zur Verleihung des Landesverdienstordens Berlin aus.

Islamismusexperte vermutet Nähe zur Muslimbruderschaft

Für den Ex-SPD-Abgeordneten und Islamismusexperten Erol Özkaraca war der gemeinsame Auftritt von Mohamed Taha Sabri mit dem Regierenden Bürgermeister Müller der Grund, die SPD zu verlassen. Er vermutet eine Nähe zwischen dem Neuköllner Verein und der Muslimbruderschaft und sieht sich durch die rbb-Recherche bestätigt.

Özkaraca war lange genug Abgeordneter in Berlin-Neukölln, um zu wissen, was Muslimbruderschaft für Deutschland bedeutet: "Sie wollen eine andere Werteordnung nach der Scharia, sie wollen nicht, dass hier alle Menschen freiheitlich leben und damit behindern sie die Integration."

Was hält Mohamed Taha Sabri von der Muslimbruderschaft, fragen wir. "Was heißt, was halte ich davon? Das ist eine Gruppierung, die außerhalb von Europa und Deutschland existiert", sagt Sabri: "Wir leben in einer anderen Realität, in einer anderen Gesellschaft, wir haben eine andere Situation, wir haben andere Probleme."

Gründung des Fatwa-Ausschusses Deutschland in Berlin

Aber immerhin fanden sich viele muslimbrudernahe und andere islamische Vertreter aus diversen Ländern fast unbemerkt von der Öffentlichkeit in Berlin zur Gründung des Fatwa-Ausschusses Deutschland am 12. März 2016 in Berlin ein: Der muslimbrudernahe European Council of Fatwa and Research erhielt damit ein deutsches Pendant. Fatwas sind von islamischen Gelehrten getroffene Rechtsurteile. Muslime können sich Rat und Hilfe suchend an solche Organisationen wenden, deren Einfluss von Sicherheitsbehörden mitunter als problematisch eingeschätzt wird, weil sie vor allem junge Menschen im Sinne eines sehr konservativen Islambildes lenken.

Zum Ort der historischen Versammlung – und auch das blieb öffentlich unbemerkt – wurde die Dar-as-Salam-Moschee alias Neuköllner Begegnungsstätte gewählt, sowie ein nahegelegenes Hotel.  

Auf einer Facebook-Seite listet der neu gegründete Fatwa-Ausschuss Gelehrte aus dem In- und Ausland auf, die der Neugründung beiwohnten: Ilhan Belgu (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş), Mustafa Dadas (DITIB), Khaled Hanafi, Vorsitzender des neuen Fatawa-Ausschusses, Ali al-Qaradaghi, Vorsitzender der International Union of Muslim Scholars IUMS aus Katar, Abdullah Al-Godeia (Europäischer Fatwa-Ausschuss), Omar Abdel-Kafi aus Ägypten, Scheich Nehat Abdul Quddus (IGMG) und Hussein Halawa (Europäischer Fatwa-Ausschuss). Die Liste ist beeindruckend, zumal erstmals auch der - lange Zeit von der deutschen Politik als offener Dialogpartner geschätzte türkische DITIB-Verband - einbezogen war.

Sabri: Treffen diente der Koordination von Gebetszeiten

Als wir Mohamed Sabri nach dem Fatwa-Ausschuss-Deutschland fragen, erklärte er, das hochkarätige Treffen habe lediglich der Koordination von Gebetszeiten gedient: "Das war eine Veranstaltung zur Einhaltung der Gebete in Deutschland. Es geht darum, dass nicht eine Moschee das Mittagsgebet um zehn nach eins, die andere es um halb zwei hält. Die Nachtgebete bei den einen um elf, die anderen um halb zwölf. Dass wir eine Linie zusammen finden."

Dass dort auch der Chef der islamistischen International Union of Muslim Scholars aus Katar angereist war, erklärt Sabri wie folgt: "Was die theologischen Fragen betrifft, ist das ein Spektrum, wo sich die Muslime überschneiden. Mit vielen Organisationen haben wir keine politische oder organisatorische Zusammenarbeit. Aber am Ende, wenn es die Theologie betrifft, haben wir eine theologische Linie, wo wir uns überkreuzen."

Islamismus-Expertin ist misstrauisch

Die Islamismus-Analystin Sigrid Herrmann-Marschall sieht das anders. Sie beobachtet islamistische Netzwerke seit langem und kommt dank ihrer Vorträge für Fortbildungsveranstaltungen viel herum. Die Ergebnisse ihrer Analysen publiziert sie auf ihrem Blog "Vorwärts und nicht vergessen".

Herrmann-Marschall stieß als Erste auf das hochrangige Treffen in Berlin-Neukölln und schrieb: "Mittelfristig darf man von diesem Zusammenschluss Weisungen für durchaus erhebliche Teile der muslimischen Community erwarten. Liberale Ansätze werden das nicht sein. Es wird eher dazu dienen, genau den liberalen Islam in Deutschland und Europa mit vereinter Kraft zurückzudrängen."

Sollen Muslime Weihnachten feiern?

Mit dieser Einschätzung könnte sie richtig liegen: Bereits die ersten Einträge auf der neuen Webseite des deutschen Fatwa-Ausschusses fatwa.de weisen darauf hin.

In einer Fatwa geht es um die Frage, ob ein Muslim sich am Weihnachtsfest beteiligen sollte oder nicht. Die Antwort der Gelehrten fällt eindeutig aus: "Wir sind derselben Meinung wie Sie, was die Abwehr des Mitfeierns von Muslimen der religiösen Feste der Polytheisten und Leute des Buches angeht, ebenso wie wir es (leider) beobachten, dass einige unachtsame Muslime Weihnachten feiern." Integrationsfördernd sind solche Fatwas jedenfalls nicht.

Geisel kritisiert "Radikalisierung als schleichendes Gift"

Der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) wies im aktuellen Verfasssungsschutzbericht ausdrücklich auf die Gefahren durch den sogenannten "legalistischen Islamismus hin". Zwar sei der Salafismus noch immer die "dynamischst wachsende Bestrebung". Geisel kritisierte aber die "Radikalisierung als schleichendes Gift", die auch in den "Hinterzimmern, sich vordergründig fortschrittlich und weltoffen gebender Moscheen legalistischer Islamisten verabreicht" werde.

Sendung: Inforadio, 18.07.2017, 06.48 Uhr

Beitrag von Sascha Adamek und Jo Goll (Redaktion Investigatives und Hintergrund)

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Nachtrag:
    Sinnvoller wäre es, wenn dieses Geld für ihre notleidenden Glaubensschwestern und -brüder ausgegeben würde, z.B. für die Unterstützung von Flüchlingen aus dem Irak und aus Syrien, für medizinische Hilfen im Jemen usw.. Dafür sind dann natürlich wieder mal die Ungläubigen zuständig, wo laufend von Hilfsorganisationen Geld gesammelt wird.

  2. 3.

    Na bitte nun haben wir den Salat.
    Keiner der Herrschaften in der Politik wollte es und will es war haben .Mit
    der Anzahl der Musleme die bei uns
    leben ,steigt auch unweigerlich die
    Zahl der Islamisierung!
    Wir gehen sehendes Auge langsam
    aber sicher furchtbaren Zeiten entgegen.

  3. 2.

    Na bitte nun haben wir den Salat.
    Keiner der Herrschaften in der Politik wollte es und will es war haben .Mit
    der Anzahl der Musleme die bei uns
    leben ,steigt auch unweigerlich die
    Zahl der Islamisierung!
    Wir gehen sehendes Auge langsam
    aber sicher furchtbaren Zeiten entgegen.

  4. 1.

    >> Neuköllner Begegnungsstätte bleibt unter Beobachtung <<
    Meine Interpretation der Überschrift: ... Man schaut weiterhin lediglich zu.

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