ILLUSTRATION- Schüler auf einem Schulhof (Quelle: dpa/Julian Stratenschulte)
Video: Abendschau | 19.07.2017 | Sascha Adamek / Jo Goll | Bild: dpa

rbb exklusiv - Lehrer klagen über Antisemitismus auf Berliner Schulhöfen

"Du Jude" als gängige Beschimpfung oder Koranlehrer, die das im staatlichen Unterricht Gelernte überprüfen: Berliner Lehrer berichten in einer Umfrage, dass Antisemitismus und Islamismus sich unter ihren Schülern immer mehr durchsetzen. Von Sascha Adamek und Jo Goll

Antisemitismus und Salafismus unter Schülern mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund gehören zum Schulalltag. Zu diesem Befund kommt eine qualitative Befragung von Lehrerinnen und Lehrern an 21 Berliner Schulen, die dem rbb vorliegt.

Befragung an 21 Berliner Schulen

Ein Großteil der befragten Lehrerinnen und Lehrer in Berlin wurde schon mit antisemitischen Vorfällen konfrontiert. Einige Schüler würden unter Anleitung "religiöser Autoritäten“ aus Moscheevereinen Druck auf Mitschüler ausüben. Leidtragend seien vor allem Mädchen und junge Frauen, säkulare Muslime und Homosexuelle.

Um ein Stimmungsbild zu ermitteln, hatte das American Jewish Committee (AJC) parallel zum Berliner Modellprojekt "Demokratie stärken – Aktiv gegen Antisemitismus und Salafismus" eine Studie vorgelegt, in der Interviews mit Lehrkräften von Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 dokumentiert wurden. Demnach verstärken sich an den Schulen insbesondere antisemitische Tendenzen.

Bei der Untersuchung hatte man in Kooperation mit dem "Landesinstitut für Schule und Medien in Berlin Brandenburg" Lehrkräfte aus 21 Schulen in acht Berliner Bezirken im Sekundarbereich befragt. Darunter waren Schulen mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund - aber auch Schulen in sehr bürgerlichen Gegenden. Die Verfasser betonen, dass es sich bei der Umfrage um keine repräsentative Untersuchung der Gesamtsituation an Berliner Schulen handelt, sondern vielmehr um eine empirische Annäherung an das Thema.

Es wurde festgestellt, dass antisemitische Stereotype und Feindbilder laut Aussagen der befragten Lehrkräfte an einigen Schulen stark präsent sind.  Auf Schulhöfen sei es gang und gäbe, sich gegenseitig als "Du Jude!" zu beschimpfen.

Islamische "Moralwächter" in der Schülerschaft

In der AJC-Dokumentation wird berichtet, dass sich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund früher eher über ihre ethnische Zugehörigkeit definiert hätten, heute dagegen eher mit ihrer Religion. Lehrer sagten aus, dass diese Identifikation gleichzeitig eine Abgrenzung und Ablehnung anderer beinhalte. So haben laut der Untersuchung einige Pädagogen in den Gesprächen zu dieser Studie sogar wörtlich von "Moralwächtern" gesprochen, die von "religiösen Autoritäten" geschult worden seien und in der Schule gelehrte Inhalte später überprüfen würden.

Gleichzeitig maßregeln laut der Aussage eines Lehrers diese "Moralwächter" auch andere Schüler, worunter vor allem säkular lebende muslimische Schüler, Andersgläubige und Atheisten litten. In der Dokumentation heißt es zum Einfluss von Moscheevereinen: "Einige der Befragten berichteten von einer 'Überprüfung' des Schulstoffs durch religiöse Autoritäten wie Koranlehrer oder Moscheen. Mitunter würden die Aussagen dieser Institutionen von Schülern höher gewichtet." Ein Pädagoge habe gesagt: "Wir haben mittlerweile so eine Art Parallelbildung. Wir haben einerseits das, was in der Schule offiziell unterrichtet werden muss und dann haben wir bei vielen Schülern eben Moschee-Besuche, Moschee-Vereine, die da Einfluss nehmen."

Lehrer beklagen Gehirnwäsche in Koranschulen

In der AJC-Befragung berichtet ein Lehrer, dass er seit 15 Jahren beobachte, dass einige Schüler regelmäßig die Berliner Al Nur-Moschee besuchen: "Wir fragen uns, wie geschickt die Gehirnwäsche ablaufen muss, damit die Schüler so schnell so antiwestlich, so antiamerikanisch sowieso, aber auch antisemitisch werden. Wir müssen da mit aller Kraft dagegensteuern - und es gelingt uns auch bei einigen, aber nicht bei allen."

Michael Rump-Räuber vom Landesinstitut für Schule und Medien leitet als Vertreter des LISUM gemeinsam mit dem AJC das Projekt "Demokratie stärken - Aktiv gegen Antisemitismus und Neo-Salafismus". In diesem Zusammenhang erhält er regelmäßig Rückmeldungen von Lehrkräften. Er erinnert sich an Aussagen von Lehrkräften nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Es hätten unter einigen Schülern sogleich Verschwörungstheorien die Runde gemacht, denen zufolge das Ganze eine Inszenierung der Juden und der USA und der Attentäter Amri ein CIA-Agent sei, der Hass auf Muslime schüren wolle. "Ich habe den Lehrerinnen und Lehrern, die wir befragt haben, dann geraten: Reden Sie mit den Schülerinnen und Schülern, erklären sie die Sachverhalte", berichtet Michael Rump-Räuber. "Unser Institut setzt sich seit Jahren mit den Problemen des Antisemitismus und Extremismus auseinander." Man habe dazu zahlreiche Materialien entwickelt und Fortbildungen durchgeführt.

Das Land Berlin hat das Problem also schon vor Längerem erkannt und arbeitet an Lösungen für die Ausbildung von Pädagogen. Deidre Berger, die Direktorin des American Jewish Committee sagt, die Befragung habe vor allem gezeigt, dass es sich "nicht mehr um Einzelfälle" handele. Gleichzeitig warnt sie vor einer anderen, "neuen Stigmatisierung" Jugendlicher und spricht sich für einen Dialog in Schulklassen über den Nahost-Konflikt, über Israel und die Juden aus. Ein Ergebnis der Dokumentation ist aber auch, dass viele Lehrkräfte diese mitunter unangenehmen Dialoge vermeiden.

Religiöser Druck auf Mädchen nimmt zu

Mehr als die Hälfte der befragten Pädagogen schilderte in den Interviews zudem, dass Druck besonders auf Mädchen dahingehend ausgeübt werde, dass sie einem bestimmten Religionsbild entsprechen sollen. Aber auch andere Gruppen der Schülerschaft leiden unter dieser Entwicklung. Michael Rump-Räuber erinnert sich an Lehrerinnen und Lehrer, die berichten, dass Homosexualität zum Beispiel als Krankheit gesehen und nicht toleriert werde.

Die Schilderungen aus der Befragung beruhen auf authentischen Aussagen von Pädagogen aus Berliner Schulen. Sie sind bislang einmalig und machen klar, wie zwingend eine umfassende wissenschaftliche Studie zu diesem Thema wäre. Denn die Lehrkräfte fühlen sich häufig hilflos. Der Dokumentation zufolge wünschen sich die Lehrkräfte in aller Regel mehr Unterstützung und Strategien im Umgang mit diesen Phänomenen im Schulalltag.

Sendung: Abendschau, 19.07.2017, 19.30 Uhr

Beitrag von Sascha Adamek und Jo Goll, Redaktion Ivestigatives und Hintergrund

Kommentar

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103 Kommentare

  1. 103.

    Die Israelis verhalten sich wie die Axt im Walde und wundern sich über den steigenden Antisemitismus.Die Medien sollten mal viel israelkritischer berichten.

  2. 101.

    Stimmt. Links waren immer die Guten. Von Lenin über Stalin, Mao, Pol Pot, Kim Il Sung. Sie waren und sind bis heute die Guten.

  3. 100.

    Die werden das dialektisch perfekt erklären.
    Eines können Linke und Grüne wirklich gut: Leute mit absolutem Schw... zu Tode schwafeln.

  4. 98.

    Finde ich cool, dass Volker Beck Chef der Deutsch-israelischen Parlamentariergruppe ist. Seine sonstigen bekannten Beschäftigungen prädestinieren ihn ja genau dazu.

  5. 97.

    @ Cicero47
    >Wenn man d. Kids radikale (Fehl-)Übersetzungen d. Koran vorsetzt und behauptet, d. Text stamme direkt v. Gott/Allah, braucht man sich über d. "Überzeugungskraft" nicht wundern!<

    Seit wann wird in Koranschulen der Koran auf deutsch den moslemischen Kindern non koedukativ vermittelt?

  6. 96.

    Wenn man den Kids radikale (Fehl-)Übersetzungen des Koran vorsetzt und behauptet, der Text stamme direkt von Gott/Allah, braucht man sich über die "Überzeugungskraft" nicht wundern!
    (Ein interessanter Kontrast dazu ist die Koran-Übertragung von Muhammad Asad, die eine ausgesprochen angenehme Version bietet, die sich offenbar auf den ursprünglichen Wortsinn vor 1400 Jahren bezieht und dies in Kommentaren ausführlich begründet!)

  7. 95.

    Sie mögen keine Moslems, das ist offensichtlich.

    Leider liefern Ihre Kommentare keine Basis für eine wirklich gewinnbringende Diskussion.

    "Der böse Islam" ist entschieden zu wenig.

    In Schweden ist die Welt nach wie vor in Ordnung, und Japan? Na ja, Paradies geht anders.

    Nein, völkische Homogenität ist eine rechtsideologische Schimäre.

  8. 94.

    Da gibts eine Menge Länder, denn die Homogenität ist eher die Regel. Nehmen Sie Schweden, als die Welt noch in Orndung da war, also VOR der Zuwanderung. Nehmen Sie Thailand - bis auf den z.T. moslemischen Süden (da ist es auch gefährlich)
    Oder Japan?

  9. 93.

    Hoppla - sollte die Presse nun wirklich langsam aufhören, sich die Einwanderung und den Islam schönzureden?

  10. 92.

    Schon vor vierzig Jahren mussten die Synagogen in Berlin rund um die Uhr von der Polizei bewacht werden. Da war "islamischer Antisemitismus" noch überhaupt kein Thema. Die Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen tragen auch keine arabische oder türkische Handschrift.

    Und all die netten Bekannten, die so ihre Meinung über die Juden im allgemeinen und im besonderen und über ihre Weltherrschaftsbestrebungen usw. haben, das sind auch alles keine Moslems.

  11. 91.

    >> Damit wir uns nicht wieder falsch verstehen: Kleidervorschriften sind für mich Gängelung und jeder der einer solchen Vorschrift nachkommt sollte sich bewusst sein, dass sein Leben um einiges ärmer geworden ist.<<

    Auch etwas NICHT tragen zu dürfen ist eine Kleidervorschrift.

    Und ja, die Balance zwischen notwendigen Regeln und schikanöser Gängelung zu finden ist gerade in einer emotional derart aufgeheizten Situation nicht einfach.

    Es ist nicht leicht, bei all dem Gebrüll einen kühlen Kopf zu bewahren.

  12. 90.

    "Irgendwelche Begründungen und Entschuldigungen interessieren mich nur insofern, als ich sie als das entlarve, was sie sind:

    Totaler, irrelevanter Quatsch."

    Wenn wir noch die Balance zwischen 'Kind aus dem Brunnen fischen' und 'Gängelung' finden, können wir Freunde werden. Damit wir uns nicht wieder falsch verstehen: Kleidervorschriften sind für mich Gängelung und jeder der einer solchen Vorschrift nachkommt sollte sich bewusst sein, dass sein Leben um einiges ärmer geworden ist.

  13. 89.

    unfassbar! da glauben sich polititiker raus zu nehmen über "neue" regeln urteilen zu können! jeder, wirklich jeder wusste was auf uns zu kommt!!

  14. 87.

    Ich glaube, Sie mißverstehen mich.

    Natürlich plädiere ich für klare Regeln. Aber nur da, wo sie wirklich nötig sind.

    Und aus welchem angenommenen oder tatsächlichen kulturellen Hintergrund heraus Antisemitismus oder Schwulenfeindlichkeit gelebt wird, ist mir herzlich egal.

    Denn:

    Das geht nicht und Punkt.

    Irgendwelche Begründungen und Entschuldigungen interessieren mich nur insofern, als ich sie als das entlarve, was sie sind:

    Totaler, irrelevanter Quatsch.

  15. 86.

    Was soll wie funktionieren? Tu keinem anderen was an, dass du für dich selbst ablehnst. Das ist Arbeit. Tägliches Bemühen. In der Menschen Geschichte sollen ca. 400 Jahre gelungene Demokratie gelebt worden sein. Fügen wir noch mehr dazu. Anregung: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/do-it-yourself-wie-man-revolutionen-macht

  16. 85.

    Werter Herr Rannenberg,

    ich bewundere Ihre Energie und Ihren Einsatz für eine gute Sache. Es sollten viel mehr Menschen Engagement zeigen. Bei all dem meine ich, dass Sie das Ziel nicht aus den Augen verlieren sollten, was 'im Eifer des Gefechts' schon mal passieren kann.

    "Je mehr Vorschriften Sie Teenagern machen, desto trotziger und rebellischer werden sie. Man sollte es deswegen vermeiden, sich an Äußerlichkeiten wie Kleidung u.ä. abzuarbeiten. Man sollte sich auf das Wesentliche, also die Grundregeln unserer Demokratie, beschränken."

    Bei allem Einsatz für ein ordentliches Zusammenleben von Jugendlichen unterschiedlicher Kulturen vergessen Sie, dass Jugendliche klare Regeln brauchen. Kinder und Jugendliche testen aus, was sie sich erlauben können. Ohne Schranken passiert das, was hier in dem Artikel beanstandet wird.

    Wenn Jugendliche religiöse Werte missachten, ist das schlimm und es ist einzugreifen. Wenn dies aus der eigenen 'Kultur' heraus erfolgt, ist dies schlimmer.

  17. 84.

    >>Antwort auf [Christian Rannenberg ] vom 19.07.2017 um 18:43
    Erdulden und dabei die Schuld bei sich selbst suchen, das ist der links/grüne Weg zum Umgang mit importierter Gewalt durch Angänger einer ganz bestimmten Ideologie.

    Den Preis für soviel absurde Güte zahlen Juden, Mädchen/Frauen und Homosexuelle. Aber heyyyy - immer schön tolerant bleiben...<<

    Ja gut.

    Meine jüdischen Wurzeln habe ich ja schon bekannt gemacht.

    Nun werde ich mich weiter outen.

    Denn homosexuell bin ich auch noch.

    Und schreibe hier unter Klarnamen, verstecke mich also nicht.

    Meine Nachbarn in Neukölln machen mir keine Angst.

    Aber selbsternannte Fürsprecher meiner Sache, die dies mit persönlichen Diffamierungen derer, in deren Namen sie vorgeblich reden, verbinden, denen traue ich keine fünf Meter weit.

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