Symbolbild: Zwei Ärzte bei einer Operation (Quelle: imago/Westend61)
Video: Abendschau | 06.08.2017 | Norbert Siegmund | Bild: imago/Westend61

Brandbrief der Charité-Mitarbeiter - Pfleger und Ärzte kritisieren neuen OP-Trakt als gesundheitsgefährdend

Die Charité-Pflegekräfte wollen am Dienstag streiken. Es geht dabei um mehr Personal, aber auch um Kritik am neuen OP-Trakt. Dieser sei gesundheitsgefährdend, beklagen 160 Ärzte und Pfleger nun in einem Brandbrief. Von Norbert Siegmund

Bereits im April gab es Klagen, dass der neue OP-Trakt der Charité zu klein sei. Zuvor hatte die landeseigene Universitätsklinik das sanierte Bettenhaus und den neuen OP-Trakt mit angeschlossener Rettungsstelle in Betrieb genommen. Nun haben rund 160 Pfleger und Ärzte einen Brandbrief unterzeichnet. Unter anderem beklagen sie die Hygienestandards. Weiter heißt es: "Im Notfall kommen wir nicht an die benötigten lebensrettenden Geräte." Außerdem: "Die Patientensicherheit wird aus pflegerischer Sicht täglich gefährdet." Weil die Klinikleitung seit Monaten nicht reagiert, wollen Charité-Mitarbeiter am Dienstag streiken.

Aus Angst vor negativen Konsequenzen spricht eine Pflegerin nur anonym: "Jeder von uns hat Angst davor, dass er Fehler macht, weil man sich wenig konzentrieren kann, weil Platz fehlt und die Wege zu lang sind. Das ist die Angst, dass es zu irreparablen Fehlern kommt oder sogar zu tödlichen."

Auf die Bitte um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen hat die Charité dem rbb nicht geantwortet.

Auf die Bitte um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen hat die Charité dem rbb nicht geantwortet.

Keine gesonderten Vor- und Nachsorgeräume

Pfleger und Ärzte beklagen im neuen OP-Bereich Fließbandarbeit und zu wenig Personal. Ein Beispiel: Früher hatte jeder OP einen Warteraum, wo Patienten vorbereitet wurden. Außerdem einen Nachsorgeraum, um medizinisches Gerät oder verschmutzte Wäsche zu entfernen, bisweilen auch zum beobachteten Aufwachen. Doch auf gesonderte Vor- und Nachsorgeräume wurde nun verzichtet.

Der neue OP-Komplex hat einen Raum, der von den Pflegern "Wartehalle" genannt wird. Hier werden für zwölf Operationssäle sowohl frisch Operierte untergebracht als auch jene, die noch auf den Eingriff warten - manchmal nur durch Vorhänge oder Stellwände getrennt. "Jeder bekommt alles mit. Jeder ist aufgeregt vor der Operation und bekommt nun mit, dass wenig Personal für die frisch Operierten da ist", erklärt die Pflegerin. "Auch hat keiner von den Pflegern Zeit, sich um die Patienten, die auf die Operation warten, zu kümmern, mit ihnen zu sprechen, vielleicht Ängste zu nehmen. Das ist in Notfallsituationen natürlich belastend. Viele Patienten macht das ängstlich, andere weinen. Es sind schon welche deshalb aufgestanden und einfach gegangen."

Pfleger und Ärzte drohen mit Überstundenboykott

Zudem lauerten in den sogenannten Wartehallen weitere Risiken, kritisiert die Pflegerin. "Gesundheitsgefahren sehen wir, weil Patienten, die multiresistente Keime haben und früher im OP aufwachen durften, nun mit den anderen in der Aufwachhalle liegen. Die betreuen wir, indem wir einen extra Kittel und Handschuhe überstreifen. Aber die Betten stehen aus unserer Sicht viel zu dicht. Die Wäsche dieser Patienten wird auf den Fluren vor den OP-Sälen gelagert, nicht im OP, wie das früher war. Wir sehen da Ansteckungsgefahr."

Nun drohen Pfleger und Ärzte mit Überstundenboykott, mit Dienst nach Vorschrift und mit Streik. Um der Sicherheit der Patienten und ihrer Berufsehre willen, betont die Pflegerin.

Beitrag von Norbert Siegmund

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

15 Kommentare

  1. 15.

    Genau dies möchte ich unterstreichen! Exakt dies war schon meine Erfahrungen bis zu meinem Ausstieg aus dem Klinikbetrieb 2003. Das sind schon 14 Jahre her. Wenn ich mir die Entwicklung so ansehe bin ich heilfroh über meine Entscheidung damals.

  2. 14.

    Die Berufsbezeichnung lautet: Gesundheits- und Krankenpfleger / in

  3. 13.

    Die Entwicklung ist nicht neu, sie war vielmehr schon einige Jahre absehbar. Aber wenn eine gelernten Pflegeleiterin ausgesondert wird und stattdessen drei "Manager" eingestellt werden, muss zwangsläufig am wirklich arbeitenden Personal gespart werden. Und wenn es zur Policy gehört, dass OP-Schwestern mit über 20 Jahren Erfahrung nach Ablauf von zwei Jahresverträgen nicht mehr verlängert werden, weil dann ja ein unbefristeter Vertrag folgen müsste, stattdessen wieder neues Personal für zwei Jahresverträge gesucht wird (Zitat aus einem Personalgespräch: "Als OP-Schwester taugt jeder von der Straße"), dann wundert es nicht, dass niemand dort arbeiten möchte, zumal die Arbeitsbedingungen himmelschreiend sind. Es fehlt an Ruheräumen, oft stehen die OP-Kräfte 10+ Stunden am Tisch, können keine Notdurft verrichten und werden dann ohne Pause in die nächste OP geschickt. Zeit zum qualifizierten Vorbereiten bleibt da nicht, es ist Arbeit am Fließband unter absolut unzureichenden Bedingungen.

  4. 12.

    In der Tat eine ungeführte Diskussion:
    In einer Gesellschaft, in der jede Möglichkeit gefälligst auch ausgeschöpft werden muss, bedeutet die Zunahme von Möglichkeiten eine Inflation gemeldeter Ansprüche.

  5. 11.

    Sie halten die beschriebene Massenabfertigung in der "Wartehalle" und die hygienischen Defizite - alles in allem Dinge, die mehr an ein Entwicklungsland erinnern als an eine (selbsternannte) Superspitzenklinik, die auch international ganz oben mitspielen will - für hinnehmbar, wenn es denn der "Kostendämpfung" dient? Was machen Sie, wenn Sie das nächste Mal krank sind? Sich beim Arzt erstmal erkundigen, ob eine Behandlung nicht zu teuer käme und sich das überhaupt noch lohnen würde?

    Es dürfte doch noch ordentlich EInsparpotential geben, das auf Kosten von Leuten geht, die viel Geld mit dem Gesundheitssystem machen, nicht auf Kosten der Kranken.

  6. 10.

    Liegt ja vielleicht auch daran, dass alle Abgaben steigen und reziprok proportional die Leistungen gekürzt werden. Da erwähne ich nur mal die Schlagwörter Zahnersatz, Brille, Zuzahlung, Eigenanteil usw.

    Und im Übrigen finde ich sowieso, dass Ärzte und das gesamte Pflegepersonal unterbezahlt sind. Wer will denn von einem Arzt operiert werden, der schon 36 Stunden im Dienst ist...aber da geht unser Geld ja auch nicht hin!

  7. 9.

    Über nichts wird in Deutschland mehr geklagt und geschimpft wie über steigende Sozialabgaben und auch bei den Steuern sind alle nur mit dem Gedanken und Tun beschäftigt, wie der Staat möglichst wenig bekommt. Wer also soll die immer weiter steigenden medizinischen Möglichkeiten für jeden bezahlbar halten?
    Diese Diskussionen werden meist gemieden und man regt sich nur gern moralisierend auf.

  8. 8.

    Da heißt es jetzt aber schnell nachrüsten und mehr Personal. Ich habe noch die alten Zustände erlebt. Die waren OK.

  9. 7.

    Landeseigene Klinik - die Wählerinnen und Wähler haben eben andere Prioritäten. Der Wählerwille muss respektiert werden. Die Unfähigkeit der Regierung im Land Berlin ist demokratisch legitimiert. Man wusste das vorher.

  10. 6.

    Schlimm, dass es in Deutschland für jeden Pups eine Richtlinie und Normen gibt aber hier offensichtlich nicht.

  11. 5.

    Ich frage mich bei Neubauten und gravierenden Umbauten sowieso, was die bezeichneten Kenngrößen der Planung sind. Das scheint mir mehr eine abstrakte Erfüllung von gesetzlichen Regelungen zu sein als dass es von einer lebendigen Anschauung ausginge. Wer ein Krankenhaus jemals von innen gesehen und das darinnen auch empfunden hat, kommt auf jeden Fall nicht auf derartige Planungen, die jeglichem psychologischen Grundwissen offensichtlich Hohn sprechen.

    Vielleicht sollte den Planenden in den Ämtern als auch den Architekten zur Auflage gemacht werden, ein halbes Jahr vor Erstellung des ersten Entwurfs einen halben Tag im entsprechenden Haus bzw. auf dem entsprechenden Areal verbracht zu haben und hinterher, nach Fertigstellung, noch einmal das Gleiche. - Ggf. zur Korrektur.

  12. 4.

    Ja, da wird einem Angst und Bange, wenn man so etwas liest. Meine Frau muss alle halbe bis dreiviertel Jahre zur OP in die Charité und berichtet regelmäßig von den dortigen Zuständen. Schon in der Zeit als das Bettenhaus modernisiert wurde, war es eine Katastrophe. Man kam nicht erst auf Station, um von dort in den OP geholt zu werden...nein man musste sich in einem OP-Vorbereitungszentrum melden. Dort entledigte man sich vor einem Spint seiner Habseligkeiten, bekam sein OP-Hemd und dann ging es auf die Pritsche. Fließbandarbeit vom Feinsten... Tja und jetzt mit dem neuen OP-Trackt ist's tatsächlich nur noch ein Graus! Zwei Stunden vor dem OP zu warten in diesem sogenannten Warteraum läßt keinen kalt und zweieinhalb Stunden danach, weil einfach Personal fehlt, sind einfach eine Zumutung sonders gleichen. Da will man am liebsten sofort das Haus verlassen. Meine Frau ist jedes Mal richtig fertig mit den Nerven und das schon vor der Op, also zu Hause.

  13. 3.

    Ach du Scheisse da wird ja jede OP zum Horrortrip

  14. 2.

    Dies sind die Folgen wenn das Gesundheitswesen immer mehr unter Kostengesichtspunkten gesehen wird. Berlin
    liegt bereits beim Hygienepersonal von allen Bundesländern nach Bremen auf dem zweitschlestesten Platz.
    Man muss es ganz deutlich sagen: In Deutschland sterben jedes Jahr mehrere tausend Menschen (die Statistiken gehen hier weit auseinander) weil entweder unnötig bzw. falsch bzw. zu oberflächlich bzw. nicht explizit gründlich untersucht bzw. behandelt bzw. operiert wird.
    Man kann nur alle aufrichtigen Journalisten eindringlich bitten hier unbestechlich, intensiv zu recherchieren bzw. aufzudecken!
    Traurige Tatsache ist:
    Es sterben Menschen auch aus Kostengründen!

  15. 1.

    Dass es bei neuen Investitionen zu solchen Zuständen überhaupt kommen kann, ist etwas, was man nur als Schlamperei betiteln kann. Wer zahlt am Ende die Zeche? Der Steuerzahler. Finanziell und (statistisch gesehen) wohl gesundheitlich..
    In Zeiten des BERs ist dies sehr kritisch zu sehen..

Das könnte Sie auch interessieren