rbb-Reporter Klaas-Wilhelm Brandenburg macht als Testperson bei der Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz mit (Quelle: rbb|24/John Hennig)
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Video: rbb|24 | 01.08.2017 | John Hennig | Bild: rbb|24/John Hennig

Pilotprojekt zu Videoüberwachung - Ab jetzt erkennen Kameras Gesichter am Südkreuz

"Bitte recht freundlich", heißt es ab jetzt am Berliner Bahnhof Südkreuz: Dort wird eine Software zur Gesichtserkennung getestet. Die Datenschutzbeauftragte kritisiert den Versuch – wer anonym bleiben will, kann den Kameras aber aus dem Weg gehen. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Sie sehen nicht anders aus als die Überwachungskameras, die man schon etliche Male in Bahnhöfen und auf öffentlichen Plätzen gesehen hat. Doch die blauen und weißen Aufkleber und Plakate in der Westhalle des Berliner Bahnhofs Südkreuz machen deutlich, was anders ist: Durch eine spezielle Software können die Kameras Gesichter erkennen und zuordnen. Um herauszubekommen, wie zuverlässig diese Technik funktioniert, startet am Dienstag ein halbjähriger Pilotversuch von Bundespolizei, Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn.

Bei der "Erprobung intelligenter Videotechnik zur Gesichtserkennung", so der offizielle Titel, geht es aber nicht um die Gesichter aller etwa 100.000 Menschen, die den Bahnhof Südkreuz Tag für Tag nutzen, sondern nur um die von 275 Testpersonen. Diese konnten sich Ende Juni eine Woche lang bei der Bundespolizeidirektion am Südkreuz melden. Dort wurden Fotos von ihnen gemacht und dabei auch die biometrischen Daten ihres Gesichts erfasst. Beides ist nun in einer Datenbank hinterlegt, mit der die Bilder der vier Überwachungskameras abgeglichen werden.

Bundespolizei will mögliche Gefährder erkennen

Die Bundespolizei setzt große Hoffnungen in die Gesichtserkennung: Durch sie könnten in Zukunft "Personen, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen", erkannt werden, verkündet die Behörde. Wenn diese zum Beispiel einen Bahnhof betreten, könnte die Polizei von der Gesichtserkennungs-Software gewarnt werden und gezielt Maßnahmen ergreifen, so die Logik.

Und die Bundespolizei geht noch weiter: "Mögliche Gefährder könnten vor einem geplanten Anschlag festgestellt und dieser verhindert werden", verkündet sie. Kritiker wenden bei dem Argument jedoch ein, dass die Polizei beispielsweise auch den Aufenthaltsort von Anis Amri, dem Attentäter vom Breitscheidplatz, wusste, den Anschlag aber trotzdem nicht verhindern konnte.

Berliner Datenschutzbeauftragte: Unbeteiligte könnten in Ermittlungen verwickelt werden

Auch die Berliner Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk zeigt sich von dem Test am Südkreuz nicht begeistert. Sie stehe der Gesichtserkennungs-Technik skeptisch gegenüber: "Die große Gefahr besteht darin, dass umfangreiche Bewegungsprofile von Bürgerinnen und Bürgern erstellt werden können und damit das Recht, sich frei und unbeobachtet in der Öffentlichkeit zu bewegen, infrage gestellt wird."

Je mehr die Technik später einmal flächendeckend eingesetzt werde und je mehr dadurch "sensible Daten in der Welt sind, desto höher werden auch die Missbrauchsmöglichkeiten", sagt Smoltcyk. Zudem sehe sie die Gefahr, dass Unbeteiligte in Ermittlungen reingezogen würden – zum Beispiel, weil sie in der Nähe eines Straftäters waren.

Pilotprojekt zur Gesichtserkennungs-Software am Bahnhof Südkreuz in Berlin (Quelle: rbb / Klaas Wilhelm Brandenburg)
Datenschutzbedenken? Habe sie nicht, schließlich werde der Versuch ja von einer Bundesbehörde durchgeführt, sagt eine Testperson. | Bild: rbb / Klaas Wilhelm Brandenburg

Die Testpersonen bekommen kein Geld

"Lieber fasst man mal einen Unschuldigen, anstatt dass man die Chance nicht nutzt und der Terrorist dann weiter fliehen kann", entgegnet Robin Kreißig – er ist eine der 275 Testpersonen. Der 21-Jährige studiert Elektrotechnik beim Projektpartner Deutsche Bahn. Aus dem firmeneigenen Intranet hat er von dem Test erfahren: "Ich interessiere mich extrem für neue Technologien, und weil ich selbst weiß, dass so ein Projekt einfach einen Testlauf braucht, um später mal zuverlässig zu funktionieren, wollte ich es gerne unterstützen", sagt Kreißig.

Sandra von Kuczkowski sagt, ihr "Gerechtigkeitssinn" sei der Grund dafür, dass sie bei dem Projekt mitmacht: "In einer Großstadt wie Berlin passiert immer wieder etwas auf Bahnhöfen, und da kann es nicht sein, dass Leute einfach andere angreifen und ungestraft davonkommen." Die 42-Jährige arbeitet für eine Fluggesellschaft. Datenschutz-Bedenken habe sie nicht, schließlich werde der Versuch von einer Bundesbehörde durchgeführt.

Ein Transponder lässt die Zuverlässigkeit der Technik überprüfen

Sandra von Kuczkowski, Robin Kreißig und die anderen Testpersonen bekommen für ihre Teilnahme kein Geld. Belohnt wird aber trotzdem nach Leistung: Wer an mindestens 25 Tagen sein Gesicht erkennen lässt, kriegt einen 25-Euro-Gutschein von Amazon. Und den drei Testpersonen, die sich in dem halben Jahr am häufigsten im überwachten Bereich filmen lassen, werden Sonderpreise spendiert - zum Beispiel eine Apple Watch.

Damit überprüft werden kann, wie zuverlässig die Kameras am Südkreuz arbeiten, haben alle Tester einen Transponder bekommen. Er ist etwas größer und dicker als ein Zwei-Euro-Stück, muss am Körper getragen werden und signalisiert der Technik, dass einer der Tester anwesend ist. Falls eine Testperson den überwachten Bereich durchläuft, die Kamera aber beispielsweise wegen einer Sonnenbrille sein Gesicht nicht erkennt, weiß die Bundespolizei dadurch, dass das System noch nicht perfekt arbeitet.

Noch keine Gesetzesgrundlage für Gesichtserkennung

Wer den Kameras ganz aus dem Weg gehen will, muss dafür im kommenden halben Jahr übrigens nicht komplett das Südkreuz meiden: Zum einen wird die Gesichtserkennung nur in der Westhalle des Bahnhofs getestet – die Bahnsteige bleiben also davon verschont. Zum anderen sind die überwachten Bereiche in der Westhalle nochmal extra markiert: mit blauen Aufklebern auf dem Boden. Dort, wo die Kameras nicht filmen, sind die Aufkleber weiß. Allerdings ist der blaue Bereich deutlich größer als der weiße.

Was nach dem halbjährigen Test passieren soll, dazu wollte sich die Bundespolizei gegenüber rbb|24 nicht äußern. Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltzyk sagt, dass eine flächendeckende Einführung der Gesichtserkennung nicht erlaubt sei, weil es dafür zurzeit in Deutschland keine gesetzliche Grundlage gebe. Außerdem tritt im nächsten Jahr die EU-Datenschutzgrundverordnung in Kraft: "Dort wird die biometrische Technik grundsätzlich ausgeschlossen und nur unter ganz engen Voraussetzungen für zulässig erachtet." Dass bald in allen Bahnhöfen Kameras hängen, die Gesichter erkennen können, ist also vorerst höchst unwahrscheinlich – zumindest, wenn keine Gesetze geändert werden.

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Das ist eine totale Bewachung über die einfachen Bürger.Für sawas idt immer Geld da,die vom den einfachen Bürger hart arbeites Geld und Steuer verschwenden werden.Deswegen bin ich dagegen. Ihre unbeschwerte Freiheit wird dadurch stark eingeschränkt

  2. 12.

    Wieviele bekannte Gefährder gibt es in Berlin? Allein in Bremen soll es 700 geben. Dazu kommen ja noch die unbekannten Gefährder und die Schläfer.
    Abschieben will die Politik sie noch nicht.
    In Barcelona waren die Marokkaner voll 'integriert'. Bisher gibt es 15 Tote und hunderte Verletzte. Was soll dann das Gerede von 'Datenschutz' wenn die Gesundheit und das Leben nicht mehr geschützt werden kann, ist den (zuküntigen) Opfern dies sicher egal.
    Es kann doch nicht immer so weiter gehen und getan werden, als hätte sich unsere Gesellschaft nicht verändert.
    Jeder Terroranschlag der vermieden werden kann, sollte auch verhindert werden.

  3. 11.

    Wo ist denn das Problem, dass brauchten wir überall in ganz Deutschland und nicht nur Testweise.
    Wichtig ist das nur Treffer der Polizei gemeldet werden und nicht unschuldige . Es darf für Leute die
    gesucht werden kein Schlupfloch mehr geben, jeder muss wissen wenn er gesucht wird gibt es kein entkommen.
    Gerade in einer so Straftaten reichen Stadt wie Berlin, muss so ein System überall sein in jedem Winkel.

  4. 9.

    Die DB hat mit der Sache nur in sofern zu tun, als dass dieses Pilotprojekt in einen ihrer Bahnhöfe durchgeführt wird. Federführend ist die Bundespolizei. Wie wäre es also mit einem Faktencheck?

  5. 8.

    Vielen Dank für die gute Zusammenstellung. Ich möchte einen wichtigen Einwand zur Wahrung der Grundrechte der unbeteiligte Passanten zu bedenken geben. Es ist grundsätzlich richtig, dass es für die meisten Menschen eine hinreichende Ausweichmöglichkeit gibt, aber blinde Menschen haben nicht die Möglichkeit den Überwachten Bereich zu erkennen. Haben diese kein Recht auf Informationelle Selbstbestimmung?
    Dass z.B. die Bahn oder die BVG Kamerasysteme einsetzt ist bekannt, auch stimmt man der Aufzeichnung bereits über die Beförderungsbedingungen zu. Hier wird aber nicht nur Aufgezeichnet, sondern es findet eine Datenverarbeitung statt. Man will sich offensichtlich vor Rechtsfolgen schützen, sonst gäbe es die extra Schilder nicht .Aber ich bin mir sicher diese Maßnahme ist nicht diskriminierungsfrei.

  6. 7.

    Da hat die dB viel Geld zu Verfügung aber die Preise für Fahrten mit der Fernzügen sind gnz schön gepfeffert. Die Menschen werden noch mehr bewacht und fühlen trotz ihre Freiheit sehr fremdbestimmt.

  7. 6.

    Demokratieunfähig ist also, wer am Testbetrieb eines Systems zur Unterstützung der Kriminalitätsbekämpfung teilnimmt? Selten größeren Kokolores gelesen... Zumal Mitwirkung letzten Endes auch eine Gestaltungsmöglichkeit bei der späteren Umsetzung bedeutet. Demokratiefeindlich wäre es, das ganze im Stillen und ohne Einbeziehung der Öffentlichkeit zu testen und womöglich auch zu nutzen.

  8. 5.

    kann man/n-frau seine /ihre Fotos dann preiswert erwerben ?
    ABER
    Besser wären Kontrollen wie auf dem Flughafen vorm einsteigen

  9. 3.

    Warum nicht am Alex?
    Da ist es mehr als nötig!

  10. 2.

    Toll! Damit dürfte das der sicherste Ort Berlins sein: Verbrechen sind dort künftig ausgeschlossen. Und sollte ein "Gefährder" erkannt werden, wird der bestimmt blitzschnell dazu aufgefordert, doch bitte so freundlich zu sein, demnächst unser Land zu verlassen. Wenn ihm danach sein sollte.

    Wunderbar, wie Papa Staat für uns sorgt. Und wie schön, daß sich mit Terrorismus so ziemlich alles rechtfertigen läßt.

    P.S.: Das mit den Amazon-Gutscheinen und anderen Leckerlis für brave Untertanen ... Heute ist wirklich der 1. August und nicht der 1. April?


  11. 1.

    Sicherheit ist Freiheit - Orwell zum Gruß. Es ist erschreckend, wie demokratieunfähig sowohl Bundespolizei als auch die Unterstützer*innen sind.

    Verdachtsunabhängige Massenüberwachung stellt einen eklatanten EIngriff in die Persönlichkeitsrechte dar und ist sowohl verfassungswidrig als auch ungesetzlich!

    Ein solches Gesichtserkennungssystem funktioniert ja gerade nur per Big Data Datenpools. Wenn man keine Massenüberwachung durchführt, wäre dieses Kamerasystem an sich nicht arbeitsfähig. Apple, Amazon, meinetwegen Google - sehr unabhängige Förderer... Da verzichtet man auf mehr als nur Datenschutz: Massenüberwachung als Wertschöpfungsgrundlage.

    Die eigene Bundespolizei kennt die Verfassung nicht, aber das ist ja per Racial Profiling nichts Neues. Da fällt mir auf: Das ließe sich kombinieren. Man könnte nun Algorithmen rassistisch bewerten lassen, wer "gefährlich" ist und wer nicht.

    Es braucht keine Kameras, sondern gut ausgebildetes Personal in angemessener Anzahl vor Ort!

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