Archiv - Dr. Heiner Geißler (Bundesminister a. D., CDU) in der ARD-Talkshow GÜNTHER JAUCH am 03.11.2013 in Berlin (Quelle: imago/Müller-Stauffenberg)
AUDIO: Inforadio | 12.09.2017 | Matthias Zahn | Bild: imago/Müller-Stauffenberg

Trauer um Spitzenpolitiker - Heiner Geißler ist tot

Erst soziales Gewissen und Scharfmacher seiner Partei - dann profilierter Querdenker und Globalisierungskritiker. Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Matthias Zahn

Heiner Geißler ist im Alter von 87 Jahren im pfälzischen Gleisweiler gestorben. Eine entsprechende Meldung der "Süddeutschen Zeitung" bestätigte sein Sohn Dominik. Sein Vater sei nach schwerer Krankheit zu Hause im Kreise der Familie gestorben.

Archiv - Bundesfamilienminister Heiner Geißler (r) stellt am 27.12.1983 in Bonn den neuen Bundesbeauftragten für den Zivildienst, Pfarrer Peter Hintze, vor. (quelle: dpa/Egon Steiner)
Als Bundesfamilienminister - hier ein Bild von 1983 - tat Geißler viel für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. | Bild: dpa/Egon Steiner
Heiner Geißler (CDU) Bundesminister a.D. (Bild: DPA)
Als Schlichter beim Stuttgart 21-Konflikt verdeutlichte Geißler der halben Republik Für und Wider des Tiefbahnhofs. | Bild: dpa

Geißler war einer der prominentesten Querdenker in der CDU. Ein Parteilinker, der für ein soziales Profil stand. Als Bundesfamilienminister erfand Geißler in den Achtziger Jahren unter anderem Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub. Er war damals oft seiner Zeit und seiner Partei voraus, auch bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

"Helfen Sie vor allem mit, den jüngeren Männern und den Männern der mittleren Generation zu sagen, dass sie von ihrem Paschathron - es gibt viele, die da noch drauf sitzen - herunter müssen!" rief er einst. Helmut Kohl hatte Geißler Ende der Siebziger Jahre zum Generalsekretär der CDU gemacht - und dann machen lassen. Denn Kohl stand eigentlich für Geschlossenheit. Sein General Geißler verfolgte beim Modernisierungskurs eine komplett andere Methode: Streit anfangen. "Ich habe Loyalität nie mit Gehorsam verwechselt. Ich bin ja nicht in CDU hinein gedackelt und bleibe als Dackel in ihr drin", war eines seiner Bonmots.

Ein Meister der Abteilung Attacke

Wenn es darum ging, den politischen Gegner zu attackieren, war Heiner Geißler nicht zimperlich. Er provozierte die SPD mit polemischen Äußerungen. Er unterstellte den Sozialdemokraten zu lügen oder die fünfte Kolonne des  Ostblocks zu sein. SPD-Chef Willy Brandt keilte zurück: Geißler sei der schlimmste Hetzer seit Joseph Goebbels.

Geißler selbst beherrschte nicht nur die Abteilung Attacke, sondern konnte auch Kreide fressen. "Wir hatten Angriffe auf den politischen Gegner, das ist eigentlich etwas, das mir nicht so liegt," beteuerte er einmal. Ende der Achtziger Jahre kommt es immer häufiger zum Streit mit Helmut Kohl und 1989 schließlich zum Bruch. Kohl warf Geißler vor, den gescheiterten Putsch auf dem Bremer Parteitag mitorganisiert zu haben. Geißler bestritt dies. Kohl ließ ihn dennoch fallen und entmachtete ihn als Parteigeneral. "Wir waren sehr befreundet. Und diese Freundschaft ist in der Tat der Macht geopfert worden", bilanzierte Geißler später.

"Wir sind in der CDU kein geistiges Sultanat"

In seiner Partei blieb Heiner Geißler unbequem. Im Spendenskandal nach dem Ende der Ära Kohl bestätigte er als erster prominenter CDU-Politiker, dass es schwarze Konten gegeben hatte. "Es wird auch klar gesehen, dass Helmut Kohl die Partei im Stich gelassen hat und dass er schwere finanzielle Lasten aufgebürdet hat," bekannte er.

2002 verabschiedete sich Heiner Geißler aus der aktiven Politik in einen Unruhestand. Er schrieb immer neue Bücher und war als Schlichter in Tarifkonflikten gefragt. 2007 provozierte Geißler seine Partei, indem er sich den Globalisierungskritikern von attac anschloss. Die teils heftige Kritik aus der CDU ließ ihn einmal mehr kalt. "Wir sind kein geistiges Sultanat in der CDU, wo ein Obermufti bestimmt, was die Leute denken oder sagen sollen."

Bundesweite Schlagzeilen als Stuttgart 21-Schlichter

Mit 80 Jahren machte Geißler noch einmal bundesweit Schlagzeilen. Er schlichtete im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Privat war er ein passionierter Kletterer und Gleitschirmflieger. Heiner Geißler lebte in Gleisweiler in der Südpfalz, wo er auch einen Weinberg besaß. Vor dem Tod hatte er nach eigener Aussage keine Angst. "Irgendwann geht das Leben zu Ende. Und wenn man tot ist, dann weiß man nichts mehr davor."

Sendung: Inforadio, 12.09., 11.25 Uhr

Beitrag von Matthias Zahn

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Ich habe den Mann live bei einer Veranstaltung in Lübeck gesehen & gehört, es war eine Wahlveranstaltung der CDU damals als Strauß Kanzler werden sollte, der Geisler hat damals gegen alles was rot ist geweddert, als die Zeit einer CDU/FDP vorbei war ist dieser auch umgeschwenkt also nach links gerückt aus einen Saulus wurde ein Paulus, aber es gebürt Ihm Ehre denn solche Politiker wie er, Strauß, Wehner, Brand(Frahm)Stoltenberg,Schmidt,Albrecht aus Niedersachsen u.v.a. aus der Zeit haben mich als jungen Menschen geprägt und das Interesse an der Politik auf recht gehalten, und das kann ich heute leider nicht mehr behaupten denn gerade solche Politiker wie Stegner, Gabriel, Steinbrück, Oppermann, Merkel, Altmaier,Tauber, Seehofer , Göhring, u.v.a.haben leider den Eindruck hinterlassen das es Ihnen nur um deren Posten Geschacher, Geld & Macht geht, ich hoffe es wird mit einer neuen Partei im Bundestag ein sehr frischer & scharfer Wind dort wehen der dem Geklüngel ein Ende bereiten wird,

  2. 4.

    Da hat sich doch tatsächlich einer vom Saulus zum Paulus gewandelt...mal Jesuiten-Orden-mäßig gesprochen.

  3. 3.

    Nicht einmal Respekt vor dem Verstorbenen zu haben gehört sich überhaupt nicht.Ansonsten schließe ich mich des Kommentars von" Kai "an.Vor allem dem ersten Satz.

  4. 2.

    Heiner Geißler war vor allem eines: ein unbequemer und vorausschauender Realist. Als der "Wendekanzler" sich noch für fragwürdige Verdienste hat feiern lassen, hat Herr Geißler sehr früh eines erkannt und es auch beim Namen genannt.
    Nämlich das die deutsche Einheit nicht ohne massive Steuererhöhungen zu finanzieren ist. Doch das wollte (und sollte) seinerzeit niemand hören. Also wurde Herr Geißler geschasst. Wie recht er und auch andere mit dieser Prognose hatten, sehen wir seit Jahren täglich.

    Ein unbequemer Vordenker verlässt die Bühne. Mein Beileid der Familie.

  5. 1.

    Er wollte das Ziel der Wiedervereinigung aus dem Programm der CDU streichen. Es ist ein Segen daß der damalige Parteivorsitzende Kohl diesen Mann politisch kalt gestellt hat. Man vergisst leicht dass es von Politikern dieser Sorte recht viele gab. Querdenker? Verquer!

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