Ahmad Mansour
dpa
Audio: Inforadio | 11.09.2017 | Alexander Schmidt-Hirschfelder | Bild: dpa

Interview | Autor und Psychologe Ahmad Mansour zu 9/11 - "Wie konnte so ein Monster im Namen der Religion entstehen?"

Die meisten wissen genau, was sie am 11. September 2001 getan haben. Die Anschläge auf das World Trade Center haben sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt. Wie auch 16 Jahre später unser Bild des Islams durch sie geprägt ist, weiß Autor Ahmad Mansour.

rbb: Wo waren Sie am 11. September 2001?

Ahmad Mansour: Ich saß in meinem Büro in Tel Aviv und habe wie an jedem anderen Tag auch Nachrichten geguckt. Die Atmosphäre im Büro war bedrückend, wir waren alle schockiert von den Bildern, die uns aus New York und Washington erreichten.

Wann wurde Ihnen klar, dass es sich um islamistischen Terror handelt?

Ich bin an diesem Abend in Tel Aviv als arabischer Muslim nach Hause gelaufen und habe Angst gehabt. Auch ohne Beweise, war mir an diesem Abend bereits emotional klar, dass das für mich und für alle Muslime definitiv Folgen haben wird.

Welche Folgen?

Dass man verstärkt als Muslim wahrgenommen wird. Ich komme aus Israel, hier ist der muslimische Terror älter als der 11. September 2001. Trotzdem hat erst dieses kollektive Trauma dazu geführt, dass ich mich als Muslim für meine Religion unentwegt rechtefertigen muss.

Wie sehr hat der 11. September dazu geführt, dass islamistisch motivierter Terror unser Bild vom Islam insgesamt bestimmt?

Dazu hat mir ein junger Mann, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, einmal Folgendes gesagt: Vor dem 11. September waren die Ausländer Türken und Araber, danach waren sie alle zu Muslimen geworden. Ich glaube das fasst gut zusammen, wie Muslime diesen Wandel wahrgenommen haben.

Was hätten "die Muslime" tun können, um die allgemeine Wahrnehmung zu verbessern?

Wenn ich heute in Schulen Workshops zum 11. September gebe, werde ich in diesem Zusammenhang häufig mit Verschwörungstheorien konfrontiert. Viele Jugendliche wollen sich mit dem Thema gar nicht auseinandersetzen, sie wollen sich selbst nicht die Frage stellen: "Hat das etwas mit meiner Religion zu tun?" Stattdessen glauben sie jenen Theorien, die sagen, dass es die Juden oder die Amerikaner waren. Sie geben die Verantwortung an andere ab und das zeigt, dass da zum einen kein Interesse da ist, zum anderen aber auch nicht die Kraft und die Möglichkeit sich damit auseinanderzusetzen. Das ist weit verbreitet und es ist gefährlich. Wir dürfen nicht vergessen, was momentan passiert: Wir haben eintausend Jugendliche, die sich dem IS angeschlossen haben. Das sind Jugendliche, die hier geboren und aufgewachsen sind und deren Islamverständnis rechtfertigt, andere Menschen umzubringen. Wir müssen da als Muslime noch viel mehr tun und uns die Frage stellen, wie so ein Monster im Namen unserer Religion entstehen konnte und was wir tun können, dass so etwas für die nächste Generation nicht mehr möglich ist.

Sie haben viel über die Verantwortung der Muslime gesprochen, das Thema ist aber keine Einbahnstraße. Mittlerweile sagen auch konservative Politiker: "Der Islam gehört zu Deutschland." Hat sich das Bild vom Islam mittlerweile etwas aufgehellt?

Das glaube ich nicht. Ich glaube die Debatte ist weiter als vor sechs oder sieben Jahren, aber die Aussage "Der Islam gehört zu Deutschland", bringt uns Muslime kein Stück weiter. Welcher Islam gehört zu Deutschland? Der von den Salafisten und von den Attentätern des 11. September oder ein Islam der will, dass man friedlich zusammenlebt, der andere nicht abwertet, der das Grundgesetz nicht nur akzeptiert, sondern verinnerlicht? Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, denn leider sind die Anschläge nicht weniger, sondern mehr geworden.

Es gibt politische Kräfte, die profitieren von einem Hang zur Generalisierung. Werden Parteien, die einen klaren Anti-Islam-Kurs fahren damit erfolgreich sein?

Ich glaube schon. Es ist die Verantwortung und die Aufgabe der Volksparteien sich diesem Thema endlich anzunehmen. Die Parteien hatten lange kein Interesse daran, das Thema für sich zu beanspruchen. Es müssen nationale Strategien entwickelt werden, wie dieses Thema in die Mitte der Gesellschaft getragen werden kann. Das vermisse ich bei den großen Parteien. Dass das Thema jetzt von den Rechtsradikalen beansprucht wird, ist nicht verwunderlich. Mit Pauschalverurteilungen lassen sich gut Stimmen gewinnen.

Sendung: Inforadio, 11.09.2017, 6.45 Uhr 

Das Gespräch führte Alexander Schmidt-Hirschfelder

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

4 Kommentare

  1. 4.

    Sie bringen es auf den Punkt und wenn Sie hier andere Berichte auf rbb24 weiterlesen werden Sie feststellen das es hier nicht um eine Einzelperson geht die hier Ihren geistigen Müll verbreiten.

  2. 1.

    Die Nationalsozialisten mussten sich auch für ihreVerbrechen verantworten.
    Warum sollte bei islamischen Verbrechen davon abgewichen werden?
    Die ewige Rücksichtnahme und Verständnis für die dahinter stehende Ideologie hat doch überhaupt nichts bewirkt.
    Der Terror und die allg. Intoleranz geht doch unbeschränkt weiter.

Das könnte Sie auch interessieren