Eine Hebamme untersucht den Bauch einer schwangeren Frau mit einem Hörgerät für Herztöne (Quelle: dpa/Uli Deck)
Audi: radio eins | 15.09.2017 | Bild: dpa

Interview | Hebamme Martina Schulze - "Das kann auch gefährlich sein"

Hohe Anforderungen, hohe Arbeitsbelastung und trotzdem nur geringer Lohn: Der Beruf der Hebamme ist in der Krise. Martina Schulze vom Hebammenverband Brandenburg mahnt im Interview mit Radioeins dazu, gegenzusteuern.

Hebammen bringen neues Leben auf die Welt und helfen Familien beim Neustart mit dem Neugeborenem - von außen betrachtet eine rundum positive Sache. Doch Hebammen müssen auch rund um die Uhr für die werdende Mutter da sein, und seit Jahren mehren sich die Berichte über schlechtere Bedingungen, unter denen der Berufsstand leidet. Martina Schulze, erste Vorsitzende des Hebammenverbands Brandenburg, will das nicht so hinnehmen, wie sie am Freitag im Interview mit der rbb-Welle Radioeins sagt.

rbb: Ihr Beruf hat in jüngster Zeit hauptsächlich mit Problemen und Sorgen Schlagzeilen produziert...

Martina Schulze: Ich finde trotz alledem: Hebamme zu sein, ist der tollste Beruf, den man als Frau ausüben kann. Junge Familien zu begleiten auf ihrem Weg ins Elternsein, ist, finde ich, etwas ganz Wunderbares. Es gibt allerdings Probleme.

Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie?

Wir in Brandenburg haben zahlenmäßig nicht weniger Hebammen als Berlin. Es gibt aber einen höheren Betreuungsbedarf von Seiten der Frauen. Das heißt, die Anfragen auf Hebammenhilfe können auch in Brandenburg, egal ob es in Ballungszentren ist oder in der Fläche, nicht mehr abgedeckt werden. Im vergangenen Sommer hieß das, dass wir ganz viele Frauen nicht begleiten konnten.

Was machen diese Frauen dann?

Wir haben versucht, gerade in Potsdam, so eine Art Notversorgung einzurichten. Ich hatte mich mit den Potsdamer Kolleginnen im Frühjahr getroffen und wir haben gemeinsam überlegt, was wir den Frauen anbieten können, damit sie doch in irgendeiner Form eine Versorgung kriegen können. Wir haben ganz praktische, simple Sachen gestartet. Haben eine Whatsapp-Gruppe eingerichtet, um schnell diejenigen Frauen weiterzuvermitteln, die alleine gesucht haben und keine Hebamme finden konnten. Auf diese Weise versuchen wir auch, Hebammen zu finden, wenn es mal eine Lücke in der Betreuung gibt. Kinder kommen ja, wann sie wollen und nicht dann, wann das irgendjemand mal ausgerechnet hat.

Haben Sie mal ausgerechnet, ob sich das für Sie überhaupt noch lohnt? Haben Sie mal Ihren Stundenlohn ausgerechnet?

Ja, es gibt Berechnungen, dass der Stundenlohn einer Hebamme niedriger ist als der Mindestlohn. An diesem Zustand müssen wir deutlich arbeiten. Auch die Kolleginnen in den Kliniken werden nicht wirklich adäquat bezahlt. Sie tragen Verantwortung und müssen ein hohes Arbeitspensum bewältigen. Da muss unbedingt etwas getan werden.

Gerade in den Kliniken ist die Situation ziemlich kompliziert. Da muss eine Hebamme drei, vier Frauen gleichzeitig betreuen. Ich finde, dass ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand. Das kann auch gefährlich sein. Wir reden alle so viel über Qualitätssicherung. Wenn ich gleichzeitig bei drei oder sogar vier Frauen sein muss, und es gibt bei einer Schwierigkeiten, kann ich die drei anderen nicht mehr versorgen. Für die Frauen ist es auch nicht gut. Sie kriegen ja nicht mehr fünf, sechs oder zehn Kinder und das Geburtserlebnis sollte schon ein gutes sein.

Probleme beim Versicherungsschutz waren vor einigen Jahren ja sozusagen der Auftakt zur großen Hebammenkrise.

Die Versicherung ist ein Thema von vielen. Ganz wichtig finde ich, dass die Rahmenbedingungen jetzt so gestaltet werden, dass junge Frauen angeregt werden, in den Hebammenberuf zu gehen. Oder wenn sie schon Hebamme sind, es auch zu bleiben. Das Arbeitspensum in Klinik und für Freiberufler muss gut zu bewältigen sein. Von den Einkünften muss man leben können, ohne das man einen Partner braucht, der einen noch finanziell unterstützt, um dann einigermaßen über die Runden zu kommen. Zudem sollte die Ausbildung an den europäischen Standard angepasst werden. Auch das macht die Arbeit attraktiver für junge Frauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht gekürzte Fassung eines Interviews aus der Radioeins-Sendung "Der schöne Morgen" vom 15.09.2017. Das Gespräch führte Stefan Rupp.

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