Julia Hübner, Stella Bauhaus, Shai Hoffmann und Jakob Mader vor dem Bus der Begegnungen
Audio: radioeins | 21.09.17 | Shai Hoffmann im Gespräch mit Tom Böttcher und Marco Seiffert | Bild: Peter van Heesen

"Bus der Begegnungen" - Politisches Dating im Doppeldecker

Menschen zusammenbringen, miteinander ins Gespräch kommen, für eine offene Gesellschaft werben – all das wollten die Initiatoren des "Bus der Begegnungen", während sie im roten Doppeldecker durchs Land tourten. Der Gründer erzählt, ob dieser Plan aufgegangen ist.

Raus aus der Facebook-Parallelwelt, rein in andere Lebensrealitäten, den Menschen in die Augen gucken, mit ihnen quatschen, sie wahrnehmen - das war die Idee von Shai Hoffmann und anderen jungen Ehrenamtlichen. Per Crowdfunding sammelten sie im Sommer Geld für ihren "Bus der Begegnungen". Im direkten Kontakt wollten Hoffmann und sein Team Wähler, vor allem Erst- und Jungwähler, für die Bundestagswahl am 24. September mobilisieren. Sie verstehen sich dabei als parteiunabhängig. "In sozialen Netzwerken like ich nur das, was ich sowieso gut finde. Das erkennt der Algorithmus von Facebook und zeigt mir immer wieder ähnliche Beiträge", begründete Hoffmann am Donnerstagmorgen seine Idee im Gespräch bei radioeins. 

Zwei Wochen im September tourten die Ehrenamtlichen in ihrem aufgemöbelten, rot-weißen Doppeldecker durchs Land - mit höchstens 63 Stundenkilometern. Der 35-jährige Hoffmann und seine Mitstreiter packten Stühle und Bänke auf Marktplätze und luden die Menschen auf einen Kaffee ein, um sich über eine offene Gesellschaft auszutauschen - und Ideen zu sammeln, wie die Gesellschaft gestaltet werden kann. Auf die Weise kamen viele miteinander ins Gespräch, die sich vorher nie begegnet sind.

Zusammenbringen, wer sich sonst nicht treffen würde

"In Chemnitz zum Beispiel, unserer ersten Station, saßen ein Geflüchteter, eine Uni-Mitarbeiterin und ein Obdachloser an einem Tisch. Wenn wir nicht losgefahren wären, hätten sich diese drei Personen niemals in ihrem Leben getroffen", sagte Shai Hoffmann am Donnerstag bei radioeins. Der alte Doppeldeckerbus sei von Anfang an so charmant dahergekommen, dass es leicht gewesen sei, die Menschen an den Bus zu "fesseln". Kaffee, Kuchen und gemeinsame Abendessen taten ihr übriges.

Die Tour hatte insgesamt 13 Stationen, sie führte von Berlin nach Sachsen, Thüringen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Während der Debatten vor dem Bus machte Hoffmann besonders in Ostdeutschland die Erfahrung, dass viele Menschen sehr in ihrer Vergangenheit festhingen, so schilderte er es nach dem Ende der Reise. Vor allem sozial Schwächere fühlten sich als Verlierer und tendierten eher dazu, zu sagen, dass früher alles besser gewesen sei. "Wenn man da dezidiert nachfragt, verstehen sie, dass die Einigung auch ihr Gutes hat", sagte Hoffmann.

"Ja, wir sind Gutmenschen"

Viele seien außerdem verärgert und verängstigt darüber, dass die Renten in Ost und West noch nicht angeglichen sind. Sie äußerten große Angst vor Altersarmut und vor einer vermeintlichen Überfremdung. Bei Sätzen wie "Den Flüchtlingen wird alles in den Arsch gesteckt",  sei es Hoffmann schwergefallen, verständnisvolle Offenheit zu signalisieren, weil er durch die persönliche Bekanntschaft mit Geflüchteten in Berlin ganz andere Erfahrungen gemacht habe.  

Um Verständnis zu wecken, bat er Gesprächsteilnehmer, sich in deren Lage zu versetzen. "Ich habe dann versucht zu sagen, schau mal, angenommen wir müssten Angst haben, wenn wir hier stehen, dass da hinten um die Ecke ein Panzer gerollt kommt und uns ermordet - was würdest Du tun? Du würdest wahrscheinlich sofort die Flucht ergreifen mit dem, was Du an Dir hast", sagte er. 

Auf die Frage, was er jemandem entgegne, der die Aktion als "Gutmenschen-Bus" bezeichne, antwortete Hoffmann: "Ja, wir sind Gutmenschen, aber wir sind auch Menschen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, für das was wir in Deutschland haben, einzustehen." Man engagiere sich dagegen, dass Hass regiere und die Gesellschaft zwischen links und rechts gespalten werde.

Die vielen Begegnungen auf der Bustour hätten sein Leben verändert und ihn nachhaltig zum Nachdenken gebracht, sagte der Berliner. Zur Europawahl im kommenden Jahr könne er sich einen neuen Roadtrip gegen Politikverdrossenheit vorstellen. "Ich würde mir wünschen, dass ganz viele Hörer diesen Bus kopieren."

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Ich fände es gut wenn der Bus vor das Kanzleramt gefahren wäre oder noch fährt. Darin sitzen, so meine Meinung, die wirklichen gesellschaftlichen "Spaltpilze".
    Übrigens, welchem "Broterwerb" geht der Initiator Shai Hoffmann nach wenn er nicht umhertourt ?
    Es zu wissen, würde mein Bild über ihn "abrunden".

  2. 1.

    Um welchen DE handelt es sich denn? Die alte BVG-Nummer müsste innen im Tankdeckel stehen. Oder stammt er von der LVG?

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