Plakat-Aktion an Neuköllner Dar-as-Salam Moschee. Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi fordert Reform des Islam. (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 07.10.2017 | Torsten Madalka | Bild: rbb

Islamwissenschaftler an Neuköllner Moschee - Reformthesen und eine heiße Debatte

Reform des Islam - das fordert der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Er  brachte dafür ein Plakat mit 40 Reform-Thesen an der Eingangstür der Dar-as-Salam-Moschee an. Es kam zu Diskussionen, aber nicht zu Konfrontationen. Von Torsten Mandalka

Das Tor zum Gelände der Moschee klemmte, als Abdel-Hakim Ourghi Einlass begehrte. Imam Mohamed Taha Sabri, der offensichtlich schon im Vorfeld von der Aktion erfahren hatte, öffnete dem Islamwissenschaftler dann selbst die Tür, ließ ihn das Plakat mit seinen Thesen ankleben und lud ihn sogar in den Gebetsraum ein. Und hier kam es dann zu heftigen Diskussionen.

Der Imam warf dem Autor vor, mit der Aktion nur PR für sein gerade erschienenes Buch machen zu wollen. Er lud ihn aber gleichzeitig ein, an einer offenen Diskussionsveranstaltung in der Moschee teilzunehmen. Ourghi nahm die Einladung an und zeigte sich “grenzenlos überrascht“ und “dankbar“ für die Gesprächsbereitschaft. “Wir müssen einfach miteinander reden, das ist das allerwichtigste“, sagte der Islamwissenschaftler.

Plakat-Aktion an Neuköllner Dar-as-Salam Moschee. Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi fordert Reform des Islam. (Quelle: rbb)
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Ein Plädoyer für einen toleranten Islam

Ourghi – Mitbegründer der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee der Frauenrechtlerin Seyran Ates – plädiert mit seinen Thesen für einen gewaltfreien, toleranten Islam europäischer Prägung. Seine wichtigsten Aussagen lauten:


- Der Koran kann interpretiert werden, man darf ihn nicht wortwörtlich nehmen
- Der Koran ist nicht mehr authentisches Gotteswort, sondern im Lauf der Zeit Menschenwort geworden
- Der Prophet Mohammad ist auch nur ein Mensch, und selbst er irrte
- Niemand hat das Recht, andere zu Ungläubigen zu erklären
- Die Frauen des Islam müssen sich erheben, um sich zu befreien
- Das Kopftuchgebot ist ein Produkt männlicher Herrschaft, keine religiöse Vorschrift
- Der nicht-reformierte Islam ist keine Religion des Friedens

 

Thesen stoßen bei Konservativen auf Ablehnung

Mit diesen Aussagen machen sich Ourghi und seine Mitstreiter Feinde. Sie brauchen nach etlichen Drohungen und Anfeindungen Polizeischutz, rühren sie doch an den Grundüberzeugungen vieler konservativer Muslime. Der aus Ägypten stammende Islamkritiker Hamed Abdel-Samad ging am Freitag bei Ourghis Buchvorstellung sogar so weit zu sagen, der Islam sei nicht reformierbar. Versuche der Reform des Islam seien allzu oft in eine Islamisierung der Reform übergegangen.

Für seine Aktion nach dem Vorbild Martin Luthers hatte Abdel-Hakim Ourghi die Dar-as-Salam-Moschee (auch bekannt als “Neuköllner Begegnungsstätte“) ausgewählt, weil sie eine arabische Moschee ist. “Der arabische Islam ist von der Zahl der Menschen her einfach größer“, betont er. Und der arabische Islam sei deswegen ein Symbol für den Islam als Ganzes.

Die Dar-as-Salam-Moschee ist allerdings auch besonders umstritten. Im jüngsten Verfassungsschutzbericht wird sie wegen Verbindungen zur Muslimbrüderschaft erwähnt. Ourghi war das bewusst. Mit seiner Aktion habe er auch zeigen wollen, dass “wir auch mit konservativen Muslimen kommunizieren und reden können. Wir möchten auch die Menschen 'ganz unten' vom liberalen Islam überzeugen."

Sendung: Abendschau, 07.10.2017, 19:30 Uhr

Beitrag von Torsten Mandalka

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Alle Menschen in Europa bzw. Deutschland leben in Demokratie und Freiheit auf Basis des Grundgesetzes und humanistischer Werte. Diese humanistischen Werte wurden über Jahrhunderte der Aufklärung hart gegen Religion erkämpft. Mit harter Kritik an Religion die heute als eine Islamfeindlichkeit oder Islamophobie bekämpft wird. Wer den Islam nun über diese Werte stellt oder diese missbraucht um seine eigene Freiheit wieder abzuschaffen hat wohl nicht deren Bedeutung und Wert verstanden. Kant hat das Vernunftdenken dem Glauben hinzugefordert. Den Mut gefordert, den eigenen Verstand zu benutzen statt sich durch ein Buch bevormunden zu lassen. Wer das nicht begreift und akzepztiert lebt auf dem falschen Kontinent und hat es auch nicht verdient hier zu leben. Er oder Sie mögen bitte ausreisen in ein islamisches Land, dass ihnen ihr gesamtes Leben isalmisch regelt. Mit allen Konsequenzen.

  2. 6.

    Warum so empfindlich?

    Gehören Sie auch zu den Leuten, die Frau Atesh bedrohen?
    Oder die am sogenannten Al-Qaud-Day vor dem BundeskanzlerInnenamt die Auslöschung Israels fordern?
    Genau DIESER ISlam gehört nämlich NICHT zu Deutschand und sollte eben nicht nur überwacht, sondern verboten werden.
    Sie unterscheiden zwischen 'radikalen ISlamisten' und anderen ISlamisten?
    So einen Unfug habe ich selten gehört.
    Gibt es Ihrer Meinung nach auch radikale Nazis und 'gemäßigte' Nazis?
    Unterlassen Sie persönliche Beleidigungen und Unterstellungen, auch wenn Sie zum Thema sonst nichts beizutragen haben.
    Danke!

  3. 5.

    Sie und ihresgleichen wollen doch gar keine Reformation des Islam!

    In ihren Augen ist das doch kontraproduktiv.

    Sonst gehen ihnen die Feindbilder aus und sie hätten nicht immer so "schöne" Anlässe ihre rechtsradikalen, menschenverachtenden und widerwärtigen Ansichten hier reinzukübeln.

    Von mir aus kann man Nazis UND radikale Islamisten zusammen auf den Mond schießen. Man will nämlich im Grunde dasselbe.

    Da das leider unmöglich ist muß man sich mit dem auseinandersetzen, so schwer es einem fällt.

  4. 4.

    Warum sollte sich 'Der ISlam' reformieren, sofern dies überhaupt möglich wäre?
    Es gibt dazu keinen Anlaß, da 'Der ISlam' angeblich bereits zu Deutschland und Europa gehört. Das ist bereits eine Blanko-Vollmacht.
    Selbst radikalste Moschee-Vereine wie in Hildesheim oder Moabit wurden jahrelang geduldet und sogar finanziell gefördert. Im Sommer 2017 wurden beide endgültig verboten und geschlossen. Das ist lediglich die Spitze des Eisberges. Als die erste Liberale Moschee von Frau Atesh kürzlich gegründet wurde, waren die Anfeindungen der ISamisten derartig hoch, dass Frau Atesh unter Polizeischutz gestellt werden musste der neulich noch erhöht wurde.
    Die radikalen Moschee-Vereine gehören geschlossen und verboten wie andere ideologische Terrorvereinigungen auch. Die laschen Beobachtungen haben sich im Fall Anis Amri als wirkungslos erwiesen.
    Reformation kommt von Innen oder gar nicht.
    Dass Islam auch tolerant, friedlich und harmonisch sein kann beweist die liberale Gemeinde.

  5. 3.

    Sehr geehrter Herr Dr. Ourghi,
    als Pfarrer der Ev. Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin war ich heute Morgen Zeuge Ihres Auftritts an der Neuköllner Dar-as-Salam-Moschee. Sie sind dort hingekommen, um Plakate mit den vierzig Thesen aus Ihrem jüngst erschienen Buch „Reform des Islam“ an den Türen der Moschee anzubringen.
    Hierüber hatten Sie offensichtlich die Presse informiert, aber weder vorher Kontakt zu den Verantwortlichen der Moscheegemeinde aufgenommen noch auch in irgendeiner Weise die muslimische oder die allgemeine Öffentlichkeit eingeladen. So waren früh um 8 Uhr außer mir und einigen Verantwortlichen der Moscheegemeinde (die zufällig von Ihren Plänen erfahren hatten und über die dann auch ich darauf aufmerksam wurde) ausschließlich Medienvertreter vor Ort. Das Ganze stellte sich damit für mich als reine Publicity-Aktion dar. Diese gipfelte in Ihrem angedeuteten Versuch, den Zaun zur Moschee fotowirksam zu überklettern, nachdem Sie die klemmende, aber unverschlossene

  6. 2.

    Teil 2 des Briefes:
    Diese gipfelte in Ihrem angedeuteten Versuch, den Zaun zur Moschee fotowirksam zu überklettern, nachdem Sie die klemmende, aber unverschlossene Eingangstür nicht aufbekommen hatten.
    Wenn es Ihr Anliegen ist, zur Reform des Islam beizutragen: Warum haben Sie dann nicht vorher Kontakt zu den Verantwortlichen der Moschee-Gemeinde aufgenommen – in der Sie doch sogar vor einigen Jahren schon einmal als Vortragender zu Gast waren – und mit ihnen gemeinsam überlegt, wie Ihre Thesen am besten diskutiert werden können?
    In der Dar-as-Salam-Moschee gab es in diesem Jahr beispielsweise schon mal eine Veranstaltung genau zu diesem Thema, Reformation und Islam, mit der Professorin für Arabistik, Angelika Neuwirth. Imam Taha Sabri und seine ehrenamtlichen Mitarbeitenden sind, wie ich aus eigener Anschauung und aus Gesprächen weiß, seit Jahren sehr engagiert dabei, innerhalb ihrer Moscheegemeinde und auch darüber hinaus für ein friedensförderliches und für die Lebensbedingungen

  7. 1.

    Da wurde etwas "bewiesen", was gar nicht fraglich war. Niemand zweifelt daran, dass man in genau dieser Einrichtung mit dem Herrn Sabri irgendwie sprechen kann. Da können sogar Nichtmuslime. Man bekommt nur nicht immer eine zutreffende Auskunft, wenn die Fragen z.B. auf die Finanzierungen zielen oder wenn es um den Fatwa-Ausschuss geht.

    Man kann da sogar besonders gut small talk, weil man dann das Eigenmarketing abspulen kann. Berlin hat so viele arabische Moscheen, warum nun gerade diese? In etlichen anderen Moschee-Vereinen wäre das Resultat der Handlung tatsächlich offen gewesen. Im Ergebnis, eben weil das Ergebnis ( = man kann mit diesem Verein sprechen) so überaus vorhersehbar war, wenig weiterführend. Leider.

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